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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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23.

Euch, erhabne Sektenstifter, euch, Väter von Klöstern, Mönchen und Nonnen, Benedikt, Augustin, Bruno, Hus, Arius, Mahomet und selbst dich, Ignaz Loyola – alle fodre ich euch auf! Wenn einer unter euch sich so schnell und von so vielen Anhängern umgeben sah als Emilie, so soll sie seine Mätresse, Frau, geistliche Schwester – alles sein, wozu er sie machen will! – Sie könnte stolz darauf werden, Männer mit so heiligen Bärten zu übertreffen, wenn es ihr darum zu tun wäre, Sekten zu machen.

Ihre letzte und höchste Absicht bei dieser Unternehmung ist bekannt, und vielleicht weiß sie jeder meiner Leser besser als Emilie selbst; diese verlor über der Anwendung der Mittel den Endzweck beinahe ganz aus dem Gesichte. Die Ursache war, weil die übrigen Mitglieder diesen geheimen Endzweck nicht kannten, deswegen bloß an der Vervollkommung der Gesellschaft arbeiteten und Emilien, die sich mit ihnen dazu vereinigen mußte, die Zeit und Gelegenheiten wegnahmen, ihren eigentlichen Zweck zu betreiben. – Desto besser für Selmannen!

Der Ruf und das Ansehn, zu dem sie so unvermutet gelangte, schmeichelte ihre höchst empfindliche Eigenliebe; seine Erhaltung hing von der Erhaltung der Gesellschaft ab, und diese wurde nun zufälligerweise ihr Hauptzweck, und auch aus diesem zweiten Grunde verlor sie den Anschlag auf Selmanns Tugend aus den Augen.

Sie machte zwar eines Abends eine Probe mit seiner Empfindlichkeit – denn die Verbindung, in welche sie die fromme Gesellschaft gebracht hatte, gab ihm einen untadeligen freien Zutritt zu ihr. Sie ließ bei einer Unterredung über die Nichtigkeit der menschlichen Vergnügungen, wobei es etwas warm in der Stube war, den Palatin fallen, sie schnürte das Kleid auf, sie ließ es von Isabellen ausziehn, sie lüftete die Schnürbrust, und – dabei blieb es. Selmann perorierte fort, sosehr sie auch wünschte, daß er itzt lieber stumm als blind sein möchte; er übersähe alle ihre mächtigen Reize so gleichgültig, so ungerührt, als der Indianer ein Stück Geld, weil er es nicht essen kann; er konnte dicht neben Emilien sitzen, eine gute Viertelelle mit dem Kopf über ihren Busen erhaben sein und doch weiter nichts tun als – ein paarmal im hektischen Tone husten. Er faßte bei dem Abschiede ihre sanfte, alabasterne Hand und küßte sie so ohne Empfindung, als wenn es ein kalblederner Handschuh auf einer neunzigjährigen Hand wäre. Sie nötigte ihn zu verziehn; er blieb da, aber so fühllos, als wenn er in einer Tabaksgesellschaft bliebe. Er fing seinen hypochondrischen Sermon wieder von vorne an. – »Keine unter den Vergnügungen dieser Erde sättigt«, rief er; »selbst die edelsten, die erhabensten Vergnügen des Geistes lassen zuletzt ein gewisses Leere zurück, das nichts ausfüllen kann. Die Menschen sind voll falscher Meinungen, voll unerträglicher Vorurteile, voller Laster, voller Tücke; man kann also weder in sich noch außer sich Ursache zur Zufriedenheit finden. Was soll man auf einer Welt, wo alles widereinander ist, alles einander haßt und verfolgt? wo der Geier die Taube würgt, die Taube das Insekt verschlingt und jedes Wesen ein Mörder istÄhnliche Ausdrücke gebraucht Helvetius »De l'esprit«, D. 3. Ch. 14. – ein Mörder des Ruhms, der Ehre, der Sitten, der Zufriedenheit! – Beste Emilie, was kann einen Mann von Gefühl und Rechtschaffenheit in einer solchen Welt erfreuen?«

Emil. (seufzend): »Ja, meine Freuden sind vorüber.«

Selm.: »Die meinigen längst. Ich habe ihrer viele genossen oder vielmehr zu genießen geglaubt; als ich sie genoß, war ich froh dabei, und itzt – wenn ich sie zergliedere, ärgert mich's, daß ich froh darüber sein konnte. Ein Flittergold, ein Tand, ein Nichts war es oft! ein paar Ideen, die ich unvermutet gefunden! eine Empfindung, die mich plötzlich überfiel! ein Etwas, das ich für Wahrheit hielt und niemand sonst außer mir! eine Handlung, von Eigenliebe vielleicht erzeugt, die ich meiner Tugend zuschrieb! – Vom Morgen bis zum Abend ist unser Leben ein steter Selbstbetrug; wir berauschen uns, daß wir taumeln, und bereden uns alsdann, daß wir vergnügt sind. – Beste Emilie! meine Freuden sind vorüber!«

Emil.: »Wissen Sie das Geschichtchen nicht? – Eine Herzogin – der Himmel weiß ihren Namen – wurde von einem Armen um ein Almosen gebeten, der unter andern sich beschwerte, daß er um die Freuden dieses Lebens gekommen sei. ›Was?‹ rief die Herzogin, indem sie sich zu ihrem Führer wandte, ›est-ce que cet homme-là est eunuque?‹ – «

Diese letzte Frage sprach sie mit einem geistreichen Akzente aus, der Tote wieder hätte aufwecken können; doch Selmann mußte mehr als tot sein; denn er sagte kein Wort darauf, sondern – hustete.

»Wir irren«, fing er von neuem an, »in einem Labyrinthe von Ungewißheit herum; wir tappen wie Blinde nach der Wahrheit, suchen sie fünfzig, sechzig Jahre hindurch und haben am Ende – einen Schatten. – Die Menschen sind in ewigem Kriege gegeneinander; Meinung bestürmt Meinung, keiner stimmt mit dem andern überein, keiner liebt den andern, der Stärkre unterdrückt den Schwachem, man beleidigt und frohlockt darüber; ist eine solche Welt nicht eine Löwenhöhle? ein Sammelplatz von Tigern? – Emilie, alles ist in dieser Welt fade, unschmackhaft! Natur, Kunst, alles ist leer! alles widrig!«

Emil.: »Böser Mann! Bedenken Sie, daß das arme weibliche Geschlecht auch unter einer von diesen Klassen begriffen ist! – Ist Ihnen das auch fade, unschmackhaft?«

Selm.: »Alles was Mensch heißt!« – und so ging er ereifert zur Tür hinaus.

»Das war arg!« sagte Emilie, als er hinausgegangen war. – »Hast du's gehört, Isabelle? – Es ist vorbei! Er fühlt so wenig als ein Klotz. – Weißt du wohl, daß ich itzt recht ernsthaft werde? – Denk einmal! ich spiele mit der Bigotterie und viel fehlt nicht! – so bin ich in wahrem Ernste bigott.«

Isab.: »Das fehlte noch.«

Emil.: »Gewiß! – Der Mann hat mich in die übelste Laune versetzt. Ich glaube, seine Misanthropie steckt an, und die heilige Gesellschaft – ich muß etwas auf dem Ruhm rechnen, den ich durch sie erlange. Dich bedaure ich, Isabelle! Tröste dich mit meinem Ruhme! Willst du?«

Isab.: »Wenn ich vierzig Jahre alt sein werde. – Sie bedenken wohl nicht, daß ich erst zwanzig bin?«

Emil.: »Du loses Mädchen –! Das soll wohl heißen, daß ich in meinem fünfundzwanzigsten alt genug zur Bigotterie bin? – Warte! daß du mir mein Alter vorwirfst! – Gewiß, ich bin angesteckt. Mein Kopf ist so schwerfällig! Mein Witz – ich habe keinen mehr! nicht einen Funken mehr! – Bringe mir doch den Spiegel her! Ich sehe wohl recht unwitzig aus: nicht? recht schafmäßig? – aber doch wohl nicht so verdrießlich als du?«

Isab.: »Weil Sie weniger Ursache dazu haben. – Ich will lachen, mich vergnügen, lieben, scherzen, tändeln; und hier muß ich wie im Kloster sitzen und mein Gesicht in ernste Falten legen, um mich mit einem Sermone über die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt einschläfern zu lassen. – Machen Sie dem langweiligen Spiele ein Ende; eine neue lustige Komödie! und damit gut.«

Emil.: »Wie kann ich? Und dann – mag ich auch nicht; – ich weiß nicht, was mich so äußerst drängt, diesen Sieg zu erkämpfen oder – niemals mehr siegen zu wollen. – Merkst du es nicht? Das letzte wird mich wohl treffen, leider!«

Isab.: »So bin ich Ihre Dienerin, nehme mein Paket und –«

Emil.: »Und was?«

Isab.: »Und – nehme einen Mann.«

Emil.: »Du machst mich zu lachen. – Gibt es nicht ein Volk, wo ein Mädchen fünf, sechs Männern die Ehre antun kann – Hast du nicht so etwas gelesen?«

Isab.: »O spotten Sie nicht! – Ich werde mich nach Ihrem Beispiele richten. – Topp! Sie verseufzen den Rest ihres fünfundzwanzigjährigen Lebens in den hypochondrischen Armen ihres weisen hochgelahrten Herrn Selmanns, und ich, Ihre treue Dienerin, nehme demütig mit seiner Meerkatze vorlieb.«

Das war aller Wahrscheinlichkeit nach mein Held, Tobias Knaut.

Emil.: »Böses Mädchen! Ich war so hübsch ernsthaft, du wirst mich bald um meine ganze Gravität bringen.«

Isab.: »Geb es der Himmel! – Ein Rat! Wagen Sie morgen noch einen entscheidenden Versuch; wo sein Hypochonder aushält, so tun wir auf die beschwerliche Ehre des Sieges Verzicht; wir wandern weiter.«

Emil.: »Nein, Isabelle, wir bleiben! – Sage mir nur, Mädchen, wo mein Witz, meine Munterkeit hingekommen ist! – Mein Kopf ist so hart wie ein Kieselstein! – Bringe mich zu Bette! Sonst könnte ich mich darüber ärgern. Hurtig!«

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