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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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11.

Wie gesagt! – es ist nichts Neues unter der Sonne! Man forsche nicht neugierig, sondern erwarte wie Tobias, der Weise, gelassen den Ausgang. Wenn meine Leser diesem Beispiele folgen wollten, so brauchte ich itzt eine Menge nicht zu erzählen – doch sie hören ja gern erzählen! – Also sei es!

Die unbekannte Verlaßne, die im vorigen Absatze bei völliger Dunkelheit mit Selmannen auf das Theater trat und sich deswegen vergriff und irrigerweise ihren Mann in ihm zu finden dachte, war nebst ihrer vorgeblichen Schwester – was dächte man? – ein Frauenzimmer, das richtig alle Messen besuchte, um mit ihren Reizen und ihrem Verstande zu wuchern. Nach dieser Ankündigung läßt sich leicht schließen, daß ich keine gemeine Buhlschwester darunter gedacht wissen will; sie war es auch nicht. Nicht jedem bot sie sich feil, nicht jedem überließ sie sich, der die Gebühren bezahlte; nein, sie hatte ein außerordentlich feines Point d'honneur. Niemand wurde in ihre Gegenwart gelassen, der unter zweitausend jährliche Einkünfte hatte, und niemanden betrog sie unter hundert Dukaten. – Zwar, was sage ich? – betrog sie? – Wenn sie das hörte! Sie schoß aus ihren pechschwarzen Augen einen Blitz auf mich, der manchem Menschenherze schon so gefährlich gewesen ist, und machte mich wohl gar zur Strafe in sich – verliebt? – Ich sitze ja hier hinter lauter Büchern, dem Plato, Xenophon, Antonin, die werden mich schon schützen.

Um aber doch ihre Delikatesse zu schonen, sei es hiermit gesagt, daß sie nicht betrog, sondern hinterging und sich, was ihr nicht zu verdenken war, für ihre Mühe reichlich bezahlen ließ. Sie verdiente es auch; denn sie machte bei jeder Beute, die sie haschen wollte, einen so großen Aufwand von Verstand, Witz und den übrigen dichterischen Talenten als Shakespeare und alle seine Brüder und Zunftgenossen. Jedes ihrer verliebten Spiele war eine nach einem durchdachten Plane ausgeführte Komödie oder Tragödie, wobei sie selbst die Hauptrolle und meistens meisterlich spielte. Nie hatte sie eine von den gemeinen Absichten dieser Sirenen, die aus Gewinnsucht oder Wollust unbesonnene Mannspersonen verführen. Sie hätte sich selbst gehaßt, wenn sie so unedle Triebfedern bei sich entdeckt hätte. Ihr Ehrgeiz ging viel höher; sie wollte dem männlichen Geschlechte seine Schwachheit und die Überlegenheit des ihrigen fühlen lassen. Daher wählte sie jederzeit einen hartnäckigen tapfern Gegner, wo ihr der Sieg schwer für ihre eigne Tapferkeit desto rühmlicher war. Nie suchte sie unbedachtsame Jünglinge oder ausschweifende Männer ins Netz zu locken; ja, sobald sie an einem den geringsten Schein von Liederlichkeit bemerkte, so wurde er als ein untüchtiges Subjekt für sie angesehen, und wenn diese Bemerkung erst geschah, da sich die Aktion schon angefangen hatte, so brach sie sogleich mitten in der Ausführung ihres Plans ab und ließ den Unwürdigen, nach einer hinlänglichen Geldstrafe, aus dem Felde ziehn. Ihre Anbeter, an denen sie ihre weibliche Fechterkunst zeigte, mußten Männer von der bewährtesten Tugend, der aufgeklärtesten Vernunft und der geprüftesten Aufführung sein. Die männliche Tugend, deren Existenz sie anfangs ganz leugnete, war ihr einziger Feind; wo sie diese vermißte, griff sie kaum zu den Waffen. Nach dem Siege war sie grausamer als ein Türke; sie ließ dem Überwundenen nichts übrig; sie plünderte ihn auf die unbarmherzigste Weise; doch war sie oft ebenso großmütig. Oft ließ sie sich an der Ehre des Sieges begnügen und legte im Augenblicke, da die Übergabe vor sich gehn sollte, die Waffen nieder, sobald ihr Gegner sich unterwarf und ihre Superiorität erkannte.

Parcere Subjectis et debellare superbos

schien ihre Kriegsmaxime zu sein. So gab sie durch unbeschreibliche Künste denen Leidenschaft, die keine zu haben schienen, machte sie zum Opfer der ihrigen und wurde es oftmals selbst. Sie hatte eine Menge Leidenschaften, wie bei einer solchen Tätigkeit des Geistes zu erwarten ist; allein die meisten darunter waren so veränderlich, so geschmeidig wie ihre Gesichtszüge. In ihrem Gesichte war allemal mit einer unbegreiflich schnellen Abwechslung die Miene, die sie gerade brauchte, und ebenso abwechselnd waren ihre Leidenschaften bald Tugenden, bald Laster. Ihr Ehrgeiz war heute die übertriebenste Freigebigkeit gegen Dürftige und Unbedürftige und morgen der habsüchtigste Geiz gegen ihre Liebhaber. Ihr Verstand, ihr Witz, ihre Talente – dies waren die Götzen, die sie anbetete, und wer so listig war, diese mit ihr anzubeten, der hatte oft den geheimen Triumph, sie mit ihren eignen Waffen zu schlagen; sobald sie eine solche List merkte, wurde sie zum Tiger; doch haben einige dadurch die Ehre erlangt, ihre Überwinder zu sein, daß sie sich als Überwundne anstellten.

Wehe dir, Selmann, daß du mit einer solchen Streiterin zu tun hast! – besonders bei so ungünstigen Umständen; denn sie hatte auf der Messe, wo sie diesmal ihren Schauplatz aufgeschlagen, einen Unstern gehabt, der ihre ganze Wut wider die männliche Tugend gereizt hatte. Einer ihrer Liebhaber war so fein gewesen, ihr den Vorteil abzugewinnen und glücklich eine gute Dosis Liebe beizubringen; sie fühlte ihre Krankheit, und der Bösewicht ließ ihr eher nicht merken, daß er darum wußte, bis der wichtigste Augenblick herannahte, und da schon ihr ganzer Reiz in seiner Gewalt war, ging er lachend von ihr, triumphierte und brüstete sich bei allen ihren Bekannten mit einem Lorbeer, den sie ihm nicht streitig machen konnte.

Das war ärgerlich! höchst ärgerlich! Ihr Ehrgeiz wurde auch so stark angespornt, daß sie von der Minute an alle vorhabende und künftige Plane aufgab, die Messe verließ und wie ein neuer Herkules ausging, Ungeheuer zu würgen; so nannte sie in allen Ehren uns arme Mannspersonen.

Wie ein hungriger gereizter Löwe kam sie mittags in dem nämlichen Gasthofe an, wo Selmann und Tobias einkehrten. Ihre äußerst feine Kenntnis männlicher Gesichter belehrte sie gleich nach der ersten Besichtigung, daß dies ihr Mann wäre, und sie beschloß augenblicklich, ihn ihrem beleidigten Ehrgeize aufzuopfern oder zu sterben! – Ich dächte – soweit ich Selmannen kenne! –, sie könnte in dem nämlichen Augenblicke den Dolch spitzen und den Sarg bestellen! – So dachte sie aber nicht. Sie ließ sich nicht von ihm sehen, sondern agierte anfangs durch ihre vorgegebne Schwester, die sie schon seit vielen Jahren begleitete und ihr getreulich bei allen Unternehmungen beistand, und durch einen Bedienten, welcher itzt bei nicht sonderlich günstigen Vermögensumständen ihr ganzes Gefolge ausmachte. Diese beiden Abgeordneten forschten Selmanns Bedienten mit der feinsten Kunst eines Spions aus; und der gute Johann, der noch nie in solche Schlingen gefallen war und es auch für seine Pflicht hielt, seinen Herrn in seiner Beschreibung von ihm mit allem möglichen Glanze erscheinen zu lassen, machte ihnen ein so herrliches Porträt von Selmannen, von seinen philosophischen Einsichten, empfindlichem Herze und seinen Reichtümern, daß beide Kundschafter sich lächelnd einmal über das andre mit den Augen zuwinkten, um einander zu verstehen zu geben, daß dieser Mann für die Absichten ihrer Gebieterin gemacht sei. »Dieser Mantelsack«, setzte Johann hinzu, rückte den Hut schief und tat statt des Beweisgrundes einen kräftigen Schlag auf den Tisch – »dieser Mantelsack ist bei meiner Treu! voller Gold; was wollen Sie mehr? Mein Pferd hat sich lahm daran getragen! Denken Sie einmal! Ein Mantelsack voller Gold! Wenn Sie nun nicht glauben wollen, daß mein Herr der Reichste im Lande ist, so müßten Sie an keinen Himmel und keine Hölle glauben.« – Dabei holte er, um nichts fehlen zu lassen, was seinem Herrn ein Gewichte geben könnte, den Beutel aus der Tasche, schüttete etliche Goldstücken aus, die er sich seit langen Jahren vom Lohn gesammelt hatte, und fragte den Wirt so stolz als ein armer Student, der einmal den Reichen spielen will: »Was bin ich schuldig?«

Obgleich die Ausforscher die eine Hälfte von diesen Prahlereien für Lügen hielten, so schien ihnen doch wenigstens nach der bei jeder Erzählung nötigen Subtraktion die andre Hälfte Wahrheit zu sein; besonders taten sie bei der letztgemeldeten Erscheinung der Goldstücken einen Schluß a minori ad maius von dem Bedienten auf den Herrn. Nach diesen hohen Ideen wurde der Bericht eingerichtet, den sie von ihrer Gesandtschaft erstatteten.

»Das ist der Mann«, rief ihre Gebieterin nach Endigung dieser Nachricht, »an dem ich meine Schande rächen und alle Männer strafen will! – Ein Philosoph?« fragte sie lachend, »und wenn es ein Sokrates wäre! Desto willkommner! – Wie stolz will ich sein, ein so wildes Tier wie einen Philosophen zahm gemacht zu haben! – Isabelle! denke einmal! wenn der Herr Philosoph samt seiner Weisheit in die – Grube fällt! – Wie er zappeln wird! – Isabelle, das wird ein herrliches Schauspiel werden. – Fort! ich muß ihn sprechen. Gleich, Adam, meldet mich! – Isabelle! er ist wohl so häßlich als ein Philosoph?«

Isabelle: »Vermutlich; aber doch reicher als ein Philosoph!«

»Das versteht sich; sonst machte mich seine Philosophie nicht sonderlich lüstern. – Die verdammte Messe erniedrigt mich unter mich selbst! Der verdammte! – Doch was mach ich mir denn schlimme Laune mit solchen Dingen? – Da, Mädchen! ein Glas auf die Gesundheit der Philosophie! – Soviel Ehre muß man wohl dem guten Dinge antun! – Nu! singst du mir nicht im voraus ein Triumphlied dazu?«

Isabelle: »Welches denn gleich? Ce–ci–de–runt in pro–fun–dum, summus Aristoteles –«

Vor Lachen konnte sie nicht weiter, und beide hätten sich gewiß noch viel gröblicher an dem guten Mütterchen, der Philosophie, versündigt, wenn nicht zum großen Glücke Adam mit der Nachricht zurückgekommen wäre, daß ihre Gegenwart dem Herrn Philosophen willkommen sein würde. Sogleich fuhr ihr Gesicht in die trockenste Ernsthaftigkeit zusammen; sie ging und trat in dem Charakter einer Niederländischen von Adel in Selmanns Zimmer.

Ihr Vortrag war diesmal aus der Kasuistik. Sie hatte, nach ihrem Vorgeben, in der Gegend, wo er vormals residierte, sich kurze Zeit aufgehalten und vieles von dem guten Rufe gehört, in welchem seine Einsichten und seine Menschenliebe stunden; sie hatte ihn kennenzulernen gewünscht, hatte, ehe dieses zu bewerkstelligen war, zum größten Leidwesen gehört, daß er seinen Wohnplatz verändern wolle, war ihm nachgereist und hatte vor einem Augenblicke durch ihre Bedienten erfahren, daß die Fügung des Himmels sie unter einem Dache mit dem Manne zusammengebracht hätte, den sie schon, ohne ihn zu kennen, mehr als alle Weisen älterer und neuerer Zeiten verehrte. – Dies aus dem Stegreife ersonnene Märchen wurde mit einer so kräftigen Essenz von feinen Schmeicheleien und versteckten Lobsprüchen wohlriechend und wohlschmeckend gemacht, daß ihm die steifsten Fibren eines Stoikers nicht hätten widerstehen können, und das war Selmann nicht! Er hatte die lebhafteste feinste Empfindung und folglich auch die lebhafteste feinste Eigenliebe, und folglich war diese schon im Eingange für die schöne Rednerin eingenommen, ehe sie noch an die eigentliche captatio benevolentiae kam.

Die hohe Meinung von seinen Einsichten, gab sie weiter vor, die ihr sein Ruf gleichsam aufgedrungen, habe sie bewogen, ihn um die Beantwortung einer Frage zu ersuchen, deren Auflösung für ihre Glückseligkeit wichtig und von seiner Menschenfreundlichkeit allein zu erwarten wäre. – Armer Selmann! Wie man deine Eigenliebe zum besten hat, um dich zu überreden, daß du aus bloßer Menschenliebe die Gewissensfrage einer Hinterlistigen beantwortest!

Sie las in Selmanns Gesichte, wie weit sie schon mit ihm gekommen war, und lenkte das Gespräch auf verschiedene Gegenstände, um seinen ganzen Geschmack, seine Empfindungen und Leidenschaften von Grund aus zu studieren. Bald erzählte sie die unglücklichen Geschichten ihrer Freundinnen – Selmann wurde gerührt –, bald malte sie die zärtliche Zusammenkunft ihrer Schwester und ihres Liebhabers nach einer zweijährigen Trennung – Selmann glühte –, bald kam sie auf ihre eignen Widerwärtigkeiten, die sie mit einer tragischen Beredsamkeit zu heben und durch alle theatralische Künste ihres Körpers eindringend zu machen wußte – Selmann ward ganz Empfindung.

Nun wußte sie den Ton, in welchem sein Gefühl gestimmt war, und brauchte nichts mehr als eine kleine Kenntnis von seiner Marschrute, seinem Plane, Vorhaben, Absichten und künftigem Aufenthalte. Ehe er sich's versah, hatte sie ihn durch die künstlichste Wendung des Gesprächs dahin gebracht, daß er ihr aufrichtig alles nach der Länge offenbarte, was sie zu wissen nötig hatte. –Aha! dachte sie bei sich, als sie seine gelehrten Absichten erfuhr, auch ein bißchen Romanenschwung im Kopfe? Desto besser! – Darauf wurde die kasuistische Frage vorgelegt, beantwortet, die Unterredung mit einer Auswahl von wechselseitigen Schmeicheleien beschlossen und Selmann zufrieden und mißvergnügt auf seiner Stube zurückgelassen wie ein Koridon, den seine Phyllis, eben da seine keuschen Flammen lichterloh brennen, plötzlich verläßt. Ei, ei! er hat sich doch nicht verliebt? – Verliebt und auch nicht! wie man's zu nehmen gedenkt. – Er hatte eine hohe Idee von dem Frauenzimmer, sie war in seinen Augen die verständigste, die witzigste, die empfindlichste, die schönste, die tugendhafteste, die bezauberndste Schöne in allen Mittagskreisen, er fühlte gewisse dunkle Regungen des Wohlgefallens und Vergnügens, wenn er an sie dachte – und er dachte an nichts anders –; er wurde mißvergnügt, als sie ihn verließ, er empfand ein unbestimmtes Verlangen, sie länger, sie öfterer zu sehen – und, wie seine Vernunft ganz gravitätisch hinzusetzte, von ihr Verstand, Tugend und Anmut zu lernen – und so weiter. – Nun halte man diese Beschreibung an sein Herz und sage mir: Heißt das verliebt sein? – Also wäre denn die Eigenliebe der Weg, durch welchen die himmlische Venus in die Herzen der Sterblichen hineingebracht wird? Wenigstens mußte, genau berechnet, zwei Dritteile seiner Empfindung auf ihre Rechnung und eins den Ursachen zugeschrieben werden, denen er sie ganz zuschrieb. – Aber mag dies sein, wie es will; wenigstens will ich – was ich auch andern rate – den Grundsatz merken: Durch das Tor der Eigenliebe kömmt die himmlische Venus in die Herzen der Sterblichen, ohne daß sie es wissen.

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