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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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25.

Unterdessen daß dieser Zuwachs von Mißvergnügen täglich stärker wurde, nahm die fromme Gesellschaft nicht weniger zu und empfing sogar von einigen Mitgliedern einen Schwung, der sie über alle Zusammenkünfte und Stiftungen dieser Art hinaussetzte. Es hatten sich Leute darunter gefunden, denen die Natur eine höchst geschäftige Einbildungskraft in ihren Kopf und eine nicht minder tätige Empfindung in das Herz gelegt hatte; man weiß schon, daß diese beiden, wenn sie einmal unruhig sind, so wenig rasten, als die Cromwelle, die Caesar einer Republik – bis sie eine Nahrung für ihre Tätigkeit gefunden haben. Was für Gegenstände das Schicksal ihnen zuerst darbietet, die erhaschen sie, wie der Fisch die Lockspeise an der Angel. Bei jenen lieben Seelen waren religiöse Vorstellungen der erste Köder gewesen, den Vater und Mutter ihrer Einbildungskraft und Empfindung vorgehalten hatten; sie schnappten zu, und zeitlebens blieb das der Gegenstand für ihren Kopf und ihr Herz. Da aber beides, ihr Kopf und ihr Herz, sich über den gewöhnlichen Grad der Tätigkeit erhuben, so konnten sie es nicht bei den angenommnen simpeln Vorstellungen der Religion bewenden lassen; sie strichen einen lebhaften glänzenden Firnis darüber, der bei einigen mehr, bei andern weniger der Schwärmerei ähnlich war. Hätten sich Dichter voller arkadischer Schildereien, voll arkadischer Empfindungen, oder Philosophen mit idealen Welten, mit vollkommnen Staaten, mit vollkommnen Menschen, oder überhaupt Geister mit einem idealen Schwunge von jeder andern Art ihrer Tätigkeit zuerst dargestellt, so wären sie philosophische Weltenverbeßrer, politische Schwärmer und dergleichen geworden; aber das Schicksal las unter den Dingen dieser Welt gerade die Religion für sie aus, und sie wurden religiöse Schwärmer.

Mit einem solchen fanatischen Fluge war bei ihnen ein gewisser natürlicher Stolz vereinigt, der sie nach nichts Geringerm streben ließ, als sich von allen Menschen zu unterscheiden – die Ruhmsucht, die von der Tätigkeit der Seele unzertrennlich ist. Sie fanden alle sogenannte Christen, die sie kannten, weit unter dem Modelle, das sie sich ausgedacht hatten, und wenn auch einige nicht so weit unter demselben waren, als diese strengen Beurteiler sich einbildeten, so mußte ihre Religion schon deswegen bei diesen Mißfallen erregen, weil sie stille ruhige Vernunft und von dem Schmucke der Einbildungskraft entblößt war. Überall schien ihnen also die Religion in dem kläglichsten Zustande; jedermann schien ihnen lau, der nicht in hellen Flammen brannte; jedermann schien ihnen ohne Empfindung, der sie nicht beständig in Reden und Betragen äußerte. Was mußte erfolgen? – Sie sonderten sich von allen ihren Mitbürgern als von einem unreinen Haufen ab, an welchem sie die wahren Flecken ungeheuer und eben so viele eingebildete da fanden, wo keine waren. Sie wählten sich nur diejenigen, die ihnen glichen; man sprach von ihrer Absonderung; dies reizte ihren Stolz, und sie suchten ihre Absonderung immer merklicher und auffallender zu machen; man sprach noch mehr davon, und sie unterschieden sich noch mehr; man höhnte sie, man lachte über ihre Unterscheidungssucht, und ihr Ruhm war zum höchsten Gipfel gelangt – denn sie konnten sich als Märtyrer der Wahrheit ansehn, die von der Welt verfolgt wurden.

Wehe dem Menschen, dessen Stolz bis dahin gekommen ist, daß er sich als einen Märtyrer der Wahrheit ansieht! Jeder Einfall, jede wunderliche Grille, jede Phantasie, die ihm Blähungen und Verstopfungen eingeben, wird zur Wahrheit, die er als einen Götzen aufstellt, dem jedermann huldigen muß, wenn er nicht als ein Verächter, ein Ungläubiger gebrandmarkt sein will. Er wird zu dem intolerantesten Despoten, mit dem man gleichförmig glauben muß oder gar nicht glaubt.

Emiliens Gesellschaft war ein Zunder für die Phantasie solcher Menschen; wenn sie gleich die Ehre der Stiftung nicht genießen konnten, so wollten sie doch wenigstens die Ehre des Anteils nicht entbehren. Anfangs ging ihnen alles zu lau, zu kalt darinne her; Selmann schwatzte plane Vernunft vor, und wenn sie gleich die Lebhaftigkeit seiner Beschwerden über die menschliche Verderbnis wieder aufmunterte, so waren doch seine Klagen noch nicht völlig auf den Ton gestimmt, in welchem sie klagen wollten. Sein ganzer Vortrag hatte eine philosophische Wendung; er nahm sich die Freiheit, zuweilen von ihren Meinungen abzugehen – was dergleichen Leuten so empfindlich ist, als wenn sie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen werden; – und – man denke! – er wollte ihnen niemals den Vorzug zugestehn, daß sie die einzigen Heiligen und alle übrige Menschenkinder Verworfne wären, weswegen auch einige darunter, die den Vorschlag getan hatten, daß man die Gesellschaft den Orden der Auserwählten nennen sollte, augenblicklich das Zimmer verließen, als dieser ehrliche Philosoph wider diesen unerlaubten Stolz eiferte.

Sehr bald strengten sie ihre Erfindungskraft an, die Simplizität ihrer Zusammenkünfte zu entfernen, die bisher einer plaudernden Coterie ähnlich gesehen hatten, und eine zierliche unterscheidende Einrichtung, eine Regel für ihren Orden auszusinnen. Emilie ließ sich ihr Spielwerk gefallen; sie war in dem Falle eines Mannes, der unnütze kindische Gebräuche und Zerimonien ansieht, um für sich darüber zu lachen. In kurzem wurde sie die Vorsitzerin einer Versammlung, die Quäckern und Methodisten nichts nachgab; besonders wußte ein triefäugichtes Mütterchen ihren baufälligen Körper in so kunstmäßige Zitterungen zu versetzen, daß jeder Zuschauer besorgen mußte, das ganze Gebäude werde von der Erschütterung zerbrechen. Seufzer, Verdrehen der Augen, Kopfhängen war die allgemeine Gebärdensprache, worinne es ein kurzbeinichter Mann, der die kleinsten Augen und den größten Kopf bei der Gesellschaft hatte, in kurzer Zeit so weit brachte, daß er, auf einem Beine stehend, zweihundert tiefe männliche Seufzer hervorstoßen und fünfzig verschiedene bewundernswürdige Stellungen der Augen hervorbringen konnte. Ein andrer Held mit dicken aufgeworfnen Lippen konnte den Mund in einer Minute sechzigmal in die Form eines Kreuzes ziehen. Ein dritter leistete noch mehr; er konnte die Bewegungen des kalten Fiebers so richtig nachmachen, daß es ihm einmal glückte, den Boden seines Sessels durch starkes Aufstoßen einzubrechen. Doch eine sittsame Dame, die in einem vierzigjährigen Leben kein männliches Gesicht mit unverschloßnen Augen angesehn und kein Haarbreit eines männlichen Körpers nur mit den Fingerspitzen berührt hatte, übertraf alle diese heiligen Figuranten. Sie konnte durch eine Zurückhaltung des Atems ihrem Leibe eine solche stufenweise Anschwellung geben, daß man sie unfehlbar für besessen oder für inspiriert halten mußte.

Ein Wunder wäre es, wenn bei einer solchen Gelenkigkeit der Glieder Offenbarungen und Erscheinungen außenbleiben sollten – sie kamen. Eine Frau, die den Himmel schon längst um die Auflösung eines reichen Vetters, den sie beerben sollte, inbrünstig angefleht hatte, bekam den ersten Traum, in welchem ihr der baldige Tod dieses Mannes angekündigt wurde. Um dieser nicht den Vorsprung zu lassen, erzählte eine junge Witwe in der nächsten Versammlung ein Gesichte, das ihr ihren nächstkünftigen Gatten, ein Herrchen, so schön als ein Adonis, mit einem stattlich langen Titel, im Profile gezeigt hatte. Ein Kaufmann hatte einen Menschenkopf von der Größe eines Turmknopfes auf seinem Dache erblicket, der wie ein Volkan goldne und silberne Konventionsmünze auswarf. Einem Rechtsgelehrten erschien ein ganzes Dorf, auf einer Wiese versammelt, wo Mann gegen Mann sich unter allen Arten von Injurien nach Herzenslust herumbalgte; aus jedem Tropfen Blute, der auf die Erde fiel, wuchs ein Ries Papier empor, worauf er, so sehr er auch schwitzte und zitterte, Demosthenes' und Ciceros Reden von einem Ende bis zum andern abschreiben mußte.

Wer bei so gestalten Umständen nicht übertroffen sein, sondern übertreffen wollte, der mußte alle Federn und Räder seines Gehirnes anspannen. – Träume sind wenig, Prophezeiungen, der Umgang mit Geistern sind außerordentlichere Vorzüge! – Auch diese erschienen zur gehörigen Zeit. Niemand hatte unter diesen so vertraute Freunde als Emilie. Um sich an der Leichtgläubigkeit ihrer Brüder und Schwestern desto reichlicher zu belustigen, ersann sie Unterredungen mit überirdischen Wesen, ein ganzes Magazin von Märchen, die Erisipilus aus ihrem Munde sammelte und der Welt im Manuskripte hinterließ. Ihr mutwilliger Witz versorgte sie hinlänglich mit Erfindungen; sie schilderte ihre neuen Vertrauten genau nach Rang und Würden ab; sie erzählte jedes Wort, das sie mit ihr gewechselt hatten, und ihr ganzer Triumph war – einen Haufen halbverwirrter Menschen hinterdrein auszulachen.

Die wichtigste Rolle bei dem ganzen Schauspiele spielte unstreitig mein Held. Man hatte ihn anfänglich zum Zerimonienmeister der Zusammenkunft ernennt; allein da er einem von den Frauenzimmern aus Vergessenheit einen um zween Stühle niedrigern Platz angewiesen hatte, als ihr Rang verdiente, so setzte man ihn ab unter dem Vorwande, daß diese Verrichtung für seine Gaben zu gering sei. Man erhub ihn also zum Redner der Gesellschaft, und er saß allemal an dem einen Ende des Zimmers mit einer so karikaturmäßigen Erhabenheit als ein wendischer Abgott da und – schlief. Das war sein einziges Glücke. Hätte er gewacht, so wäre er ein Visionär geworden; nur der Schlaf erhielt ihn bei gesundem Verstande. Da aber in dieser Welt keine Sache auf einer Seite nützlich und nicht zugleich auf einer andern schädlich sein kann, so hätte sein Schlaf einstmals seinem Menschenverstande auf eine andre Art zu großem Schaden gereichen können.

Nichts war natürlicher, als daß man ihm, dem Redner der Gesellschaft, der zuweilen Aufsätze von Mitgliedern oder Stellen aus Büchern herlesen sollte, was aber wegen verschiedener Hinderungen niemals geschah, einen Tisch mit zwei Lichtern hinsetzte, woran er in einem kleinen Lehnstuhle saß und die Auffoderung, seinen Mund zu öffnen, gelassen erwartete. Zufälligerweise hatte eines Abends der dermalige Zerimonienmeister ihm seine Kerzen so nahe gesetzt, daß er bei eintretendem Schlummer mit seinem Kopfe, wenn er nur ein wenig stark nickte, gerade in die Flamme fallen mußte. Was geschah? Indem die übrige Gesellschaft mit voller Begeistrung sprach, stand auf einmal sein Kopf in hellen lodernden Flammen. Er wachte wohl darüber auf; allein in der Betäubung konnte er nicht sogleich ausmachen, was ihm eigentlich widerfahren war und warum alle auf ihn losschrien. »Hülfe! Hülfe!« riefen sie insgesamt und eilten auf ihn zu, um die Feuersbrunst zu löschen. – »Was?« schrie die Dame, deren Rang er in seiner ersten Würde beleidigt hatte – »was? diese Flamme will man löschen? dies ist das Feuer der Inspiration, der Begeistrung! Wer weiß, was für heilige Eröffnungen uns diese Flamme aus seinem Munde erwarten heißt?« – und mit diesen Worten hielt sie alle, die ihm helfen wollten, zurück und sah mit ungerührter Grausamkeit, wie die Flammen sein sämtliches Haupthaar bis auf die Wurzel vernichteten. Sobald er innewurde, wo die Gefahr sich befand, schlug er zwar mit beiden Händen zu, um sie zu dämpfen; aber umsonst! Das Schicksal hatte ihn bestimmt, ein Kahlkopf zu werden und die natürliche Zierde seines Hauptes auf viele Jahre zu verlieren. – Wen mag doch das Schicksal bestimmt haben, dieser Rachsüchtigen ihre Haube à quatre étages zur Bestrafung anzuzünden? – Und noch wäre dies zu wenig.

Tobias ereiferte sich nicht halb so wie sein Lebensschreiber; mit der Gelassenheit, womit er alle Unfälle dieses Lebens ertrug, erduldete er auch diesen Verlust seiner natürlichen Schönheit und setzte, ohne ein Wort zu sagen, eine Perücke auf.

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