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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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22.

Geduld! Emilie ist angekommen! Sie hat ihren Plan auf Selmannen nur aufgeschoben, nicht aufgegeben! Vielleicht kann sie ihn retten; ich wünsche dafür ihrer Schönheit Unsterblichkeit bis an den Tod. – Doch sie muß erst die Kur versucht haben, ehe mein Wunsch erfüllt wird.

Sie hatte beständig von dem männlichen Geschlechte einen zu schlechten Begriff gehabt, als daß sie einem unter uns Tugend und Rechtschaffenheit oder einen äußerlichen Anstrich von Tugend und Rechtschaffenheit im mindesten zutraute, wenn er kein Pietiste war. In der Zwischenzeit, nach ihrer letzten Unterredung mit Selmannen im Gasthofe, hatte sie einen Mann kennengelernt, der so sehr als dieser von guten Handlungen sprach, ebenso schnell das Unrecht bei fremden Beleidigungen empfand und seine eignen vergab, aber dabei alle Ausschweifungen einer bigotten Denkungsart beging. Er war sogar von der Enthusiasterei nicht weit mehr entfernt; und der Eifer, mit welchem er sprach und handelte, gab ihm eine schwache Ähnlichkeit mit Selmannen, die Emilien viel größer schien, als sie war; jedermann erklärte diesen Mann für einen Bigotten, und die schöne Nymphe machte sogleich den Fehlschluß: Also ist Selmann ein Bigott.

Alle Bigotterie ist tot wie Zunderholz, solange nicht ein Holz von derselben faulenden Beschaffenheit daran gerieben wird, dachte sie weiter; ich muß also auch bigott sein, wenn ich meinen Plan an ihm ausführen will; ich muß seinen Kopf und sein Herz enthusiastisch machen, und wenn beides in Flammen ist – je, so mag es ja keine Hexerei erfodern, das Feuer der Schwärmerei in das Feuer der Liebe zu verwandeln; Liebe und Schwärmerei sind ja ohnehin die nächsten Blutsverwandten. – Wo mag doch Emilie die Psychologie und Kirchengeschichte studiert haben?

Sie war eines glücklichen Erfolges so gewiß versichert, daß sie mit Isabellen eine Wette auf das schönste modische Paar Ohrgehänge einging. – Topp! die Wette war geschlossen, die Anstalten zur Ausreise gemacht, als plötzlich der allgemeine Feind der schönen menschlichen Natur, die Blattern, bei ihr einbrachen und sie nicht von der Stelle ließen. Der Zuspruch kam sehr ungelegen; da sie von ihm wieder befreit war, mußte sie, um ihre Absichten nicht zu verfehlen, ihre Reize lange warten und pflegen, ehe sie hoffen konnte, den vorigen ähnliche Wundertaten durch sie zu verrichten. Dieser Zeitraum war für sie verdrießlich lang; einige Reize hatte ihr Gast tölpischerweise gar weggewischt, die sonst so glatte spiegelebne Haut hatte hin und wieder Abwechselungen von Berg und Tal bekommen, die Gesichtszüge waren verzerrt und die feinsten Nuancen des Kolorites verschwunden. Sie sahe diese Verwüstung anfangs mit dem schmerzlichsten Kummer; allein in kurzer Zeit hatte sie sich an ihre neue Gestalt so gewöhnt, daß ihr die Einbildungskraft heimlich zuzischelte, sie sei nun wieder so schön als zuvor. Sie glaubte es auf das Wort, und Isabelle, die sich itzt weit über ihr dünkte, lachte herzlich darüber, daß sie es glaubte.

Sie rückte aus. Glücklicherweise konnte sie kurze Zeit nach ihrer Ankunft in  Merkur zu einer Wohnung unter einem Dache mit Selmannen gelangen, doch ohne sich zu erkennen zu geben oder merken zu lassen, daß sie Selmannen und seinen Aufenthalt wüßte; sondern sie gab sich für eine Offizierwitwe aus, die sich der Welt entzogen habe. Sie wohnte hier einige Zeit unter diesem Charakter, ohne daß Selmann, der sich um die menschlichen Begebenheiten nicht sonderlich mehr bekümmerte, etwas davon erfuhr. Emilie sah ihn oft, begegnete ihm; er bemerkte sie kaum; sie machte es so, daß er sie bemerken mußte; aber er erkannte sie nicht. Wie sauer er es doch der armen Verliebten macht! Unterdessen befand es Sophronius' Gemahlin für gut, ihm Emiliens Lebenslauf, wie sie ihn von ihr selbst empfangen hatte, zu erzählen; er war sonderbar, er reizte ihn; sie kam an die Begebenheiten, die in zween Gasthöfen zwischen ihm und ihr vorgefallen waren – er besann sich genau, daß er Anteil dabei gehabt hatte, und wurde neugierig, die Dame kennenzulernen. – Dabei überlief ihn zugleich ein sanfter Schauer von Behaglichkeit, und wenn seine Nerven am ganzen Körper nicht schon gar zu sehr verstimmt gewesen wären, so hätten sich wohl auch die Chöre von schönen Bildern wieder bei ihm eingestellt, die ihn neulich nach seiner Trennung von Emilien belustigten; aber so blieb es bei einem süßen Schauer.

Die Idee, daß sie sich wegen ihrer widrigen Schicksale der Welt entschlagen und der Einsamkeit weihen wolle, hatte für ihn eine gewisse magnetische Kraft, die ihn mit Gewalt zu ihr hinzog – die Sache war, er sympathisierte mit ihr.

Die Bekanntschaft wurde auf beiden Seiten unter großem Erstaunen erneuert und seine Besuche oft wiederholt. – Ha, ha! Ist er schon gefangen? – Ja, bis zur Freundschaft ist es wirklich bei ihm gekommen; aber aus keiner andern Ursache, als weil sie bei ihrer bescheidnen Bigotterie mit vielem Anstände auf die Welt schmähte und die Einsamkeit pries, und wenn man noch einen Rest alter Zuneigung hinzusetzt, so war dies der einzige Zunder seiner Freundschaft. Sie besaß die Kunst, ihm gleichsam seine Ideen aus dem Kopfe zu stehlen, über die vielen Hindernisse, die die arge Welt guten Absichten in den Weg legt, zu deklamieren, die Toleranz zu empfehlen, die Fehler des gelehrten Ordens zu rügen, das Schwankende der menschlichen Erkenntnis und die Hinfälligkeit und Nichtigkeit irdischer Glückseligkeiten zu beklagen; er glaubte ihr durch seinen Umgang seine Denkungsart eingeflößt zu haben; das mußte ihn nach allen Regeln der menschlichen Empfindung ergötzen; und im Grunde waren ihre Wiederholungen seiner Grundsätze ein Pulver, in welchem sie ihm die Denkungsart allmählich eingab, die sie ihm beigebracht wissen wollte.

Da sie auf diese Weise sein gänzliches Vertrauen und seine Freundschaft gewonnen hatte, so ging sie weiter. Sie stiftete eine kleine fromme Gesellschaft, die ihre Zusammenkünfte heimlich bei ihr hielt, wozu die Gebieterin des Hauses die Mitglieder anwarb. Anfangs waren ihre Unterhaltungen auf Gegenstände gerichtet, die auf Selmanns Gemütsbeschaffenheit paßten, mitunter wurden gute wohltätige Handlungen beschlossen und gemeinschaftlich ausgeübt. Einige Mitglieder blieben zwar nach Auflegung solcher Taxen zurück, dafür drängten sich aber andre, denen der Geruch von dieser heiligen Gesellschaft in die Nase gefahren war, haufenweise hinzu. Um Aufsehn zu vermeiden, traf man eine Wahl unter diesen freiwilligen Rekruten; genug, in kurzem war eine Gesellschaft fertig, von welcher die ganze Stadt sprach, die dieser lobte, jener tadelte, ohne daß sie einer kannte, deren System der Glaubens- und Sittenlehre jeder auswendig wußte, viele Irrlehren und viel Gutes, viel Unkraut unter dem Weizen darinne fand und wegen der Wohltätigkeiten, die sie ausübte, von aller Verdammnis lossprach; ältre Bigotte schalten diese neuen Sprößlinge wilde Ranken, falsche Brüder aus neidischer Besorgnis, daß ihr Ruhm durch ihren Anwachs verdunkelt werden möchte; andre wußten sehr viel verliebte Histörchen zu erzählen, die in diesen fleischlichen Zusammenkünften gespielt werden sollten; dieser hatte sie geistreiche herrenhutische Lieder, der andre Vaudevilles und Trinklieder singen hören; Boetius argwohnte eine Verschwörung wider den Staat, und Sempronia versicherte, daß sie falsche Diamanten machten; – je mehr man argwohnte, vermutete und erzählte, desto mehr bekam jedermann Lust, das Geheimnis der Gesellschaft zu erforschen, man verlangte darunter aufgenommen zu sein, und viele, die gern bemerkt sein wollten, logen, daß sie dazu gehörten.

Emilie stutzte nicht wenig, als sie ihre Privatkomödie zu dem Gespräche des Publikums werden sah; so schwer ihr auch die bigotte Rolle in der Länge wurde, so konnte sie nunmehr die Larve so bald nicht wegwerfen; sie mußte aus allen Kräften sich bestreben, um sich dabei zu erhalten. Die meisten Neugierigen, die sich bei ihr eindrangen, blieben sogleich wieder weg, wenn sie nicht hypochondrisch oder hektisch waren oder nicht eine anderweitige Ursache sie dabei erhielt.

Placidia fand in der Vormittagskirche, daß ihre Nachbarin, eine Frau von viel geringerem Stande als sie, eine kostbare Garnitur auf ihrem Kleide hatte, die sie sich nicht anschaffen konnte; sie ärgerte sich, und nachmittags trat sie in die fromme Gesellschaft.

Secundus und Plautina waren geizig, machten jeden nötigen Aufwand mit Widerwillen, sahen jeden Besuch, gaben jede kleine Mahlzeit ihren Freunden mit Widerwillen; man schalt sie öffentlich Filze, Geizhälse. – Sie traten in die fromme Gesellschaft, lebten wie Knicker, sie glaubten, es aus Frömmigkeit tun zu müssen und um der Frömmigkeit willen als Anfechtungen ihren üblen Ruf leiden zu müssen.

Serena wollte ihren Mann wöchentlich etliche Stunden aus dem Hause mit Zuverlässigkeit entfernt wissen, um ohne Furcht die Aufwartungen ihrer Galane annehmen zu können; sie gab ihm Geld zu guten Handlungen; er trat in die fromme Gesellschaft, und ihre Wünsche waren befriedigt.

Eugenia wußte nichts zu denken, hatte nichts zu tun, die Zeit lag ihr so schwer als der Ätna auf dem Rücken, außer der Gesellschaft kannte sie keinen Zeitvertreib, und dieser mußte sie entsagen, weil jedermann von ihrem Stande geputzter als sie ging; sie trat in die fromme Gesellschaft, brauchte sich nicht zu putzen, und die Zeit wurde ihr nicht mehr lang.

Helvidius hatte eine üppige Frau, die keine Assemblee, keinen Ball versäumen wollte; er konnte ihr nichts abschlagen. Er trat in die fromme Gesellschaft und ging unter dem gerechtesten Vorwande auf keinen Ball mehr.

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