Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Karl Wezel >

Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

29.

Er war, wie gesagt, der Besitzer des Dorfes, in welchem er meines Tobias' Bekanntschaft machte, und bewohnte daselbst ein artiges geräumiges Haus, das sein Vater zu Schmäusen und Bällen erbaut hatte und der Sohn, wie auch schon gesagt worden ist, zu einem psychologischen Theater machte, wo er Mienen, Blicke, Handlungen anatomierte und durch ein so denkendes Leben entweihte, daß man sich wundern muß, wenn der Vater nicht darinnen umgegangen ist.

Denkende Menschen sollten, dächte man, ganz Vernunft sein und bei ihren Handlungen nur dem Willen dieser Gebieterin folgen, ohne in der Sklaverei der Gewohnheit zu stehen, die bei dem undenkenden Haufen Bewegungsgrund, Triebfedern, Grundsatz und alles ist. Aber wieviel fehlt daran! Es geht bei dem Weisen zu wie in gewissen Staaten, die die Freiheit im Munde und im Wappen und in ihren Mauern den Despotismus haben. Bei dem Weisen ist zwar die Gewohnheit keine Selbstherrscherin, nicht so ein grämlicher Despot wie ein Sultan oder ein persischer Schach; aber dafür ist sie die Favoritin einer schwachen Monarchin, der Vernunft, die nichts tut, als daß sie ihren Namen zu den Verordnungen hergibt, die jene durch sie macht. Welcher Despotismus besser ist, das mögen unsre Staatsklugen entscheiden: Ich bin indessen für den letztern.

Eine Anmerkung, die ein Sprößling von der Spekulation des H. Selmanns ist und die der gute Mann sehr oft durch sein eignes Beispiel bestätigte!

Eigentlich unterhielt er mit dem dortigen Landadel gar keinen Umgang, welches sie ihrerseits erwiderten, und zwar aus der ganz natürlichen Ursache, weil sie nicht ihm und er nicht ihnen ähnlich war. Demungeachtet hatte es sich durch einen Zufall getroffen, daß er in den ersten Jahren, nach seiner Niederlassung in dieser Gegend, ein paarmal hintereinander gewisse Häuser zu Anfange des Julius auf eine Mittagsmahlzeit eingeladen hatte. Zum ersten und zweiten Male, daß es geschah, hatte er gute Ursachen dazu; aber zum dritten Male geschah es schon bloß, weil es zum ersten und zweiten Male geschehn war. Sooft in den nachfolgenden Jahren der Julius sich näherte, so erinnerte ihn ein gewisses Gefühl daran, daß es nun Zeit sei, den Herrn von †† und den Herrn von ††† zu Tische zu bitten; und zu gleicher Zeit regte sich auch in diesen beiden Herren von ein gewisses Gefühl, daß sie von ihm zu Tische gebeten werden müßten. Es geschah alle Jahre an einem der ersten Tage des Julius so richtig und ordentlich als der Aufgang und Untergang der Sonne und geschah, solange der eine einladen und die andern kommen konnten. Oft, wenn eine von Selmanns spekulativischen Perioden in diesen Teil des Julius fiel, stutzte er über diese Gewohnheit bei sich selbst und sann nach, aus welchem Bewegungsgrunde sie jährlich beobachtet worden wäre. Eigentlich war kein andrer da, als – sie wird beobachtet, weil sie beobachtet wird; aber seine liebe Vernunft ermangelte niemals, ihn mit einem Haufen Ursachen auf das gefälligste zu versorgen. Er tat es also aus Gewohnheit immer fort, sann sich hinterdrein Gründe aus, warum er's getan hatte, und so ließ er sich von seiner Vernunft bereden, er habe nach vernünftigen Gründen gehandelt.

Die Ankunft meines Tobias traf gerade in diesen Zeitpunkt. Auch war die besagte Einladung den Tag, als er ankam, wirklich schon geschehn, war angenommen worden, und den Tag darauf, als er ein Abendessen in diesem Hause verzehrt und eine Nacht vortrefflich darinnen geschlafen hatte, mittags um zwölf Uhr kam die Gesellschaft an.

Ein Zug von vier Pferden, deren Kolorit so zweideutig geworden war, daß sie schlechte Pferdekenner für Schecken ansahen, obgleich nach den Absichten der Natur die zween vordersten – Mohrenköpfe und die hintersten – kastanienbraune sein sollten, die insgesamt traurig die Köpfe zur Erden hingen, um den Leuten nicht ins Gesichte zu sehen, die sie vor achtzehn Jahren als schöne Gaule bewundert hatten – dieser originale Postzug schleppte unter dem Kommando eines sechzigjährigen Postillions eine ebenso originale Kutsche an einem Geschirre, das bei Abgange des Riemenwerks durch Stricke und Bindfaden zu ferneren Diensten tüchtig gemacht worden war, mit dem schwerfälligsten Schritte zu Selmanns Tore herein. Der Wagen konnte, wenn man mit kritischer Genauigkeit verfahren wollte, unter keine einzige von den bekannten Gattungen der Wagen gerechnet werden; doch kann ich durch einen gerichtlichen Beweis, aus der Eingabe des Wagners bei dem Konkurse, in welchen das Vermögen seines Besitzers in der Folge geriet, überzeugend dartun, daß er nach dem Plane des Künstlers zu einem Landauer bestimmt war. Vor achtzehn Jahren hatte er kurz nach seiner Verfertigung zum Brautwagen gedient und vielen Beifall gehabt; itzt war er ohne Türen, und die eine Hälfte der Decke war gleichfalls so unbrauchbar geworden, daß sie auf immer davon abgesondert wurde, um dem Effekte des Ganzen keine Schande zu machen. Hinter der Kutsche lehnte eine Gruppe von zwei bleichgelben Figuren, wovon eine in einem gelbgrünen Jägerhabite, die andere in einem Reisemantel drapiert war. Der Postillion trug wegen eines Flußes im Kopfe, die Verhinderung der Transpiration zu verhüten, eine Stutzparücke, doch nur im größten Staate, wenn eine Pelzmütze, die er sonst zu diesem Endzwecke gebrauchte, wider den Wohlstand gewesen wäre. Ein abgelebter Regenmantel verwahrte Ober- und Unterleib vor den schädlichen Einflüssen der Witterung; die Füße hingegen hatte er wegen der unrichtigen Bezahlung seines Lohns in Stiefeln ohne Sohlen Wind und Wetter bloßstellen müssen. Er und seine Rosse liebten die geschwinden Bewegungen gar nicht; demungeachtet gab ihm, sooft er zu einem Hofe hineinfuhr, ein zurückgebliebnes point d'honneur einen so starken Stich in die linke Seite, daß er mit zusammengerafften Kräften auf seine Gaule loshieb, bis sie taumelten, welches unachtsame Zuschauer für einen Trab hielten.

Kaum war er zum Tore herein, als dieses unglückliche point d'honneur ihm den Sporn in die Seite setzte, und gleich schwang er die Peitsche und klopfte mit den Füßen das Sattelpferd, auf dem er saß, mit allen Leibeskräften so herzhaft in die Flanken, daß jeder Schlag von einem vernehmlichen Echo in dem Leibe des armen magern Tieres wiederholt wurde. Er arbeitete sich mit Händen und Füßen müde; Hiebe und Schläge waren ohne Wirkung. Sein runzlichtes Gesicht fing an zu glühen, und der Zorn gab ihm neue Kräfte. Als er um die Ecke eines Gebäudes herumfahren sollte, das ihm zur rechten Hand stund, indem linker Hand die Pferdeschwemme war, verdoppelte er seine Hiebe, gab in dem Feuer der Ehrbegierde auf den Wagen nicht Achtung, verfehlte das Gelenke, fuhr an die Ecke an, und – der Wagen fiel um, gerade in die Pferdeschwemme hinein und die zwo Damen, die darinnen saßen, mit ihm. Glücklicherweise war wegen der austrocknenden Sonnenhitze eine starke Ebbe in der Schwemme, und Personen und Kutsche blieben daher am Ufer in halbflüssigem und halbtrocknem Schlamme liegen, den Fuß der einen Dame ausgenommen, der bis an die Knöchel unter Wasser gesetzt wurde, weil sie wegen ihrer ansehnlichen Statur auf dem Schlamme nicht Platz genug hatte. Himmel! was für ein Fall! und, was noch schlimmer war, in der Begeisterung des Ehrgeizes wurde ihn der Kutscher eine halbe Minute später gewahr, als es geschah. Die umgekehrte Kutsche setzte also ihren Weg fort und ließ ihre Ladung in dem traurigsten Zustande zurück, bis der Schloßnagel zersprang und der Hinterwagen etliche Schritte davon in einer ähnlichen Lage zurückblieb. Der Knall von dem Sprunge erweckte den Postillion, er sahe sich um, und Zügel und Peitsche sank ihm aus der Hand, welches seine Pferde für ein Signal zur Ruhe annahmen und sogleich, ohne den geringsten Anteil an dem Zufalle zu nehmen, stillstunden.

Tobias hatte sich nicht weit von der Haustür gestellt, um die Ankunft der Gäste zu erwarten. Kaum sahe er, was vorging, als er pfeilschnell auf die verunglückten Damen zulief, die, ohne sich im mindesten zu beklagen, mit ihrem Lager vorliebnahmen, als er eine nach der andern ergriff und, seiner Schwäche ungeachtet, diese zwo Maschinen wie ein paar Walfische, mit dem größten Teile des Leibes an das trockne Land zog. Doch wer war es, als er sie besah? – Niemand als seine großmütigen Beschützerinnen! – mit einem Worte, Fräulein Kunigunde und Fräulein Adelheid! – Wie fing dem gutherzigen Retter das Gesicht an zu glühen, da er sie erkannte. Er konnte zwar in dem Augenblicke seine Empfindungen nur fühlen, aber nicht unterscheiden; doch ich weiß gewiß, daß sie aus dankbarer Freude, vermischt mit einer kleinern Dosis von Bedaurung und einer größern von stolzer Selbstzufriedenheit zusammengesetzt waren. Soviel hatten schon seine eignen Widerwärtigkeiten seine vorher unterdrückte Empfindlichkeit unvermerkt angefacht!

Der Postillion saß noch immer in einer totenähnlichen Bestürzung auf seinem Pferde und blieb es, bis Selmann, der Wirt vom Hause, in vollem Galoppe sich daherstürzte und den unglücklichen Nymphen vollends auf die Beine half.

Wer sie noch vom Teichdamme her kennet und nur eine kleine Tinktur von Einbildungskraft hat, wird sich eine Menge Sachen zum voraus vorstellen, die diese empfindsamen Schönen in solchen kritischen Umständen wahrscheinlicherweise fühlen und sagen mußten. Doch der Schrecken hatte den ganzen Raum in ihrem kleinen Herzchen eingenommen und ließ weder Empfindungen noch Worten eine Handbreit übrig. Am ganzen Leibe zitternd, bleich wie ein Toter im Sarge, lehnten sie sich an die Wand und konnten kaum stehen. Sie hatten beide dem schönen Wetter zu Ehren ihren Lieblingsputz angezogen, ein Kleid, nach ihrer eignen Idee in einem so sinnreichen Geschmacke als die Laube auf dem Teichdamme, aus apfelgrünen Taffet geschaffen und mit blauen Bändchen garniert; aber wie garniert? – Jede männliche Beschreibung davon muß notwendig zu kurz kommen; – zum Besten wißbegieriger Leserinnen will ich eine Abbildung davon auf Subskription besorgen, und wer dieses Buch liest, soll sie von mir als einem Liebhaber und Beförderer der Freien Künste in den Kauf bekommen. – Doch das Vorzüglichste nicht zu vergessen, diese sinnreiche Kleidung empfing von ihren Besitzerinnen den Namen à l'Arcadienne. Itzt war, wie leicht zu erachten, die ganze Arcadienne nebst allem Zubehör mit einer Rinde von Schlamme wie ein versteinertes Apfelblatt überzogen.

Der erste empfindende Blick, nach ihrer Zurückkehr zu sich selbst, fiel auf die unglückliche Arcadienne, und der erste empfindungsvolle Ton war ein Klagelied über ihre Verunstaltung. Da es ein unwillkürlicher Ausdruck einer ebenso unwillkürlichen Empfindung war, so fiel es gerade so aus, als es in dem Munde des unbelesensten Kammermädchens ausgefallen sein würde.

Nachdem dieser größere Schmerz verdaut war und sie wieder Meister von sich selbst wurden, so fand sich ein geringrer ein. Es stiegen verschiedene Bedenklichkeiten über ihre kurz vorhergegangene Situation in ihnen auf. Es fiel ihnen bei, daß sie in einer höchst unanständigen, unzüchtigen Lage könnten hingeworfen worden sein – daß Mannspersonen sie in dieser Stellung herausgezogen und vielleicht gar, was sie in der Betäubung nicht hätten verhüten können – hier fuhren sie zusammen, als ihre Gedanken so weit kamen, und wollten hinter dem Fächer sich sittsam verstecken, da sie ihn zu ihrem Leidwesen vermißten. Ihrer Scham war weiter nichts übrig als – sie kehrten das Gesichte zur Wand und baten, daß jede männliche Kreatur sie verlassen und ihnen eine weibliche Bedienung zugeschickt werden möchte, um sie in ein Zimmer zu führen.

Man ging und machte Anstalten.

Indem –

 << Kapitel 65  Kapitel 67 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.