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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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20.

Der Weg wurde augenblicklich nach Selmanns Behausung genommen, wo sie insgesamt glücklich ankamen.

Die Stoiker hatten gewiß Unrecht, sagt – ich weiß nicht, wer, daß sie mit ihren höhnischen quousque eadem? über die Einförmigkeit der menschlichen Begebenheiten sich beschwerten. – Ich sage das auch; wer Lust hat, sich zu verwundern, findet in dieser Welt vom Morgen bis zum Abend so viele Gelegenheit, sich zu verwundern, als aufgeräumte Lacher zu lachen; denn nur in diesem einzigen Absätze muß ich mich schon zweimal verwundern – und meine Leser mit mir! Was für eine Summe von Verwundrungen muß nach dieser Rechnung in einem so ansehnlichen Werke wie dies herauskommen? – Das mag Prospeer, der Bankier, berechnen! Große Summen ist mein Kopf ungewohnt.

Worüber ich mich aber wundre? – Ei, weiß denn noch niemand, daß die Hand, die Selmann auf dem Wege zu seiner Beinkleidertasche erwischte, die leibliche Hand – des jungen L. war! – je freilich! des jungen L., dessen Eintritt in die Welt und nachfolgende wunderbare Schicksale die Welt im ersten Bande gelesen hat – und die Nachwelt lesen wird.Hier strich sich der H. Verfasser gravitätisch das Kinn.

Also ist alles alltäglich in dieser Welt – qui a vécu un jour, a vécu un siècle – und doch vieles unerwartet, neu, überraschend. Hätten die Stoiker, die den Lauf der Welt so langweilig fanden, nur meinen Tobias Knaut lesen können! Was gilt's? Sie wären nicht Stoiker genug gewesen, um sich hier nicht zu verwundern, wie der junge L. so plötzlich auf das Theater kömmt.

Sein eigner mündlicher Bericht, den er Selmannen nach dem Abendessen abstattete, meldet so viel: daß er eigentlich nach der Bestimmung seines Vormundes und der übrigen Familie auf diesen Musensitz gesendet worden sei, um sich mit Studieren, Büchern und andern landverderblichen Übeln, womit eigensinnige Aufseher ihren Untergebnen die Freuden dieses Lebens verbittern, den Kopf und Magen zu schwächen; daß er es aber für seine Person sehr unzuträglich und töricht finde, sich mit philosophischen Schwärmereien oder juristischem Wörterplunder sein Gehirn zu besudeln, das sich bisher so rein und unbefleckt als im Mutterleibe erhalten hätte; daß er demnach ohne die unnötige Zuziehung seines Vormundes sich einen eignen Plan entworfen und ausgeführt habe, der ihm das akademische Jammertal zu einem Paradiese machte.

»Und welcher ist das?« fragte Selmann neugierig.

Er beichtete mit einer Offenherzigkeit, die man nur der Unschuld zutrauen sollte, ohne sich im mindsten zu schämen, daß sein Beruf gegenwärtig sei, dem verächtlichsten Teile des schönen Geschlechts tägliche Aufwartungen zu machen, zu spielen, zu singen, zu trinken und – hier wurde er rot und verstummte. – »Und was?« rief Selmann. – Der junge L. fiel auf die Knie, beschwor ihn bei seinem Wappen und Stammbaume und ließ sich von ihm bei seinem Wort und Ehre versprechen, daß das ein ewiges Geheimnis bleiben sollte, was er ihm itzt anvertrauen würde.

»Um des Himmels willen, was ist das?«

»Ich –« mit niedergeschlagnen Augen sagte er das – »ich – sammle Uhren und Geldbeutel.«

»Sie stehlen! Wie kommen Sie dazu!« – Auf diese Frage meldete er ihm, daß seine Gesellschaft aus einem Truppe junger und alter Leute bestünde, die wie er den Vorsatz hätten, die Freuden dieser Welt zu genießen; daß man ohne Geld dieses nicht bewerkstelligen könne, welches doch niemand in der Gesellschaft außer ihm besäße; daß man ihn also, als das wenige, was ihm sein geiziger Vormund gegeben, gemeinschaftlich vertan gewesen wäre, dazu angewiesen habe, Uhren und Geldbeutel zu sammeln, um sich auf fremde Unkosten lustig zu machen. – Bei dem Schlusse dieses Berichtes erfolgte eine abermalige flehentliche Bitte, nichts davon zu seiner Schande zu offenbaren, sondern der Ehre seines Standes zu schonen.

»Ja, nicht ein Wort soll über meine Zunge kommen«, sagte Selmann, »wenn Sie mir versprechen, künftig unter meiner Aufsicht zu leben und mich zu Ihrem Rentmeister zu machen!« – Er versprach es.

»Fürchteten Sie die Vorwürfe Ihres Gewissens nicht, da Sie sich zu einem solchen Gewerbe erniedrigten?« – Er sah ihn starr an.

»Hielt Sie die Ehre Ihres Standes nicht zurück?« – Er zuckte die Achseln und beteuerte, daß ihm diese mitten unter der Freude unruhige Augenblicke gemacht, daß er oft bei seinen kleinen Räubereien daran gedacht habe, in welchen Zorn seine Familie geraten würde, wenn sie seine Lebensart erführe; »allein wenn meine Gesellschaft bei mir war«, setzte er hinzu, »so befand ich mich so wohl, daß ich alles das wieder vergaß.«

Seine Entdeckung und Erkennung war durch meinen Tobias geschehen, dem die große Narbe, welche ihm der junge L. einstmals bei dem Scheibenschießen durch einen unversehenen Stoß mit dem Ladestocke auf dem linken Backen gemacht hatte, gewaltig zu jucken anfing, sobald er ihn gewahr wurde. Er verstand zwar gleich anfangs den Sinn dieser Vorbedeutung nicht; doch in der Folge ließ sich sein neuer Stubengenosse an einem fröhlichen Abende die Erzählung etlicher Jugendstreiche entwischen, worinne Tobias selbst eine handelnde Person gewesen war, und die alte Bekanntschaft wurde erneuert.

Selmann hatte wirklich aus etlichen guten Anzeigen, aus der Offenherzigkeit, mit welcher der junge Mensch ihm seine Vergehungen anvertraute, aus der Reue, die er darüber zu empfinden schien, aus der Bereitwilligkeit, mit welcher er sich seiner Führung überließ, die gute Hoffnung gefaßt, ihn aus seinen Lastern herauszuziehn und seiner Familie wiederzuschenken. Diese Aussicht versüßte ihm den Verdruß, worein er bisher versunken war. Er schöpfte gleichsam wieder frische Luft und stellte sich schon die Freude der Anverwandten über die Besserung des jungen L., das Glück, das er dem jungen Verirrten dadurch verschaffte, und das Gute, das er bei gebesserter Denkungsart seine künftigen Untergebnen, seine künftige Familie bis ins dritte und vierte Glied würde genießen lassen, so lebhaft vor, daß er zween Sprünge in der Stube hin tat.

Unglücklich, daß ein neuer Unstern den Lauf seiner Freude nicht nur unterbrechen, sondern sogar gänzlich hemmen mußte! – Und dies war eben die zweite Verwundrung, die ich oben ankündigte.

Die bisherigen Gesellschafter des jungen L. vermißten ihn sehr bald; sie forschten um soviel eifriger nach ihm, da er jeden Tag auf einen Geldtransport von seinem Vormunde wartete, bei dessen Ankunft sie sich reichliche Ernte versprachen. Endlich kundschafteten sie seinen Aufenthalt aus und erfuhren zu gleicher Zeit den Besserungsplan, den ihm Selmann vorgeschlagen und sogar annehmlich gemacht hatte. Sie fanden ihn höchst töricht und hielten es ihrer Pflicht gemäß, ihren verführten Kameraden aus seiner Verblendung zu reißen; auf der andern Seite waren sie sehr ungehalten, daß er bei dem ersten großen Probestücke seiner Geschicklichkeit so wenig für seine Ehre gesorgt und sich gar hatte ertappen lassen. Fast hätten sie ihn zur Bestrafung dafür in seinem traurigen Zustande gelassen, wenn nicht ein altes dickbauchichtes Mitglied, nach Sir John Falstaffs Schnitte, das Interesse des Ordens besser eingesehn und angeraten hätte, das gehoffte Geld mit ihm erst zu genießen und alsdann durch eine völlige Ausschließung ihn zu züchtigen.

Man machte Anstalten und wählte den Sophronius zur Maschine dieser Absichten. Es wurde ihm heimlich ein Brief ohne Unterschrift eingehändigt, worinne man ihn freundschaftlich warnte, aus allen seinen Kräften an der Entfernung des jungen L. aus seinem Hause zu arbeiten, und ihm zugleich durch die Entdeckung eines Anschlags bange machte, der auf den Untergang seiner beweglichen und unbeweglichen Güter abzielte; man wußte es ihm wahrscheinlich zu machen, daß sein neuer Hausgenosse ein abgeschickter Kundschafter von einer Bande sei, die ihre schändlichen Absichten in wenig Tagen ausführen würde, wenn er nicht schnell zuvorkäme. Sophronius, ohne Vernunft und Philosophie zu Rate zu ziehn, glaubte das Märchen, war vom Wirbel bis zur Fußzehe voller Angst und drang mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit bei Selmannen darauf, daß er den jungen L. aus dem Hause entfernen sollte. Dieser tat ihm alle mögliche Vorstellungen, erzählte ihm die Geschichte des jungen Menschen und die Absichten, die er gegen ihn hätte, die guten Hoffnungen, seinen guten Anschein zur Besserung – nichts half! Sophronius bestand auf seinem Sinne und drohte mit Gewalt. Selmann bat, der Ehre des Jünglings zu schonen und ihn nicht öffentlicher Schande auszusetzen, erbot sich zu einer Bürgschaft für ihn – umsonst! Sophronius ging mit der Bedeutung fort, daß er ihn augenblicklich in Verhaft nehmen lassen werde.

Es geschah. Die Anklage des Sophronius wurde nach einer kurzen Untersuchung als lächerlich, ohne sichern Grund befunden und folglich abgewiesen, der junge L. auf freien Fuß gestellt. Sobald seine Kameraden dies hörten, paßten sie ihm auf, und da er des Abends aus dem Verhafte gelassen wurde, umringten sie ihn, führten ihn in ein Bordell und machten ihn durch eine einzige Nacht sich wieder gleich. – Du weiser Sophronius! Zehn moralische Werke aus deiner Fabrik können diesen Schaden nicht ersetzen.

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