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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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14.

Selmann wacht auf – also ist es Zeit, meinen Sermon von der Selbstkenntnis zu schließen.

Er wacht auf und fühlt ein Verlangen, die beiden Nymphen zu sehn, die ihn abends vorher außer sich setzten. Solange er schlaftrunken war, gestund er sich dies ohne Rückhaltung, sobald er aber recht munter war – gute Nacht, Offenherzigkeit! Da hieß es, daß die Politesse unnachlässig geböte, ihnen vor ihrer Abreise noch einmal aufzuwarten. Er fuhr in seine Kleider, ging und erfuhr, daß sie in aller Frühe aufgebrochen waren, und es tat ihm leid – daß er ihnen diese letzte Höflichkeit nicht hatte erweisen können, sagte und glaubte er; und ich – ich denke, für die Unterlassung einer bloßen Höflichkeit tat es ihm zu sehr leid.

Inzwischen ließen es glücklicherweise die Anstalten zur Anschaffung eines Wagens und Fortsetzung seiner Reise nicht dahinkommen, daß er sich wie andre Verliebte seinem Kummer über die Entfernung des geliebten Gegenstandes überließ. Er seufzte zwar zuweilen, empfand auch einen unbestimmten Mangel in sich; aber das geschah nur zuweilen und nur beineben. Zum größten Leidwesen waren seine Bemühungen nach einen Wagen fruchtlos; der Pfarr des Orts war der einzige Besitzer von einem, den er aber wegen alter Bekanntschaft nicht gern an fremde Hände verhandeln wollte. Nicht glücklicher war er mit seinem Suchen bei der nächstfolgenden Einkehr; außerdem verminderte sich auch sein Verlangen, im Wagen zu reisen, je näher er dem Orte seiner Bestimmung kam. Auch seine Lust zum Sprechen nahm stufenweise ab; Tobias hörte keine einzige tiefsinnige Spekulation mehr, sondern der ganze Zug rückte stillschweigend fort. – Was mag ihm nur in Gedanken liegen? Doch nicht Emilie und Isabelle? – Es ist nicht zu leugnen, seine Einbildungskraft stellte sie ihm fleißig vor und zog seinen Nachforschungsgeist auf Gegenstände, die ihm vorher fremd waren oder sich ihm doch selten zum Anschauen dargeboten hatten. Anstatt über Materie und Geist, über Immaterialität und Körperlichkeit zu räsonieren, dachte er itzt über die Anmut, die Vorzüge und Schwachheiten, die Liebenswürdigkeiten, die Schönheiten und Reize des andern Geschlechts nach. Sein Gehirn wimmelte von lauter schönen Figuren; Nymphen, Grazien, Göttinnen des Himmels und der Erde gingen darinne nach Herzenslust spazieren, und sein ganzer Kopf war ein mahometanisches Paradies; bei so guter Gesellschaft ist es ihm nicht zu verdenken, wenn er die Unterhaltung mit seinem Reisegefährten etwas aussetzt. Er hatte sogar bei diesen neuen Betrachtungen eine eigne Empfindung des Wohlgefallens, welche bei seinen vorigen zwar auch, aber im mindern Grade gewesen war; die vorigen hatten ihn amüsiert, und diese entzückten ihn. Doch wurde er bei seiner Annäherung zu den erwarteten gelehrten Glückseligkeiten gesprächiger; der Schauplatz in seinem Kopfe verwandelte sich; die Philosophie trat mit einem feierlichen Zuge von Wissenschaften aus der Szene hervor, und Grazien und Nymphen ließen die Hände auseinander, flohen vom Tanze weg und versteckten sich schüchtern in die abgelegensten Winkel, aus welchen sie nur dann und wann einen mutwilligen Sprung hervortaten. Die ganze Dekoration wurde allmählich wieder wie ehmals; alles sah so ernsthaft aus als eine Einsiedlerhöhle. – Die herrschende gewohnte Neigung! Emilien und Isabellen können sie wohl eine Zeitlang niederdrücken; aber eine mit ihr verwandte Idee, die Annäherung an eine Stadt hilft ihr gleich wieder in die Höhe – und Selmanns Gehirn nahm sie so schnell und stark wie eine Überschwemmung ein, in welcher die schönen Nymphen und Huldgöttinnen insgesamt ertranken. – War das nicht jammerschade?

Der Bediente, der sich seit dem ersten Nachmittage nach seiner Ausreise von ihm verloren hatte, gebrauchte die Vorsicht, in allen Gasthöfen, die er auf seiner Straße antraf, die Nachricht zurückzulassen, daß er seinen Weg gerade nach  Merkur fortsetzte – und seinen Herrn, den er jedem Wirte umständlich beschrieb, dort erwartete. Selmann, der sich wieder auf den rechten Weg durch einen langen Umschweif hatte bringen lassen, erhielt diese Zeitung gleich in der ersten Herberge, wo er sein zweites Nachtlager nahm, und freute sich, daß er noch nichts Böses von der Treue seines Bedienten geargwohnt hatte. – Alles war in der besten Ordnung; kein Kummer, keine Sorge war ihm mehr übrig; er hatte völlige Muße, sich mit der vorigen schönen Gesellschaft in seinem Kopfe noch länger zu unterhalten; – aber da erblickte er eine Turmspitze von  Merkur und – wie ein Talismann blendete ihn die verdammte Turmspitze! Er träumte wieder von nichts als Wissenschaft und Gelehrsamkeit. – Die böse Turmspitze!

Beide Ritter nahmen bei ihrer Ankunft in  Merkur sogleich ihren Weg zu dem Hause des großen Sophronius, des Weltweisen, wo sie sich vorläufig eine Wohnung hatten ausmachen lassen. Er trat mit der heiligen Ehrfurcht in diesen Tempel der Weisheit, mit welcher sich ein Heide seinem Götzenbilde nahte, und mit dem Schauer, mit welchem Burney neulich sich vor dem Heiligen von Ferne demütigte. Der Ruf dieses Mannes wie auch einige seiner Schriften hatten ihm eine Hochachtung gegen denselben beigebracht, die gegen den größten Wohltäter des menschlichen Geschlechts nicht lebhafter hätte sein können. Er hatte ihn gerade in einer Stunde gelesen, wo sein Kopf heiter, zum Aufnehmen neuer Begriffe offen, zum Denken besonders aufgelegt war; es war an einem schönen Sommermorgen, wo er gut geschlafen und gut verdaut hatte; er saß in einer Laube bei seinem Hause in einer kühlen erquickenden Luft; unter solchen günstigen Umständen wurde das Buch des großen Sophronius gelesen, das heißt, Selmann las einige Zeilen – ein Gedanke, ein Wort darinne gab seinem Gehirne einen Stoß, und es lief mit Behendigkeit ein langes Feld von Spekulationen durch, wo es jeden Gegenstand, den es unterwegs antraf, so frisch und helle dachte, daß er ihm neu zu sein schien, wenn er gleich schon oft da gewesen war; dann kam wieder eine Periode, ein Blatt – und seine Gedanken traten eine neue Reise auf ganz neu scheinende Wege an. So ging es das ganze Büchelchen hindurch, und da er am Ende war, rechnete er die neuen Entdeckungen, die er gemacht zu haben glaubte, das Vergnügen, das ihm die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit seines Denkens und die körperlichen Empfindungen hatten genießen lassen, dem Verfasser zu. Dem guten Manne wurde unschuldigerweise von Stund an ein Altar in Selmanns Herze aufgerichtet, und seine künftigen Produkte waren allemal, sie mochten bei heitrem oder trübem Himmel, nach guter oder schlechter Verdauung gelesen werden, sogar bei Indigestionen, die herrlichsten Denkmäler der menschlichen Vernunft. – So viel, ihr lieben Autoren, habt ihr euern Ruhm Wind, Wetter und Verdauung zu verdanken! Wenn euch diese einmal günstig gewesen sind, dann ist euer Kredit bei vielen Lesern befestigt, wo sie aber einmal ungünstig waren, da – eure Rede kann euch wie Honig von den Lippen fließen, sie wird doch nicht schmecken! – Gut! so werde ich allen Rezensenten und Taxatoren meiner gebornen und zu gebärenden Werkchen jedesmal Diät, Wärme und Kälte, besonders die nötige Witterung des Kopfes und des Herzens, vorschreiben! Am liebsten wäre es mir, sie läsen jedes in premio puellae – den Tag, wenn sie ihm gewogen ist, und ich bin gewiß, sie loben – wenigstens Druck und Papier.

Sophronius hätte gewiß seine gelehrten Waffen ergriffen und Spieß und Pfeile auf denjenigen geschleudert, der boshaft oder aufrichtig genug gewesen wäre, ihm diese wahre Geschichte des Selmannischen Beifalls zu erzählen; und da er dem Autorherkommen gemäß denselben nebst der Hochachtung und Ehrfurcht, die eine Folge davon waren, den Verdiensten seines Kopfs und seiner Schriften beimaß, so konnte es niemanden befremden, daß er besonders in der Gegenwart seines neuen Hausgenossen seine zwergartige Figur, wie Phäders Frosch, aufblies, um ihm das ganze Gewicht seiner Größe fühlen zu lassen. Er war gerade auf einem Schmause, als die beiden Reuter ankamen, und seine werte Ehegattin fand sich, bei genauerer Besichtigung, zur Beschämung schlecht angeputzt und also ungeschickt, den H. von Selmann zu empfangen oder ihn vor sich zu lassen, als er sich die Erlaubnis dazu ausbitten ließ.

Erst den andern Tag frühe geschahe seine Einführung bei dem großen Sophronius, der ihn mit der lauen Höflichkeit eines spanischen Grandes empfing, von Zeit zu Zeit, wenn jener einen Lobspruch auf ihn einfließen ließ, zu erkennen gab, daß er nicht unrecht gesprochen hätte, und zu seiner und seines Pflegesohns akademischer Diät alle die Lehrstunden vorschrieb, die er selbst hielt. Darauf empfahl er sich mit einem seichten Bücklinge und wackelte in sein Kabinett zurück.

Selmann stutzte und blieb stehen, als ihm gemeldet wurde, daß die Frau des großen Sophronius ein ungemeßnes Verlangen trüge, seine Bekanntschaft zu machen, ihn um Vergebung bitten wollte, XX – und ein Dutzend extrafeiner Komplimente mehr. Er wurde nebst meinem Tobias in eine Nebenstube geführt und beinahe mit so vielem etikettenmäßigen Geziere als von der Gemahlin des H. von R. aufgenommen; doch zog Tobias am meisten ihre Aufmerksamkeit auf sich; sie besah ihn unaufhörlich; sie ließ alle Glieder seines Leibes, Stück vor Stück, durch die Musterung gehn. – Was mag sie nur haben? – Ach! endlich kömmt es zum Vorschein: Ihr hochseliger Papa, christlichen Andenkens, hatte gerade den Schnitt der Nase und der Oberlippe, gerade die Warze auf der erstern gehabt, die sie an Tobias bewundern mußte, bei welcher Gelegenheit sie berichtete, daß ihr Herr Vater von einem alten adeligen Geschlechte gewesen sei, worauf sie ihre Genealogie und vornehme Verwandtschaft vortrug. So ungern Selmann den großen Sophronius so schnell abbrechen sah, so gern hätte er itzt den Anfang gemacht; doch er mußte aushalten. Da sie voneinander schieden, bekam Tobias ein freundliches Händedrücken und einen sehr gütigen Blick mit auf den Weg.

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