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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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12.

Emilie – diesen Namen habe ich, während daß ich vom letzten Absatze ausruhte, der Grazie gegeben, die in Selmannen das Gefühl aufweckte, das die Leute mit aller Gewalt für Liebe ausgeben wollen. – Emilie war keine von den kleinen Schöpfern solcher Entwürfe, wo Erfindung und Aufführung so nahe beisammen liegen, daß sie einander fast berühren, alle ihre Plane gingen ins Weite, sie umfaßten einen Zirkel, dessen Umfang Leute von wenigen Talenten nicht übersehen konnten. Daher war der vorhin erzählte Besuch nichts als eine Einsammlung der Materialien zu der wichtigen Erfindung, über welcher sie brütete; doch die Ausübung ihrer Rache an dem männlichen Geschlechte in Selmanns Person blieb bis zu der Zeit verschoben, wo diese Weise die süßen Gerüche der Wissenschaft zu  Merkur einatmen wollte. In der Zwischenzeit mußte der ganze Operationsplan entworfen werden.

»Sic fata tulerunt« – spricht ja Jupiter, da die Welt untergehen soll und der mächtige Erderschütterer es nicht verhindern kann; um so vielmehr kann sich Selmann so darüber trösten, daß ihn das Schicksal den nämlichen Tag abends in einen Gasthof führt, wo seine schöne Zauberin vor einer halben Stunde eingekehrt war. Sie erkannte ihn sogleich bei seiner Ankunft, und unmittelbar darauf erfolgte der Entschluß, zum Zeitvertreibe den nämlichen Abend ein kleines Vorspiel ihrer Rache auszuführen. Stehendes Fußes wurden Anstalten gemacht und die theatralische Geschicklichkeit des Herrn Wirts sehr klüglich genützt. Ihr Bedienter mußte in möglicher Eile ein Offizier werden, der jenen Widerspenstigen vernünftig prügelte.

Wozu aber alles das? sollte man denken. – Nicht ein einziger Umstand war ohne Absicht und ohne Zweck. – Sie mußte Selmanns Herz auf ihre Seite bringen, ehe er sie erkannte; nichts war zu dieser Absicht dienlicher, als daß sie eine Rolle spielte, die Mitleiden erregte und seine Empfindung auf sie zog, und daß sie diese Rolle im Finstern spielte, um zu verhüten, daß er sie eher erkannte, als bis sein Herz schon in Flammen stund; damit sie dieses im Finstern bewerkstelligen konnte, mußte es dahin gebracht werden, daß er den ganzen Abend aus Ursachen kein Licht bekam, die ihn nicht vermuten ließen, daß das Spiel angelegt sei; der Wirt wurde also für ein kleines Trinkgeld beredet, den Charakter anzunehmen, in welchem er erschien; der vermeinte Offizier schlug Selmannen eine Methode vor, sich Licht und die übrigen Bequemlichkeiten zu verschaffen, von welcher man voraussah, daß er lieber alles entbehren würde, ehe er sich's auf die vorgeschlagene Weise verschaffte. Er blieb also ohne Licht, Emilie öffnete unter der angenommenen Larve einer unglücklichen Ehefrau, die ihren Mann suchte, sein Herz der Empfindung, die sie sich durch ihre Kunst in jede andre, welche sie eben brauchte, umzuschaffen getraute.

So vielen Raum hat man nötig, um die Gedanken eines schönen Geistes auseinanderzusetzen! – Alles hängt zusammen; Glied paßt an Glied, so gut als in dem herrlichsten politischen Entwurfe, und doch hat ihr die ganze Erfindung kaum mehr Zeit gekostet, als die Rollen auszuteilen! – die alle so meisterlich gespielt wurden, daß der Philosoph nichts merkte und es ihr gelang, ihn in voller Empfindung auf ihre Stube zu bringen, wo wir ihn mit ihr und ihrer vorgegebnen Schwester bei verschloßnen Türen zurückließen, um uns mit seiner Gesellschaft vorläufig bekanntzumachen.

O Philosophie! itzt beweise deine Macht unter den Sterblichen! und ihr, ihr getreuen Diener, die ihr in den elysäischen Feldern gravitätisch herumwandelt oder in einem Winkel auf dieser Erde steckt, stehet, wenn ihr könnt, durch euern geheimen Einfluß euerm bedrängten Mitbruder bei! – Helft ihm überwinden, und ich setze euch allen insgesamt noch in diesem Buche ein Monument!

Und du,
mächtige Göttin, Keuschheit! –

es steht gefährlich um ihn! – Bei verschloßnen Türen! Zwischen zwo der listigsten Frauenzimmer! die von Rache schnauben und ihn zum Opfer derselben ausdrücklich ausgesucht haben! – Ein jeder denke seine Keuschheit einmal in solchen Umständen und zittre nicht für das arme Geschöpfchen!

Gleich nach dem Eintritte in Emiliens Stube wurde er von ihr zu ihrer Schwester geführt, um den Auftrag auszurichten, den er über sich genommen hatte. Isabelle lag auf einem Kanapee von etwas ältlicher Miene, den Kopf auf die rechte Hand gestützt, mit entblößtem Busen, dessen Bedeckung im Schlafe, von welchem sie zu erwachen vorgab, sich verschoben zu haben schien; zwo fleischichte, runde, wohlgemachte Arme zeigten sich so weit bloß, als ihre Schönheit reichte; – überhaupt hatte sie, dies beiläufig zu sagen, den sogenannten embonpoint charmant in hohem Grade; – die ganze übrige Kleidung war so leicht als das Gewand einer badenden Nymphe und bedeckte so sinnreich, daß sie gerade das unverborgen ließ, was einen jeden auf die Bedeckung böse machen mußte: quae latent, meliora puta. Sie fuhr verstellterweise aus dem Schlafe auf, als der neue Gast sich ihr näherte, schien bestürzt über seine Ankunft zu sein, wollte voller Verwirrung alles bedecken, was nach der Etikette der Schamhaftigkeit durch Männeraugen nicht entweiht werden darf – und ließ alles entblößt; entschuldigte sich über die Stellung, in welcher er sie antraf – und blieb darinne; beklagte sich über Migräne – und schoß die wollüstigsten Blicke aus zwei großen funkelnden Augen auf Selmannen. Emilie begab sich sogleich nach seiner Einführung weg und ließ sie allein beisammen. Selmanns Stuhl war so künstlich gestellt, daß nach allen optischen Regeln die Richtungslinie seiner beiden Augen unvermeidlich auf den Mittelpunkt von Isabellens Brust treffen mußte. Zwo Lichter waren so gestellt, daß sie ihren Platz nur darum bekommen zu haben schienen, damit ihr Schein die Augen der kranken Sirene nicht blenden möchte, und doch nach aller Absicht einen so vorteilhaften Glanz auf ihren Busen warf, daß er wie die Sonnenstrahlen von einem Marmorpalaste mit doppelter Stärke auf Selmanns Sehnerven zurückprallte, weswegen der gute Mann sich nicht enthalten konnte, sooft sie Atem holte, mit den Augen zu blinzen. Nahe an seiner linken Seite lag ein Arm voll embonpoint charmant und nicht weit von ihm ein ebenso schöner quer über den Schoß hin, in dessen Nachbarschaft sich ein Paar Knie durch den dünnen Unterrock sehr deutlich ankündigten. Die Füße wurden von Isabellen bei jeder Gelegenheit aus dem Spiele gelassen, weil die Natur eine so große Menge Materie daran verschwendet hatte, daß sie durch ihre Disharmonie dem Eindrucke des übrigen Ganzen nicht wenig hätten schaden können; sie mußten sich daher gewöhnlicherweise hinter die Kleidung bescheiden zurückziehn.

So ohngefähr sahe das Schlachtfeld aus, und in Selmanns Herze – wackelte der Perpendickel wahrhaftig so hurtig hin und her, daß ich – dich, liebe Philosophie, noch einmal von Herzen ersuche – tue dein möglichstes!

Die Unterredung war in dem schmachtenden Ton gestimmt. Isabelle wußte ihren Philosophen bald auf die Gelegenheit zu bringen, den Auftrag ihrer Schwester zu vollziehn. Er tat es; er setzte ihrer Schwesterliebe aus allen Fächern der Logik und Rhetorik ein Argument entgegen, worunter sie ein jedes so eifrig und doch so seicht widerlegte, daß Selmanns Triumph bei jedem neuen gewisser wurde, und als er beinahe erschöpft war und, wie erschöpfte Redner pflegen, wieder von vorne anfing, so schien sie so sehr zu wanken, daß er sie zuversichtlich noch zu bewegen hoffte, dem Verlangen ihrer Schwester genug zu tun und wieder zu ihrem Manne zurückzukehren.

Nach einer nachdenkenden Pause, während welcher sie so sehr die unruhige Miene der Unentschlossenheit anzunehmen wußte, daß Selmann mit Bedauern auf sie sah, fuhr sie plötzlich auf, als wenn sie, durch die Triftigkeit seiner Gründe gezwungen, ihre Partie nähme, umhalste Selmannen mit der zärtlichsten Dankbarkeit und rief: »Sie haben überwunden! Ihre Gründe haben mein Gefühl überstimmt! – Ich muß meine Schwester verlassen, wie Sie sagen. – Meinem Herze hätten Sie freilich einen größern Gefallen getan, wenn Sie mich zum Gegenteile überredet hätten; allein Herz und Vernunft können nicht allzeit eins sein. Sie, großmütiger, edler Mann, Sie haben mir meine Vernunft wiedergegeben. Ich folge Ihrem Rate, und wenn meine Tränen Ihnen Dankes genug sind ...« Hier verstummte sie unter einer zweiten Umarmung, die mit den sanftesten rührendsten Tränen ausgeschmückt war.

Sie fuhr einige Zeit fort, die Menschenfreundlichkeit, Rechtschaffenheit, Menschenliebe und die übrigen Tugenden des Philosophen mit verstellten Ausdrücken der Dankbarkeit zu kitzeln, und mischte nur hin und wieder einen kleinen Zusatz darunter, der etwas unmittelbarer auf die Liebe wirken sollte, besonders da sie bei der zweiten Umarmung den Kunstgriff gebraucht hatte, mit ihrem wallenden Busen und Selmanns Hand zusammenzutreffen, als diese eben auf dem Wege war, die Augen zu reiben und eine Unordnung der Miene dadurch zu verbergen. Diese unvermutete Zusammenkunft hatte die Folge, daß sich der Weise vergaß und die Hand während der Umarmung drei völlige Sekunden liegen ließ, wobei die listige Nymphe eine wellenförmige Bewegung in allen Nervengefäßen seiner Finger bemerkt haben wollte, welches sie für ein Symptom von der besten Anzeige hielt. In dem Gedränge von Empfindungen, das auf ihn zudrückte – Eigenliebe, Menschenliebe, Freude, über den guten Erfolg seiner Beredsamkeit, Freude, einen Dienst getan zu haben, und das Gefühl –

das Venus weichen Seelen einhaucht,

alles das war in Bewegung – in einem solchen Gedränge vergaß er sich noch mehr, ließ die Hand vom Busen niedersinken und ergriff Isabellens Hand, die sie ihm nach einem bescheidnen Zurückziehn überließ. Er drückte sie, wollte ihr für ihre Dankbarkeit danken und ihr beweisen, wie sehr sein kleiner Dienst unter derselben wäre; und er vergaß sich zum dritten Male und sagte ihr statt dessen das verbindlichste Kompliment, das ein erklärter Liebhaber hätte aufbringen können.

Aber, Philosophie, konntest du nicht deinen Schild vor seine Hand halten, wie Minerva mit dem ihrigen den Diomed schützte und den Pfeil aufhielt, der seinem Leben drohte? – Wenn er sich noch einmal vergißt ... ich sage nichts mehr.

Daß dieser Augenblick kritisch war, merkte auch Isabelle, die deswegen alles tat, ihn in dieser Verwirrung und Selbstvergessenheit zu erhalten und, wo möglich, tiefer darein zu stürzen. Beides gelang ihr. Selmann vergaß sich zum vierten Male und küßte – die ergriffne Hand mit der gutherzigsten Zärtlichkeit. Er vergaß sich – doch nicht zum fünften Male? – Nein, denn eben trat Emilie herein und weckte ihn durch ihre Ankunft aus der Selbstvergessenheit.

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