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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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7.

Am öftersten ereigneten sich dergleichen Auftritte im Geschmacke des italienischen Theaters, bei Gelegenheit seiner Lieblingszeitvertreibe.

Es gibt Meinungen, die, wie das Geld aus einer Hand in die andre, aus einem Kopf in den andern gehen, ebenso wie das Geld bald beinahe vollwichtig, bald einen Gran oder mehr zu leicht sind, in und außer Kurs gesetzt werden und bei jedem Besitzer unterwegs durch etwas Schmutz zuweilen mehr oder weniger unscheinbar gemacht werden. In dieser Nationalphilosophie – in manchen Fällen könnte sie eine Urbal-, eine Familialphilosophie, heißen – ist ein Artikel, der der Natur schuld gibt, daß sie Kinder schon das im kleinen zu verrichten antreibe, was sie als Männer zu tun bestimmt wären, und daß also das Kind das Modell von dem Manne sei. Wahres ist genug in dieser Meinung, unter gewissen Ausnahmen, wie in allen solchen allgemein angenommnen Sätzen: Sie haben ihren innerlichen Gehalt; der Philosoph muß die äußerliche Unsauberkeit, die sie verunstaltet, abwischen und sie nach dem Münzfuße probieren; zuweilen muß er mit einem feinen Stichel dem Gepräge nachhelfen oder ein paar Buchstaben gar hinzu ätzen, aber allzeit belehren, wie die Aufschrift auf beiden Seiten gelesen und verstanden werden soll. Gewiß ist es, daß die Gegenstände, an welchen wir unsre ersten Erfahrungen machen, die Art, wie sie auf uns wirken – daß die Personen, von welchen wir die ersten Elemente der Sprache und zugleich auch der menschlichen Erkenntnis lernen, ihr Betragen gegen uns und andre, sogar ihre Gebärden, ihre Mienen – daß endlich der Fluß, in welchen unsre Lebensgeister zufälligerweise durch die äußerlichen Ursachen der Luft, der Witterung usf. oder durch die innern Bewegungen der Maschine, durch die Wirkungen der Speisen in den ersten Jahren gesetzt werden – daß alle diese Umstände zusammengenommen und vielleicht noch viele andre, die ich übersehen oder die in den genannten enthalten sind und itzt nicht so umständlich auseinandergesetzt werden können – daß alle diese Umstände, sage ich, der erste Boden und folglich auch der erste Nahrungsstoff für unsern Charakter sind. Die Natur gibt den Samen zur Pflanze und streut ihn aus; unsre äußern Verhältnisse in den ersten Jahren sind der aufgeschüttete Boden, wo der Same sich zur Pflanze entwickeln – denn gekeimt hat er schon vor der Geburt – und wo die entwickelte Pflanze Wurzel fassen soll; sie sind das Vehikel der Nahrung für die Pflanze, und von dieser Nahrung hängt es zum Teil ab, ob die Pflanze enge oder weite Röhren, geschmeidige oder starre Fasern, viel oder wenig Marks haben soll. – Hernach mag andrer Boden hinzugeschüttet werden, der ganz andre Nahrungsteile enthält, die Pflanze mag in ein fremdes Klima versetzt werden; ihre Bestandteile werden freilich verändert, die alte Materie verfliegt, aber die neue setzt sich doch immer in der alten Form an, oder das ganze Gewächs erstirbt.

Die ihr in der Person eines Kindes den moralischen Charakter einer ganzen Familie und also auch meistenteils ihr Schicksal in euren Händen habt und so willkürlich als der Töpfer mit seinem Tone und oft auch so verächtlich damit umgeht!, ihr Ammen, Kinderweiber, Kinderwärterinnen, Gouvernantinnen, Hofmeisterinnen – oder was für ehrwürdige Namen ihr Aufseherinnen der ersten Jugend weiter führen mögt! – und ihr Eltern, die das Schicksal arm genug sein ließ, um eure Kinder nicht durch andre, sondern durch euch selbst zu verwahrlosen!, möchtet ihr doch nur diese einzige Seite in meinem Buche lesen und sie – verstehen, so verstehen, daß ihr wenigstens die Wichtigkeit eurer Pflicht und euren Einfluß in die Wohlfahrt der Familien und des ganzen Staates lerntet! Und könntet ihr sie vollends so verstehen, daß sie euch mit einem kleinen Winke den Weg wies, alle eure Pflichten zu erkennen und auszuüben, und ihr ihn hernach selbst durch eignes Nachdenken weiter fändet – oder noch besser, wenn ich eine glückliche Methode wüßte, euch dieses Nachdenken einzupfropfen und darauf euch dieses Kapitel statt einer Magenarznei zu lesen gäbe –, ich bildete mir ein, mehr Verdienst um den Staat zu haben als Doktor Pamphilius, der auf vierzig Foliobogen die Ansprüche eines Hauses auf ein Stück Land, drei Meilen lang, zwei Meilen breit, wortreich und gründlich bewies – mehr als der gelehrte Abulfaragius, der die Leute vom Tode errettet, damit sie sich nach ihrer Genesung wundern können, daß während ihrer Krankheit die Auflagen so unmenschlich vermehrt worden sind – mehr als alle Politici, Ecclesiastici, Juridici und wie die verdienstvollen Leute der Staaten weiter heißen mögen.

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