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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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7.

Selmanns Entschließungen folgten immer Anstalten und Ausführung auf dem Fuße nach. Der gute Mann beging auf diese Art oft größere und würklichere Torheiten, als manchem Leser der Einfall, im neunundvierzigsten Jahre auf eine Universität zu ziehen, scheinen wird. Er hatte einen Einfall; er überlegte; tausend Gründe dafür und dawider erschienen sogleich in seinem Gehirne und stürmten wie erhitzte Advokaten aufeinander los; mitten unter dem Gedränge schlich sich eine von seinen Lieblingsleidenschaften unbemerkt bis an die richterliche Waage und ließ ebenso unbemerkt ein Stückchen Blei, ein Steinchen oder so etwas in die Schale der Partei schlüpfen, die für den Einfall sprach; gleich – ich schwöre es euch bei den Nachthemden aller Musen zu! –, gleich sinkt die Schale, die Advokaten schweigen, der Prozeß ist aus, und der Einfall wird in Ausübung gebracht.

Nach dieser Methode wurde sein akademisches Projekt in einem Nachmittage aufgeworfen, bezweifelt, gebilligt und der Termin zur Abreise so kurz als möglich angesetzt, welcher davon abhing, daß er einen Mann fand, der gegen eine billige Belohnung die Verwaltung seines Vermögens über sich nahm, ihm jährlich eine bestimmte, nicht sonderlich große Summe von den Einkünften überschickte und – was ungezwungen daraus herfloß – das übrige für sich behielt. Billige Bedingungen; bei denen der ehrlichste Mann und der ärgste Schelm bestehen kann!

Durch einen Glücksfall traf Selmanns abenteuerlicher Vorsatz in einen Zeitpunkt, wo die Rechte dem Herrn Hauptmann V., dessen Andenken ich hiermit erneuern will, eine von ihren traurigen Wohltaten hatten genießen lassen. Da er aus unbekannten Ursachen für dienlich erachtet hatte, seit langer Zeit von fremdem Gelde zu leben, und aus höchstbekannten Ursachen seine Gläubiger für dienlich erachteten, ihn nicht länger davon leben zu lassen, so vertrieben sie ihn unmenschlicherweise, ohne zu bedenken, daß er vielleicht Hunger leiden könnte, nebst Fräulein Kunigunden und Adelheiden, aus seinen sämtlichen Besitzungen und spielten mit einem Worte die ganze Tragikomödie oder Komitragödie – die Rebellion der GläubigerConcursus Creditorum. . Unter dem Lärme dieses Schauspiels hörte er von den Bedingungen, unter welchen ein ehrlicher Mann der Haushalter von Selmanns Vermögen sein sollte, und ohne zu bedenken, wie verdächtig ein Mann sein müsse, der für einen schlechten Ökonomen berüchtigt war und diesen Ruf durch einen öffentlichen Beweis bestätigt hatte, bot er seine ganze Ehrlichkeit zu Selmanns Diensten an. Dieser, der gleichfalls aus Liebe zu seinem Entwurfe an das geringste nicht dachte, woran ein vorsichtiger Ökonom gewiß gedacht hätte, nahm augenblicklich das Anerbieten an und freute sich, obendrein einen Mann sich zu verbinden, dem es seine Umstände höchst notwendig machten, sich keiner Verbindlichkeit zu schämen.

Der Handel war richtig: Der Hauptmann V. Selmanns Pachter, und sobald es sich tun ließ, hielt dieser philosophische Abenteurer seinen Abmarsch.

Die Reise wurde aus Ursachen, die niemand hat erforschen können, zu Pferde getan und die ganze Gerätschaft, die sie mitzunehmen beliebten, einem Fuhrmanne anvertraut, der sie auf einem Karren von vier abgelebten Rossen langsam nach  Merkur schleppen ließ.

Abends vorher, als in aller Frühe darauf der Ausritt geschehen sollte, mußte Tobias eine Ermahnungsrede anhören, wovon ich, um ihrer Merkwürdigkeit willen, ein Fragment hier einrücke, das aus den Papieren meines Helden gezogen ist – wider dessen Echtheit mir niemand etwas einwende.

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