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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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19.

Fiat applicatio!

Selmann fand weder den Sophronius noch den Alfimandus mit sich gleichstimmig und verschiedene andre, die er kennenlernte, ebensowenig – dies machte ihn unzufrieden.

Er fand sich in seiner großen Meinung von ihnen betrogen – dies machte ihn unwillig.

Er fand einige wichtige Flecken an etlichen Mitgliedern des gelehrten Ordens, für den er sonst nur um derentwillen Hochachtung hatte, die ihm itzt durch diese Flecken unerträglich geworden waren – nun braucht es keinen einzigen Schritt mehr, und er verachtet uns allesamt so sehr, als er uns vorher übertriebne Ehre erwies.

So geschah es auch. – Je höher ein Gewicht an einer Rolle aufgezogen worden ist, je schneller fährt es herunter, wenn wir die Rolle fahrenlassen; so geht es mit Liebe und Hochachtung, und bei Selmannen ging dies so geschwind zu, daß er kaum ein Vierteljahr in  gewesen war, als er es schon zu verlassen wünschte.

Nichts trug nächst dem zu seiner Verachtung des gelehrten Standes so viel bei als die Bekanntschaft mit einem Manne, der ihn mit allen seinen Mitbrüdern wieder hätte aussöhnen sollen, mit einem Manne, der mit Genie, Belesenheit, Geschmack, Politur und andren Eigenschaften glänzte, die einen Gelehrten empfehlen können. Er war im eigentlichen Verstande ein Abenteurer und, dem Ansehen nach, durch eine zu große Lebhaftigkeit seiner Empfindungen, die ihn keine feste Entschließung nehmen ließ, dazu geworden. Alles, was nur auf eine menschliche Seele Eindruck zu machen vermögend ist, riß ihn gleich so stark hin, daß er alle seine vorigen Wünsche und Neigungen auf der Stelle vergaß. Er war aus einer Fakultät in die andre, aus einem Lande in das andre gewandert, hatte jedesmal geglaubt, daß er zu der Wissenschaft, die er eben trieb, eine unmittelbare Bestimmung habe und das Land, wo er sich eben aufhielt, für ihn geschaffen sei, und – nur eine Annehmlichkeit, nur ein Reiz durfte sich ihm an einer neuen Wissenschaft auf einer einnehmenden Seite zeigen, so war ihm die alte so verhaßt, als sie ihn vielleicht vorher entzückt hatte; er ließ Aussichten, Erwartungen, Versprechungen in die Luft zerfliegen und folgte seinem neuen Antriebe. Itzt war er in der verdrießlichen Lage, wie Alexander der Große am Ende seiner Eroberungen; er beklagte es, daß keine Wissenschaft mehr existierte, die er nicht schon getrieben hatte, oder keine Brücke bis in den Mond gebaut war, damit er dort für seine Unbeständigkeit neue Beute suchen könnte. Aus diesem Grunde begegnete er der Gelehrsamkeit wie die Schmarotzer, die ihre Freunde mit Schmeicheleien bis zum Himmel erheben, solange sie gutes Essen und Ergötzlichkeiten bei ihnen genießen, und sie mit der tiefsten Verachtung in Staub und Asche erniedrigen, sobald jene nichts mehr zu geben haben. Der Undankbare! Er hatte alle Vergnügungen seines verfloßnen Lebens den Wissenschaften zu verdanken, und gleichwohl schmähte er sie itzt als die niedrigsten Diener; wäre es möglich gewesen, er hätte sie um Ehre und guten Namen gebracht und, wie leicht zu erachten, alle ihre Freunde und Liebhaber dazu. Die armen Musen mußten sich von ihm mißhandeln lassen! Wäre er am Leben geblieben, so hätte er, glaube ich, wie Cornelius Agrippa ein Pasquillchen de vanitate scientiarum verfertigt und Apoll und Musen als Marktschreier geschildert.

Gerade zu der Zeit, als Selmann von dem Elbucius zurückkam und voller Verdruß über seine abermals getäuschte Erwartung sich in einem Garten auf einer Rasenbank niedersetzte, mußte das Geschick jenen Mann zu ihm führen, der imstande gewesen wäre, seine üble Laune zur Melancholie zu machen. Zween Mißvergnügte erkennen einander gleich bei dem ersten Anblicke so gut als zween Freimaurer. Nicht lange währte es hier, als der Zufall einen kleinen Lärm in der Ferne entstehen ließ, und eine Frage, was es wäre? brachte beide ins Gespräch. Man tat, wie zwischen zwei fremden Menschenfiguren gewöhnlich ist, noch einige Nachfragen auf beiden Seiten, bis Selmann den Elbucius nannte.

»Ha!« sagte der andre trocken, »Elbucius ist ein Aftergelehrter, ein Zwitter, der weder Weltmann noch Gelehrter ist und sich für beides hält. Ich kenne ihn seit langen Zeiten. Seine Kenntnisse sind nicht allein superfiziell, sondern auch eingeschränkt, halb gefaßt und von ihm selbst unbearbeitet. Er schrieb doch unter vielen Zerstreuungen, und da ihm der Beifall einer Gesellschaft, die er zu lachen machte, leichter wurde als der Beifall der Welt, so wählte er lieber jenen und machte auf diesen weiter keinen Anspruch. Seine Späße, sein sogenannter Witz, wurde alt, er wiederholte sich täglich, jedermann wußte seine Erzählungen auswendig, und niemand lachte folglich mehr; dies machte ihn ärgerlich, der Trieb nach Beifall quälte ihn, er konnte ihn nirgends befriedigen; und aus Verdruß ergriff er ein Handwerk, wo er sich an allen denjenigen rächte, die nach der Beute strebten oder sie wirklich erlangt hatten, die ihm das Glück schlechterdings zu versagen schien – er wurde ein Rezensent. Er war ein wirklicher Korsar in der gelehrten Welt, der besonders neuen Schriftstellern aufpaßte; je mehr einer Verdienste hatte, je mehr er Hoffnung von sich gab, desto mehr war er sein Feind; sobald er etwas von seiner Arbeit ausspähte – und er war immer der erste –, so schoß er darauf los, und bisweilen gelang es ihm wirklich, den Beifall eines Mannes, dessen Ruhm noch nicht befestigt war, zu schmälern. Er erhub sich selbst zu einem Aufseher über den Geschmack der Nation; er müßte Achtung geben, wandte er vor, damit das Publikum nicht von falschem Schimmer geblendet oder durch Autorkunstgriffe verführt würde, seinen Weihrauch am unrechten Orte mit zu voller Hand zu verschwenden. Jede Schrift, diejenigen am meisten, wo die Zergliederung das Vergnügen unmittelbar stört, legte er mit der ängstlichsten Sorgfalt auseinander, verglich Stück für Stück mit seinen individuellen oder den angenommnen Begriffen von Schönheit; und bei dieser Methode konnte es gar nicht fehlen, daß er mit den blendendsten Gründen Schönheiten wegräsonierte und Fehler hinein demonstrierte. Durch eine solche Zergliederung getraue ich mir auf die bündigste Weise Homeren und Virgilen um ihren Ruhm zu bringen, wenn sie itzt anfingen zu dichten.«

Selm.: »Wie konnte ihm aber die Welt glauben?«

»Wissen Sie nicht, worauf es bei den Menschen am meisten ankömmt? – Nicht auf Gründe! Nein, man muß ihnen eine Sache oft sagen! Das ist das ganze Geheimnis, sie zu überreden; die Gründe sind nur zum Staate, um derentwillen niemand eine Handbreit mehr glaubt. Ist es zum Nachteil eines Mannes, der durch seine Größe Neid erweckt – und Neid erweckt ein Schriftsteller allemal, selbst bei denen, die ihn loben – so braucht es um soviel weniger oft wiederholt zu werden und um soviel weniger Gründe. Dadurch hatte Elbucius Kredit erlangt; er schmähte, er setzte jedermann herunter und allemal aus Gründen; das Publikum erhielt dadurch eine Gelegenheit, seinen Neid zu befriedigen, das Verdienst zu erniedrigen und doch zu seiner Vernunft sagen zu können: Ich tue es aus Gründen! – Endlich da er seinen Kredit bestätigt genug glaubte, ließ er diesen überflüssigen Staat weg und verkleinerte ohne Gründe. Er schmähte auf die unverschämteste Weise; wen er nicht zu schmähen wagte, machte er wenigstens verdächtig und erhielt meistens seinen Endzweck zum Teil.«

Selm.: »Himmel! wie ist der Geist der Gelehrten gesunken!«

»Er ist es nicht, denn beständig ist dies der Lauf der gelehrten Welt gewesen. Wenn sich jedermann polierte, jedermann sich scheute, dem andern etwas Unangenehmes zu sagen oder seine Schwachheiten und Fehler geradezu vor den Kopf zu stoßen, wenn jedermann es als eine Grobheit, einen Mangel an Lebensart tadelte, nicht mit Bescheidenheit und Schonung einem andern seine Versehen vorzuhalten – genug, wenn in allen Ständen Politesse herrschte, so war der Gelehrte die einzige Ausnahme davon.«

»Das wird Ihnen schwer zu beweisen sein!« sagte Selmann.

»Im geringsten nicht! – Sie kennen die gegenwärtigen Sitten unsrer Nation; Sie wissen, wie wenig sie ihren Nachbarn an Politur nachgeben darf, die sich an vielen Orten bis auf die geringsten Stände erstreckt; und sollten Sie wohl, wenn Sie unsre meisten Rezensionen läsen und die Nation, ohne sie zu kennen, darnach beurteilten – sollten Sie uns für etwas mehr als einen Haufen Irokesen halten? – Nicht Satire! Pasquill ist eine jede! in dem unverschämtesten, unanständigsten Tone! Ich habe feine erleuchtete Männer gekannt, die um dieser gegenseitigen Mißhandlungen willen die Gelehrten als eine Herde zänkischer Weiber betrachteten, die wie die Klopffechter öffentlich auftreten, um das Publikum zu belustigen, denen man also keine Ehre zugestehen kann, weil sie auf eine so verächtliche Art verschwendrisch damit umgehen.«

»Ich gebe Ihnen zu, daß Sie und diese Männer in Ansehung des großen Haufens Recht haben; ich habe selbst mit Ärger und Erstaunen dergleichen entehrende Urteile – wie sie genennt wurden – vor ein paar Tagen gelesen. Ich zitterte, ich glühte, als ich sie las. – Aber ein Mann, der Offenherzigkeit genug besitzt, einem Verfasser seine Fehler anzuzeigen, und Geschicklichkeit genug, dies ohne Verletzung der Politesse zu tun; der ohne Anmaßung von Unfehlbarkeit oder richterlicher Entscheidung mir seine Empfindungen bei meinem Werke und das daher gefloßne Urteil bekannt macht, ohne es für etwas mehr als für das einzelne Urteil eines Menschen angesehen wissen zu wollen – und alles dies aus Eifer für die Ehre und die Kultur der Nation, um gute Köpfe, die zu diesen Endzwecken arbeiten wollen, in ihren Bemühungen zu leiten, aufzumuntern und schlechte zurückzuhalten, doch ohne zu gebieten oder zu mißhandeln – sagen Sie mir, halten Sie einen solchen Rezensenten nicht für ein wichtiges Mitglied der gelehrten Republik? dessen Ehrensäule unmittelbar neben dem Monumente des Autors stehen sollte, den er durch seinen liebreichen freundschaftlichen Rat gebildet, der Nation gleichsam erzogen hat?«

»Ja, sagen Sie mir, wo ist ein solcher?«

»Ich habe deren gefunden; noch gestern las ich – und fand –«

Bei diesen Worten griff er in die Beinkleidertasche und erhaschte – eine fremde Hand – sah sich stillschweigend um und erblickte ihren Besitzer, der betäubt dastund und nicht wußte, ob er träumend oder wachend gehascht worden war. – »Was suchtest du hier?« fragte Selmann sehr gütig. – Die Antwort blieb außen. Sein Gesellschafter wiederholte die Frage in einem etwas hastigem Tone und faßte dabei den Delinquenten bei dem rechten Ohrzipfel. Er blieb ohne Bewegung. Man setzte das Verhör fort; er beharrte in seiner Stummheit. Selmann versprach ihm, aus seiner ehmaligen Begierde nach sonderbaren Menschen, acht Tage Unterhalt, wenn er ihm folgen wollte. Er tat es ohne Verzug, doch ohne seine Stimme mit einem Worte zu verraten.

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