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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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31.

»Hm!« brummte der Hauptmann – »Hm!« noch einmal und dann zum dritten Male »Hm! was für ein Don Quichotte ist das?«

Selmann nahm sein Fernglas und sahe in der Richtung hin, in welcher des Hauptmanns Finger nach dem Tore zu gewiesen hatte, und erblickte – die Karikatur muß ich malen, während daß sie ihren Einzug hält. Palett und Pinsel her.

Eine menschliche Gestalt, sechs Fuß und etliche Linien hoch, so gespenstermäßig mager, daß man bei etwas starkem Winde sie ohne Besorgnis nicht ansehn könnte, mit einem gelbgedörrten, knochichten Gesichte, das völlig einen umgekehrten Kegel vorstellte, woran das Kinn die Spitze ist. Aus der Mitte streckt sich eine lange, spitze, kupfrichte Nase in gerader Linie hervor, die, wenn man mathematisch genau zu Werke gehen und das ganze Gesicht von dem Kinne bis zum Anfange der Stirnhaare in zehn Teile teilen wollte, einen so großen Raum mit ihrer Grundfläche bedecken würde, daß für Mund und Kinn höchstens drei und für die Stirn 1¾ Teile übrigblieben. Die großen hervorstehenden Augen, in denen auf dem Weißen der Stern wie ein kleiner Punkt zu schwimmen scheint, funkeln an den beiden Seiten der Nase mit mattem Schimmer, gleich einem Paar Sternen in der Morgendämmerung über einem hohen Gebürge, und die Augenbraunen hat die Natur aus großer Eilfertigkeit gar vergessen. Der weite Mund zieht sich in einer krummen Linie nach der rechten Seite herunter und zeigt durch seine beständige Eröffnung zwo Reihen gelber Zähne, die bei näherer Bekanntschaft es deutlich zu verstehen geben, daß der Scharbock an ihnen sich bald in Fäulnis verwandlen wird. Um diesen rictus – was kann ich dafür, ihr guten Unlateinischen, daß ihr unsre Muttersprache mit keinem deutschen Worte versorgt habt? –, um diesen rictus über die ausgeschweiften Backen hin bis an die herabhängenden Ohren steht ein Bart! – o ein Bart! gilbicht mit silbernen Spitzen, in einem Alter von wenigstens acht Tagen. Dieser Hogarthische Kopf steckt in einer pechschwarzen Haarbeutelperucke, woran jedoch vom Haarbeutel wie von einer alten Kirchenfahne nur noch unkenntliche Fragmente hängen, und unter einem breiten Hute, dessen Ecken wie ein paar Dachrinnen an beiden Seiten hervorragen, einem Hute, der Regen und Sonne trotzen kann, ohne das geringste von seinem Kolorite zu verlieren. Der übrige Teil der Figur ist in einen Mantel, Rokelor, Ridingcoat oder wie man es etwa nennen möchte – denn sein Geschlecht ist so zweideutig, daß der gelehrteste französische Kenner es nie würde bestimmen können –, also lieber in eine mantelähnliche Kleidung von blaugewesenem Tuche eingewindelt, an dem Ratten und Mäuse hin und wieder und der Zahn der Zeit überall ganz unbarmherzig genagt hat; und, das Porträt zu vollenden, diese ganze Gestalt verliert sich nach unten zu in ein paar brauntuchne Kamaschen, worinne ein paar Gerippe verwahrt werden, die unter diesem Leibe die Stelle der Beine vertreten und unter jedem andern ihre Dienste nicht eine Minute tun würden.

Das Ganze zusammengenommen wird von einem Gaule getragen, der als Enkel von dem Blackberry des Dr. Primmrosen abstammt. Ein Schweißfuchs ohne Schwanz, ohne Schaberacke, mit den Hinterfüßen steif, so mager, wie sein Reuter, auf dem rechten Auge blind – und mit mancherlei Übeln behaftet, die ein unwissender Gelehrter kaum den Namen nach kennt und der Herr Hauptmann V++ ihm schon in der Ferne ansah.

Diese zwo Figuren denke man sich als Reuter und Pferd miteinander vereinigt, dazu den Reuter mit so niederhängendem Kopfe, der bei jedem Auftritte des Pferdes von einer Schulter zur andern fällt, als wenn er nur durch einen schwachen Bindfaden mit dem übrigen Leibe verbunden wäre, krummgebückt, vor sich hinsehend – und alsdann muß das ganze Bild in dem Kopfe eines jeden, wie auf Leinwand gemalt, stehen, oder ich oder seine Einbildungskraft wissen mit dem Pinsel schlecht umzugehen.

Kein Wunder war es, daß der H. Hauptmann bei Erscheinung dieser Rittergestalt mit allen Kräften seines Leibes lachte. Neben dem Pferde her, in einer schüchternen Entfernung, schlich der Gastwirt aus dem Dorfe. Kaum hatte Selmann diesen erkannt, als sich seine ganze Miene aufheiterte. »Was wett ich«, sagte er, »das ist der Mann, von dem mir mein Gastwirt so seltsame Sachen erzählt hat. Hören Sie! das ist ein Originalkopf!«

»Ja, das merk ich«, antwortete der Hauptmann und hielt sich beide Seiten. Indem Selmann nach der Klingel gehn wollte, um Befehl zu geben, daß man ihn sogleich, wie er da wäre, das Pferd ausgenommen, in das Zimmer führen sollte, trug sich ein Zufall mit dem langsam daherkommenden Ritter zu, der ihn noch einen Augenblick am Fenster zurückhielt.

Hatte das Pferd einen ebenso grillenhaften Originalkopf wie sein Besitzer? Oder hatte es die sehr natürliche Grille eines hungrigen Pferdes, wenn es in der Nähe eines Stalles ist? Oder – genug die Ursache bleibt unergründet – aber die Sache selbst war diese: Sowenig seine Gestalt vermuten ließ, daß es öftern Anfällen von heftigen Leidenschaften ausgesetzt sein möchte, so wurde es doch auf einmal mitten im Hofe so verschiedner Meinung mit seinem Herrn, daß es mit aller Gewalt den Weg nach der linken Seite zu nehmen wollte, obgleich der gerade Weg zum Wohnhause rechter Hand führte. Der Reuter demonstrierte ihm durch ein paar Rippenstöße und einen sehr nachdrücklichen Zug an dem Zügel, höchst begreiflich, daß es in einen groben Irrtum verfallen wäre. Das Pferd bestund auf seiner Meinung; der Reuter machte noch einen Versuch, es eines Bessern zu belehren; allein da seine Hartnäckigkeit aller Überzeugung widerstund und er doch, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, kein Haarbreit von seiner Meinung abgehn konnte, so ergriff er die klügste Partie, die ein Bekehrer wählen kann – er setzte ab, welches das Pferd sehr willig verstattete, ließ es mitten im Hofe stehen und ging auf dem geraden Wege nach dem Hause zu. Der Gastwirt war schon voran.

Ein Bedienter, dem der letztre die Ursache seiner Ankunft zu melden aufgetragen hatte, trat in das Zimmer und bestätigte Selmanns Vermutung. Er befahl, den Fremden sogleich hereinzuführen, der sich lange weigerte und um nichts als sein Taschenbuch bat, das Selmann abends vorher zu sich genommen hatte. Endlich kam er, und der Hauptmann besuchte den Kutscher im Pferdestalle.

Die erste Frage, die Selmann an ihn tat, betraf sein letztes Abenteuer im Gasthofe. »Warum zitterten, warum schrien Sie?« fragte er.

Lange besann sich jener – der ehrliche Mann muß doch einen Namen haben; er heiße also, in Ermanglung seines wahren, Stesichorographus –, lange besann sich Stesichorographus, legte das Kinn auf die linke Hand und klemmte die Nasenspitze zwischen die zween ersten Finger der Rechten, rieb an der Stirne, grunzte, druckte beide Backen mit der linken Hand zusammen – und wenn er sich obendrein auf den Dreifuß des Apollo gesetzt hätte – ich glaube, es wäre umsonst gewesen. Er konnte sich schlechterdings nicht besinnen, wen und was Selmann meinte.

Endlich – schlug er mit der geballten Faust an die Stirn, und – nun wußt er's. »Wie könnt es anders sein?« schrie er mit hohlem keuchendem Tone. »Die Boshafte wagte es sogar, mich anzugreifen. Wollte der Himmel, dies ganze widerwärtige Geschlecht hätte nur einen Kopf, daß ich's mit einem Streiche aus der Welt schaffen könnte.«

»Das schöne Geschlecht?«

»Das schöne? – Sagen Sie, das häßlichste, das abscheulichste, das auf einem Planeten anzutreffen ist! Meine ganze Natur gerät in Aufruhr, wenn ich nur ein Geschöpf von fern sehe, das dazu gehört; und bedenken Sie nur! ich saß damals ganz ruhig in dem Wirtshause,« so kömmt auf einmal ein solches Ungeheuer auf mich zugerennt; ich flüchte, aber sie setzt mir nach – ich bin niemals in so einer Angst gewesen – ich zitterte am ganzen Leibe – ich schwitzte – ich war nicht bei mir vor Entsetzen. – Keinen Augenblick konnte ich länger im Hause bleiben. Um Mitternacht sattelte ich mein Pferd und ritt fort.«

»Und wie konnten Sie sich heute wieder in das Haus wagen?«

»Aus Liebe zu meinem Taschenbuche, das ich in der Eilfertigkeit vergessen hatte. Ich vermißte es gleich den Morgen darauf. Ich ging lange mit mir zu Rate. Ich konnte mich nicht entschließen, wieder dahin zu gehn, bis heute; länger könnt ich's nicht entbehren. Es enthält meinen ganzen Reichtum.«

In dem Augenblicke versammelten sich eine Menge Ursachen in Selmanns Kopfe, die alle diesen Frauenzimmerhaß bei dem Herrn Stesichorographus bewirkt haben wollten: Er ist in der Liebe unglücklich gewesen, sagte eine; Frauenzimmer haben ihn durch das Spiel zugrunde gerichtet, rief eine andre; eine dritte: Er ist durch venerische Ausschweifungen um seine Gesundheit gekommen; nein, fiel eine vierte ins Wort, das zu denken ist wider die Menschenliebe. Es ist natürlicher Instinkt.

Sie logen alle, wie sich gleich zeigen wird.

»Wie ist aber diese Abneigung, dieser Haß bei Ihnen entstanden?« fragte ihn Selmann.

»Wodurch er bei jedem rechtschaffnen Manne entstehen sollte – aus dem Anblicke ihrer Torheiten. Haben Sie noch eine gesehn, die nicht vom Morgen bis zum Abend so viele Torheiten als Schritte tat? Sie denken nicht; sie handeln nicht; was Vorurteil und Eigensinn ihnen eingeben, das tun sie, so mechanisch als mein Pferd. Sie sind Kinder bis ins Grab; und unmöglich können sie ein Werk der Natur sein, oder sie hat sie in der Laune gemacht, in welcher sie Skorpione und Taranteln hervorbrachte. Eitelkeit, dummer Stolz, Spottsucht, unwissende Selbstklugheit, Üppigkeit, Geilheit, das sind die gewöhnlichen Ingredienzen zu ihrem Charakter. Kann ein denkender, vernünftiger, weiser Mann ein solches undenkendes, unvernünftiges, niedriges Geschlecht lieben, nur dulden? Muß er es nicht verachten, hassen, fliehen?«

Der Schweiß brach ihm aus, so hatte ihn diese Lobrede erhitzt.

»Ist denn dieser Haß von Ihren ersten Jahren an gewesen?« erkundigte sich Selmann weiter.

»So lang ich existiere, im Mutterleibe schon«, sagte er und warf sich schnaubend in einen Stuhl.

Mit Erlaubnis des Herrn Stesichorographus, daß ich die Sache ein wenig besser wissen darf! Der terminus a quo war höchst unrichtig angegeben und nur halbrichtig die Ursache. Ich weiß es zuverlässig, daß bis in sein fünfundzwanzigstes Jahr das schöne Geschlecht ihm nicht den zehnten Teil so häßlich und hassenswürdig geschienen hat. In seinem neunten hat er noch seine Schwester geküßt, als sie den Neujahrwunsch lobte, den er ihr zu Ehren verfertigt hatte. Der Grund zu seinem Hasse wurde in den ersten Jahren gelegt. Seine Sonderbarheiten, die an Leib und Seele von Kindheit auf sich bei ihm offenbarten, reizten die Lachbegierde der Frauenzimmer. Jede spottete über ihn; er war empfindlich, und bei dem geringsten mißfälligen Worte ließ er die lächerlichsten Äußerungen des Zornes merken. Man lachte noch mehr und jagte ihn in den Zorn, um über ihn zu lachen. Freilich waren es nicht die verehrungswürdigsten ihres Geschlechtes, die ihn so grausam behandelten; allein bei einer so lebhaften Empfindung des Lächerlichen, wie Frauenzimmer haben, wäre es einem weiblichen Cato unmöglich gewesen, den Herrn Stesichorographus handeln zu sehn und nicht zu lachen. Um ihrem Spotte zu entgehen, floh er sie. Sein unbeschränkter Ehrgeiz und die grenzenloseste Ruhmsucht zwangen ihn, seine reifern Jahre ganz in der Einsamkeit bei Büchern zuzubringen; er studierte sich krank und studierte immer fort, bis zuletzt der ganze Stesichorographus in Hypochonder sich verwandelte und gewiß in dem ganzen hypochondrischen gelehrten Europa nach dem Magister BerndDer bekanntermaßen sein hypochondrisches mühseliges Leben mit eigner Hand, für den Menschenkenner oft lehrreich, aber großenteils mit einer so ermüdenden Weitläuftigkeit beschrieben hat, daß es schwer ist, sich nicht einen Teil seiner Krankheit zuzuziehen, wenn man ihn liest. den zweiten Rang behaupten konnte, wo er nicht gar jenem den ersten streitig machte. Alle seine ehemaligen Sonderbarheiten, die mit der Ebbe und Flut seiner Säfte sonst abwechselten, setzten sich nunmehr fest; die ehmals am häufigsten wiedergekommnen Grillen wuchsen als Grundsätze in seiner Seele an; die ehmaligen widrigen Empfindungen wurden zu habituellen Leidenschaften, und die ganze bösartige Materie seines unglücklichen Körpers warf sich auf den Teil, wo sein Zorn über die Beleidigungen des weiblichen Geschlechts lag. Er sah die Torheiten dieses Geschlechts, empfand sie vielleicht bisweilen und sah und empfand sie allzeit unter einem Vergrößerungsglase. Alle die gewaltsamen Wirkungen, die der Anblick eines Frauenzimmers in ihm verursachte, mochten anfangs gemeinschaftliche Wirkungen seines Hasses und der Einbildung sein; mit der Zeit wurden sie durch die Assoziation der Ideen und der Empfindungen, die bei beiden in Hypochondristen ungemein lebhaft und daurend ist, zu nie ausbleibenden körperlichen Gefühlen, die nichts als eine noch stärkere sinnliche Empfindung oder eine heftige Leidenschaft hinderte, welches bei ihm Ehrgeiz und Lobsucht war.

Selmann, der weder an Verachtung noch Haß gegen den Menschen überhaupt und ebensowenig insonderheit gegen das andre Geschlecht krank lag, sondern Torheiten und Gebrechen an dem Menschen scharfsichtig bemerkte, um immer nachsichtiger gegen sie zu werden, kurz, der so sehr ein mitleidiger Menschenfreund als Stesichorographus ein strenger Misanthrop war – Selmann, sage ich, wurde durch die rohe Deklamation dieses Mannes ein wenig beleidigt, wie ein Mann von seiner Art es werden kann, das heißt, er wurde aus der ruhigen Fassung, mit welcher er dies Original beobachten wollte, herausgerissen und unvermerkt in Feuer für die gerechte Sache gesetzt. »Die Frauenzimmer«, sagte er in seiner Schutzrede für das andre Geschlecht, »sind durch die Anlage ihrer Körper und ihrer Seelen einer größern Gefahr der Torheit ausgesetzt als wir; aber man leite sie recht, so wird sie ebendieselbe Anlage auch zu viel größern Vollkommenheiten fähig machen. Sie bleiben Kinder bis ins Grab, sagen Sie – ja in einem gewissen Verstande; sie bleiben beständig, wie Kinder, geschmeidig, lassen sich noch immer biegen, wenn man uns schon nicht mehr bewegen kann; bei allen Torheiten, zu welchen sie Erziehung und Mode zwingen, sind sie so demütig, zu gestehen, daß es Torheiten sind; und also besteht der ganze Unterschied zwischen uns und ihnen darinnen – sie begehen Torheiten und geben es dafür aus; wir begehen Torheiten und nennen es Weisheit. Sie sind die Zierde ...«

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