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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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25.

»Nicht übel!« rief er, als er an ein Papier kam, das sich durch seine Größe von den übrigen unterschied.

»Nicht übel!« sagte er noch einmal, indem er einen Teil davon heimlich überlief. – »Wollen Sie es hören? Der Anfang ist nicht vorhanden.«

Er räusperte sich schon, um anzufangen, als er den Wirt einige Besonderheiten von dem Besitzer des Taschenbuchs erzählen hörte, die ihn als einen psychologischen irrenden Ritter, der nach abenteuerlichen Charakteren ausgeht, mit seiner ganzen Aufmerksamkeit so stark auf sich zogen, daß er das Blatt sinken ließ und der angefangnen Erzählung zuhörte.

»Er schlich«, sagte der Wirt eben, »wie eine Katze, die genascht hat, in das Stübchen, das wir ihm anwiesen. Ich fragte ihn, ob er etwas verlangte. ›Eine warme Suppe‹, sagte er. Ich riet ihm lieber zu einer frischen Milch, weil es so schwüles Wetter wäre. ›Behüte!‹ rief er, als wenn er von Sinnen kommen wollte – ›mich friert! Eine Suppe! und zwar gleich! –‹«

Mit einem lauten Gelächter versicherte der Erzähler bei diesen Worten, daß er geglaubt hätte, der Mann wäre aus einem Tollhause entsprungen. – »›Mich friert!‹ sagte er, und wir wollten alle vor Hitze ersticken! – Ich traute ihm nichts Gutes zu. Deswegen sah ich von Zeit zu Zeit nach ihm; und allemal, wenn ich kam, saß er am Tische und schrieb. Ich ging etlichemal nahe zu ihm und sahe ihm über die Schultern, aber er blickte mich nicht an. Einmal, als ich so hinter ihm stand, sprang er auf einmal auf und brummte etliche Worte. Dabei verdrehte er die Augen so fürchterlich, daß ich erschrak und davonlief. Der Teufel – Gott sei bei uns! – kann keine abscheulichern Augen haben. Ich fürchte mich sonst für nichts; aber da wurde mir wahrhaftig angst. Ich lief zur Tür hinaus; er hinter mir drein und rief mir nach – es ist mir noch, als wenn's erst vor ein paar Minuten geschehen wäre – ›Wenn du in deinem Blut dich wälzest‹, rief er. Das übrige konnte ich vor Schrecken nicht verstehen. Um des Himmels willen, dachte ich, nun ist's mit dir vorbei. – Ich fürchte mich sonst nicht leicht, aber hier war mir nicht wohl zumute. Der Tausend! dachte ich, der Mensch ist rasend und wird dich umbringen. Ich lief; er immer hinterdrein. Er hätte mich nicht gehascht, aber ich blieb am Treppengeländer mit dem Ärmel vom Hemde an einem Nagel hängen und fiel, als ich schon auf der untersten Stufe war. Wahrhaftig! ich bin so leicht nicht in die Furcht zu bringen, aber da er mich hinterwärts bei dem Kopfe faßte, da fing ich an zu beten. Ich hörte vor Schrecken nichts, als daß er mich fragte: ›Ist Er tot?‹ – Ich konnte bloß ›nein‹ antworten, und noch sehr schwach. – ›Nu, so ist es gut‹, sagte er, ›bringe Er mir meine Suppe!‹ – und so ging er hurtig die Treppe wieder hinauf.«

»Der Mann«, unterbrach ihn Herr B., »ist ohne Zweifel ein Tragödienschreiber – kurz, ein Dichter gewesen; er hat in der Begeisterung, da er Ihm nachgelaufen ist, einen Vers unbewußt hergesagt; und im Grunde lief er Ihm wohl nur nach, um Ihm zu sagen, daß Er seine Suppe bringen sollte.«

»So war es!« sagte der Gastwirt. »Er hat mir's hernach selber gesagt, als ich ihn darum fragte. Er hätte mich beim Kopfe gekriegt, meinte er, um mich zu erhalten, da er mich fallen sehn. Daß er die Worte gesagt hatte, davon wußte er nicht einen Mucks mehr.«

»Erwärmte ihn die Suppe nicht?« fragte der Gesellschafter des Herrn B. mit Lachen.

»Ach, bei der gab's noch Händel!« antwortete der Gastwirt. »Es fehlte ohngefähr noch zween Finger breit an der Schüssel, ehe sie voll war. Das verdroß ihn. Die Schüssel müßte voll sein, sagte er, sonst könnte er nicht essen. Gestrichen voll! sagte er. Ich stellte ihm vor, daß es gerade die rechte Portion für einen Menschen wäre; aber da half nichts. Bei meiner Treu, ich mußte gehen und eine andre Schüssel holen. Ich habe dergleichen Plunder die Menge; aber gerade mußte damals gescheuert werden, daß nicht mehr als die Schüssel rein war, die er schon hatte. Ich ging zurück zu ihm und sagte ihm die Sache. Durch vieles Zureden ließ er sich doch bewegen, einen Löffel voll zu kosten, aber es schmeckte ihm nicht. Es schmeckte abscheulich, weil die Schüssel nicht voll war. Hm! dachte ich, den willst du wohl anführen. Ich nahm die Schüssel in die Küche und schüttete Wasser zu. Es dauerte mich, daß ich die schöne Biersuppe so verderben mußte. Ich brachte sie ihm und, nun war's gut; nun schmeckte sie gar vortrefflich.

Mir darf man eine Sache nicht zweimal sagen. Der Herr liebt das Volle, dachte ich, das willst du dir merken! Nach Tische wollte er Kaffe haben. Meine Frau machte ihn, ich trug ihn hinauf und schenkte ein – die Tasse so voll! so voll, daß kein Tröpfchen mehr Platz hatte. Das wird ihm recht gut schmecken! dachte ich. Da er's sahe – ›pfui!‹ rief er, ›so schweinisch voll! wer kann das trinken?‹ – und goß mir das liebe Gut vor die Füße. Ich wußte nicht, was ich denken sollte, so verwundert war ich. Endlich sagte ich zu ihm, daß ja die Schüssel hätte gestrichen voll sein müssen. ›Ja‹, antwortete er, ›die Schüsseln müssen ganz voll sein, aber die Kaffetassen nur zur Hälfte, wenn es gut schmecken soll.‹«

Herr B. fand das Grillenhafte in dem Betragen dieses Mannes so merkwürdig, daß seine ganze Neubegierde dadurch gereizt wurde, und nichts schien ihm gewisser, als daß es ein Originalkopf wäre, der zu seltsam scheinenden Handlungen Ursachen haben könnte, die ein gewöhnlichdenkender Mensch nicht zu ergründen wüßte. Sein Gesellschafter, der unter allen menschlichen Schwachheiten, am wenigsten den Schwachheiten eines räsonnierenden Geistes ausgesetzt war, fand in eben diesem Betragen nichts als alberne Ungereimtheiten, und der Mann, der sie getan hatte, war nach seinem Ausspruche – ein Narr. Ob er gleich keinen Augenblick an einen Grund gedacht hatte, warum er ein Narr sein müsse, und jener hingegen durch eine lange Spekulation bei sich auf seine Vermutung gebracht worden war, so sprach er doch sein Anathem mit einem viel positivern Tone als Herr B. und war, ohne Grund, viel fester überzeugt als dieser mit allen seinen schönen Gründen. Auch für den Frost an dem heißesten Sommertage stund diesem spekulativischen Kopfe eine sehr scharfsinnige Erklärung zu Gebote. Er entstund nach seiner Meinung durch eine übermäßige Reizbarkeit der Organe und eine zu übereilte Flüchtigkeit der Lebensgeister, die, durch die Stärke der Hitze in eine heftige Bewegung gesetzt, ein frostähnliches Zittern in den Nerven hervorgebracht und der Seele zu empfinden gegeben hätte. – O ihr spekulativen Sterblichen! daß euch doch euer Scharfsinn so viele Schlingen legt!

Auf Verlangen dieses Weltweisen fuhr der Wirt, als er diese Erklärungen gaffend angehört hatte, ohne die erklärte Sache deutlicher zu verstehen, in seiner Erzählung fort.

»Das beste Stückchen«, fing er lachend an, »folgt noch. Da meine Frau dachte, daß er den Kaffe ausgetrunken haben möchte, ging sie und wollte Kanne und Tassen wieder abholen, um sie auf den Morgen rein zu machen. Ich gehe meiner Frau immer nach, wenn sie zu den Gästen auf die Stube geht. Man weiß nicht, was so einem schwachen Werkzeuge begegnen kann, und der Mann ist doch einmal des Weibes Haupt und muß sie also auf allen Schritten und Tritten bewachen. Unsereins hat Herz im Leibe; das hat so eine furchtsame Kreatur nicht. – Genug, ich gehe ihr nach. Da ich in die Stube trete – was denken Sie wohl? – da sitzt der Fremde am Fenster und zittert am ganzen Leibe. Meine Frau, die sehr mitleidig ist – mannichmal mehr als zu sehr! das gottlose Weib« – bei diesen Worten sahe er sich schüchtern um, ob sie vielleicht zugegen sein möchte – »meine Frau glaubte, es würde ihm schlimm, und ging auf ihn zu, um ihn zu halten, wenn er in Ohnmacht sinken sollte. Da sie ihn angreifen wollte, da sprang er auf wie ein Beseßner und lärmte und schrie: ›Vom Leibe! vom Leibe! zur Stube hinaus! fort! oder ich komme um!‹

Was ich erschrak! Ich dachte, bei meiner Ehre! er wäre besessen, und wenn ich furchtsam gewesen wäre, so weiß ich nicht, was ich getan hätte. Es wurde mir aber doch ein bißchen bange ums Herze – der Henker! dachte ich, wenn er nun besessen wäre! – Ich faßte meine Frau bei dem Arme und lief mit ihr die Treppe hinunter. Sie ließ hernach gern das Kaffezeug im Stiche. Des Nachts konnte ich kein Auge zutun. Vor ordentlichen Menschen fürchte ich mich nicht und wenn ihrer tausend wären; aber vor Beseßnen habe ich eine Scheu wie vor dem bösen Feinde selbst.

Des Morgens wollte keines aus dem Bette. Ich stieß meine Frau an und sagte ihr, daß sie aufstehen sollte. ›Geh du!‹ sagte sie und wickelte sich in das Deckbette. ›Steh du nur auf‹, sagte ich wieder; und so ging das – steh du auf! steh du auf! – lange Zeit herüber und hinüber; nicht als wenn ich mich gefürchtet hätte; bei meiner Frau mochte es wohl nicht richtig sein. Mir ging es nur im Kopfe herum, daß er vielleicht ein Beseßner sein möchte. Was zu tun? Einmal mußten wir doch aufstehn; ich fasse mir ein Herz und steige aus dem Bette. Meine Frau kriecht hinter mir drein. Nun ging eine neue Not an. Es wollte niemand zu ihm auf die Stube. Endlich geh ich, aber da war nicht ein Haar mehr von dem Fremden zu sehn. Ich geh in den Stall, sein Klepper war auch weg. Kurz, sie waren alle beide fort und hatten meine Bezahlung mitgenommen. Aber ich entbehrte sie gern, daß ich nur die Sorge aus dem Hause los wurde. – Um des Himmels willen! Einen Beseßnen im Hause zu haben, und wenn er mir ein Fürstentum geben wollte, möcht ich ihn nicht eine Minute wieder beherbergen.«

»Den Mann möcht ich kennen!« rief Herr B., als wenn er von einem nachdenkenden Erstaunen erwachte. »Schaffe Er mir ihn zur Stelle! und ich will seine Zeche vierfach bezahlen.«

»Und wenn Sie es fünffach tun wollten«, erwiderte der Wirt, »so möcht ich nicht – einen Beseßnen in seinem Hause zu haben! – wenn er nur nicht vielleicht wiederkömmt! – Rose! die Türe ist doch zugeriegelt?«

Herr A. gab nunmehr bei dem letzten Schlucke, der in seinem Kruge war, das Definitivurteil von sich: »Er ist verrückt!« – und Herr B. beteuerte, indem er mit der Hand auf die Brust schlug: »Das ist der größte Originalkopf, den Deutschland jemals gesehn hat!« – und Tobias? – urteilte, als ein weiser Skeptiker, gar nicht.

Herr B. stund auf, tat ein paar Gänge die Stube auf und nieder, und die Kette des Gesprächs war auf einige Zeit so gut als mitten entzweigerissen.

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