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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 99
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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27.

Nicht lange dauerte es, als die fromme Gesellschaft eine neue Wendung bekam.

Die Freiheit, mit welcher sich täglich Personen beiderlei Geschlechts unter dem heiligsten Vorwande sahen, ohne den geringsten Zwang sahen – Personen, bei denen Einbildung und Empfindung in völliger Gärung stunden – worunter eine Emilie war, deren Phantasie mit verliebten Bildern sich genährt hatte und gleich zu ihnen überging, sobald ihre Empfindung bis auf einen gewissen Grad erwärmt wurde – bei solchen Personen mußte jene Freiheit die natürliche Folge haben, daß ihr überspanntes Gefühl den Nerven die nämliche Stimmung gab als die sinnlichste Wollust; und – wer weiß das nicht? – Seele und Körper sind ein paar gleichgestimmte Saiteninstrumente: Gebt auf dem einen den Ton einer leeren Saite an, und derselbe Ton hallt in der andern wieder.

Himmel! widerfuhr das auch Selmannen? – Darauf kann ich itzt nicht antworten.

Niemand erfuhr jene Folgen so sehr als Emilie und die Gemahlin des weisen Sophronius. Man weiß schon, weil man mich es hat erzählen hören, daß Tobias das Glück hatte, eine Warze auf seiner Nase zu tragen, die ihm die Gunst der letztern gleich bei seiner ersten Erscheinung vor ihrem Angesichte zulenkte, und diese Gunst war bisher zwischen Wachstum und Abnahme mitteninne stehen geblieben. Itzt gelangte ihre Neigung für ihn schnell zu ihrer Reife, als wenn sie in einem Treibhause beschleunigt wäre. Venus kann ihren Adonis nicht inbrünstiger geliebt haben, und gleichwohl war Tobias kein Adonis. – Weil er itzt völlig ausgewachsen und seitdem kein Haarbreit größer noch breiter geworden ist, so werde hier sein Bild der Nachwelt aufgestellt. – Wohlan!

Der ganze Tobias ist eine Säule, vier Fuß drei Zoll hoch, in der Gestalt eines Pagoden. Das Fußgestelle ist gleich einem Paar Menschenbeinen gestaltet, worunter jedes einen auswärtslaufenden Halbzirkel macht, die oben an den Knien und unten an den Knöcheln zusammenschließen. Der Schaft stellt einen dicken breiten Menschenleib vor, der die sämtlichen Cordilleras im Modelle auf dem Rücken trägt, aus welchem an beiden Seiten Armen herabhängen, die sich mit den Krallen eines Habichtes endigen; – wirklich hatten seine Finger mit diesen eine so starke Ähnlichkeit, daß seine Mutter alle mögliche Ursachen aufsuchte, um sich dies Phänomen zu erklären, und alle Mittel anwandte, ihm diese Verunstaltung zu benehmen; nichts half! – Endlich das Kapital! Dies war ein spitzer Kopf – nur sparsam mit Haaren bestreuet – das Ebenbild des Thersites – und itzt nach der unglücklichen Feuersbrunst ganz kahl wie ein gesengtes Stoppelfeld! eine platte, zween Finger breite Stirn, eine keilförmige Nase, worauf die beliebte Warze prangte, aufgeworfne blasse Lippen, eine Farbe, die aus gelb und schwarz zusammengesetzt sein mußte, große eisgraue Augen, die aus einer beständig aufgesperrten Eröffnung das füchterlichste Weiße hervorgaffen ließen und von hochgezerrten Augenbraunen wie von einem Wetterdache beschützt wurden. – Dies sind ohngefähr die hervorstechendsten Partien des Kopfs.

Sehe mir doch eine meiner schönen Leserinnen dies Porträt an und verliebe sich nicht! – und wenn es ja einem oder dem andern schwerfiele oder man sich überhaupt verwundern sollte, wie eine solche Figur ein Gegenstand der Liebe habe werden können, so erinnere man sich nur, daß eine aufgebrachte, an Mißgestalten gewöhnte Phantasie – und was sind die Ideen der Schwärmerei anders als Mißgestalten? – dem Geschmacke eine vorzügliche Richtung zum Wunderbaren, zum Ungeheuren, zum Außerordentlichen gibt; nicht allein die Zusammensetzungen des Gehirns haben alsdann diesen Charakter, sondern auch jeder Gegenstand, der gefallen soll, muß ihn haben. Welche menschliche Figur trug so sehr das Gepräge der Monstrosität an sich, und welche war also geschickter, jenen Geschmack zu befriedigen, als die Person meines Helden? – Mich befremdet es deswegen nicht im mindesten, daß Madam Sophronia so unsterblich in ihn verliebt wurde, als Rosaura in jeden wohlgemachten Offizier, der vor ihrem Fenster auf die Wache zieht; daß sie vor Freuden glühte, wenn sie ihn erblickte, und sich nicht enthalten konnte, ihm einstmals heimlich einen herzhaften Kuß beizubringen, daß er von einem Ohre bis zum andern rot wurde, ob es gleich niemand bemerkte; und die Zigeunerin in der Stellung, wie er auf ihrem Schoße aß, spazierte nach dem Kusse ganz langsam durch seinen Kopf. Warum nur das?

Die Liebeswunde wurde lange Zeit in ihrer Brust unterhalten, bis eines Tages Sophronius ausgegangen war, auf einem gelehrten Fechtplatze die Gegner seiner Meinungen öffentlich zu Boden zu disputieren. Seine Abwesenheit, die wegen seiner Streitsucht in dergleichen Fällen gemeiniglich lange dauerte, war die günstigste Gelegenheit zu einer Liebeserklärung. Aber die Sache war höchst kützlich: ein Frauenzimmer, eine Liebeserklärung! – Sogenannte Tugend, das heißt, verkleideter Ehrgeiz, weibliche Schamhaftigkeit, Furchtsamkeit stritten in ihr dawider: geschwind warf ihre Neigung das Gewand der heiligen Freundschaft um, kiff und tobte wider die Gegenpartei, bis diese übertäubt war und schwieg. – Gleich wurde Tobias in ihr Zimmer gerufen.

Hätte Sophronia Emiliens Talente gehabt, so hätte sie einen ganz andern Weg gewählt: Anstatt ihrem Liebhaber das Herze mit Gewalt sprengen zu wollen, hätte sie eine Miene angelegt und – puff! wäre es in die Luft geflogen.

Er traf sie in ihrem Nachtkleide, so nachtmäßig angezogen, daß sogar ihre Füße unbedeckt waren. Sie nahmen beide Platz am Teetische. Der sein sollende Liebhaber saß wie ein versteinerter Menschenkörper da, sprach gleichgültig zuweilen etliche Worte und sahe gleichgültig durch das dünne Nachtkleid wie durch die Gläser eines Guckkastens. Die Zigeunerin lief ihm wieder durch den Kopf. – Da der Tee getrunken war und seine äußerste Unempfindlichkeit noch nicht viel Hoffnung versprach, so rückte sie zum Hauptangriffe an. Sie hielt ihm eine Rede, die nach ihrer Meinung ungemein feine Wendungen enthielt und doch in halbverblümten Ausdrücken ohne die geringste Wendung sagte, was sie wünschte und begehrte. Die Zigeunerin hielt einen neuen Durchmarsch und trat so stark auf, daß Tobias um den Kopf warm wurde. – Das Gespräch wurde auf verwandte Materien geleitet, der Antrag wiederholt; Tobias nahm seinen Hut. Sie hielt ihn zurück, sie bat, sie liebkoste, sie beschwor ihn, dazubleiben; er blieb. Sie faßte bei der Gelegenheit seine Hände, sie drückte sie auf das zärtlichste, sie ging zu einem Ruhebette, sie setzte sich, sie verdoppelte ihre Schmeicheleien und Liebkosungen. Tobias fühlte eine hastige Bewegung an dem Ventile der rechten Herzenskammer, daß er vor Beklemmung einen tiefen Seufzer holte. Dies nahm Sophronia für eine Losung zur Übergabe an und glaubte nunmehr den entscheidenden Angriff zu tun; sie griff ihm säuberlich nach –

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