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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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26.

Stellen aus Büchern sollte Tobias herlesen; was aber wegen verschiedener Hinderungen niemals geschah – sagte ich vor etlichen Augenblicken; – und diese Hinderungen? – waren die wichtigsten von der Welt! ebendieselben, die in seinen Jugendjahren den Strom seiner Beredsamkeit so oft verdämmten!

Kann es niemand raten? – Warum soll ich aber nun solche Sachen laut sagen? – Die Gesellschaft bestund aus Frauenzimmern größtenteils – aus devoten Frauenzimmern – die sich über alle erhaben zu sein dünkten – die sich um ihrer besondern Heiligkeit willen von allen Ungläubigen verlacht, verhöhnt, verfolgt glaubten; – und diese Ungläubigen waren nach ihren Begriffen alle, die nicht ihrer Meinung waren – die samt und sonders über die Verderbtheit der Welt klagen wollten und daher die skandalöse Chronik der ganzen Stadt als den Stoff ihrer Klagen begierig aufsammelten – – Wenn es nun niemand errät, was sie taten! – Je, wenn ich dann alles so laut und deutlich sagen muß: Sie verleumdeten.

In einer frommen Gesellschaft – verleumdet man? – Freilich ist das Wort etwas unschicklich; es heiße dann – sie erzählten einander die Schändlichkeit und Sündlichkeit der argen bösen Welt – mit etwas abgeändertem Tone in der nämlichen Manier wie Frau Knaut und ihre Stellvertreterin, Anne Heimberten, in der Dorfküche.

Sonach blieben denn Leute mit und ohne Devotion einander gleich? und die Welt wäre im Dorfgewande und im Stadtkleide dasselbe Spiel der Leidenschaften, nur mit verschiedenen Masken? – »Welt! Welt!« rief seufzend Selmann, dessen Unzufriedenheit diese Zusammenkünfte nur vermehrten, weil sie ihm ein neues Beispiel von der Verderbnis der menschlichen Natur gaben – »Welt! Welt!« rief er, »du Sammelplatz der Torheiten! Frömmigkeit, Heiligkeit, alles brauchst du zur Larve, dein häßliches Gesicht zu verdecken! – Kann man diese Zusammenkünfte ansehn, ohne vor Gram zu vergehn?«

»O ja!« rief Emilie, die ihn in einem Winkel belauscht hatte. – »Lachen Sie wie ich! so ist der Schade geheilt.«

Selm.: »Lachen? –Wie kann ein rechtschaffner Mann solche Torheiten an seinen Mitbrüdern sehn und lachen? – Hieße das nicht ein Mensch sein und kein menschliches Herz haben? – Weinen möchte ich darüber!«

Em.: »Lieber Mann! Tränen und Gram um fremde Torheiten dünken mir ein verschwendrischer Aufwand. – Herr Philosoph! wir haben genug mit unsern eignen zu tun; meinen Sie nicht? – Auch über diese lache ich; wenn ich mich darüber grämte, wäre ich ja doppelt unglücklich!«

Selm.: »Beste Emilie! wenn Sie mit meinen Augen sähen –«

Emil.: »Ja, bester Mann! da sitzt es eben! – Wenn ich mit Ihren Augen sähe – nein, dafür danke ich schön! Ich möchte nicht über die Torheiten der Welt weinen, wenn Sie mir gleich Ihre Augen dazu borgten.«

Selm.: »Ihre jugendliche Munterkeit malt Ihnen alle Gegenstände mit Rosenfarbe; aber nehmen Sie diese blendende Glasur weg! So sehen Sie die grobe unlautere Masse, aus welcher die Welt gemacht ist.«

Emil.: »Und Sie tauchen sich jeden Gegenstand in das fürchterlichste Schwarz. – Wenn ich unmaßgeblich raten darf – borgen Sie mein Farbenkästchen! Rosenrot ist doch immer besser als schwarz. Bin ich nicht schöner in meinem rosenfarbnen Atlas als in dem pechschwarzen Moore? – nicht tausendmal schöner?«

Selm.: »Sie sind allemal schön; die Welt niemals.«

Emil.: »Bravo, Herr Hypochondrist! – Hier haben Sie ein Knickschen für Ihre Schmeichelei. – Dächten Sie nicht, daß eine Welt voller rosenwangichter Mädchen, Nymphen und Grazien unendlich schöner wäre als eine voller Satyren, Faunen und andrer männlichen Ungeheuer? und – warten Sie nur! – Sie wären der einzige Bewohner eines solchen allgemeinen Serails!«

Selm.: »Sie spotten.«

Emil.: »Gewiß nicht! – Aber alle diese Schönheiten müßten wie der Frühling gekleidet sein, in das schönste Rosenrot! müßten so munter, so scherzhaft sein als ein Zephir und dabei so witzig als ein französischer Poet. – Haben Sie nichts vom Paradiese des Mahomet gelesen? – Hören Sie nur: ›Die schönsten Mädchen aus dem Morgenlande sitzen an einem mit Blumen und niedrigem Gesträuche bekränzten Bache‹ – pfui! das Gesträuch müßte in meinem Paradiese etwas höher sein! – und Mädchen aus dem Morgenlande? – nein, europäische Mädchen! nach meinem Schlage, wenn ich so stolz reden darf! – ›ihr Geruch ist lieblicher als der Atem des Windes, der Blumendüfte aushaucht; und ihr Kuß‹ – merken Sie auf! –, ›ein Kuß auf ihre Wangen läßt in Ewigkeit ein Gefühl von unaussprechlicher Seligkeit zurück‹ – das nenn ich einen Kuß! – ›Sie singen unsterbliche Lieder, worinne jeder Ton das Herz vor Wollust und Liebe zerfließen läßt; ein Druck von ihren sanften Händen schwellt den Puls an, daß er hoch emporklopft; ihr Speichel riecht wie die köstlichste Salbe, wie alle Spezereigärten des Morgenlandes.‹ – Sehr standhafte Nerven müßt ihr armen Mannspersonen haben, wenn eine solche Transpiration auch nicht eine zersprengen soll. – Nun will ich das Blatt umwenden. Hören Sie einmal das Bild! – ›Eine sandichte dürre Wüste, von Löwen und Tigern bewohnt, die einander unaufhörlich zerfleischen, in welcher alles öde, alles traurig schmachtet, die Blume, die sich heute hervorwagt, morgen lechzend stirbt und kein Tropfen Wassers den trocknen Gaumen erquickte – oder – ›Ein Land voll ungeheurer Eisberge, auf welchen dumpfe düstre Nebel drückend liegen oder schneidende Schneewinde regieren, wo jedermann traurig umherschleicht und sich einsiedlerisch‹ – pfui! ich kann nicht weiter! Mich friert! Mir schauert! – Welche Welt wollen Sie nun? – Die erste nach Mahomets Modelle ist meine; dies im voraus zu melden. – Nu? welche wählen Sie?«

Selm.: »Emilie, Sie scherzen, und ich kann es nicht.«

Emil. : »An wem liegt denn die Schuld, daß Sie es nicht können? – Denken Sie doch, daß es nur auf Sie ankömmt, welche Welt es sein soll! – eine muntre, fröhliche, rosenfarbne oder eine traurige, düstre, pechschwarze!«

Selm.: »Kann ich die Welt umschaffen? Bleibt sie nicht, was sie ist?«

Em.: »Ei, das wäre zu weitläuftig, eine neue Schöpfung anzufangen! – Sagten Sie mir nicht einmal: Jeder Mensch schafft sich seine Welt; sie ist gut und böse, wer von diesen beiden nur eins sieht –«

Selm. : »Ich verstehe Sie – aber ich setzte auch hinzu: Unser Auge ist oft so gebaut, daß wir nur eins von beiden erkennen und für das andre blind sind. Ich habe sonst die Welt für ganz gut gehalten, weil ich sie nicht kannte; itzt kenne ich sie, und sie ist mir ein Greuel.«

Em.: »Sie kennen sie itzt nicht, wenn ich das Ihrer Philosophie zur Schande nachsagen darf – wenigstens nicht recht! – Und dann – wenn Sie einen Flecken an ihr sehen, so machen Sie es wie ich, wenn ich eine Blatter in meinem Gesichte bemerke – ich sehe nicht eher in den Spiegel, als bis sie abgeheilt ist.«

Selm.: »Aber die Geschwüre der Welt heilen nie –«

Em.: »Je nun, wenn mir eine Blatter zu lange dableibt, so lege ich ein Schönpflästerchen darauf –«

Selm. : »Schaffen Sie mir eins für die Auswüchse der Welt –«

Em.: »Oh, es steht zu Befehle! – Sie haben sich doch die Schilderung von Mahomets Paradiese gemerkt? – So lassen Sie die Welt um sich her sein; um die übrige bekümmern Sie sich nicht eine Minute! – Kennen Sie nun das Schönpflästerchen?«

Selm.: – – – – –

Em.: »Kytherens – Kytherens himmlische Gaben! – das Gefühl –

Das sie in milden Strömen
Durchs Herz der Sterblichen gießt,
Daß jeder Puls sich übereilet,
Der Geist nicht denket, nur fühlt,
Daß ringsumher dem Auge die Welt
Mit Iris' Farben bemalet erscheint
Und uns die süßen Augenblicke
Schnell wie ein Pulsschlag entfliehn.«

Diese Verse begleitete sie mit einer Miene! mit einem Tone! – Selbst Venus hätte sie nicht süßer und reizender aussprechen können.

Selmann sah ihr starr in die Augen und blieb unbewegt stehn. – Emilie fuhr in dem nämlichen Geiste fort:

»Wissen Sie, was darauf folgt?

Wenn dichte Nebel die Aussicht verdüstern
Und Flor die ganze Schönheit der Welt
In traur'ge Leichengewänder verhüllt,
Dann nimm, o Jüngling und Mann,
Den Becher aus Kytherens Hand
Und gieß in einem gier'gen Zuge
Den eingeschenkten Nektar hinab;
Im Taumel trunkener Lust –«

Ja, wo war ihr Zuhörer? – Fortgewischt, ehe sie es vermutete! und er floh seitdem ihre Gesellschaft, solange keine Zeugen zugegen waren; er floh sorgfältig jedes Tête-à-Tête – weil sie seine keusche Einbildungskraft durch dergleichen schlüpfrige Bilder beleidigt hatte, wird gewiß Modesta denken – sie irrt sich! für eine keusche Einbildungskraft gibt es keine schlüpfrige Bilder; nur eine unzüchtige Phantasie zergliedert solche Bilder und macht sie dadurch für ihren Besitzer schlüpfrig. Davon war Selmann weit entfernt; aber er vermied dergleichen lebhafte süße Vorstellungen aus dem Grunde, warum ein verdorbner Magen alle Süßigkeiten verschmäht – weil ihr Genuß einen Ton der Nerven hervorbringt, der mit dem schon vorhandnen disharmonisch ist. Magen und Seele sind die entschlossensten Feinde der Dissonanzen. – Er floh Emilien, weil sie ihm sein Mißvergnügen nehmen wollte, und versäumte keine einzige ihrer Gesellschaften, weil sie sein Mißvergnügen unterhielten – wie Cato, der nach Martials Ausdrucke in die Komödie ging, um wieder herauszugehn – er floh die Menschen, weil er sich über ihre Torheit ärgerte, und ging der Torheit nach, um sich über sie zu ärgern.

Emilie merkte wohl die Ursache seiner Entfernung und sahe ein, daß man einen Kranken in üble Laune versetzt, wenn man ihn durch gute Laune von seiner Verdrießlichkeit kurieren will. Sie schlug daher einen andern Weg ein, stellte sich selbst hypochondrisch, und Selmann besuchte sie so fleißig als vorher und ging jedesmal mit einer neuen Dosis Mißvergnügen so zufrieden hinweg als ein guter Gesellschafter von seinem aufgeräumten Freunde. Dies hatte eine sonderbare Folge.

Wer eine Lüge oft sagt, glaubt sie zuletzt selbst; wer oft lügt, dem wird lügen zuletzt unentbehrlich; und wer sich lange hypochondrisch stellt, wird es zuletzt wirklich. Das erfuhr Emilie, besonders seitdem Isabelle sich von ihr getrennt hatte, die sonst durch ihren mutwilligen Witz ihre Munterkeit, sooft sie zu ersinken schien, wieder aufrichtete. Diese ihre bisherige getreue Gefährtin und Mitgenossin ihres Glückes konnte einen Zwang unmöglich ertragen, den sie sich täglich antun mußte; sie ermahnte Emilien stündlich, ihre Reize nicht über der fruchtlosen Bestürmung eines unempfindlichen Hypochondristen verblühen zu lassen und die Zeit ihrer Vollkommenheit zu gewissern Unternehmungen zu nützen. – Gegen alle ihre Vorstellungen machte Emilien eine angeborne Hartnäckigkeit taub; lieber hätte sie sich augenblicklich in das häßlichste Ungeheuer verwandeln lassen, als einen so weit verfolgten Plan aufgegeben; und in einer verdrießlichen Stunde, wo Isabellens Rat etwas zudringend wurde, gab sie ihr deutlich zu verstehen, daß sie die Freiheit hätte, jeden angenehmern Aufenthalt dem gegenwärtigen vorzuziehen, wenn er ihr mißfiele. Welche Galle hätte sich dawider nicht regen sollen? – Isabelle fing an zu glühen, packte ihre Effekten zusammen und ging in die weite Welt aus. Für Emilien war diese Trennung ein wirklicher Verlust, unter Hypochondristen und Devoten – ein solcher Umgang war ein Gift für ihre Munterkeit; auch war sie in etlichen Wochen so gut als tot. Daraus entstund eine sonderbare Folge für Selmannen.

Die geheime Feindin seiner Tugend schrieb schon längst die Standhaftigkeit derselben keiner Pietisterei, sondern seiner Krankheit zu; allein sie glaubte doch auf dem einmal betretenen Wege ihren Zweck zu erlangen. Sie stimmte ihre Laune der seinigen gleich und wurde dadurch seine Busenfreundin; er liebte sie wirklich so stark, als er nach seinem Abschiede aus dem Gasthofe tat; aber seine Empfindung saß itzt tiefer im Herze und wirkte weniger auf seine Phantasie.

Emilie gewöhnte, sich unbewußt, durch beständige Verstellung ihre Imagination so sehr an fanatische Bilder, und diese wurde so sehr dadurch befeuert, daß sie anfingen, auf ihre Empfindung Eindrücke zu machen. Sie lachte nicht mehr darüber; die Gewohnheit hatte ihr das Lächerliche daran weggewischt; niemand malte es ihr von neuem vor, was sonst Isabelle tat. Kurz, ehe ein menschliches Gehirn sich eine solche Vermutung einfallen lassen konnte – hatte sich ihrer Einbildungskraft der Fanatismus durch seine ansteckende Kraft mitgeteilt; Verstellungen, die sie sonst zur Kurzweile ersann, bekamen itzt in ihrem Kopfe die ganze Miene des Ernstes.

Das ist noch nicht alles! – Ihre majestätischen, strahlenden, junonischen Augen verdrehten sich so ernsthaft als das matte Augenpaar der frommen Einfalt! Ihre marmornen Hände bekamen Verzückungen! Ihre von Wollust schlagende Brust wallte keuchend wie der Busen einer delphischen Priesterin! Ihr Mund – der Mund einer Göttin! – verzerrte sich in die abscheulichsten Figuren! und ihre Lippen, durch welche sonst der feinste Witz, Geschmack und Einbildungskraft redten, sprachen itzt die verächtlichsten, nichtsbedeutenden Töne der Schwärmerei aus! – Ist das nicht eine Metamorphose, die ein ganzes Dutzend ovidischer Verwandlungen wert ist?

Das ist viel! sollte man denken; aber nur Geduld! das ist noch nicht alles!

Reiz und Schönheit haben bekanntermaßen eine magnetische Kraft, die alles, dessen sie nur habhaft werden kann, in ihren Wirbel hineinzieht. Wenn eine von den irdischen Grazien sich es einfallen ließe, die abenteuerlichen Selbstkreuzigungen der Bonzen durch ihr Beispiel zu empfehlen, wie viele gutherzige Söhne Adams würden wir die Kleider von sich werfen, die Rute ergreifen und sich unbarmherzig peitschen sehn! – Die Schönheit ist die kräftigste Lehrerin des Lasters und der Tugend, der Torheit und der Vernunft, und trotz dem Menschenherze, das ihr widerstehen will!

Gesetzt, Euphem – dich frage ich! –, du hast alle Zugänge zu deiner Empfindung mit ernster Weisheit verpallisadiert – dein Gehirn verrichtet alle drei Wirkungen des Verstandes nach Aristoteles' Vorschrift so hurtig, so ohne Anstoß, als ein gelenker Tanzschüler seine Kapriolen – deine Vernunft ist mit allen schönen Raritäten der Gelehrsamkeit aus der Alten und Neuen Welt ausmeubliert – sie unterscheidet Wahrheit und Falschheit, Illusion und Wirklichkeit auf ein Haar – sie hält strenge Aufsicht über die Imagination und weist sie gleich mit ihren Blendwerken und schönen Schattenspielen ab – genug, du bist nach deinem Gefühle und jedermanns Geständnisse ein weiser, vernünftiger, gelehrter etc. etc. Mann – gesetzt nun, es stünde täglich eine Stunde lang eine Nymphe, so schön und reizend als die koische Venus, vor deinen Augen und läse dir mit allen Künsten der schwärmerischen Deklamation, mit allem Nachdrucke der Enthusiasterei Schwedenborgs Geistermärchen oder Böhmens sinnreiche Schriften vor – was würde aus dir werden? – Versuche es! Indessen will ich dir erzählen, wie es Selmannen ging.

Emilie hatte durch die angenommene Gleichheit mit seinen finstern Grundsätzen und Empfindungen sein ganzes Herz gewonnen; er war in sie verliebt – wenigstens handelte er völlig wie ein Anbeter gegen sie. Alles, was sie tat, gefiel ihm; er dachte an nichts als an sie, sie war ihm allgegenwärtig; er suchte ihre Gegenwart und entbehrte, wenn er sie nicht genoß; aber wenn er bei ihr war, seufzte er nicht wie ein französischer Theatergalan, sang keine verliebte Stanzen – nein, er klagte über die Welt, und je heftiger und lauter sie mit ihm einstimmte, desto stärker wurde seine Zuneigung. Manche Wörterkrämer werden dies nicht Liebe, sondern Freundschaft nennen wollen – mögen sie! Die Empfindung ist doch bei beiden eins und nur dem Grade nach unterschieden. – Auch setzte ihn diese hypochondrische Liebe allen den Schwachheiten aus, denen der feurigste Anbeter unterliegen kann; Torheiten, Ungereimtheiten, die ihm an andern Sterblichen die Galle vom Grunde aufwiegelten, reizten ihn an ihr; Fehler schienen ihm Vollkommenheiten, und ohne Untersuchung nahm er alles dafür an, was er an ihr wahrnahm. – Was will man mehr?

Emilie merkte ihren Sieg nicht.

Während daß seine Empfindung die Vernunft so einschläferte, sah er sie nach und nach durch alle Stufen der Veränderung zu einer Schwärmerin werden; der Zauber ihrer Schönheit, ihres Reizes wirkte nunmehr ungehindert auf seine schon glimmende Zuneigung; diese Wirkung nahm zu, wie ihre frommen Grimassen sich mehrten; eine solche Verbindung machte, daß auch die Grimassen einen Anteil an jener Wirkung bekamen; wie gewisse Leute mechanischerweise, ohne Bewußtsein, gähnen, wenn sie es andre tun sehn, so wurde seine Einbildungskraft, seine geistigen und körperlichen Organen hingerissen, und – ihr Götter! was kann aus dem Menschen werden! – Selmann, der Philosoph – ward ein Schwärmer wie Emilie! – Vor acht Jahren, als er nach dem Abschiede des Hauptmann V. mit sich selbst räsonierteAm Ende des zweiten Bandes. , hätte ich ihm das nicht zugetraut!

Indessen er ist es, und seine Weisheit liegt wie eine erfrorne Schildwache da und tut nicht einen Laut, da sich der Fanatismus in seinen Kopf schleicht! – Zu verwundern ist es nur, wie sie sich beide, nachdem er einmal hinein war und die Sache nicht mehr zu andern stund, zusammen unter einem Hirnschädel vertragen konnten. – Die Sache ist: Die Phantasie spielt im Kopfe die gebietende Frau vom Hause; nach ihrem Takte muß alles tanzen oder in den Winkel kriechen, und diese Partie ergriff Selmanns Philosophie.

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