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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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10.

Eine Ritterschaft ohne Beschwerlichkeiten wäre kaum des Namens wert. Das mußten unsre beiden Ritter sehr deutlich fühlen; denn, den einzigen Anfall von Zorn ausgenommen, den ich im vorigen Absätze betrauret habe, verzog weder mein Held noch sein Patron das Gesichte aus Verdruß über die Unglücksfälle, die sich gleich am ersten Tage ihrer Reise ihnen entgegenstellten. Nur eine Beschwerlichkeit war so groß, daß sie Selmanns Geduld überstieg; bei den Unterredungen mit seinem Begleiter war oft, wenn das Gespräch sich in vollem Strome ergossen hatte, plötzlich ein enger Weg, ein Graben oder etwas Ähnliches gekommen, das sie genötigt hatte, einzeln zu reiten, oder in der Begeistrung der Aufmerksamkeit waren beide unvermerkt vom Wege ab und in Dickichte, an Teiche geraten, worauf die Bemühung, wieder auf den rechten Weg zu kommen, die Unterhaltung auf einige Zeit hemmte; man vergaß darüber, wovon gesprochen worden war, und mußte die Materie wieder bei der ganz ersten Quelle aufsuchen. Das waren allerdings Ungemächlichkeiten, die jedem Menschenherze schwer zu tragen sein mußten. Daher beschloß Selmann, gleich nach Tobias' Vergehung wider alle Philosophie den übrigen Teil der Reise in einem Wagen zurückzulegen, und abends nach seiner Einkehr in dem Wirtshause eines Dorfs tat er diesem seinen gemeßnen Willen kund. Zuerst richtete er seinen Vortrag an den Wirt, bei dem er sich erkundigte, ob er ihm eine Chaise verschaffen könnte, welche die Reise bis nach Merkur aushielte. – »Nein«, war seine runde Antwort mit einem hellen Silberstimmchen. – Ob eine Stadt in der Nähe wäre? – »Nein.« – Ob er nicht einen Wagen geborgt bekommen könnte? – »Nein.« – Ob etwas zu essen vorhanden wäre? – »Nein.« – Ob man Stühle, Tische und Betten bekommen könnte? – (die ganze Stube war leer) »Nein«, und mit diesem schnell herausgestoßnen Nein drehte der Herr Wirt seine kurzbeinichte Figur nach der Tür und ging, ohne weiter auf Fragen hören zu wollen, mit behenden Schritten hinaus.

»Himmel! was für ein Original! Den Mann muß ich näher kennen.« – Zugleich tröstete er sich damit, daß man im Falle, wenn der Wirt bei seinem hartnäckigen Nein verbliebe, ihm mit einem Reste kalter Küche aus dem Mantelsacke des Bedienten Trotz bieten könnte. – »Stühle und Tische können wir missen«, setzte er hinzu, »Diogenes konnte in einem Fasse essen, trinken und schlafen; warum sollten wir es nicht in einer leeren Stube tun können?«

Inzwischen hatte doch bei beiden Reisenden der tierische Teil ihrer selbst über den geistigen so sehr die Oberhand gewonnen, daß sie sich entschlossen, den Ruhm des Diogenes fahren zu lassen und noch einen Sturm, aber einen Sturm mit Güte, auf den verneinenden Wirt zu tun.

Selmann ging, diese Operation auszuführen, und Tobias suchte den Bedienten auf.

Jener kam in die Wohnstube und fand die Frau vom Hause bei einem kleinen Spinnrade, das auf dem Tische vor ihr stund. In der Geschwindigkeit änderte er, als ein feiner Kriegsmann, bei dieser unvermuteten Zusammenkunft seinen Plan und beschloß, die Sturmleiter an der Frau Wirtin anzulegen. – Er wiederholte sehr freundlich die nämlichen Fragen, die er ihrem Gemahl getan hatte, und sie wurden insgesamt mit einem langgedehnten, seufzerartigen Ja beantwortet; alles wurde zugestanden. Selmann hob also mit vieler Zufriedenheit die Belagerung auf, da die Kapitulation einen so glücklichen Ausgang hatte, und ging im halben Triumphe zu seiner leeren Stube zurück.

Indem er die Treppe hinaufsteigen wollte, hörte er in einer Stube, vor welcher er vorbei mußte und deren Türe offen stand, einen lebhaften Wortwechsel. Er sah von der Ferne hinein und wurde einen Offizier gewahr, der mit dem Wirte heftig stritt, doch so, daß dieser nichts als ein helltönendes: »Nein! Ich mag nicht! Ich will nicht!« auf jenen zuquäkte.

»Mordio!« schrie endlich der Fremde, »dich, Satan, will ich wohl zähmen!« – und nach dieser Kriegserklärung griff er nach dem Stocke und ließ ihn mit voller Schwere auf den Rücken seines Gegners fallen, der anfangs die Flucht nehmen wollte; allein der andre faßte ihn mit seiner kriegerischen Faust bei dem Zopfe und fragte ihn zum letzten Male, ob er die nötigen Möbeln, Essen und Trinken herbeischaffen wolle? – und dabei machte er sein Rohr zum Schlage fertig. – »Ja, ja!« maute der Herr Wirt wie ein eingeklemmter Kater. – »So geh, du Hund!« – Dies war das Endurteil seines Überwinders, das, nebst einem guten gesunden Stoße, ihm seine Befreiung ankündigte.

Selmann konnte sich nicht genug verwundern, daß ein Mann, dem die Gewinnsucht Antrieb genug sein konnte, durch so gewaltsame Mittel bewogen werden mußte, Geld zu verdienen. Er trat also in die Stube vollends hinein, um sich von dem Offiziere, der in dem Wirtshause bekannt zu sein schien, darüber belehren zu lassen. – »Oh«, sagte ihm dieser, »der Kerl ist ein Sappermenter! Seine Frau, die lahme Hexe, sagt zu allem ja und er zu allem nein, und keiner von den beiden Seehunden rührt einen Fuß. – Aber ich weiß ein Mittel! Man muß den Satan prügeln, alsdann wird man bedient, wie man es verlangt. – Haben Sie ihm seine Ladung noch nicht gegeben?«

»Und werde sie ihm nimmermehr geben!« sagte Selmann und schüttelte den Kopf.

»Oh«, erwiderte jener mit lautem Lachen, »so können Sie auf den Dielen schlafen! – Ich schwör es Ihnen zu, wenn Sie den Seehund nicht prügeln, so gibt er Ihnen nicht einen Fingerhut voll Wasser.«

»Woher aber das? Der Mann ist ja auf diese Art ein Feind seines eignen Vorteils.«

»Das will ich Ihnen sagen. In dem letzten Kriege gewann er Geld, wurde trotzig und mußte es auch zuweilen sein; er bekam oft Prügel und gewöhnte sich so daran, daß er itzt noch ohne Prügel nichts herausgibt. – Aber ich kehre gern bei dem Satan ein. – Wir Offiziere beredten uns eines Abends –«

Bei diesen Worten, die ohne Zweifel ein fades Histörchen ankündigen sollten, lenkte sich Selmanns Aufmerksamkeit auf die Leute, die unter dem Kommando des Wirts anfingen, die Stube zu möblieren. Der Offizier merkte seine Verwunderung und rief triumphierend: »Das sind die Früchte von meiner Zucht! So muß man diese Seehunde fassen! In Pommern, lassen Sie sich einmal erzählen –« So hub ein neues Geschichtchen an, das Selmann ebenso unaufmerksam anhörte als das vorige und vor deren Endigung er sich dem Erzähler sehr höflich empfahl. Er bekam eine Versicherung durch die kräftigsten Flüche auf den Weg, daß er so schlecht als in der Hölle sich befinden würde, wenn er dem Seehunde, dem Wirte, nicht durch Prügel Mores lehrte.

Selmann bekam bei der Rückkunft auf seine Stube eine Nachricht, die jedem andern den Rat des Offiziers annehmlich gemacht hätte. Tobias berichtete ihn, daß der Bediente mit seinem Magazine noch nicht angekommen sei. Es war schon spät, die nächste Vermutung war also, daß er sich verirret habe, aber sie war falsch; nein, Selmann und sein Gefährte hatten sich über ihrem tiefsinnigen Gespräche verirrt. Der Bediente war auf der rechten Straße in einem Gasthofe eingekehrt, weil ihn die Nacht überfallen hatte, und beklagte es sehr, nicht bei seinem Herrn zu sein, besonders, daß dieser nichts von der kalten Küche genießen sollte, die er sich, um sie nicht verderben zu lassen, ganz vortrefflich schmecken ließ. Hätte er vollends von der Verlegenheit gewußt, in welcher sich der Magen und die Menschenliebe seines Herrn befand, der entweder hungrig auf den Dielen schlafen oder seinen Wirt prügeln mußte: ein Entweder und Oder, wo er bei gänzlichem Mangel eines andern Auswegs gern nach dem ersten griff! Da es nach einer kurzen Beratschlagung dabei blieb, daß man nicht wüßte, wie man dieser traurigen Alternative ausweichen solle, schloß Selmann endlich: »Wie mancher Weise, der uns weit übertraf, mag schon hungrig schlafen gegangen sein! den Kopf, voll wichtiger unsterblicher Gedanken, auf einen harten Stein unter freiem Himmel gelegt haben! Wir sind glücklicher als sie; uns schützet ein Dach vor den Beschwerlichkeiten der Witterung. Komm! wenn wir uns müde gesprochen haben, so schlafen wir, wo und so gut wir können.«

Tobias' Magen wollte diese Philosophie nicht verdauen und knurrte eine Menge Gegenbeweise her, als Selmann die Unterredung auf das seltsame Betragen des Wirtes lenkte, um die Ursachen davon zu erforschen, denn die vom Offizier angegebene tat ihm nicht genug. Er fand deren eine Menge und wollte eben sich selbst Beifall über eine zuklatschen, die unter allen hervorstach, als jemand leise die Tür öffnete, hereintrat, sich ihm zu Füßen warf, seine Knie umfaßte und in weinerlichem Tone mit weiblicher Stimme sagte: »Nehmen Sie mich wieder auf! Vergeben Sie mir! – Habe ich Sie beleidigt – o sein Sie nicht unversöhnlich! – Vergessen Sie die Vergehungen einer reuigen Ehefrau, die ohne Sie ...« Hier brach sie in Tränen aus und konnte nichts als schluchzen.

Selmann sprang gleich bei ihrem ersten Worte auf und war so sehr verstummt als diese Unbekannte und, da er sie weinen hörte, so empfindlich gerührt, als sie es zu sein schien.

»Antworten Sie mir! Nur ein einziges Ja! das mir von Ihren Lippen ein heilender Balsam sein wird. – Sprechen Sie es!« – und so umfaßte sie ihn.

»Madam«, rief Selmann zurückfahrend, »Sie durchdringen mich! allein –«

»O tröstendes Wort! nun leb ich!« – Bei diesen Worten wurde die Umarmung wiederholt.

»Madam, Sie irren sich! – Ich bin nie verheiratet gewesen –«

»Du bist es, o Bester! Du bist wieder mein Gatte, mein Gemahl –«

»Madam, um des Himmels willen! ich kann es nicht sein –«

»Fliehe nicht von mir! Du bist es, den meine Seele liebt! Dein Kuß sagt es mir.« – Sie küßte ihn.

»Madam, keinen Kuß! Sie verschwenden ihn! Ich bin es nicht!« Unter diesem Dialog trieb das Frauenzimmer Selmannen mit ihren Umarmungen und Liebkosungen von einer Ecke der Stube bis zur andern; er flohe, sie verfolgte ihn, er verneinte, daß er von ihr etwas wüßte, sie bestund darauf, daß er ihr Mann sei. Endlich wurden Umarmungen und sogar Küsse so gehäuft, daß Selmann es vor dem Richterstuhle der Keuschheit nicht zu verantworten glaubte, wenn er nicht plötzlich dem Spiele ein Ende machte. Er ergriff daher die Partie aller berühmten Keuschen, des Josephs und seiner wenigen Nachfolger – er wollte entfliehen; doch sie faßte ihn bei dem Rockzipfel – die verdammte Kleidung, die wir itzt tragen! Kein Wunder, wenn niemand in ihr keusch sein kann! – Hätte er Josephs Mantel gehabt, so hätte er ihn fahrenlassen, und wohl dir, Keuschheit! – Aber ehe er den Rock auszog, konnte sie es tausendmal merken und Weste, Beinkleider und die ganze Person in Besitz nehmen. Wegen dieser Betrachtung ließ er den Rock fest sitzen und sich geduldig von ihr zurückhalten; doch unter vielen Beteurungen, daß er nicht der sein könne, den sie suchte.

»So sind Sie es nicht!« rief sie traurig und seufzte. »Vergeben Sie mir!« – und seufzte noch mehr. – »So ist meine Freude verloren! – So habe ich dich, o einzig Geliebter, noch nicht! Ach!« – Hierbei erfolgte ein recht theatralischer Seufzer, der Selmannen das Blut so hastig durch das Herz jagte, daß er sich umwandte, was wegen des Rockzipfels, den sie noch immer fest hielt, etwas beschwerlich war, sie bei der Hand faßte und sie zu trösten suchte.

»Was haben Sie, Madam? – Was fehlt Ihnen? – Wen suchen Sie? – Ihren Mann? – Sagen Sie mir eine Spur von ihm, und ich helfe Ihnen suchen.« Dies waren seine unruhigen Fragen, und halb zürnte er schon auf sich, daß er den Mann nicht gleich zur Stelle liefern konnte.

Sie antwortete mit schmerzhaftem Tone: »Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe ihn beleidigt – ich glaube es wenigstens – er hat mich verlassen, und ich Arme müßte ohne ihn vor Kummer vergehn – ohne ihn!« wiederholte sie und ließ dabei so künstlich eine Träne auf Selmanns Hand fallen, die so feurig brannte, daß sein ganzer Körper vom Zenit bis zum Nadir in eine Zitterung geriet.

Nichts fehlte itzt mehr, um den guten Mann zum Romanhelden zu machen, als daß der Wirt sich ohne Prügel entschloß, ein Licht plötzlich in die Stube zu bringen, und daß alsdann Selmann ein Frauenzimmergesicht erblickte, dessen Reiz und Anmut durch eine schmelzende Traurigkeit unwiderstehlich wurde. – So ginge es gewiß in einem gewöhnlichen Romane zu; aber in meiner Geschichte nimmt die Sache eine andre Wendung. – Der Wirt bringt kein Licht, und Selmann bleibt also von den unwiderstehlichen Reizungen eines traurigen Frauenzimmergesichts unangefochten. Was hilft ihm aber das? Entwischt er gleich den Qualen der Liebe, so hat doch seine Menschenfreundlichkeit ihm einmal eine Wunde geschlagen, die so sehr schmerzt als der Pfeil der Liebe; er war gerührt; er wollte dieser fremden Unglücklichen helfen und wußte nicht wie. Eine traurige Lage für ein empfindendes Herz! – Endlich brach er mit vollem Strome der Empfindung in die Frage aus: »Was kann ich tun, Madam? Reden Sie! Befehlen Sie! Alles, was in meiner Gewalt steht, wage ich für Sie.« – Dies sagte er mit einer ungeduldigen Hitze.

»Sie sind zu gütig!« war die Antwort. »Wenn ich Sie bemühen dürfte – doch nein! das hieße Ihre Güte mißbrauchen –«

»Reden Sie! Ohne Umstände!«

»Wenn ich Sie bemühen dürfte, mit mir auf meine Stube zu kommen, und – Ihr großmütiger edler Ton läßt mich hoffen, daß Sie mir wenigstens vergeben werden, wenn Sie mir auch meine Bitte versagen – und mir eine Schwester bereden helfen, mich meinem Schicksale zu überlassen. Sie begleitet mich bei der Aufsuchung meines Mannes; sie liebt mich so übertrieben – ich muß es so nennen! –, daß sie von Mann und Kindern flieht, um meinen Schmerz mit mir zu teilen. Wenden Sie alle Ihre Beredsamkeit an, Sie zur Zurückkehr ihrer Familie zu bewegen. Wenn Sie nicht der sind, den ich liebe, den ich suche, so sein Sie wenigstens mein Tröster, mein Ratgeber! Ihr edles empfindendes Herz ...«

»Madam, ich leide unendlich für Sie. Führen Sie mich, wohin Sie wollen! Fodern Sie, was Sie wollen! Ich folge Ihnen, ich versuche es.«

»Großmütiger Mann! So kommen Sie dann – Doch ich muß mich schämen! nach einer so kurzen Bekanntschaft Ihnen schon so viel zuzumuten! – Nein, Ihr Edelmut –«

»Um des Himmels willen, keine Bedenklichkeiten! – Wo ist Ihre Stube?«

Und so faßte er sie bei der Hand, führte sie zur Tür hinaus und wanderte nach ihrer Stube zu.

Und Tobias? – Die ehrliche Seele hatte genug mit sich zu tun, um Leib und Geist in erträglichem Zustande beisammen zu erhalten, und war daher nichts weniger als vermögend, an der vorhergehenden Szene lebhaften Anteil zu nehmen. Gewisse Leute, bei denen die Empfindung mehr in der Seele als in dem Körper sitzt, mehr in jene durch erlernte Grundsätze und Nachahmung hineingepflanzt als in diesem von Natur aufgewachsen ist und deswegen, wie eine durch die Kunst gereifte Frucht, innerhalb der Mittelmäßigkeit bleibt – diese Leute, unter welche auch Tobias gehört, bedürfen einer besonders günstigen Disposition des Körpers, um in Empfindungen gesetzt zu werden. Wenn ihr Magen und folglich auch der Kopf – denn beide sind geschworne Freunde, was einer tut, äfft der andre nach – bei böser Laune sind, so kann kein Stachel tief genug in das Herz dringen, um es zu verwunden; es ist ein schlaffes Tuch, das jedem Stiche nachgibt. – Diese Verfassung des Magens – da er einen ganzen Tag auf einem Pferde mit dem unsanftesten Schritte, in holprichten Wegen herumgerüttelt, zweimal vom Pferde geworfen worden und einmal in die unseligste Aufwallung des Zorns geraten war – alles heftige Bewegungen, die einen großen Aufwand am Blute erfodern! – die daher entstehende Verfassung des Magens, sage ich, muß ihn bei jedem billigen Beurteiler hinlänglich entschuldigen, daß er bei jenem rührenden Vorgange in der Ecke stund, sich anfangs fürchtete, dann wieder beruhigte, Selmannen und der Unbekannten nachfolgte, als sie gingen, und da ihn diese ihre Tür vor der Nase zuschloß, mit einer der Verwunderung ähnlichen Miene drei Minuten lang vor der Türe stehenblieb, dann langsam in seine Stube zurückging, sich auf dem Boden auf gut kynisch ausstreckte und – schlief.

Nach einiger Ruhe wurde er aufgeweckt. Als er die Augen aufschlug, fand er die Stube helle, einen Stuhl, einen Tisch, ein Licht darauf und – was er in der Zeitordnung zuerst bemerkte – nach aller wahrscheinlichen Vermutung des Geruchs ein ganz gutes Essen dabei, das er auch, sobald er aufstund, in natura erblickte, worauf ihn der Mann, der ihn aufgeweckt hatte, berichtete, daß er essen sollte, und fortging.

Das ist ein Feenschloß! Der Mann, der ihm diese erfreuliche Szene öffnete – wenn er ihm doch nach dem Rücken gesehn hätte! – gewiß ein bucklichter Zwerg! ein verwandelter Liebhaber! – Ei, ei! mein Held von Feen gespeist, bedient! Wie leicht könnte seinem Geschichtsschreiber von dieser Ehre etwas zugute kommen!

Aber wie mag das nur zugehen? – Wenn er vielleicht gar in den Palast der Circe geraten wäre? – So muß er ein Ulysses werden! und – ich hüpfe! ich schreibe dann eine Odyssee und werde zu Wasser und Lande unsterblich wie Homer!

Zwar – man zerbreche sich doch nie bei Sachen, die auf diesem Erdenrunde vorgehen, die Köpfe, um ausfündig zu machen, wie es zugeht. Der Ausgang wird es lehren, spricht, deucht mich, Salomo, der Weise, und diesen erwartete Tobias so weise als ein Salomo, bis sein ganzer Tisch abgespeist war. Er sah sich um und erblickte eine Streu mit Betten, für ihn so einladenden Betten, daß er den Ausgang noch länger zu erwarten beschloß und aller Unruhe über seine Verzögerung gute Nacht gab.

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