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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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34.

»Was gibt's?« rief der Hauptmann erschrocken, indem er den sechsten Löffel blanc manger dem Munde nähern wollte, und legte den Löffel wieder auf den Teller.

Fräulein Kunigunde fuhr, ohne zu antworten, immer fort, mit der Serviette um sich zu schlagen, und da sie der Kampf entkräftet hatte, verbarg sie sich hinter ihrer geliebten Adelheid, die voller Besorgnis sie ansah und vor Furcht und Verwundrung nicht fragen konnte, was ihr fehlte.

»Was gibt's?« fragte der Vater noch einmal und mit einer Gebärde, die schlechterdings Antwort verlangte oder Zorn erwarten hieß.

»Eine Biene« – winselte Kunigunde.

»Je, du bist nicht gescheit«, war die Antwort. »Sich vor einer Biene zu fürchten! Ich erschrak schon; ich dachte, es wäre ein Maikäfer.«

»Und ich dachte gar, es wäre eine Raupe«, sagte Stesichorographus, indem er sich wieder niedersetzte und seiner pechschwarzen Parucke, die Fräulein Kunigunde unversehens durch einen Luftstreich mit der Serviette merklich aus ihrer natürlichen Lage verrückt hatte, wieder in die vorige Positur verhalf.

Wie lächerlich! dachte der Hauptmann nebst seinen beiden Fräulein bei sich selbst, sich vor einer Raupe zu fürchten!

Wie lächerlich! dachte Stesichorographus, sich vor einer Biene oder einem Maikäfer zu fürchten.

O ihr Menschenkinder, dachte Selmann auf Veranlassung der Begebenheit, daß ihr es lächerlich findet, wenn jemand nicht auf eure Art lächerlich ist!

»Warum fürchten Sie sich vor Maikäfern, Herr Hauptmann«, fragte er nach diesem innerlichen Ausrufe.

»Warum? das weiß ich nicht; aber sie sind mir in den Tod zuwider. Lieber will ich einem Bataillon Kürassierer entgegenmarschieren als einem einzigen solchen abscheulichen Tiere. Die Maikäfer und die Dunkelheit sind meine beiden geschwornen Feinde auf der Welt. Bei meiner Ehre, ich bin auf so manche Kanone losmarschiert. Bei M++ mußte ich mit meiner Kompanie voranmarschieren, gerade ins Feuer hinein; die Kanonenkugeln sausten um die Ohren wie ein Bienenschwarm; ich habe mich mit so manchem Eisenfresser herumgeschossen und herumgehauen, und kein einzigesmal ist mir die Furcht ins Herz gekommen – bei meiner Ehre, ich habe mich kein einzigesmal nur mit dem kleinen Finger gefürchtet, und mordio! wenn ich fünf Minuten im Finstern sein soll, so fürchte ich mich wie ein Kind. Sagen Sie mir, beim Teufel! woher das kömmt?«

»Vermutlich daher«, antwortete Selmann, »Notwendigkeit und Ehrbegierde trieben Sie an, sich in die größten Gefahren zu begeben, und allmählich kam es durch den täglichen Umgang mit den Gefahren und dadurch, daß Sie ihnen immer entkamen, so weit, daß Sie sich gar nicht mehr dafür fürchteten. Die Empfindung der Unerschrockenheit assoziierte sich mit der Idee dieser Gefahr und wird mit ihr assoziiert bleiben, solange Sie leben. Aber diese Assoziation ist nur auf diese einzige Art der Gefahr, von welcher Sie vorher sagten, eingeschränkt. Mit der Idee der Dunkelheit hingegen mag durch die Erzählungen ihrer Kinderfrauen, durch öfteres Erschrecken im Finstern und durch ähnliche Ursachen die Empfindung der Furcht verbunden worden sein, und diese Verbindung begleitet Sie gewiß bis ins Grab, da sie bis in diese Jahre gedauert hat. Mit den ...«

»Ja aber«, unterbrach ihn der Hauptmann gähnend, »wie geht es nur zu, daß ich mich vor dem einem fürchte und vor dem andern nicht?«

Nichts war imstande, Selmannen aus seiner Fassung zu bringen als der einzige Fall – wenn er durch eine lange und scharfsinnige Erklärung den Verstand des andern zu erleuchten gedacht hatte und der andre doch unmittelbar darauf eine Frage an ihn tat, die zu erkennen gab, daß seine Erklärung nicht soviel Licht in seinen Kopf geworfen hatte, als zu einer angehenden Dämmerung nötig ist. Eine solche Frage war für ihn so gut als ein Schlag mit einer Keule auf den Hirnschädel. Er saß da, sah den andern an und schwieg wie ein Kandidat, der eine Frage beantworten soll, auf welche er keine Antwort gelernt hat.

Mittlerweile war Stesichorographus in Umstände geraten, die ihm seinen völligen Untergang zu prophezeien schienen. Sein Appetit war durch die guten und für ihn ganz fremden Speisen mehr als gewöhnlich gereizt worden, und dieser Reiz wirkte so stark auf Zunge, Zähne und Hände, daß diese letztern unaufhörlich jenen etwas zuführten, und da natürlicherweise die Hände hurtiger zuführen, als die Zähne kauen konnten, so mußten sich diese übereilen und ließen das empfangne oft ungekaut in den Magenhals sich hinunterdrängen. Bei dieser Eilfertigkeit war es unvermeidlich, sich nicht oft zu verschlucken; doch sooft auch dieses vorfiel, so war doch dergleichen Unfällen durch einen Schluck Wasser oder Wein sehr bald abgeholfen. Aber bei dem Nachtische legte ihm seine Nachbarin, Fräulein Kunigunde, mit einer Vorsorge, als kaum eine Muse für den guten Stesichorographus hätte tragen können, eine trockne Feige von ihrem eignen Vorrate vor, weil sie keine Liebhaberin von getrockneten Feigen war. Ihr Liebling ergriff sie so begierig wie der Drache zu Babel Daniels Pechkuchen, um sie in zwei Portionen zu verschlingen. Ein fataler Kern mußte den gebahnten Weg verlassen und in die Irre geraten sein – genug, Stesichorographus wurde blau im Gesichte, fing an sich zu räuspern, riß die Halsbinde auf, sprang auf und ging, nachdem er einen rachsüchtigen Blick auf Kunigunden geworfen hatte, hustend zur Türe hinaus.

Selmann schickte ihm nach, und man brachte den Bericht zurück, daß der unglückliche Kern seinen Weg in den Magen und Stesichorographus den seinigen zur Treppe hinunter genommen habe, mit einer sehr deutlichen Erklärung, daß er Kunigunden und dies Haus nebst dem ganzen weiblichen Geschlechte von Herzen verwünsche und der ganzen Gesellschaft soviel böse Wünsche zurücklasse, als er in der Geschwindigkeit hätte aufbringen können. Anbei habe er zu erkennen gegeben, daß er sein Pferd satteln und augenblicklich aus diesen verhaßten Mauern entfliehen wolle, wo sein teures Leben in eine so große Gefahr gesetzt worden wäre.

Der Hauptmann lachte herzlich über seine plötzliche Entschließung und schickte ihm statt des Zehrpfennigs den christlichen Wunsch nach, daß er glücklich reisen möchte, um in dem nächsten Graben den Hals zu brechen. Seine beiden Fräulein überlief zwar bei diesem barbarischen Wunsche ein kleiner Schauer, aber Stesichorographus war doch in ihren Augen nicht zur Hälfte der große Mann mehr, der er vor Tische gewesen war. Kunigunde, da sie vollends seinen Friedensbruch mit ihrem Geschlechte vernommen hatte und dabei bedachte, daß sie die Veranlassung dazu gewesen war, fand augenblicklich in den Versen, die sie vorhin voller Entzückung göttlich und englisch nannte, soviel Mittelmäßiges, soviel Schlechtes, daß sie voll Mißfallen den Stuhl nicht einmal neben sich leiden konnte, worauf ihr Urheber gesessen hatte.

Selmann hingegen, der seinem Beobachtungsgeiste bei dem Aufenthalte dieses sonderbaren Mannes in seinem Hause ein tägliches Fest versprochen hatte, bedauerte es ungemein, daß ein nichtswürdiger Feigenkern ihn um alle seine erwarteten Freuden gebracht hatte. Ohne den Mann wegen seiner ungesitteten Aufführung nur mit einem Gedanken zu hassen oder ihn gar nach des Hauptmanns unmaßgeblichem Rate von dem Kutscher aus dem Hofe peitschen zu lassen, sann er eine Menge Entschuldigungen aus, die das Beleidigende in seinem Betragen so sehr verringerten, daß es ganz aufhörte beleidigend zu scheinen. Er sagte viele des Antonins würdige Sachen über die Beleidigungen und behauptete am Ende gar, daß für einen weisen Mann keine Beleidigungen auf der Welt wären.

»Mordio!« fuhr der Hauptmann auf, »keine Beleidigungen auf der Welt? Also kann jeder Schurke meine Ehre angreifen, und wenn ich dadurch beleidigt werde, so bin ich ein Narr? Man sieht's, daß Ihr Vater erst gelernt hat, was die Ehre eines Edelmanns ist.«

»Nichts weniger als das habe ich« –

»Element! wenn ich daran denke, wie oft ich in meinem Leben auf die Art ein Narr gewesen bin! – Ein Narr wäre ich gewesen, wenn ich wie ein Schaf alles gelitten hätte, wissen Sie's! Da vor zwölf Jahren in öffentlicher Gesellschaft mir ein lumpichter Doktor auf den Fuß trat und ich ihm dafür ein paar Ohrfeigen gab, war ich da auch ein Narr? He? – oder da vor neun Jahren an Lichtmeß ein Schurke, ein bürgerlicher Leutenant, mir in der Kirche so steif ins Gesicht sah, als wenn ich ein Meerwunder gewesen wäre, und ich ihm hernach des Abends darauf auf der Gasse, als wir einander begegneten, mein spanisches Rohr auf dem Rücken entzweischlug; war ich da auch ein Narr?«

»Erlauben Sie sich doch« –

»Mordio! mir steigt das Herz in die Gurgel, wenn ich daran denke. Für einen weisen Mann sind keine Beleidigungen; also sind alle, die beleidigt werden und es ahnden – Narren? – Herr, könnten Sie Ihren Adel beweisen, mein Degen wäre gleich aus der Scheide.«

»Mein Ungarwein hat Ihnen sehr warm gemacht, Herr Hauptmann. Kommen Sie an die frische Luft. Ein Glas Limonade wird Sie abkühlen. Befehlen Sie etwas Cremor tartari dazu?«

»Nein!« antwortete der Hauptmann trotzig. »Ein Narr bin ich, wenn ich mit Ihnen einen Tropfen trinke« – und bei diesen Worten verschluckte er ein Glas Ungarwein. Selmann ergriff ihn bei der Hand, um ihn vom Weine wegzuführen, aber er riß sie los und ging aus dem Zimmer.

Selmann ging ihm nach und ging so, daß er ihm im Garten begegnen mußte. – »Wo haben Sie die Blumen her?« fragte ihn der Hauptmann mit militärischer Freundlichkeit. Selmann antwortete noch freundlicher, und nach verschiedenen Gesprächen kam die Rede auf das hitzige Verfahren des Hauptmanns. »Ich habe Sie beleidigt«, sagte der Hauptmann, »und Sie mich; wir wollen aufheben.«

»Keins von beiden ist geschehn«, antwortete Selmann.

»Wieso?«

»Sie haben mich mißverstanden! – Wieso? Ich sagte: für einen weisen Mann, das ist, für einen Mann, der seine Leidenschaften in der Gewalt hat und die menschliche Natur kennt, für einen solchen sind keine Beleidigungen, weil er sogleich die Ursachen von dem unrechtmäßigen Verfahren des andern übersieht und dabei bedenkt, daß die meisten dieser Ursachen nicht von ihm abhingen. Ein feuriges Blut, Unwissenheit, Dummheit, mürrische Konstitution – lauter Ursachen der Beleidigungen, die vom Willen unabhängig sind! und, genau gesprochen, hat noch niemand mit Willen beleidigt. –Wer dieses und andre dahin gehörige Dinge nicht übersieht und aus irgendeiner unwillkürlichen Ursache dahingebracht wird, das üble Betragen eines andern übel aufzunehmen, der ist deswegen kein Narr, sondern er ist nur kein Weiser in jenem Verstande, kein Mann, der die menschliche Natur kennt und Herr seiner Leidenschaften ist.«

Ohne diese Theorie zu billigen oder zu verwerfen oder ohne mehr als den Klang der Worte zu denken, wandte sich der Hauptmann zu dem Haushunde, der eben auf ihn zukam, und erkundigte sich nach seinen Familienumständen so genau, als wenn er ein genealogisches Handbuch davon zu schreiben gedächte. Zum Unglück war Selmann ein so schlechter Genealogist, daß ihm weiter nichts als die Existenz des Hundes bekannt war. Die Fräulein kamen alsdann dazu, mit welchen Selmann einen Spaziergang bis in die nächste Laube tat, und der Hauptmann unterhielt die Hunde, nachdem die Gesellschaft durch des Wächters Spitz vermehrt worden war.

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