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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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32.

Fräulein Kunigunde trat bei diesen Worten mit einem Papiere in der Hand zur Türe herein, wie die Göttin des Friedens in ein weißes Negligé gekleidet, das ein Kurier zu Pferde hatte holen müssen; und Selmann trat bei ihrem Eintritte vom Rednerstuhle ab, um sie zu bekomplimentieren. Stesichorographus rieb sich noch immer die Stirne, wie ein Mann, der widerlegt wird und gern allein Recht hat, und machte bei ihrer Erblickung Anstalten zur Flucht, als die Nymphe ihren schönen Mund öffnete und, indem sie Selmannen das Papier vorhielt, entzückt hinzusetzte: »Sagen Sie mir, was für ein göttliches Genie hat diese Schrift hervorgebracht! Nie hätte ich in dem schmutzigen Taschenbuche, das Sie mir gegeben haben, solche englische Sachen gesucht.«

Stesichorographus, der seinen ganzen Körper schon in eine fliehende Positur gesetzt hatte, zog bedächtlich den linken Fuß wieder zurück, als er dieses hörte. Niemanden als ihm konnte nach seiner Voraussetzung ein Taschenbuch zugehören, worinne göttliche Schriften und englische Sachen sind; er sahe daher die Frage der Fräulein als ein an ihn in gerader Linie abgezieltes Kompliment an, und seine Augen, die sich vorher aus Ärger über Selmanns Widerlegung gute drei Linien weit zurückgezogen hatten, traten auf einmal in ihrem völligen trüben Glanze wieder hervor und drehten sich mit einer so freundlichen Behendigkeit herum, daß ihnen nichts als die Sprache fehlte, um laut zu sagen: »Hier ist das göttliche Genie!«

Als Selmanns Finger noch unterweges war, um zur Beantwortung jener Frage auf den Stesichorographus zu zeigen, so näherte sich dieser schon und sagte: »Man muß ebensosehr ein göttliches Genie sein; um schöne Sachen schön zu finden, als um sie hervorzubringen.«

Die schöne Kunstrichterin beantwortete dieses Kompliment mit einer Verbeugung, ohne die geheime Absicht des Mannes zu erraten, nach welcher sie es nur bekam, um ihn mit einem desto größern zu überbieten.

Während der Zeit war Selmanns Finger in die Lage gekommen, in welcher er deutlich auf den großen Stesichorographus wies, und itzt setzte jener hinzu: »Dies ist das göttliche Genie!«

Fräulein Kunigunde ließ die Hand mit dem Papiere sinken und fuhr zween Schritte zurück. – »Sind Sie es?« rief sie voller Erstaunen und übersah seine Figur vom Wirbel bis auf die Fußzehe.

Eine solche Frage, mit einer solchen Gestikulation ausgesprochen, kann jeder ohne große Geschicklichkeit erklären; sie bedeutete vermutlich: Ein solcher Mann kann solche Sachen schreiben. Doch des Herrn Stesichorographus Eigenliebe legte sie nach ihrer Hermeneutik also aus: »Sind Sie der Verfasser davon, Sie, der große, so allgemein bewunderte Mann? Ja, da ist es kein Wunder, daß die Schrift schön ist!« – Auf eine solche Frage gehörte sich, nach allen Regeln der Eigenliebe von der Wohlanständigkeit, eine sehr demütige Antwort, die von der Fräulein Kunigunde erstlich sehr höflich widerlegt und dann mit einer umständlichen Lobrede auf die Bescheidenheit dieses so großen Mannes erwidert werden mußte.

Demzufolge war seine Antwort: »Alle diese Sachen, die Sie göttlich zu nennen belieben, würden dieses Namens und Ihres Lobes viel würdiger sein, wenn der Verfasser so wie an andre Schriften die letzte Hand hätte legen können. Eben daher wünschte ich, daß sie nie von Ihnen gesehen worden wären. Sie sind Ihrer und meiner nicht würdig. Man muß nichts als reife Früchte an das Licht bringen, das wissen Sie.«

Dieses letzte Wort sprach die Eigenliebe der Fräulein mit einem Akzente aus, den Stesichorographus nicht daraufgelegt hatte. Das wissen Sie, das heißt, deren Witz nichts als reife Früchte trägt. Natürlicherweise dachte sie dabei an ihre eignen Verschen und fragte also: »Ist etwas von meiner Arbeit so glücklich gewesen, von Ihnen gesehen zu werden?«

Da zwischen den Worten des Stesichorographus, wie er sie verstanden wissen wollte, und dieser Frage kein deutlicher Zusammenhang war, so hustete er ein wenig, um die Verbindung der Ideen aufzusuchen. »Je«, zischelte ihm die immerfertige Ratgeberin, die Eigenliebe, zu, »dies Frauenzimmer ist eine Mitarbeiterin an einem kritischen Journale, wo du letzthin gelobt worden bist.« Nun war der ganze Zusammenhang helle. Er hustete noch einmal und sagte mit einer dankbaren Verbeugung: »Ich habe genug gesehn, um völlig zu empfinden, wieviel Ihr Lob wert ist.«

»Ei, Sie haben etwas gesehn?« rief Fräulein Kunigunde ganz außer sich und fuhr fort, sehr vieles Nachteilige von ihrer Muse zu erzählen, welches der andre in Ansehung der seinigen auch nicht zu tun ermangelte – kurz, das ganze Gespräch war so demütig auf beiden Seiten, daß es die Bescheidenheit unter einer doppelten Verkleidung mit sich selbst zu führen schien, da es doch eigentlich der Stolz unter der Larve der Bescheidenheit war, wobei neben einem jeden von den Sprechenden die Eigenliebe mit ihrem großen Wörterbuche stund und ihm allzeit eine solche Bedeutung der Worte des andern darinne aufschlug, daß ein Lobspruch auf ihn herauskam.

Dieses war der wichtige Zeitpunkt, wo der große Stesichorographus mit dem schönen Geschlechte wieder ausgesöhnt wurde, aufrichtig bereute, daß er bisher so falsche Begriffe von ihm gehabt hätte, und gestund, daß es das verehrungswürdigste nach dem männlichen sein würde, wenn es aus lauter Kunigunden bestünde.

Selmann machte dabei im stillen die Anmerkung: Wir loben in andern uns selbst; wir gefallen uns in andern und glauben steif und fest, daß sie es sind.

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