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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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28.

Jeden, der die Charakteristik zu seinem Studium gemacht hat, einen Lukian, Swift, Pope, Wieland, und alle ihre Mitbrüder fodre ich auf, aus diesen Zügen einen menschlichen Charakter zusammenzusetzen. Wenn sie auch alle ihre Kräfte vereinigen wollten, so bin ich versichert, daß am Ende nichts als ein Menschenkopf an einem Pferdehalse mit einem befiederten Leibe, der sich in einen Fischschwanz verliert, auf dem Papiere stehen wird.

Armer Herr B.! – oder wie ich ihn nun meinen Lesern nach seinem wahren Namen bekannt machen will –, armer Herr Selmann! – Verloren wärest du, guter Mann! wenn die Welt dich nur aus jenem Gemälde beurteilen sollte und mit dieser Geschichte dein Porträt nicht in so gutherzige Hände wie die meinigen gefallen wäre.

Aus Liebe zur Gerechtigkeit will ich, während daß Herr Selmann mit seinen zwei Gästen nach seinem Hause geht, sein Bild unterwegs ganz von frischem zeichnen; und dann wollen wir sehen, welches getreuer ist.

Herr Selmann ist ein Mann, der neben dem scharfsinnigsten Beobachtungsgeiste den höchsten Grad von Empfindlichkeit besitzt: Man könnte beinahe sagen, daß er von beiden für unsern Erdenkreis zu viel habe. Alles, was er tut, ist daher einige Schritte mehr oder weniger über dem Gleise des gewöhnlichen menschlichen Tun und Lassens. Ideen und Empfindungen sind bei ihm höher als gewöhnlich gespannt: Wie sollen es also die Handlungen nicht auch sein? Er hat nie eine Universität gesehn und könnte auf jeder manchen Professor dethronisieren. Sein Vater, der ein Kaufmann gewesen war und sich den Adelstand erhandelt hatte, legte seine erste Erziehung gleich so an, daß er zu den wichtigern Geschäften des menschlichen Lebens gebildet wurde – Geld zu erwerben und zu vertun. Doch die Natur hatte den Absichten seines Vaters so schnurstracks entgegengehandelt und unter allen Anlagen ihm gerade die unschicklichste zu diesen Endzwecken gegeben. Seine größte Lust von den ersten Jahren an war – denken und empfinden; und in seiner denkenden oder empfindenden Laune war eine Million und eine Stecknadel für ihn von gleichem Werte. Als Knabe leerte er oft seinen Beutel in dem Schoße eines Armen aus, der ihn mit Tränen um eine Gabe bat, und noch als Mann hörte er nicht auf, es zu tun.

Aller Hindernisse ungeachtet drang sein vortrefflicher Kopf durch. Er las unermüdet, und so gleichgültig auch sein Vater ihn darüber loben hörte und so wenig er seinen Fleiß durch Ermunterungen begünstigte, so ließ er ihm doch wenigstens die Freiheit, seinen Neigungen, wiewohl mit gewissen Einschränkungen, nachzuhängen. Er las unermüdet, sagte ich, aber was? – Natürlicherweise nichts als solche Bücher, worinnen er seinen Schwung der Einbildungskraft und der Empfindung antraf, ätherische Moralen, ideale Geschichte, seraphische Gedichte – kurz, er war bei seiner ganzen Lektüre immer mit seinem Kopfe und seinem Herzen im Lande der Phantasie. Der Abstand, den er zwischen den Menschen in seinen Büchern und denen fand, die ihn täglich umgaben, machte ihm die wirkliche Welt allmählich unschmackhaft.

Sehr frühzeitig verschaffte ihm sein Vater ein Amt, das in den Händen eines jeden andern von seinem Alter und ohne seine Fähigkeiten verwahrlost worden wäre und – in den seinigen wegen seiner großen Fähigkeiten verwahrlost war.

Er hatte mit den Finanzen zu tun. Ja aber! – Auf einem Fixsterne oder einem feurigern Planeten als der unsre würde er ein vortrefflicher Finanzrat gewesen sein; mit solchem irdischen Metalle, wie unsre Könige und Fürsten es brauchen, konnte er sich nicht beschäftigen. Statt der Bestimmung seines Amtes gemäß Einnahme und Ausgabe zu vergleichen, Rechnung zu führen usw., brütete er über Entwürfen zu Projekten, die alle das Gepräge des Nachsinnens und der Menschlichkeit hatten, aber wenigstens ein paar Jahrtausend zu zeitig zur Welt kamen, wo nicht gar Iselins menschenfreundliche Träume eigentlich sogenannte Träume sind.

Was natürlich aus einer solchen Beschaffenheit erfolgen mußte – er fand keinen Menschen, weil er keinen wie er fand. Die Torheiten, die Laster der Menschen hatten bei ihm eben die frischen, hervorstechenden Farben wie die Tugenden, die er von ihnen erwartete. Das ganze Menschengeschlecht wurde ihm verächtlich und bei hinzukommenden Hypochonder beinahe verhaßt. Doch die Entfernung von den Menschen, die Landluft, Bewegung und andre Nebenumstände nahmen in der Folge diesen ganzen Ansatz zur Misanthropie hinweg, der ohnehin so gering war, daß er mehr in einem –ja, wenn ich's deutsch sagen könnte! –, in dem bestund, was wir empfinden und denken, wenn wir eine ungesalzne, wässerige Suppe wegsetzen. Die Gesellschaft der gewöhnlichen Menschen war ihm fade, unschmackhaft. Dabei war seine Menschenliebe so feurig als vorher; aber es war eine Liebe des ganzen Geschlechts und nicht einzelner Menschen, und alle Dienste, die er einzelnen Menschen erwies, tat er ihnen nur, weil sie seine Brüder waren. Weswegen ihm auch die stoische Vorstellung der Welt vor allen andern gefiel, nach welcher die sämtlichen Einwohner des Erdbodens eine Familie ausmachen und also ohne Unterschied alle verschwistert sind. Im Anfange jener misanthropischen Periode starb sein Vater, und er ließ Amt und Einnahme fahren und flüchtete auf das Land, wo er seit der Zeit, bis auf die Ankunft meines Helden in dem Gasthofe eines Dorfes, das zu seinem Gute gehörte, beständig blieb.

Nach verschiedenen Verwandlungen, die mit seiner Denkungsart durch die Wirkung seiner Ideen aufeinander, seine Lektüre und die Veränderungen des Körpers vorgegangen waren und die jeder Leser in der Folge dieser Geschichte vielleicht noch erfahren soll, war es gegenwärtig mit ihm dahingekommen, daß sein Charakter eine wunderbare Komposition von Eigenheiten, vernünftigen Grillen und vernünftiger Philosophie war. Der Schwung seiner Einbildungskraft schien gesunken zu sein; aber er war es nicht, er hatte nur eine andre Richtung. Noch war sein tägliches Leben – Spekulation, Spekulation über die unbedeutendsten Gegenstände. Um diesem spekulativischen Hange Nahrung zu verschaffen, besuchte er, bald verkleidet, bald in seiner gewöhnlichen Gestalt, die Wirtshäuser der umliegenden Gegend. Jeder Einkehrende wurde von ihm entweder im Winkel oder im Gespräche beobachtet. Am liebsten belaurte er die unverdorbnen Landleute.

Wenn ein Fremder durch Besonderheiten seine Neugierde reizte, so beherbergte er ihn selbst in seinem eignen Hause; denn die besondern Charaktere waren sein eigentlicher Raub, auf den er am liebsten ausging. So kam es, daß sein Haus eine moralische Raritätenkammer war, wo oft die abenteuerlichsten Charaktere nebeneinander figurierten. Nächstdem war es eine sichre Zuflucht für alle, die menschlicher Hülfe bedurften, und oft nicht viel besser als ein Lazarett. Beide Endzwecke erfoderten einen großen Aufwand, der sein großes Vermögen allmählich erschöpfte. Er für seine Person lebte so nüchtern wie Epikur, teils aus Grundsätzen, teils aus Notwendigkeit. Obendrein hatte er sogar die gutherzige Schwäche, daß er niemanden, wenn er nicht freiwillig sich zur Abreise entschloß, auf irgendeine höfliche Art nötigen konnte, ihn zu verlassen; auch wenn er ihm wirklich zur Last war, konnte er's nicht. Diese Gutherzigkeit wußten viele auf die unverschämteste Weise zu nützen; sie blieben zu halben Jahren bei ihm. Er wetzte seinen Scharfsinn an ihren Mienen und Handlungen, und sie füllten ihre Mägen aus seinem Beutel.

Das wäre ohngefähr Herr Selmann in einer flüchtigen Skizze – nur so weit ausgezeichnet, als zur Belehrung eines jeden nötig ist, der ihn nur aus der Schilderung im siebenundzwanzigsten Absatze kennt. Er wird für meinen Tobias ein höchst wichtiger Mann werden, und also ist er auch mein Mann.

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