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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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33.

Fräulein Adelheid hatte indessen unsern Tobias aufgesucht, um ihm für die erwiesnen Dienste zu danken, und indem Stesichorographus den allgemeinen Landfrieden zwischen sich und dem weiblichen Geschlechte unterzeichnete, steckte sie den Kopf zur Türe herein, um auszuspüren, ob der Hauptmann zugegen wäre. Da sie ihn nicht gewahr wurde und daher schloß, daß er von seiner sentimentalischen Reise durch die Pferdeställe noch nicht zurückgekommen sein müsse, so wagte sie sich mit ihrer ganzen Person in das Zimmer und zog den guten Tobias mit aller Gewalt hinter sich drein, in der Absicht, ihm auch zu dem Danke ihrer Schwester zu verhelfen.

Alle Glieder an Kunigundens Leibe waren durch die vorhergehende Szene mit dem Stesichorographus bis auf das kleinste Nervengefäßchen in Zitterung gesetzt worden und also gerade in der besten Verfassung, einen feurigen Dank abzustatten. Auch geriet wirklich ihre Danksagung so hochtönend, daß sie eine Königstochter, wenn sie durch einen höflichen Ritter von Riesen und Zwergen befreit worden ist, nicht eine Sekunde höher anstimmen kann. Tobias, der noch niemals aus so einem erhabnen Tone hatte danken hören und auch die Größe seiner Verdienste um die beiden Fräulein nicht sonderlich mehr empfand, stutzte anfangs ein wenig und versicherte alsdann offenherzig, daß er anfangs nicht gewußt hätte, wem er den Dienst erzeigte, und daß er jedem Menschen ein Gleiches getan haben würde.

Darauf wurde er Selmannen auf das angelegentlichste empfohlen, der auch sogleich versprach, ihn auf das sorgfältigste selbst zu erziehen, für seinen Unterricht zu sorgen und so lange sein Vater zu sein, bis er in den Stand gesetzt wäre, sein eignes Glück zu machen. Die Fräulein boten ihm einen kleinen Zuschuß zu den Kosten seiner Erziehung an, den er unter der Bedingung annahm, daß es ihm erlaubt sein möchte, ihn durch eine Zulage von seinem eignen zu verstärken und damit die Umstände, in welchen Tobias' Eltern sich befanden, erträglicher zu machen, wodurch Leute von ihrer Art desto geneigter gemacht werden könnten, ihm ihren Sohn zu überlassen. Es wurde darein gewilligt und den andern Tag eine Gesandtschaft an Herrn und Frau Knaut geschickt, die mit der Nachricht zurückkam, daß sie beide höchst zufrieden wären, ihren Sohn in Selmanns Händen zu sehen, und sogar mit der größten Selbstverleugnung ihrer Elternliebe Gewalt antun und weiter gar nicht nach ihm fragen wollten, wenn sie den versprochenen Beitrag jährlich und richtig ausgezahlt bekämen.

Tobias' Empfindungen hierbei? – waren Freude, und zwar meistens über die versprochne Selbstverleugnung seiner Eltern. – O ihr Eltern! seid ihr nicht Ursache, wenn eure Kinder allenthalben nur nicht bei euch gern sind? Die kindliche Liebe liegt in jedem Menschenherze so gewiß als Feuer im Kieselsteine verborgen; freilich ist in einem Kiesel mehr Feuer als im andern, aber man schlage nur mit gutem Stahle daran, und es springt, wenn auch noch so wenig darinne läge, gewiß ein Funken heraus. Wenn Tobias neulich über die häuslichen Freuden des Landmanns, bei dem er nach seiner Entfliehung einkehrte, weinen konnte, weil er sie genießen sah, so wird er um soviel mehr Gefühl haben, sie mitzugenießen – aber Frau Knaut! ja wenn du die einzige Frau Knaut in Europa wärest, so wollte ich ein feierliches Autoranathem hier über dich sprechen! Aber so müßte ich es über den größten Teil der Mütter zugleich sprechen, und diese Mütter ermangelten nicht, es zu erwidern: Nein, dafür danke ich! – Ei, ich werde ja so ernsthaft wie ein Tugendlehrer, und unsre ganze Gesellschaft sitzt doch schon lange bei Tische und lacht und schwatzt, daß man gar keine Laune haben müßte, wenn man so ernsthaft bleiben und nicht wenigstens mitlächeln wollte.

Zwar, wenn sich meine Leser noch an die Anmerkung erinnern, die vor kurzem gemacht worden ist, und dabei auf eine andre fallen könnten, die ich itzt im Kopfe habe, so würden sie sich sogleich vorstellen, daß diese Munterkeit des Gesprächs nur vorübergehend sein muß. Bei keinem war sie es so sehr als bei dem Hauptmann, der, zwischen drei witzigen und einem philosophischen Kopfe, nicht wußte, was er denken und was er sagen sollte; denn witzige Leute von seiner Art sind niemals ernsthafter als bei witzigen Leuten von einer bessern Art.

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