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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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4.

Ein wichtiger Absatz! –
weil er eine Seite von meines Tobias Größe darstellt,
wie gleich sich zeigen wird.

Ohngefähr eine Viertelstunde vorher, ehe sie aus dem Walde waren, stieß Tobias seinen Gönner etwas hastig in die Seite, weil dieser in eine nachdenkende Träumerei geraten war, die der Erfahrung gemäß bei ihm einer Träumerei in vollem Schlafe gleich galt – welches den sonst unhöflichen Stoß in die Seite entschuldigt. – Selmann erwachte und rief: »Was gibt's?« – »Kutscher, halt! Ein Mann, der mit dem Tode ringt!« war Tobias' verwirrte Antwort, nach welcher er aus der linken Seite des Wagens stieg und nach dem Orte zueilte, wo der Sterbende sein sollte.

Ein solches Signal durfte Selmann nicht zweimal hören, um sich in Bewegung zu setzen. Er folgte nach und wurde schon unterwegs durch das Rufen des Mannes in seiner Erwartung bestätigt.

Tobias' erstes Urteil hatte die Wahrheit nicht völlig getroffen. Der Mann rang nicht mit dem Tode. Er saß da, die Hände fest auf den Rücken gebunden und mit Stricken um den Hals und zweimal noch um die Brust und die Lenden an einen Baum gefesselt, so daß er weder sich bewegen noch etwas zu seiner eignen Befreiung tun konnte.

Beide, Selmann und Tobias, waren vor allen Dingen geschäftig, ihn loszumachen, und schnitten mit Messern so lange, bis alle Bande entzwei waren. Der arme Unglückliche, ob er gleich ohne Fesseln war, hatte nicht Kräfte genug, sich mit aufgesteiften Händen aufzuhelfen, und da man ihn unterstützte, war er nicht vermögend, auf die Füße zu treten, so sehr waren alle Sehnen und Nerven durch die Unbeweglichkeit, in welcher sein Körper so lange sich befunden hatte, erstarrt und untüchtig geworden.

»Ach«, schrie Tobias plötzlich, als er dem Befreiten genauer ins Gesicht sah, »mein Vater! mein Vater!«

»Bist du es, Tobias?« erwiderte jener mit langgedehntem Tone. »So sehe ich dich wieder?«

»Ja«, rief Tobias freudig. »Wo ist meine Mutter? meine Brüder?«

»Deine Mutter?« unterbrach ihn der Vater; »sie kann nicht weit sein. In dem nämlichen –«

Ohne ihn ausreden zu lassen, sprang er fort, sie zu suchen, aber wo? – Der Wald war weitläuftig, und ihn ganz zu durchsuchen – das laß dir nur nicht einkommen, ehrlicher Tobias! – Er war auch weit davon entfernt; denn als er eine kleine Strecke gelaufen war, so blieb er stehen und rief, so laut er konnte. Das glücklichste Schicksal unter der Sonne ließ ihn fern eine Stimme hören, die ihm zu antworten schien; er rief noch einmal, ging dem Tone nach, rief wechselsweise wieder und ging näher, bis er zuletzt seine leibhafte Mutter in dem nämlichen Zustande wie den Vater an einen Baum gefesselt fand. Sie erkannte ihn gleich bei dem ersten freien Blicke, den sie auf ihn werfen konnte, und überhäufte ihn mit einer solchen Menge Fragen, daß es der arme Tobias, ungeachtet aller gegenwärtigen Vollkommenheiten seines Verstandes, nicht viel besser machte, als er in ähnlichen Fällen tat, da er noch Leimhäuser baute: er beantwortete keine, sondern eilte, sie von ihren Banden zu erlösen. Sobald nur der Hals frei war, so ergoß sich ein neuer Strom von Fragen aus ihrem Munde, und sie hätte gewiß bis zum Abende gefragt – besonders da Tobias alle Kräfte zum Losschneiden versammlete und zum Antworten keine übrig hatte, weswegen jede Frage unendlichmal wiederholt werden mußte – und Tobias hätte wegen ihrer häufigen Gestikulationen, wodurch sein Schnitt unsicher und ungewiß wurde, ebensogewiß bis zum Abend schneiden können, wenn ihm nicht der Bediente nachgeschickt worden wäre, der durch einen Meisterhieb mit seinem Couteau de chasse dem ganzen Geschwätze und dem ganzen Schauspiele ein Ende machte.

Mittlerweile daß diese Szene vorging – und sie dauerte lange –, hatte der alte Knaut, auf der Erde liegend, Selmannen seine Geschichte so kaltblütig erzählt, als wenn es die Begebenheiten eines Dritten, eines gänzlich Fremden, wären. Diebe waren nach seinem Berichte in sein Haus eingebrochen oder vielmehr hineingegangen, hatten gesucht und, wie leicht zu vermuten, nirgends etwas gefunden. Aus Unwillen – dies war seine eigne wohlausgedachte Vermutung –, aus Unwillen, daß ihre Mühe und Zeit so schlecht angewandt worden war, bemächtigten sie sich des Herrn und Frau Knaut, die, weil sie völlig sicher waren, daß ein Diebstahl in ihrem Hause unter die unmöglichen Dinge gehörte, so sorgenlos schliefen als der Bettelmann auf dem leeren Brotsacke, und ohne Schwertstreich oder andere Gegenwehr schon in Banden lagen, ehe sie es fühlten. Darauf wurden sie fortgeschleppt und nach einem zweitägigen Fasten – worauf er den stärksten Akzent in der ganzen Erzählung legte –, an Bäume gefesselt, so wie man sie kurz vorher fand, zurückgelassen.

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