Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Karl Wezel >

Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

21.

Man denke sich einen Menschen, der in der fröhlichsten Laune von der Welt springt und hüpft und unter dessen Füßen plötzlich der Boden einbricht – plump! fällt er durch – und nun denke man sich ihn ferner, mit welchem Erstaunen, mit welcher Niedergeschlagenheit er daliegt, bis endlich das Gefühl des Schmerzes sein Gesicht verzerrt und ihn nach Maßgebung seines Charakters wütend oder verdrießlich macht – und so hat man ein ziemlich ähnliches Bild von Selmanns Gesichte nach jener Begebenheit.

War seine guttätige Freude vorher zu einem mehr als gewöhnlichen Grade gestiegen, so sank sie itzt auch unter den gewöhnlichen Grad; aber wie kann dies anders zugehn? Warum hat er eine so warme Einbildungskraft? warum eine so heftige Empfindung, daß er andre Menschen nicht bloß besser wünscht, sondern sie besser machen will? – Wie gut seid ihr doch daran, ihr bequemen gutherzigen Seelen! Ihr sitzt im Lehnstuhle wie die epikureischen Götter und denkt: Wie wohl ist uns! – wünscht der Welt alles Liebe und Gute und könnt es ganz wohl leiden, wenn andre hübsch fleißig zu ihrem Besten arbeiten, ihr lobt sie sogar, wenn sie etwas zu euerm Nutzen beitragen, indessen daß ein Mann wie Selmann sich halb zu Tode grämt, daß ihm seine besten Absichten und Erwartungen verdorben werden; dafür habt ihr aber auch seine Freuden nicht zu genießen, die er bei jeder neuen Aussicht auf das Wohl seines Nebenmenschen unausbleiblich und in einem so reichlichen Maße empfindet. Diese hat der Rechtschaffne, der Wohlwollende für euch allen zum voraus, und ich bin sicher, er tauschte nicht mit den eurigen!

Je stärker die Sehne eines Bogens angespannt wird, je schlaffer wird sie, wenn man sie darauf fahren läßt; so etwas muß mit den Nerven der Leute vorgehn, die mit Selmannen in einer Form gegossen sind. Ein guter ehrlicher Wellwisher der menschlichen Gesellschaft, mit mittelmäßigem Kopfe und Herzen, kann bei einer mißlungnen oder gehinderten guten Unternehmung verdrießlich werden oder wohl gar zürnen, aber bei Selmannen kömmt es zu einer Verzweiflung; er grämt sich und gibt alle künftige gute Entwürfe für andre Menschen auf.

Viele Leute belieben dieses Eigensinn zu nennen; aber man glaube ihnen ja nicht! so wenig, als wenn sie jemanden einen Geizigen, einen Stolzen schelten! Man sehe sich den Mann an, den man so schimpfen will, und wenn er mit Selmanns Grade von Lebhaftigkeit denkt und empfindet, so glaube man, daß jene Beurteiler jämmerliche Philosophen sind. – Aus keiner andern Ursache sind jemals philosophische Einsiedler geworden; die Welt ging in dem Tempo eines Adagio und ihre Empfindungen wie das schnellste Presto; sie wollten die Welt mit etlichen Messerschnitten so schön und gut schnitzeln, als sie nach ihrer Zeichnung sein sollte, und nach tausend Schnitten war kaum ein dünner Span herunter; was taten sie? – Sie warfen das Messer weg und – liefen davon und, nach Beschaffenheit ihrer Lunge und ihrer Augen, mit Lachen oder Tränen.

Es tut mir unendlich leid, daß sich Selmann dieser Zunft von Menschen mit starken Schritten nähert. Sein Körper ist so ekelhaft delikat, daß er täglich mehr zu erkennen gibt, wie sehr er die reine freie Landluft und Bewegung vermißt; die alte hypochondrische Materie gerät durch die faulende Stubenluft in Gärung, und – man sollte ihn nur sehen! – er trägt auf seinem Gesichte die deutlichen Spuren, daß er in kurzem ein Misanthrop sein wird. Seine gilbichte Farbe, seine aufgelaufnen Augenlider, seine verzognen Gesichtszüge, seine verdrießliche Miene – was will man weiter? Sind das nicht alles Anzeigen der Misanthropie?

Wenn nun obendrein alle Erwartungen fehlschlagen, wenn er gleichsam gezwungen wird, alles zu verachten, was er vorher einzig hochschätzte – und Verachtung ist eine widrige Empfindung für eine gute Seele –, so muß bei einem solchen Haufen starker unangenehmer Empfindungen der Körper unterliegen, wenn er auch den Äther um Jupiters Throne atmete; und wenn sich gleich die Seele bis zur Zufriedenheit durcharbeiten will, so kann sie nicht, der Körper zieht sie zurück und –

Wenn einmal Seele und Körper in eine solche Feindschaft geraten sind, daß eins dem andern alles mögliche zum Possen und zum Schaden tut, alsdann – conclamatum est! es ist vorbei! – man müßte denn ein Mittel noch versuchen und eine Emilie zu seinem Arzte machen; kann ihn eine Nymphe nicht heilen, so bestelle er sich beizeiten ein Plätzchen in Charons Kahne; hienieden ist er von dem Augenblicke an natürlich und bürgerlich tot!

 << Kapitel 92  Kapitel 94 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.