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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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3.

Nach aufgehobener Tafel und Selmanns verschiedenen Versuchen, es herauszubringen, ob der vorhandne H. v. R. das gesuchte verrückte Subjekt sei – denn daß seine Figur und übrige Beschaffenheit im mindesten nicht zu dem Bilde paßte, das man ihm von dem wahren gemacht hatte, dafür hatte er eine herrliche Erklärung in dem Augenblicke gefunden, als man ihm die Suppe überreichte und er sie in seiner Träumerei der Frau Wirtin zur Hälfte auf den erdfalbenen Schlafrock goß; nach aufgehobener Tafel erkundigte sich Selmann –welches der letzte Kunstgriff war, um hinter die Gewißheit zu kommen – nach den Lebensumständen seines Wirts. Dieses Examen währte nicht lange, weil der H. v. R. sogleich sein Leben in dem kurzen Auszuge zusammenzog, daß er auf dem Flecke, wo er noch existierte, geboren, erzogen sei, gelebt und sich verheiratet habe.

Da wir einmal in seinem Hause sind, so will ich sein Bild für die Nachwelt vollends ausmalen.

Daß er eine ehrliche, gutherzige Menschenseele war, das habe ich bereits nach Pflicht gemeldet, und jammerschade war es, daß sein so gutes Herz nicht mit einem bessern Verstande gepaart war. Die drei wichtigsten Artikel seiner ganzen Wissenschaft waren: Kinder zeugen, Bäume pflanzen, das Land bauen. Er übte unbekannterweise hierinne die Religion der alten Perser in ihrer völligen Reinigkeit aus, und so emsig orthodox, daß gerade diese drei Beschäftigungen und sonst keine die einzigen am Tage und zu Nachte waren. Man kann daher leicht erwarten, daß aus einer solchen Weltweisheit eine starke Nachkommenschaft hervorwachsen mußte; auch hatte sein liebes Weibchen wirklich schon neun lebendige Kinder dem lieben Vaterlande geliefert, deren ganze Geburts-, Lebens- und Erziehungsgeschichte das Gespräch war, womit sie ihren Gästen die Abendmahlzeit zu würzen suchte. Wenn das Wetter seinen Tagesverrichtungen nicht günstig war, so strickte er Netze oder – schlief. Nach seinen Beschäftigungen urteilte man, was für Ideen in der Vorratskammer seines Kopfs liegen konnten! Bei allem dem war er doch ein ehrlicher gutherziger Mann, der in seinem Winkel dahinlebte, nichts Gutes und nichts Böses tat und niemanden in der ganzen Welt im Wege war als seinen Bauern, wenn er ihrer Arbeit zusah.

Er hatte sich es den ganzen Abend nicht einfallen lassen, daß man, um jemanden ohne vorgängige Bekanntschaft zu besuchen, eine Ursache haben müsse, und ob ihm gleich die Fr. Gemahlin im Bette darauf verhalf, so spielte ihm doch Selmann den unglücklichen Streich, reiste des Morgens in aller Frühe fort und machte es ihm folglich unmöglich, sich, ohne einen zweiten Besuch, bei ihm desfalls zu erkundigen; da dieser nicht erfolgte, so blieben der H. und Fr. v. R. nebst Dero ganzen übrigen Hause in einer ewigen Ungewißheit über diesen Punkt.

Die plötzliche Abreise war nach der strengen Etikette dieser Dame eine unverzeihliche Unhöflichkeit; acht Tage lang war sie mittags und abends das Tischgespräch; aber wenn sie wüßte, warum sie begangen wurde – sie ließ es wenigstens dabei bewenden.

Eine von Selmanns Schwachheiten – wenn man es so nennen will! – war es, daß er nie schlafen konnte, wenn sein Bette nicht vermöge einer Wasserwaage zu einer völlig horizontalen Fläche gemacht wurde. Itzt fand er ein Bette, das wie ein Alpengebürge von Federn aufgetürmt war, und wurde es erst inne, als er hineinsteigen wollte. Er stürzte alle Küssen zu Boden, die ihm im Wege waren; er drückte hier, er drückte dort; allein da die erste Anlage nicht horizontal war, so kam, aller seiner Arbeit ungeachtet, keine wahre horizontale Fläche zum Vorschein, und – der Philosoph konnte kein Auge zutun! und – der Philosoph wurde unwillig, ließ anspannen und fuhr mit Tagesanbruch, ohne Abschiednehmen, fort.

Der Philosoph! – Das hätte ich ihm doch nicht zugetraut. – Als der große Stesichorograph wegen eines schnöden Feigenkerns mit plötzlichem Unwillen sein Haus und seinen Hof verließ, entschuldigte er zwar menschenfreundlich diesen Musensohn, allein er erkannte die Handlung doch für eine Torheit, und der Philosoph Selmann dünkte sich – wie jedermann bei der Entschuldigung fremder Torheiten – in dem Augenblicke weit über jenen schwachen Erdensohn erhaben. – Itzt, Selmann! geh und siehe, wie weit du über oder unter ihm bist.

Aber muß man denn, um Philosoph zu sein, gar keine Schwachheiten haben?

Das nicht! sagt unser Weiser eben itzt zu Tobias, der die nämliche Frage an ihn tut. – Das nicht! nur mit dem Unterschiede, daß der Weise seine unverschuldeten Schwachheiten einsieht und, wenn er kann, sie ablegt, andre hingegen sie leugnen und, wenn sie angegriffen werden, verteidigen. Allemal trifft dies freilich so wörtlich nicht ein. – Wir haben eine Unhöflichkeit begangen. Wir müssen sie wiedergutmachen – und gleich befahl er dem Kutscher, umzudrehen; allein der Kutscher entschuldigte sich damit, daß es in einem solchen engen morastigen Wege mitten zwischen Bäumen schlechterdings nicht geschehen könne und überhaupt vor dem Ende des Waldes unmöglich sei. – »So mag es alsdenn geschehen!« sagte Selmann, ohne etwas unzufrieden zu sein. – »Unser Weg war umsonst«, fuhr er nach einer kleinen Pause zu seinem Reisegefährten fort.

»Warum das?«

»Mir ist es ein Rätsel. Dies war gar nicht der Mann, den wir suchten. Gleichwohl ist es derselbe Weg, den mir der Hauptmann V. beschrieben hat. Es muß ein Irrtum, eine Verwechselung in seinem Gedächtnisse vorgegangen sein.«

»Ich weiß es besser, du guter Selmann! – Warum lachte denn gestern abend bei Tische der Hauptmann V. so ausgeschüttet, daß er sich noch nicht fassen konnte, als er ins Bette stieg, wenn nicht der erste April gewesen wäre? wenn er dich nicht hintergangen und [dir] die Geschichte eines weit entfernten jungen Edelmanns, eines Herrn v. R., angedichtet hätte, um deinen Beobachtungsgeist zu reizen und dich, mit einem Worte, zum Aprile zu schicken?

Dergleichen ähnliche Betrügereien waren unserm leichtgläubigen Philosophen schon oftmals von ebendemselben gespielt worden. Dieser hatte die Freude, über die Leichtgläubigkeit eines Klügern zu triumphieren, und jener empfand nicht die geringste Demütigung bei diesem Triumphe, weil er es niemals, selbst hinterdrein nicht, erfuhr, daß er angeführt worden war.

Wem dies erzählt wurde, der lachte über die Einfalt des Mannes, der sich so geduldig hintergehen ließ, und Selmann, dessen Verstand den gesamten Menschenverstand der ganzen dasigen Gegend weit überwog, wurde wechselsweise mit dem Namen eines Duns, eines Dummkopfs, eines Einfältigen gebrandmarkt. Alle, die so urteilten und nach ihren Einsichten nicht anders urteilen konnten, hätten wissen sollen, daß Philosophie und gutes Herz, wo sie beisammen wohnen, eine anscheinende Einfalt über den Verstand verbreiten, die sich am meisten bei den geringern Vorfällen des Lebens äußert; diese sind zu klein, um die Aufmerksamkeit ihrer Seele aufzufodern, da sie hingegen bei Leuten, die jene beiden Vorzüge nicht besitzen, Eindruck genug machen, um sie ganz zu beschäftigen. Weil der Weise nie daran denkt, andre zu betrügen, so denkt er ebensowenig daran, daß andre ihn betrügen wollen.

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