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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 90
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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18.

O will denn niemand die Ehre des gelehrten Ordens retten und ihm die gute Meinung eines rechtschaffnen Mannes erhalten? – Noch ein paar solche Stöße! so ist es um sie geschehn. Zwar sollte man nicht vermuten, daß ein so billig denkender Mann als Selmann um zweier oder dreier Auswüchse willen einen ganzen Körper, wo nicht hassen, doch weniger oder beinahe gar nicht schätzen sollte. Vermuten sollte man es nicht; aber geschehen kann es deswegen immer.

Die Wüste Sahara mit ihren wilden Menschen und Tieren, alle Wüsten in Asien und Amerika sind für einen Sterblichen nicht schrecklicher als ein Ort, wo niemand seine Meinungen, seine Grundsätze, seine Empfindungen hat; in der Einsamkeit genießt er wenigstens das Glück, mit niemanden uneins zu sein, wenn er es nicht endlich mit sich selbst wird; aber dort muß er entweder vom Morgen bis zum Abend Unrecht behalten oder seine Meinungen durchfechten und andrer Gunst aufopfern oder ohne Weitläuftigkeiten in die Einsamkeit flüchten. Einen Menschen, der Empfindung und also auch Trieb besitzt, mit andern Geschöpfen seiner Art gesellige Verbindungen zu suchen, ihren Beifall zu erwerben, andre zu lieben und geliebt zu werden – einen solchen Menschen setze man unter einen Haufen, denen die Eingeschränktheit des Geistes und des Gefühls verbietet, mit ihm gleichförmig zu denken und zu empfinden – einen Demokrit nach Abdera, einen Pindar nach Böotien, wo alle Nachbarn und Bekannte weit unter ihnen stehen und sie sich also herabstimmen müssen, wenn sie Gesellschafter und Freunde erlangen wollen; sind alsdann solche Leute durch diese Uneinigkeit der Natur und des Schicksals nicht gleichsam an einen Abgrund gestellt, wo sie rechts und links nicht ausweichen können? Entweder müssen sie ihren Kopf und ihr Herz nach dem Tone ihrer Mitbürger umstimmen – das läßt die Vortrefflichkeit ihrer Natur nicht zu – oder müssen sie unter unangenehmen Empfindungen beständig mit niemanden gleichförmig sein – das ist ein Leben so bitter als der Tod; – was zu tun? Sie müssen in den Abgrund, in die Einsamkeit sich werfen, es hilft nichts!

Dies war ein Fall, der nur in Abdera und Böotien stattfindet; man setze einen gelindern! – Was wird ein Mann, wie er vorhin beschrieben wurde, unter lauter Menschen tun, die zwar wenig und zum Teil gar nicht unter ihm sind, wovon aber keiner mit ihm einstimmt? wo er in keinem sich selbst findet? – Ich antworte nicht; man frage sich selbst!

Was ist aber auch das für ein unerträglicher Stolz, nicht eher andre Menschen schätzen oder sie lieben zu wollen, als bis man sich in ihnen findet? – Alle Nachkommen Adams handeln so, von der dümmsten Kreatur bis zur höchsten Staffel menschlicher Geister; deswegen vermieden die Abderiten den Demokrit und Demokrit die Abderiten; deswegen fand Diogenes keinen Menschen in Athen bei Tageslichte und Laternenscheine; deswegen ist der Philosoph mit der Welt unzufrieden und die Welt mit ihm; deswegen nehmt ihr Menschenkinder insgesamt, auf welcher Sprosse in der Leiter vernünftiger Geschöpfe ihr auch stehen möget – insgesamt nehmt ihr dem Diogenes die Laterne, sucht und sucht und glaubt nicht eher gefunden zu haben, als bis ihr einen gefunden habt, der mit euch auf einer Sprosse steht. – Ob ihr dies aus einem verderbten Stolze tut oder weil es ein Gesetz der Natur ist, daß sich nur gleich und gleich vereinigt, das will ich nicht entscheiden; aber wenn es alle Menschen tun, so – wollte ich zum voraus erinnern – darf man es auch Selmannen nicht verargen oder seine Billigkeit antasten, wenn er es wie alle Menschen machen wird.

Man setze obendrein noch einen verdrießlichen Fall, der in dieser Welt nicht selten ist, wo die Einbildung immer wacht,

Uns armes Völkchen zu betrügen,
Wo man's nicht zählen kann, wie oft sie nach Vergnügen,
Nach Zeitvertreib, nach Glück uns zum Aprile schickt;
In einem Tage nur! Nun zähle man im Jahre!

– den verdrießlichen Fall, daß wir mit der lebhaftesten Erwartung eines großen Vergnügens einem solchen Orte zueilten und am Ende statt der goldnen Äpfel der Hesperiden, die wir uns versprachen, nur saure Feldbirnen erhaschten; – ich wette, wir täten insgesamt nichts mehr und weniger, als jener herzensgute Mann, der gern Rebhühnerpasteten aß und, als er einst eine öffnete, auf welche er sich ungemein gefreut hatte, elende Sägespäne darinne fand – wir würfen die Pastete unter den Tisch und äßen die Pasteten nicht halb so gern mehr oder, wenn wir es recht arg machen wollten, zeitlebens keine mehr.

Und das ist eben die unselige Klippe, an welcher schon so mancher Ruhm, so mancher große Name, so manche gute Meinung gescheitert ist! – T++ faßte alles, was er nach seinen Begriffen für Vollkommenheit hielt, in eins zusammen und dachte sich darunter den Gelehrten Euklides, dachte sich ihn so, als er zu ihm in die Stube trat, und als den schlechtesten Sterblichen, da er von ihm wegging. – Unsre Seele rächt sich alsdann gleichsam für unsre getäuschte Erwartung und malt uns die Sache um viele Grade schlechter ab, als sie eigentlich ist, weil wir sie nicht völlig so fanden, wie wir sie uns vorstellten.

Nun durfte vollends T++ wenige Gelehrte gesehn und sich die ganze Zunft nach seinem Bilde vom Euklides vorgestellt haben, so war durch diese einzige Täuschung seiner Erwartung der ganze Orden um seine gute Meinung gebracht. Das ist der allgemeine Lauf der Geisterwelt hienieden: Ein Ding, das unser Mißfallen erweckt, macht uns alle mißfällig, die mit ihm in eine Klasse oder zu ihm gehören. – Korinnis haßt alle Gesangbücher, weil sie die Gräfin A++ neulich bei einem antraf und die Nase rümpfte; Servanda haßt alle flornen Enveloppen, weil man neulich von der ihrigen sagte, daß sie ihren gelben Hals zu sehr durchschimmern lasse; Aurelia schmäht auf alle Schriften des Alkantnes, weil er in einer sagte, daß ein Frauenzimmer nur so viel Schönheit habe, als sie Verstand besitzt. – O wie viele dergleichen Fehlsprünge vom einzelnen aufs Ganze könnte man in einem Tage zählen, wenn man Haussuchung tun dürfte!

Und auch der gescheuteste Sterbliche ist nicht auszunehmen! – Jean-Jacques war von etlichen Gelehrten beleidigt worden, er hatte einige dieses Namens Unwürdige gesehn, er hatte einige Verderbnisse entdeckt, die Folgen oder begleitende Nebenumstände von Künsten, Wissenschaften und Polizierung waren, und siehe da! – ohne allen Anstand wirft er alle Künste, Wissenschaften, Gelehrsamkeit, Zivilisierung zur Welt hinaus und alle Leute hinterdrein, die nicht Huronen sind. – Wie viele Philosophen machen das ganze Menschengeschlecht zu einem Haufen hinterlistiger Füchse, habsüchtiger Wölfe, tändelnder Kinder, weil die wenigen, die sie sahen, dies waren! – Ja, dies muß sogar den größten Weisen am meisten widerfahren; denn je größer der Kopf, je lebhafter seine Empfindung, je schneller seine Sprünge von einer Idee auf die verwandten! – Und, unter uns gesagt, unsre Systeme von der Moralität der Menschen sind meistenteils so entstanden! Wir stellen uns das Menschengeschlecht gradweise gut oder böse vor, nachdem die wenigen Menschen, die uns umgeben, eins von beiden für uns sind.

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