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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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17.

Auf Selmannen tat die Begebenheit einen widrigen Eindruck. Er fühlte eine Erniedrigung seines Geschlechtes dabei; er verachtete die Frau, die so tyrannisieren konnte, und ihren sklavischen Ehemann, der sich so tyrannisieren ließ; dieser hatte sich schon vorher um seine Hochachtung gebracht, und Selmann war in der unangenehmen Verfassung, einen Mann nicht hochachten zu können, den er gern hochachten möchte.

Die Schale, worinne seine Meinung von den Gelehrten lag, hatte schon etliche Gran von ihrem Gewichte verloren; doch das war Kleinigkeit! deswegen rührte sich die Zunge in der Waage noch nicht. Er beschloß noch andre Männer aus ihrer Zunft in Augenschein zu nehmen, die er unbekannterweise nicht geringer schätzte als sonst den Sophronius. Unter diesen war Alfimandus der erste, den er besuchte.

Er kannte diesen Mann gleichfalls, wie man die Gelehrten gemeiniglich kennt – aus seinen Schriften. Beide Teile gewinnen oft, verlieren oft bei dieser Art von Bekanntschaft; in dem gegenwärtigen Falle war Alfimandus der gewinnende Teil, solange als keine persönliche Bekanntschaft daraus wurde. – Selmann hatte sich in der ersten Wahl eines Lehrers für seine Gemeine geirrt; er hatte auf fremde Empfehlung einen Mann voll guter Eigenschaften in ihm zu finden geglaubt, und er bewies sich in der Folge als den unruhigsten Kopf, den unleidlichsten Misanthropen. Besonders war er ein falscher Eiferer für sein Lehrsystem, hatte etliche Zweifel seines Patrons wider einige Stücke desselben gehört, falsch verstanden und hielt sich, ich weiß nicht, aus welchen Gründen, für verpflichtet, eine öffentliche Widerlegung dieser Bedenklichkeiten zu unternehmen, die er etliche Sonntage hintereinander in ziemlich polemischer Form fortsetzte. Der ganze Vortrag war so deutlich, daß Selmann keine schwere Auslegungskunst nötig hatte, um das Ziel zu finden, auf welches er seine Schüsse tat; doch schwieg er lange. Der Eifer des Pfarrs wurde durch diese Nachsicht zur Flamme und seine Predigten wilde Widerlegungen von einem Ende bis zum andern; endlich fehlte nichts mehr, als daß er auf Selmannen, wie jener ehrliche Pater auf Ludwig XIV., mit den Fingern wies und ausrief: »Hic est ille vir! das ist der Mann, den ich vor der christlichen Gemeine herausfodre, mit dem ich wie mit einem Ungläubigen streite!« – Selmann ersuchte ihn mit der sanftsten Güte, seine Feldzüge wider ihn zu endigen und statt unnützer Polemik seine Zuhörer mit unterrichtenden rührenden Wahrheiten zu unterhalten, es ihm zu überlassen, was für Begriffe und Meinungen er für sich nach seiner besten Vernunft annähme, und diesen Punkt niemals an einem Orte zu berühren, wo er so leicht mißverstanden werden könnte. Diese Güte, die bei dem Abschiede in die freundschaftlichste Umarmung ausbrach, hatte bei weitem nicht die Wirkung, die sie auf ein billiges Gemüte haben sollte; sie reizte vielmehr den unbedachtsamen Eiferer, der sie als einen Sieg der Wahrheit über den Unglauben betrachtete. Die Kanzel blieb wie zuvor ein beständiger Fechtplatz; er schrie und stritt mit Luftgespenstern und Strohmännern, bis ihm der Tod die Kehle so gewaltig zudrückte, daß er kein Wort mehr sagen konnte.

Mitten unter diesen kriegerischen Unruhen, die Selmann mit der äußersten Bekümmernis erduldete, bekam er eine Schrift vom Alfimandus zu Gesichte, wo sich ihm bei dem ersten Aufschlagen eine Stelle darbot, die für seine gegenwärtige Situation aufgesetzt zu sein schien. Sie sagte über den Eifer für die Wahrheit gerade das, was er gesagt haben würde, wenn er darüber geschrieben hätte; der Mann schien ihm seine Ideen aus dem Kopfe gestohlen zu haben. Man weiß schon, was für eine Empfehlung dies für ein Buch ist, und vollends in einem Artikel, der uns am Herzen liegt, wo es eine Beruhigung ist, einen Menschen zu finden, der mit uns gleichförmig denkt. Er verschlang den übrigen Teil des Buchs, und ob es ihm gleich bisweilen sehr mittelmäßig schmeckte, so war doch sein Geschmack durch den ersten Bissen so verstimmt, daß er dies erträgliche Buch vortrefflich fand und dem Verfasser desselben seine Hochachtung und Verehrung schenkte, die itzt, da er über Alfimandus' Schwelle trat, noch so unverändert als bei ihrer ersten Entstehung war. – Alfimandus, dies beiher zu sagen, bekleidete eine ansehnliche Würde.

Selmann wurde vor ihm gelassen. Der Prälat rückte statt der Bewillkommung seine ehrwürdige Federmütze auf einen bequemern Platz und erwartete mit auf den Rücken geschlagnen Händen den Antrag seines Gastes. – »Was wollen Sie?« fragte er und schlug den blumenreichen stoffnen Schlafrock zusammen, indem er es fragte. Selmann legte ihm auf seine Frage aufrichtig seine Hochachtung für seine geheiligte Person an den Tag und lobte das Buch, das ihm Alfimandus' Verdienste zuerst bekannt gemacht hatte, so sehr, als er von dem Werte desselben überzeugt war.

Alfimandus lächelte wie ein junger Gott, wenn ihm jemand Weihrauch auf seinen Altar wirft.

Selmann fuhr im Gespräche fort, kam auf eine Schrift des gelehrten Annicerius von ähnlichem Inhalte und lobte sie mit der nämlichen Überzeugung.

»Sie stellen mich in eine üble Nachbarschaft«, sagte Alfimandus mit gerümpfter Nase. »Der seichte Mann ist nicht wert, daß er mir die Schuhriemen auflöst.«

»Wenigstens muß man ihm doch den Ruhm lassen, daß er vortrefflich schreibt – «

»Ja, er schreibt wie ein Petitmaitre! Ein rechtes Floskelmännchen!« – wobei er lachte, daß er seinem erschütterten Bauche mit den Händen zu Hülfe kommen mußte.

»Sein Stil ist, deucht mich, nicht zu gekünstelt, angenehm und dabei gedrungen, körnicht –«

»Gedrungen – und gezwungen! – Sagen Sie mir nichts mehr von dem elenden Manne! Nichts Bündiges, nichts Gründliches, nichts Systematisches ist in seinem Buche; alles seicht! – oder gar heterodox! – Wollen Sie noch etwas?« setzte er verdrießlich hinzu und rückte den rechten Fuß in eine Lage, als wenn er sich wegbegeben wollte.

Selmann versicherte hierauf, daß es gerechte Bewundrung wäre, die ihn zu ihm geführt hätte, und daß das Verlangen, aus seinem Umgange zu lernen, ihn hier zurückhielte.

Alfimandus lächelte, blies die Backen auf und preßte sie mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zusammen, daß sie mit einem leichten Geräusche wieder in die vorige Lage verfielen. Dies war bei ihm eben das, als wenn Jupiter bei dem Homer sein unsterbliches Haupt bewegt – ein Zeichen der Erhörung.

»Ich habe«, fing er an, »ein beschwerliches, aber höchst nützliches Werk itzt unter Händen. Ich bringe alle orthodoxe Ausdrücke nach alphabetischer Ordnung zusammen, setze zu jedem erstlich explicationem, was man darüber denken und glauben soll, und dann exsecrationem wider alle diejenigen, die anders denken und glauben, als sie sollen

»Das wird aber doch nicht zu verhüten sein. So viele Menschen, so viele Meinungen –«

»Das Übel soll mein Lexicon orthodoxum abstellen.«

»So müßte es zugleich die Natur des Menschen ändern, allen Menschen einerlei denkende Kräfte, einerlei Ideen, einerlei Kenntnisse, Neigungen, Grundsätze geben –«

»Das soll es auch! Es soll allen Irrtum zum Stilleschweigen bringen.«

»Sollten sich nicht viele finden, die eben das, was Sie als Wahrheit lehren, für Irrtum halten, und zwar in der Überzeugung, daß sie es mit Recht dafür halten?«

»Das können sie nicht; denn meines ist die lautre Wahrheit.«

»So scheint es Ihnen, und Sie können es also für nichts anders als Wahrheit ansehn; einem zweiten, einem dritten scheint seine Meinung, die Sie Irrtum nennen, auch Wahrheit – «

»Das soll sie nicht; denn sie ist es nicht.«

»Wer dies sagen kann, der muß die Vollmacht haben, daß er allein bestimmen soll, was Wahrheit ist; und wer hat diese? – Solange diese niemanden gegeben ist, muß man, deucht mich, es geduldig ansehen, daß ein jeder nicht so denken kann als wir, wie es hergegen auch andre ertragen müssen, daß wir nicht so denken als sie.«

»Sie sind wohl einer von den neuen Toleranzpredigern. – Dergleichen Leute sind mir fatal.«

»Aber warum? – Wenn sie gleich zuweilen zu weit gehn, so hat doch ihre Meinung einen größern Einfluß auf das Wohl der menschlichen Gesellschaft als die entgegengesetzte, und das ist der Maßstab, nach welchem ich den Wert der Meinungen zu bestimmen achte. Jede Sache in der Welt erscheint jedem Menschen so und nicht anders, aus Ursachen, die nicht in seiner Gewalt sind. Dem Mettrie scheint die Seele materiell – vermutlich weil ihm der Zufall nur solche Erscheinungen von derselben auf einer überredenden Seite vor die Augen kommen ließ, die ihm diese Meinung aufdrangen; – einem andern erscheint sie als immateriell – aus der nämlichen Ursache; aber ich ziehe diese letzte Meinung vor, weil es heilsamer und von fruchtbarern Folgen ist, wenn sie die ganze Welt glaubt, als wenn sich die ganze Welt bloß für einen Erdenkloß hält. Wo ein solcher Maßstab nicht stattfindet, da können Menschen nicht bestimmen, was Wahrheit ist, da glaube ich gar nichts. Ich habe gefunden, daß Sie in Ihrem Buche –«

»Ja, ich habe dieses letztre in meiner Schrift de – – gesagt. Sie haben auch darinne Recht, völlig Recht.«

»Auch der gelehrte Alfridus, Ihr Kollege – «

Alfimandus räusperte sich so stark, daß er kein Wort weiter hören konnte.

»– sagt in seinem schönen Buche –«

Alfimandus ging hustend zu dem Fenster.

»– das nämliche –«

Alfimandus sah zum Fenster hinaus. – Selmann fuhr fort, als er zurückkam: »Finden Sie nicht, daß Alfridus in andern Stücken wie in diesem Recht hat?«

Alf: »Alfridus hat nimmermehr Recht, weder in diesem noch einem andern Stücke. Er ist ein seichter Kopf, ein superfizieller Gelehrter – ich schäme mich, sein Kollege zu sein.«

Selm.: »Mir gefallen seine Schriften vermutlich deswegen, weil seine Denkungsart Ähnlichkeit mit der meinigen hat! – Das ist der Maßstab, den die Menschen bei Beurteilung der Wahrheit gewöhnlich brauchen.«

Alf. : »Und mir mißfallen sie, weil ich – wofür ich dem Himmel danke! – nichts von seiner Denkungsart habe. Bewahre, was der Mann für Irrtümer hegt! Es ist himmelschreiend!«

Man schwieg. – »Wollen Sie noch etwas?« fragte Alfimandus und bewegte den Arm zur Federmütze.

Selmann entschuldigte sich, ihm so lange beschwerlich gewesen zu sein, und wollte Abschied nehmen; er machte ihm noch ein paar, aber viel kältre Komplimente, als die bei dem Eintritte waren, und Alfimandus wiederholte lächelnd die obenbeschriebne Gebärde und bewegte wahrhaftig obendrein so gut wie Jupiter sein unsterbliches Haupt – das letzte stellte die Verbeugung vor, mit welcher er seinen Gast entließ.

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