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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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13.

Dank sei dem Himmel! mir ward bange!

Emilie beging durch ihren Hereintritt allerdings einen Fehler, und ihre Gefährtin konnte sich nicht enthalten, ihr einen unwilligen Blick zuzuwerfen; allein sie war zu entschuldigen. Nach allen ihren Erfahrungen konnte sie nicht vermuten, daß bei einem harten Philosophenherze der kritische Augenblick so zeitig eintreffen könne, und war nicht wenig auf Isabellen eifersüchtig, als sie hinterdrein erfuhr, wie weit es schon durch ihre Kunst gebracht worden war.

Gleich nach Emiliens Erscheinung auf dem Schauplatze meldete ihr ihre vermeinte Schwester, daß die Beredsamkeit und die Gründe dieses edelmütigen Mannes den völligen Sieg über ihre Zweifel und über ihr Herz erlangt hätten. – »Er hat mir«, sagte sie, »die grausame Güte erwiesen und mich zu meinem Besten überredet – grausam muß ich diese Güte nennen: denn sie zwingt mich, dich zu verlassen – doch sie zwingt mich auch, mich meinem Manne, meinen Kindern wiederzugeben – nein, so kann ich sie nicht grausam nennen, obgleich mein Herz sie heimlich so nennt. – Morgen, Schwester«, sprach sie niedergeschlagen, »morgen –«

»Mußt du mich verlassen?« unterbrach sie Emilie. »Schreckliche Trennung! – O bester Mann, wenn ich dich gefunden hätte! – Nein, Schwester, morgen schon?«

»Muß ich dich verlieren!« setzte Isabelle schluchzend hinzu.

Hierauf erhub sich zwischen beiden der zärtlichste Streit schwesterlicher Liebe; jede wünschte, die andre immer zu besitzen, und jede sah ungern die Notwendigkeit ein, die andre zu missen. Endlich wandten sie sich mit ihrer beiderseitigen Zärtlichkeit an Selmannen; er wurde mit Danksagungen überhäuft und die Umarmungen so vielfältig wiederholt, er so oft Freund, Vater, Ratgeber genannt und durch alles dieses seine Verwirrung und Selbstvergessenheit so gut wiederhergestellt, als wenn vorhin keine Emilie sie unterbrochen hätte. Er war entzückt, außer sich und wußte kein einziges von seinen Gefühlen zu unterscheiden. Er vergaß sich zum fünften Male und –

Man trug das Abendessen auf. Er wurde gebeten, dazubleiben und mit einer nüchternen Mahlzeit vorliebzunehmen; er nahm den Vorschlag an und setzte sogar hinzu, daß ein König bei den ausgesuchtesten Gerichten nicht besser speisen könne, als er heute in solcher Gesellschaft tun würde. – Selmann! Selmann!

Bei Tische wurde der Ton der Unterhaltung um eine gute Tertie höher gestimmt und so auch die Empfindungen – aus schwesterlicher Zärtlichkeit wurde verliebte Zärtlichkeit. Die ausgesuchtesten verfeinertsten Begriffe von der Liebe, die nach den Petrarchischen den nächsten Rang verdienten, waren nebst Schönheit, Anmut und andern Tugenden des schönen Geschlechts der einzige Gegenstand des Gesprächs; alles wurde mit dem feinsten Witze gewürzet und durch die lebhafteste Aktion gehoben. Man schwatzte den lieben Philosophen so sehr aus seiner denkenden Sphäre heraus, daß er wohl etlichemal eine Anwandlung vom Philosophieren bekam, die aber so vorübergehend war, daß er die meiste Zeit einen stummen entzückten Zuhörer abgab. Keinem Neuvergötterten konnte die erste Göttermahlzeit besser schmecken; und gewiß, an der Tafel des Jupiters wird im Homer und Virgil nie mit einem solchen Aufwande von Witz, Scharfsinn und Empfindung gegessen.

Was Selmanns Freude und Vergnügen am meisten bei diesem Gespräche unterhielt, war unstreitig, daß er in demselben Spekulation und Scharfsinn über einen neuen empfindungsreichen Gegenstand antraf. Kopf und Herz wurden auf diese Art zugleich ergötzt.

Nach aufgehobner Tafel schien Selmann so sehr in der rechten Lage zu sein, um den Hauptanschlag an ihm auszuführen, daß Emilie etlichemal in Versuchung geriet, sich seine für sie günstige Verfassung zunutze zu machen; allein sie war gewohnt, mit einer raffinierten Bedachtsamkeit und Klugheit zu handeln, und beschloß daher, lieber ihren Lorbeer reif werden zu lassen, als ihn zu zeitig brechen zu wollen. Noch vor Mitternacht – schieden beide Teile zufrieden voneinander.

Wenn es weiter nichts war! so durfte ich nicht halb soviel Beistand für Selmanns Tugend aufrufen. – Indessen wer weiß, wo er ihn weiter nötig hat? Denn wie man deutlich merkt, sollte dieses nur noch eine Probe seines Herzens sein, ob und wieweit es der feinen Empfindungen der Liebe fähig wäre und ob sie durch die nämliche Methode wie bei andern nur halb so weisen Menschenkindern erregt werden könnte; das entscheidende Treffen ist also noch übrig, und dies waren nur die ersten feindseligen Neckereien.

Selmann legte sich wohl nach seiner Zurückkunft von diesem Sturme an Tobias' Seite; allein er wünschte vergebens, nur halb so gut schlafen zu können als sein schnarchender Nachbar. Er wälzte sich hin und her; Blut, Lebensgeister und Gedanken liefen so verwirrt und hurtig herum, daß die Pulse sich nicht oft und behende genug öffnen konnten und in seinem Kopfe eine Idee über die andre wegstolperte. Allmählich fing seine Einbildungskraft an, diese herumschweifenden Gedanken zusammenzubringen und zu einem zusammenhängenden Ganzen zu verbinden. Was kam heraus? – Lauter kleine Kopien von den Szenen und Gegenständen, die ihm Leib und Seele aus der gewöhnlichen Ruhe und Stille gebracht hatten; wie Epikurs Atomen hing sich eine Vorstellung, ein Bild an das andre, bis zuletzt die ganze Komödie noch einmal von seiner Annäherung zu Isabellens Lager bis zum Abschiede ordentlich und pünktlich wiederholt wurde. Mittlerweile war die Vernunft wieder zu Atem gekommen, und sie machte immer mehr und mehr den Anfang, seine gehabten und gegenwärtigen Empfindungen zu unterscheiden, bis sich endlich das Ganze in Spekulation verwandelte und dann der Schlaf den Vorhang zuzog.

Nach seiner Meinung war das Bewußtsein einer guten Handlung seine Grundempfindung gewesen. – Seit langer Zeit, sagte er sich selbst, habe ich in einem solchen Grade der Stärke nicht empfunden. – Warum nur? – Gewiß, nichts anders als das Bewußtsein der Rechtschaffenheit! der Dienstfertigkeit! – So viel Entzücken kann man sich durch eine geringe Bemühung erkaufen? – Warum ist mein Leben nicht eine Reihe von lauter solchen Bemühungen? – Aber so lebhaft, so stürmisch lebhaft war mein Gefühl doch niemals in mir! – Das ist befremdend! – Ei, was ich mir für Schwierigkeiten mache! – Das Unvermutete überrascht, erhöht, verstärket alle Empfindungen: Ist dieses nicht mein Fall? – Ich wurde durch den Irrtum der mitleidenswürdigen Frau, die ihren Mann in mir zu finden glaubte, gleichsam von der Empfindung überfallen und noch mehr durch die Gelegenheit, ihr einen nützlichen Dienst zu erzeigen, den ich glücklich ausführte – alles wider Vermuten! – Das Unerwartete gibt unsern Fibren einen Grad von Elastizität mehr, daher die Stärke meiner Empfindung, daher der freudige Aufruhr, der sich auch meinem Körper mitteilte. Noch mehr mußten meine Organen gespannt werden, als ich für eine Gefälligkeit, deren Erfolg anfangs so zweifelhaft schien, mit Dankbarkeit gleichsam überströmt wurde und wahrnahm, daß mein Dienst an keine Unwürdige verschwendet war – das süßeste Glück, was man bei Handlungen für andre schmecken kann! – Nächst dem mag das Vergnügen, die Anmut, die Lebhaftigkeit, die – Hier verloren sich seine Gedanken, und er schlummerte ein.

Ist dieses Selbstgespräch nicht völlig in dem Geschmacke und nach der Methode eingerichtet, die wir Sterbliche bei Betrachtungen über uns selbst befolgen, blindlings befolgen? – Wenigstens eins unter meinen Lesern, es sei Mannsperson oder Frauenzimmer, muß mir doch mit ja antworten! – und alsdann bin ich zufrieden; denn so schließe ich, daß ich von solchen gelesen werde, die zuweilen in sich selbst schauen, über sich selbst nachdenken – gewiß, keine geringe Freude für einen Schriftsteller, der Selbsterkenntnis für das Wichtigste unter Sonne und Mond hält!

Solche Betrachter ihrer selbst müssen die Wahrnehmung gemacht haben, daß der tiefsinnigste und seichteste Kopf, der erleuchtetste Weise und der unwissendste Idiot bei dergleichen Untersuchungen über sich selbst, besonders wenn sie die Zergliederung eines Seelenzustandes betreffen, welchen man kaum verlassen hat, gleich seichte verfahren. – Vom Newton, Locke, Leibniz und andern hat jeder unter uns wunderseltsame Dinge erzählen hören; einer stieg in die Wolken und in den Mittelpunkt der Erde, der andre in den menschlichen Verstand hinunter, und der dritte war allenthalben so gut als zu Hause; alle kamen darinne überein, daß sie nie sich begnügen wollten, mit ihren Untersuchungen über die Oberfläche der Wahrheit hinzufahren; nein, sie ruhten nicht eher, als bis sie sich bis zu ihrem Mittelpunkte hineingedrängt hatten, und wo sie nicht bis dahin konnten, da gestunden sie zuweilen, oder andre Leute merkten es, daß ihre Nachforschung unterwegs steckengeblieben war. Diese vortrefflichen Männer, die so äußerst delikat in der Gründlichkeit bei Triangeln, Zentralkräften und andern philosophischen Grübeleien waren, glaubten ihrem Herze oft das wunderlichste Zeug auf sein Wort. Welch ein Wunder nun, wenn denkende und wollende Substanzen, denen die Seichtheit als ein Erbteil zufiel, so geradezu glauben, was ihnen ihre jedesmalige Empfindung weismacht! – Der Unterschied ist nur, daß der sogenannte Weise sich betrügen läßt und es zuweilen hinterdrein merkt, der Idiot hingegen sich betrügen läßt und hinterdrein bis auf den Tod behauptet, daß er nicht betrogen ist. Jener zieht sich zuweilen aus einer solchen Erfahrung ein paar Regelchen, legt sie in seinem Gedächtnisse nieder, und wenn das Glücke gut ist, ersparen sie ihm doch mannichmal die Kränkung, von sich selbst hintergangen worden zu sein; und wenn er auch weiter keinen Vorteil von seiner Weisheit hätte, so macht sie ihn doch mißtrauisch gegen sich, und ein kluges Mißtrauen ist keine üble Sache!

Ich glaube, daß das Bewußtsein, der innerliche Sinn oder die Empfindung dessen, was in uns selbst vorgeht, bei verschiedenen Menschen aus ebendem Grunde sich gradweise unterscheidet, warum Genie und selbst Tugend in so unendlich verschiedenen Graden unter ihnen angetroffen wird – weil ihre Organen nicht zu dieser Art der Wirkung von der Natur eingerichtet wurden. Wie es also möglich ist, daß ein scharfsinniger Mann Zentralkräfte ausdenken, den Lauf der Kometen berechnen, arithmetische Tafeln aussinnen und doch kein erträgliches Gedichtchen hervorbringen kann, ebenso mag er bei Untersuchung des Verstandes so scharf wie Lynceus sehn – bei Untersuchungen seines Herzens kann er doch stockblind sein, weil eben die Natur, die ihm die dichterische Einbildungskraft versagte, ihm auch die Schärfe des innerlichen Sinnes nicht mitteilte. Der Mensch übersieht einen unendlich ausgedehntern Raum als die Fliege; dafür ist ihr Auge ein Mikroskop: Leibniz und Newton können die weitläuftigsten Rechnungen, das ganze Weltall übersehen; aber ein andrer Geist, der dies nicht kann und darum für keinen Leibniz gehalten wird, hat statt dessen die Fähigkeit, den kleinsten Trieb seiner Seele zu belauschen, jede seiner Empfindungen bis auf den Grund zu verfolgen – die Schärfe seines innern Gesichts ist in diesem Punkte stärker.

Demnach wären große Fähigkeiten des Verstandes und die Kenntnis seiner selbst trennbare Sachen? diese nicht eine notwendige Folge von jenem? und wer im Monde und allen Sternen bekannt ist, kann doch, nach dem sokratischen Ausdrucke, in seinem eignen Hause fremd sein? – Ja! das ist schon vor langer Zeit unstreitig gewesen, daß man in einem Verstande ein großer Philosoph und in einem andern gar keiner sein kann.

Selmann war kein Leibniz, kein Newton, ob er gleich unter ihren Umständen und zu ihren Zeiten es hätte werden können; doch so ungern als jene pflegte er seicht, sondern so tief sich es tun ließ, aus der Quelle der Wahrheit zu schöpfen; er hatte nächst dem Scharfsinne jenes Talent der innern Empfindung in vorzüglichem Grade; er konnte, wenn sein Herz in Ruhe war, seine Empfindungen und Bewegungsgründe mit einer bewundernswürdigen Umständlichkeit zerlegen; aber in einem solchen Zustande, in welchem er sein Selbstgespräch vorhin hielt, sah er nicht einen Schritt recht oder sagte einem wahrscheinlichen Roman nach, den ihm sein Herz in die Ohren blies.

Selbstkenntnis ist also eine Wissenschaft, eine Kunst, zu welcher die Natur ebensowohl als zur Dichtkunst eine eigne Kraft der Seele schenken, eine eigne Stimmung der Organen veranstalten muß, die man erweitert, sich geläufiger macht, indem man durch Übung und Fleiß dieses Talent stärkt, die verschiedene Menschen in verschiedenen Graden erlangen, weil die Grade ihres Talentes und ihrer Übung verschieden sind.

Wer kann es in dieser Rücksicht einem Menschen anrechnen, wenn ihm in sich selbst alles Finsternis ist? oder wenn er seine Antriebe und Bewegungsgründe mißkennt? – Ebensowenig als daß er kein Virgil oder kein Plato ist! Es ist seine Bestimmung nicht; doch wenn er auch nicht auserlesen ist, ein Virgil zu werden, so kann er sich doch Geschmack genug erwerben, um seine und seiner Mitbrüder Arbeiten zu schmecken, zu genießen, so viel als jeder Mensch, der poliert heißen will, unumgänglich braucht; und wenn auch jemand nicht bestimmt ist, in seiner Seele so bewandert zu sein als Montaigne und andre nach ihm, so kann und muß er doch so viel von ihrer Wissenschaft besitzen, als nötig ist, um ein leidlich rechtschaffnes Leben in dieser Welt zu führen. Wer tanzen kann, hält sich besser im Gleichgewichte; wer sich selbst nur erträglich kennt und fühlt, stolpert wohl oft, aber doch nicht so oft als andre, deren Selbstgefühl unter dem seinigen ist.

Antonin – mich deucht, er ist es – rechnet die Beschäftigung, über seine Triebe, Leidenschaften und Bewegungsgründe zu geschehnen Handlungen nachzudenken, seine in gewissen Zuständen gehabten Empfindungen zu zerlegen, unter die nützlichsten und süßesten und die Stunden, die er darauf verwenden konnte, für die glücklichsten seines Lebens – er, der Beherrscher totius imperii Romani.

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