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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Dritter Band

We first endure, then pity, then embrace.
Pope

1.

»So soll der Kutscher gleich anspannen«, rief Selmann, gab Befehl dazu, und Tobias sollte ihn begleiten.

Es geschah; der Kutscher fuhr vor, und die Reise ging fort. »Weißt du«, sagte Selmann im Wagen, »zu was für einem Schauspiele wir itzt reisen? – Du warst nicht zugegen, als mir die Sache erzählt wurde – Höre sie also! – Zu einem Schauspiele reisen wir, das alle Empfindungen des Mitleids und der Menschlichkeit aufwecken und für den Beobachtungsgeist eine reiche Nahrung sein muß. – Kurz, zu einem Manne, dem Liebe und Verzweiflung den Kopf verrückt haben. Ich will dir die ganze Geschichte erzählen.

Der Mann hatte sich kurz vor seiner Verheiratung in ein Frauenzimmer von vorzüglichem Stande verliebt, welches so viele Vollkommenheiten in sich vereinigte, daß es auch bei einem geringen Maße von Empfindlichkeit schwer war, sie nicht zu lieben. Sie hatte einen glänzenden Verstand, einen sanften Charakter, eine Güte des Herzens, die nichts übertraf, und überhaupt eine so feine lebhafte Empfindung, daß sie selbst vielen ihres Geschlechts ins Romanhafte zu fallen schien. Der Mann, zu dem wir reisen wollen, fühlte gleich bei ihrer ersten Erblickung einen so starken Eindruck von ihren einnehmenden Manieren, daß er sie schon liebte, ehe er noch die Vortrefflichkeiten kannte, die in ihr verborgen lagen. Seine Liebe wuchs sogleich zu einer solchen Stärke an, daß er sie ihr den nämlichen Tag gestand und um die Erlaubnis bat, ihr von Zeit zu Zeit aufzuwarten, um sie wenigstens öffentlich zu bewundern, wenn er sie nicht öffentlich lieben dürfte. Sie fand, daß sein so schnelles und feuriges Geständnis ihrem Herze nicht gleichgültig war, besonders da die dabei geäußerte Empfindung mit dem Tone der ihrigen übereinstimmte; es war ein Grad vom Romanhaften dabei. Wider seinen Stand hatte die Eitelkeit nichts und wider das Vermögen der Eigennutz sehr wenig einzuwenden; allein sie stund unter einem Vater, der in dem kleinen Reiche seiner Familie wie ein Despot regierte; alle Tritte, alle Reden und Bewegungen derer, die dazu gehörten, mußten sich nach seinem Takte richten oder der strengsten Ahndung, oft der unbilligsten Mißhandlung gewärtig sein. Sie konnte daher in die gefoderte Erlaubnis unter keiner andern Bedingung willigen, als daß es mit Begünstigung ihres Vaters geschehen müsse: Ihre Empfindlichkeit bei seiner Liebe verbarg sie. Er fiel auf die Knie, dankte ihr unter vielem Händeküssen für diesen Schimmer von Hoffnung und ließ ihr ein Liedchen von seiner Arbeit zurücke, das ganz mit Empfindung einbalsamiert war. Der Vater verlangte ihn zu sehen, sah ihn, fand anfangs nicht viel wider ihn einzuwenden, und endlich, da er sich mit einem gewissen Titel von ihm benennen hörte, den ihm außer ihm selbst niemand zugestand, lobte er ihn gar ins Gesicht und hatte nicht die mindeste Bedenklichkeit, seiner Tochter einen öftern Umgang mit ihm zu erlauben, wobei er sich aber die väterliche Aufsicht vorbehielt, das heißt, sie sollten einander nicht anders als in seiner Gegenwart sehen. Dies geschah, und allmählich wurde die Liebe des armen R. durch den beinahe täglichen Genuß der Vollkommenheiten seiner Geliebten in eine solche Flamme gesetzt, daß er oft Handlungen tat, die andre Leute einer Verrückung des Gehirnes zuschrieben, die aber allem Anscheine nach ihren Grund in der Heftigkeit seines Affektes hatten. Er lebte in einer beständigen Zerstreuung, geriet oft mitten im Gespräche in eine völlige Abwesenheit der Gedanken, gab übelpassende Antworten, saß oft ruhig und nachsinnend da – auf einmal sprang er auf und gab Leuten Befehle zum Einpacken, zur Abreise, die nichts weniger als unter seinem Befehle stunden. Einmal schenkte er dem Vater seiner Geliebten in öffentlicher Gesellschaft unter vielen Beteurungen seiner Liebe und mit einem Kniefalle einen Ring: Der Alte stutzte, und die ganze Gesellschaft belachte oder bedauerte ihn als einen Unsinnigen, welchem Beispiele bald die ganze Gegend nachfolgte; es wurde zum allgemeinen Glauben, der gute R. sei verrückt.

Der Vater der Fräulein, der sich schon bei verschiedenen Gelegenheiten herausgelassen hatte, wie wenig er ungeneigt sei, ihre beiderseitige Zuneigung unter gewissen Bedingungen zu begünstigen, änderte plötzlich seine Meinung und sann lange auf Mittel, ihn auf eine schonende Art gänzlich aus seinem Hause und von dem Umgange seiner Tochter zu entfernen. Er unternahm in dieser Absicht eine Reise mit ihr und glaubte, daß bei der Zurückkunft das Feuer der Tochter großenteils erloschen oder vielleicht für einen andern Gegenstand brennen würde; denn – was ich zu sagen vergessen habe – das Mitleiden über den unglücklichen R., den seine Geliebte aus einer traurigen Notwendigkeit für wirklich verrückt halten mußte, und die vorhergegangene Empfindlichkeit für ihn, hatten eine solche Mischung des Affektes in ihr hervorgebracht, daß sie ihre Zeit in einer beständigen schleichenden Schwermut und unruhigen Bekümmernis verlebte; für diesen innerlichen Gram sollte die vorhabende Reise zugleich eine Kur sein.

Sie kamen wieder zurück, und R. war noch in den nämlichen Umständen; man merkte nicht, daß sein Übel sonderlich zugenommen hatte, außer daß er etwas menschenscheu geworden war. Er besuchte die melancholischsten Örter, rauhe Felsen, brausende Wasserfälle, Kirchhöfe, und floh, sobald ihn Menschen in seiner Einsamkeit störten. Auf diesen Wanderungen machte er Verse, las sie den Felsen vor, zerriß und streuete sie in alle vier Winde oder warf sie, wenn er nahe bei einem Flusse war, ins Wasser. Sobald er die Rückkunft seiner Geliebten erfuhr, erwachte seine ganze Empfindung wieder, und die Furchtsamkeit verlor sich. Er gab sich alle mögliche Mühe, vor ihr gelassen zu werden; allein man machte ihm auf Befehl ihres Vaters so viele Schwierigkeiten, daß er mutmaßte, er sei in völlige Verachtung geraten. Endlich gelang es ihm doch, heimlich in ihr Zimmer zu wischen. Der Alte kam dazu und gab ihm seine Befremdung über seine Gegenwart sehr deutlich zu erkennen; doch seine Entschuldigung und sein ganzes Gespräch war so zusammenhängend und hatte so viele Spuren seiner ehemaligen Vernunft, daß Vater und Tochter, und zwar die letzte mit vielen Freuden, glaubte, seine Krankheit sei völlig geheilt, worinne sie bei seinen folgenden Besuchen bestärkt wurden.

Auf ihrer vorhergehenden Reise hatte bei einem zweimonatlichen Aufenthalte in dem Karlsbade sich eine Bekanntschaft entsponnen, die für die Liebe des guten R. sehr gefährlich werden konnte. Der neue Liebhaber setzte seiner Geliebten nach, und kaum war sie angekommen, als er schon seine Besuche anfing. Indessen, da der Vater aus guten Gründen von einer Verbindung seiner Tochter mit ihm sehr abgeneigt war und seine Abneigung ihm offenbar genug merken ließ, so ging diese Gefahr bald vorüber; der Nebenbuhler machte sein Paket zusammen und begab sich weg.

Inzwischen hatte er sehr wohl in Obacht genommen, wer seinem Glücke entgegenstund; er hatte seinen Gegner, den H. v. R., oft gesehen und mit vieler Unzufriedenheit den Vorzug bemerkt, den er in der Gunst ihrer beiderseitigen Göttin genoß; kurz, er hatte ihn, die Beschaffenheit seines Leibes und seiner Seele, ganz durchstudiert und bei der Gelegenheit erfahren, daß man, um ihm den Platz abzugewinnen, nichts Bessers tun könne, als ihn in seinen vergangnen Zustand der Verrückung wieder zu versetzen. Um dieses zu bewerkstelligen, schrieb er unter verstelltem Namen einen Brief an ihn, den er so abfaßte, als wenn es die Warnung eines Freundes wäre. Dieser Brief riet ihm freundschaftlich, allen Gedanken auf seine bisherige Geliebte zu entsagen, ihren Umgang von Stund an zu meiden und den Mann, der nach seiner Rechnung sein künftiger Schwiegervater werden sollte, als seinen Todfeind zu betrachten, und zwar darum, weil er sich mit seinem abgereisten Nebenbuhler in ein heimliches Verständnis eingelassen hätte, das auf seinen Untergang abzielte. Er wußte sogar einige Reden und Handlungen des Vaters in einem solchen Lichte vorzustellen, daß sie, so gleichgültig sie jedem andern an sich selbst scheinen mußten, einer finstern und von Furcht aufgewiegelten Einbildungskraft sich als die feinsten und gefährlichsten Schlingen vorstellten.

Wenn er weiter keine Absicht hatte, als seinen Nebenbuhler furchtsam zu machen, so konnte er sagen, daß ihm seine List gelang. Der betrogne R. floh nach dem Empfange dieses Briefes das Haus seiner Geliebten und seiner Einwohner wie ein Wasserscheuer das Wasser. Er fing seine vorige melancholische Lebensart wieder an, die er in der Abwesenheit seiner Daphne geführt hatte, sahe noch weniger Menschen, und – was anders sollte die Welt aus solchen Anzeigen schließen? – man sagte allgemein: Der H. v. R. ist verrückt.

Du weißt, wie wenig ich dergleichen allgemeine Urteile zu den meinigen mache. Leute, die bei dunkeln unaufgeklärten Ideen, wie die Ideen des größten Haufens sind, nur nach dem Anscheine, oft nach einem leichten Anscheine urteilen, kann ich mich unmöglich in einer so wichtigen Sache als das Urteil über einen andern Menschen bestimmen lassen. Ich muß selbst sehn, hören und erfahren, und dann urteile ich. Darum habe ich diese Reise angestellt, die für uns beide die lehrreichste auf der Erde sein soll.

Wäre sein Verstand wirklich verletzt«, fuhr er nach einem kleinen Nachdenken fort, »so weiß ich mir schon im voraus die ganze Art zu erklären, wie diese Verrückung allmählich durch die Gärung der Ideen und die dadurch veranlaßten Bewegungen des Gehirns und der Lebensgeister bewirkt worden ist. Der H. v. R. ist, wie ich gehört habe, ein Mann von Genie; das Genie, besonders in einem hohen Grade, erfodert eine so schnelle Bewegung der Lebensgeister, die derjenigen am nähesten kommt, welche die Raserei veranlaßt. Wenn nun –«

»Burr!« rief der Kutscher und hielt – nicht etwan, weil sie schon vor der Tür waren; nein, der Wagen war in ein tiefes Loch mit dem einen Rade gesunken, und der gute Phaeton wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er seine und des Bedienten Kräfte aufbot, um die ganze Maschine herauszuheben. Mußte das unglückliche Loch gerade in den Weg kommen, da Selmann in dem größten Feuer der Demonstration war, und allen Liebhabern der Seelenkenntnis seine Entdeckungen auf immer entreißen?

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