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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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9.

Die verdammte Doziersucht! – oder wie Sophikulus es zu nennen beliebt –, die verdammte philosophische Grimasse! Sie ist nun einmal mein Fehler, so sehr man sich auch darüber beschwert! – Wenn mich ihr Paroxismus nur nicht zu so ungelegner Zeit wie itzt überfiele – es ist ärgerlich! – Man bedenke nur! Während daß ich Ihnen vom Wolsey, von Philosophen, von Leidenschaft und Menschenfreundlichkeit vorplaudere, ist der ehrliche Tobias schon zweimal – mit dem Pferde gestürzt! – Seine kavalleristische Ehre bei der Nachwelt zu schonen, sage ich nicht – vom Pferde gefallen – wiewohl dies die lautere Wahrheit wäre.

Der erste unglückliche Fall rührte von der Nachlässigkeit des Bedienten her, der sie begleitete und itzt Reitknecht und alles war. Selmann hatte zwar befohlen, das nötige Reitzeug in möglichst guten Stand zu setzen, allein die Bedienten eines Philosophen müssen wie ihre Herren zu sehr Philosophen sein, um ihre Aufmerksamkeit auf ökonomische Kleinigkeiten zu richten, oder war es hier die gewöhnliche Nachlässigkeit eines schlechten Bedienten? – Genug, der Gurt an Tobias' Sattel hatte so wenig Kräfte übrig, die ganze Reise auszuhalten, daß er gleich eine halbe Meile nach der Ausreise mit einem lauten Knacke entzweisprang und Sattel und Reuter auf der linken Seite des Pferdes in einem Augenblicke hinunterwischen ließ. Sein günstiges Schicksal riß ihm sogleich den Zügel aus den Händen, worauf das Pferd ohne den geringsten Anstand umkehrte und im Galoppe seinen Weg nach seiner vorigen Heimat nahm. Tobias blieb ruhig auf dem Flecke liegen, wohin ihn der Fall geworfen hatte, so unbeweglich, als wenn er seine Lebenszeit so zuzubringen gedächte. Selmann, der in tiefen Gedanken etliche Schritte voranritt und von dem Vorfalle nichts erfuhr, setzte seinen Weg ungehindert fort und vermißte seinen Gefährten nicht eher, als bis er sich nach ihm kehrte, um ihm das Resultat seiner bisherigen Spekulation vorzutragen. – »Was?« rief er verwundert. »Wo ist Tobias?« – Er rief ihn bei seinem Namen etlichemal; umsonst! Tobias meldete sich mit keinem Worte.

Wäre Selmann abergläubisch, einfältig – kurz, ein Mann von wenig aufgeklärtem Verstande gewesen, so hätte seine Verwunderung nicht halb so lange gedauert; er hätte in der Geschwindigkeit einen bösen Geist, ein Luftmännchen oder etwas Ähnliches aufgeboten, von welchem sein Reisebegleiter fortgeführt sein sollte; aber als einem Manne, der keine Wirkung ohne wahrscheinliche Ursache annehmen konnte, war es ihm gleich unmöglich, unter den vielen möglichen eine zu wählen und eine genugtuende zu finden. Seine Verwunderung über Tobias' plötzliche Verschwindung währte daher fünf ganze Minuten, worauf er die ganze Sache in dubio ließ und langsam zurückritt, um den zurückgebliebenen Bedienten zu fragen, wie viel er ihm mit Gewißheit von diesem Phänomen zu berichten wüßte. Er kam an die Stelle, wo der Unfall vorgegangen war, und fand den abgeworfnen Ritter noch in der nämlichen Lage, in welche ihn der Fall versetzt hatte. – »Was ist dir widerfahren?« rief er auf ihn zu. – »Ich weiß nicht«, antwortete jener, indem er sich ein wenig aufrichtete. – »Bist du vom Pferde gefallen?« – »Vermutlich! alles ging so geschwinde zu, daß ich nicht eher sehen konnte, was mir begegnete, als da ich lag.« – »Wo ist dein Pferd?« – Indem die Antwort hierauf zwischen den Lippen war, kam der Bediente herbei, dem der entflohne Gaul in einem hohlen Wege begegnet war, und weil jener ihn sogleich erkannt und für undienlich gefunden hatte, ihm den Durchlaß zu verstatten, so wurde er itzt im Triumphe zurückgebracht. Der verunglückte Reuter stund auf, man untersuchte die Ursache seines Unsterns, und Selmann, als er die wahre fand, hatte die Zufriedenheit, zwar nicht die rechte, aber doch auch keine falsche gemutmaßt zu haben.

Man traf Anstalten, den Sattel, sosehr es sich tun ließ, wieder brauchbar zu machen, und nach einer Viertelstunde Arbeit saß mein Held wieder in Lebensgröße zu Pferde, welches er so wenig Groll wegen seiner treulosen Entfliehung fühlen ließ, daß er sogar, ehe er aufstieg, wohlbedächtig die Sporen in die Tasche steckte, aus Furcht, ihm damit Schaden zu tun. Man könnte diese Vorsicht auch einer Furchtsamkeit zuschreiben; allein ich bin ein guter Lebensbeschreiber, das heißt, ein Mann, der seinem Helden unrühmliche Sachen für Kleinigkeiten erklärt und drum mit dem größten Rechte gänzlich übergeht.

Ja, wie lange bleibt der unglückliche Reuter sitzen? – Wäre er nur nicht erst aufgestiegen!

Sein zweiter Fall, von dem ich itzt reden will, war gewiß der einzige in Europa in Ansehung der Ursache, die ihn veranlaßte: Die Philosophie warf ihn ab.

Das mag schnackisch zugegangen sein! – Selmanns Zunge war einmal in Bewegung gesetzt, und in diesem Falle hörte ihre Bewegung nicht eher auf, als bis eine neue Spekulation im Kopfe hervorsprang und ihr den Zufluß der Lebensgeister abschnitt; dann stund sie plötzlich still, wie ein Mühlrad, wenn das Schutzbrett vorgesetzt ist. In dieser schwatzenden Laune hatte er seinem Begleiter tausend artige Sachen vorgesagt und trug eben itzt, da von den Göttern der zweite Fall meines Helden beschlossen war, eine merkwürdige Auflösung des Problems von dem Sitze der Seele vor. Tobias neigte sich mit stieren Augen und voller Begierde über den Kopf seines Pferdes hin, um keins von Selmanns Worten, der wegen des engen Weges voranreiten mußte, zu verlieren. Je enger der Weg wurde, je mehr entfernte sich der Dozent, je mehr wurde bei dem Zuhörer diese Neigung des Kopfs notwendig; der Weg ging außerdem bergunter und war, andrer bösen Eigenschaften nicht zu gedenken, ungemein steinicht. Tobias beugte sich immer mehr vor – pump! stürzte sein Roß auf die Knie, und der Reuter flog wie ein Blitz über den Kopf hin. Diesmal hatte das Schicksal vergessen, den Zügel ihm aus der Hand zu nehmen, oder ein gottloser Gnome hatte ihn im Fallen darein verwickelt; das Pferd sprang auf und schnellte zu gleicher Zeit den in den Zügel verwickelten Reuter in die Höhe. Der Elende schrie, das Pferd stund zu seinem Glücke still, er machte sich hastig los, und – o möchte mir doch jemand die Feder wegreißen, indem ich aus törichter Liebe zur Wahrheit meines Helden Schande ausposaunen will! – ich räuspre mich! ich huste – umsonst! – und – mit schwerem Herze sage ich's! – er ergrimmteHier seufzte der Autor vernehmlich laut. , nahm die Peitsche und gab dem Pferde einen empfindlichen Hieb.

Philosophie, du mußt es verantworten, daß er itzt sich selbst so unähnlich wurde! Du warfst ihn ab, und dann verließest du ihn gar? überließest ihn der Leidenschaft? ließest sie mit ihrer Hitze das ganze Eis wegschmelzen, das bei seinem ersten Falle so glücklich wider die Flammen des Zorns aushielt? – Wozu bist du nütze, du Treulose?

Man könnte zwar zu ihrer und seiner Beschönigung annehmen, daß die Tropfen des mütterlichen Blutes, die er bei seiner Bildung empfangen und deren im Anfange dieses Werks gehörige Meldung geschieht, eben damals ihren Übergang in die große Pulsader tun wollten und durch die Erschütterung von dem Falle auf einen harten Boden zu schnell durchgedrängt wurden, daß die Peitsche dem Pferde schon auf dem Rücken lag, ehe die Philosophie einen Tropfen Wasser in seinen Zorn gießen konnte.

Also hülfe uns die Philosophie nur, wenn wir auf keinen harten Boden fallen? – oder von der Mutter Eva kein Tröpfchen warmes Blut bis in unsre Adern gekommen ist? – Sonach – hülfe sie bei meiner Treu! – nicht viel!

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