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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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6.

Ja, im völligen Ernst tue ich dieses Gelübde. Wenn mir nur auch die Natur ein so kaltes, ruhiges Blut wie meinem Helden verliehen hätte, um die Erfüllung meines Wunsches gelassen abwarten zu können! Zwar in meinem Helden hatte die knautische Familientugend schon durch eine fremde Vermischung gelitten, und sein ältrer Bruder Melchior war der letzte aus seinem Stamme, der sie unverfälscht besaß, und folglich war das Ende seines Lebens das Ende dieser so merkwürdigen Familie, und die zahlreiche Nachkommenschaft von ihm und den übrigen Brüdern kann nicht dazu gerechnet werden, weil sie das Gepräge derselben nicht an sich haben, ebensowenig als ein silberner Pfennig unter die Groschen gehört, wenn er auch gleich die Größe dazu hätte.

Bei unserm Tobias mochten sich etliche Tropfen von dem mütterlichen Blute in die Adern geschlichen haben, und wenn diese aus dem Herze in die große Pulsader übergehen sollten, so drängten sie sich so hastig durch, daß eine unordentliche Erschütterung in der ganzen Maschine entstand, und alsdann war er kein Knaut mehr. Inzwischen hielt ihn seine kluge Mutter durch ihre Erziehung wieder schadlos: Durch einen despotischen Schlag drückte sie dergleichen Bewegungen sogleich nieder und hätte dadurch beinahe wider ihren Willen einen wirklichen Knaut aus ihm gemacht.

Was machst du schon wieder? Bist du nicht ein – ? Hast du keine Ehre im Leibe? Willst du schweigen? Willst du gehen? Bist du nicht so ein – wie dein Vater? Soll ich dich schlagen, daß du – und noch dreiundneunzig andre Fragen – ich möchte mich außer Atem schreiben, wenn ich sie alle hersagen wollte, welche, mit obigen zusammengerechnet, hundert ausmachen, geradesoviel, als eine weibliche Lunge in einem Atemzuge tun kann – alle diese hundert Fragen stürmten oft auf einmal wie ein Kartätschenschuß auf den armen Jungen los. Ein Doktor, der durch alle Stufen richtig auf den Parnaß hinangestiegen ist und bei jedem Schlagbaume sein Wegegeld richtig abgegeben hat, würde bei einer solchen Menge Fragen verwirrt geworden sein, gestottert, gehustet und sich geräuspert haben, ob er gleich sonst jede Frage, die sich warum anfängt – die schwersten unter allen! –, entscheidend und ohne Anstoß wie ein fleißiger Katechismusschüler zu beantworten weiß. Kein Wunder also, daß in dem Kopf des armen Tobias die Lebensgeister so ängstlich untereinander liefen, Treppe auf, Treppe nieder, rechts und links, die Kreuz und die Quere, übereinander wegstolperten, sich in Winkel verkrochen – kurz, daß es in seinem Kopfe so zuging wie in einem Hause, wo sich die Frau während der Abwesenheit ihres sparsamen Ehegemahls mit ihrem Kammermädchen oder andern Lieblingen ein kleines Fest veranstaltet hat und durch sein fürchterliches Klopfen an die Haustüre in ihrer Freude gestört wird. Wirklich konnte auch der gute Bube bei einem solchen innerlichen Lärme und aus großer Bemühung, alle Fragen auf einmal zu beantworten, gar keine beantworten, sondern blieb, wenn er mit verwirrtem Gesichte seine Examinantin eine Zeitlang angestaunt hatte, sprachlos stehen oder fuhr in seiner vorhabenden Beschäftigung ungehindert fort, bis ihre Hände durch einige Hiebe ihm das fernere Nachdenken über den Sinn ihrer Fragen ersparten und seine ganze Person an einen andern Ort durch einen Stoß versetzten.

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