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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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24.

Es war gegen Nachmittag, als er seine Reise antrat, und – was ich höchst ungern sehe! – auf seinem ganzen Wege stieß ihm nicht ein einziges Abenteuer, nicht eine einzige Fatalität auf; er redte nicht eine Silbe und dachte so wenig, daß ich, ohne ein Wort weiter sagen zu können, ihn gegen Abend in einem Wirtshause ankommen lassen muß.

Seine Geschichte ist die Geschichte des menschlichen Verstandes: Er ging aus, ging – ging – ging und – kam wieder an den Ort, wo er ausgegangen war.

Ja, nicht anders! In das nämliche Dorf kam er, doch ohne es zu wissen und zu merken, wieder zurück, wo er vor wenigen Stunden seinen besten Wohltäter hatte verlassen müssen. Er fragte nach dem Wirtshause; man wies ihn hin; er ging mit der völligen Selbstgenügsamkeit eines Reisenden hinein, der den Gastwirt zu bereichern denkt. Er trat in die Stube, näherte sich dem Tische, an welchem zwo ihm ganz unbekannte Personen saßen, wovon einer einen Krug Bier, der andre ein Glas Wasser vor sich stehn hatte, und beide miteinander in ein ernstes Gespräch verwickelt waren, indes daß der Wirt an dem einen Ende des Tisches sich hingelehnt hatte und mit untergeschlagnen Armen ihrer Unterhaltung aufmerksam zuhörte. Tobias grüßte die Gesellschaft, warf seinen Hut auf eine Bank neben dem Tische, setzte sich zu ihm und ward der zweite aufmerksame Zuhörer des Gesprächs.

Die Art, mit welcher er sich in die Gesellschaft einführte, war keineswegen nach den Regeln der Politesse abgemessen, und eben ihre Besonderheit zog die Augen des einen unter den Dasitzenden auf ihn. Dieser Mann war sehr gut gekleidet und hatte völlig das Ansehn eines Mannes, der die Welt gesehen hat. Er beobachtete meinen Tobias, der sich indessen den Schweiß abtrocknete, so genau, so unverwandt, daß er darüber eine Pause in dem Gespräche machte. Nach einer kleinen Weile wandte er sich zu seinem Gesellschafter, der mittelmäßig gut mit einem braunen Rocke und einer schwarzen Weste bekleidet war und zischelte ihm ins Ohr, daß er in dem Betragen dieses jungen Menschen etwas ganz besonderes, ein gewisses je ne sai quoi fände, das seinen ganzen Beobachtungsgeist beschäftigte. Der andre kehrte eine Minute lang sich nach ihm um, und da er nichts als einen gewöhnlich gebildeten, nur etwas bucklichten Menschen mit den gewöhnlichen menschlichen Gliedmaßen in ihm fand, so drehte er sich von ihm wieder weg, tat einen Schluck aus seinem Kruge und sagte nichts. Bald darauf erneuerte er das Gespräch, indem er zu dem andern, der über seiner Beobachtung ganz abwesend mit seinen Gedanken war, in einem ziemlich lauten Ton sagte: »Aber was halten Sie davon, mein Herr? Darüber haben Sie sich noch gar nicht erklärt.«

»Was ich davon halte?« fragte der andre halb zerstreut und schwieg.

A.Mit diesem A mag in folgendem Gespräche der Mann im braunen Rocke und der schwarzen Weste sowie der andre mit der Weltmiene durch B. bezeichnet werden. : »So antworten Sie mir doch! Was Sie davon halten, frage ich Sie. – Nu?«

Dienstfreundliche Anzeige

Jedermann, der an ernsten Gesprächen keinen Gefallen findet, wird freundschaftlich ersucht, alle folgende Blätter, deren Inhalt einem Gespräche ähnlich sieht, wohlbedächtig zu überschlagen, d. h. von dieser Anzeige an gerechnet. Darauf, denke ich, soll jedermänniglich vom 25. Absatze bis zum Ende des Bandes ohne Anstoß fortfahren können. –

Cuique suum.

B. (halberwachend): »Die Wahrheit zu sagen, nicht viel!«

A.: »nicht viel? – Sie wissen wohl nicht mehr, wovon wir redten? Wir sprachen von dem Bekehren der Menschen, die eine falsche Religion bekennen.«

B.: »O ich weiß es sehr wohl! Ich weiß auch, was ich Ihnen dazu sagte, als wir unterbrochen wurden.«

A.: »Und was? – Das ist mir wahrhaftig entfallen.«

B.: »Ich sagte Ihnen, daß es die höchste Verwegenheit von einem Menschen sei, eine Religion geradezu für falsch zu erklären.«

A.: »Was? man könnte nicht wissen –«

B.: »Erlauben Sie mir, mein Herr! Sie werden sich erinnern, was ich Ihnen vorhin bewies! – Ein Mensch, wurden wir einig, kann niemals kompetenter Richter über die Wahrheit desjenigen sein, wodurch ein andrer von seiner Meinung abweicht; denn zween Leute, die verschieden denken, sind Parteien, und ist es wohl jemals erlaubt gewesen, daß eine von den beiden Parteien über ihren eignen Rechtshandel entschied? Natürlicherweise würde, wenn dieses verstattet wäre, die rechtsprechende Partei die andre den Prozeß verlieren lassen: Das ist ohne Zweifel?«

A.: »Ohne allen Zweifel.«

B.: »Finden Sie wohl einen Menschen, der mit dem andern völlig gleichförmig denkt?«

A.: »O ja!«

B.: »Ich versichre Sie, gewiß nicht! – O ja! den Worten, dem Anscheine nach! Oft bildet man sich's selbst ein, und niemand zweifelt daran; aber wenn an jeder Stirn von zween Menschen, die miteinander übereinzustimmen glauben, eine Öffnung und ein Vergrößerungsglas darein gesetzt wäre, so fein geschliffen, daß wir die Seele durch dasselbe, wie die Bienen durch einen gläsernen Bienenstock, arbeiten sehen könnten, so bin ich überzeugt – ja, was dächten Sie wohl, daß wir sehen würden? – In zween Bienenstöcken sehen sie ähnlichen Honig, ähnliche Arbeiterinnen, die nach ähnlichen Gesetzen ähnliche Werke hervorbringen; aber wer alles genau untersuchen wollte, würde so viele Verschiedenheiten entdecken, die eine Gleichheit im geringsten nicht zulassen. So würde man in zween Köpfen eine ähnliche Werkmeisterin finden, die nach ähnlichen Gesetzen ähnliche Gedanken zum Vorschein bringt; aber wer weiß, was für kaum merkliche Nuancen, Schattierungen usw. bei Gedanken stattfinden – kurz, wer weiß, daß Gedanken und Lichtstrahlen unendlich mannigfaltige Veränderungen leiden können, wo der Unterschied nur geschlossen und nicht empfunden wird; ein solcher kann sich gar nicht wundern, wenn er durch jene Gläser an der Stirne Gedanken beobachtet, die so ähnlich und so verschieden sind, daß man schwören kann, es sind dieselben und auch nicht dieselben.«

A.: »Das ist zu subtil.«

B.: »Es sei! Indessen wenn eine Subtilität wahr ist, so ist es diese; wiewohl man sie nicht einmal nötig hat, um die Verschiedenheit der Meinungen zu beweisen. Sie äußert sich mehr als zu sehr, und zween Menschen, hinderte sie nicht Höflichkeit oder eine andre Ursache, würden kaum zehn Worte ohne Widerspruch miteinander reden.«

A.: »Es kann sein.«

B.: »Wenn alle Menschen verschieden denken, so sind sie auch alle Partei und folglich keiner – Richter. Sobald einer entscheidet, daß der andre Unrecht hat, so maßt er sich widerrechtlich einen Richterspruch an, da ihm doch als einer Partei nichts gebührt, als die Gründe für seine Sache vorzutragen, die Gründe des andern für die seinige anzuhören und alsdann in Güte von ihm zu gehen und den Ausspruch von dem Richter ruhig zu erwarten; und wenn dieser vor ihrem Tode nicht geschieht, so ist es eine verjährte Rechtssache, die keiner verlor und keiner gewann, weil keiner ihr Ende erlebt hat.«

A.: »In allen Dingen laß ich mir das gefallen. Nicht gern; aber – es mag drum sein. Nur in der Religion kann ich dies unmöglich gelten lassen.«

B.: »Und warum nicht?«

A.: »Weil alsdann gar keine falsche Religion sein könnte.«

B.: »Freilich klingt das nach den gewöhnlichen Begriffen gefährlich. Aber anders ausgedrückt: Keiner ist imstande, die Religionsmeinungen des andern mit Gewißheit für falsch zu erklären – was meinen Sie nun dazu?«

A.: »Es gefällt mir ebensowenig.«

B.: »Und warum nicht?«

A.: »Weil alsdann keine Gewißheit möglich wäre, und diese ist doch unentbehrlich notwendig.«

B.: »Unentbehrlich notwendig – darüber möcht ich mir einen Beweis ausbitten. – Ich denke, eine Vollkommenheit, zu welcher ein Geschöpf keine Kräfte hat, ist ihm nicht unentbehrlich notwendig. Die Kunst zu fliegen war dem Menschen nicht bestimmt, weil ihm die Natur keine Flügel und keine Brust mit starken fleischichten Muskeln gab. Aber dafür kann er gehen, und wenn er gleich nicht über die Wolken steigen kann, so hat er doch auf der Erde schon Platz genug, um seine Füße nicht müßig ruhen zu lassen.«

A.: »Mein Herr, ich merke, Sie sind ein Metaphysiker.«

B.: »Keineswegs! Auch habe ich's nie sein wollen. Ich habe gelesen und gedacht; Beobachtung und gesunde Vernunft ist meine ganze Metaphysik; was vor diesen besteht, das sind meine Meinungen –«

A.: »Die Sie vermutlich für die wahren Meinungen halten?«

B.: »Freilich! sonst macht ich sie nicht zu den meinigen.«

A.: »Wie können Sie aber das glauben? Es ist ja keine Gewißheit, und wo die nicht ist, wie kann man da glauben?«

B.: »Sehr wohl! Wir wollen uns nur verstehen. Sie werden mir einräumen, daß gewiß sein und Gewißheit haben zwo nicht gleichbedeutende Redensarten sind?«

A.: »Wieso?«

B.: »Gewiß sein heißt sich etwas als wahr vorstellen; so bin ich gewiß, daß meine Meinungen wahr sind, das heißt, ich stelle sie mir als wahr vor oder – ich glaube es. Doch darum habe ich nicht Gewißheit, daß ist, weil ich sie mir als wahr vorstelle, deswegen sind sie es nicht; sind sie es nicht auch in dem Verstande eines Wesens, das sich nie betrügen kann. Es ist ja keine seltne Erfahrung nach jedermanns Geständnis, daß wir falsche Sachen für wahr halten.«

A.: »Das ist sie leider nicht!«

B.: »Aber wohl verstanden! Ich meine es in dem Sinne: ›daß wir uns oft Sachen als wahr und zu einer andern Zeit als falsch vorstellen.‹ Geben Sie das zu?«

A.: »Ohne Bedenken.«

B.: »Und auch dieses: ›Daß Sachen, die wir uns als falsch vorstellen, wahr und die wir uns als wahr vorstellen, falsch sein können.‹«

A. »Ohne den geringsten Anstand.«

B. »Demungeachtet stellen wir uns in jedem Falle die Sache gleich wahr vor; wir sind gleich gewiß.«

A. »Nicht anders.«

B. »Also ist die Vorstellung einer Sache, als einer wahren, kein Kennzeichen ihrer Gewißheit oder Wahrheit.«

A. »Sonach kann sie es nicht sein.«

B. »Und gleichwohl müßte ein solches Merkmal vorhanden sein, wenn jemand entscheiden wollte, ob in seiner gegenwärtigen Vorstellung Gewißheit ist; es müßte eins vorhanden sein, woran er evident erkennen könnte, daß die gegenwärtige Vorstellung ihn nicht betrügt, wie ihn schon manche betrogen hat.«

A.: »Es gibt auch eins.«

B.: »Und welches wäre das? – Unser Urteil, Gefühl, Vorstellung?«

A.: »Allerdings!«

B.: »Sie haben mir ja gleich itzt zugestanden, daß unser Urteil oft eine Sache itzt für wahr, itzt für falsch erklärt und beidesmal mit der nämlichen Gewißheit. In einem von beiden Fällen muß uns unser Urteil belügen.«

A.: »Das gestehe ich auch itzt noch ein.«

B.: »Wie kann denn also mein Urteil ein Kennzeichen der Wahrheit sein, da es mich so oft belügt und mir doch niemals einen Wink gibt, wenn es lügt und wenn es die Wahrheit sagt?«

A.: »Freilich nicht allzuwohl.«

B.: »Bei einer Sache, die durch kein Kennzeichen von andern unterschieden werden kann, sollte man denken, fände keine Gewißheit statt.«

A.: »Das ist ausgemacht.«

B.: »Denn eben in der sichern Unterscheidung des Wahren und Falschen besteht die Gewißheit, und wo jene fehlt –«

A.: »Da fehlt auch diese? – Wollen Sie nicht, daß ich so schließen soll?«

B.: »Getroffen!«

A.: »Aber ich werd es nicht tun. Sie sind ein Sophist. – Es ist mir freilich, als wenn Sie Recht hätten; aber es ist doch wider alle Erfahrung.«

B.: »Wie denn das?«

A.: »Sie mögen ja tun, was Sie wollen, so müssen Sie gewiß sein, sonst täten Sie es nicht.«

B.: »Vortrefflich! Eben dahin wollte ich. – Ihr Einwurf ist die beste Beschreibung von der eigentümlichen Gewißheit der Menschen.«

A.: »Wie meinen Sie das?«

B.: »Alle Gewißheit der Menschen ist nur momentan; sie hängt sich nur an die einzelnen Vorstellungen. In dem Augenblicke, da Sie glauben, daß es Gespenster gibt, scheint Ihnen die Sache unwidersprechlich gewiß. Wenn die Gründe dawider einen andern überreden, daß es keine gibt, so ist es ihm in dem Augenblicke ebenso unwidersprechlich gewiß, daß es keine gibt. Beide sind gleich gewiß; aber wird es jemals dahinkommen, daß die Gründe des einen die Gründe des andern gleichsam so verschlingen, daß von den letzten gar keiner mehr übrigbleibt? Wer nach diesem Vorzuge einer uneingeschränkten Gewißheit strebt, will auf flachem Boden den Gipfel einer ägyptischen Pyramide erreichen.«

A.: – – – – – –

B.: »Ich habe in dieser Betrachtung immer die Gewißheit eines Menschen mit der Gewißheit einer Uhr verglichen. Sie mag, nach dem gewöhnlichen Ausdrucke, richtig gestellt sein und richtig gehen; alles, was sie tut, ist – daß sie die Stunden deutlich zeigt oder schlägt; und ihr Besitzer richtet sich ohne Bedenklichkeit jedesmal nach ihr, ob er gleich weiß, daß sie bisweilen durch die Wirkungen des Wetters oder andrer Ursachen merklich unrecht gegangen ist. Wer es genau nehmen wollte, könnte wer weiß wie viele Gründe auftreiben, daß die Uhr nach der wahren Zeit unrecht geht, sollte es auch nur um eine Sekunde sein. Die ganze Gewißheit der Uhr und menschlicher Ideen besteht in der momentanen Überredung des Besitzers; und wollte er, um zu handeln, so lange warten, bis wider die Wahrhaftigkeit seiner Uhr und seiner Ideen nichts mehr eingewendet werden könnte, so versichre ich Sie – er bewegte in seinem ganzen Leben kein einziges Glied am Leibe.«

A.: »Es ist wohl wahr.«

B.: »Es kann auch nicht anders sein, denn bedenken Sie nur, von welchen Sachen unsre Überredung abhängt: von der Deutlichkeit, der Lebhaftigkeit, der Menge unsrer Ideen, von ihrem Laufe, ihrer Richtung usw. und – vom Körper!«

A.: »Von dem letzten, das Sie mit einem so nachdrücklichen Tone aussprachen, habe ich selbst eine Erfahrung gemacht. Ich habe in meinem Leben beständig den Selbstmord verabscheut. In einer Krankheit vor sechs Jahren war ich fest überzeugt, daß er die rechtmäßigste Handlung von der Welt sei –«

B.: »Und Sie hätten nach dieser Überzeugung gehandelt –«

A.: »Wenn ich nicht gesund geworden wäre – vermutlich!«

B.: »Ohne Zweifel! – Noch mehr! Wenn ich rohen Schinken und Erbsen in einer gewissen Quantität gegessen habe, so ist meine Seele nicht unsterblich, und wenn ich alle Schriften von Platos ›Phädon‹ bis zu meines Pfarrs Predigten darüber nachläse, umsonst! Nach einer nüchternen Mahlzeit von sanften, mildernden Speisen halte ich sie für unsterblich auch ohne Beweis und fühle unwiderstehlich, daß sie es sein muß.«

A.: »Das ist –«

B.: »Zuviel! wollen Sie sagen; doch ist es wahr und leicht zu erklären. Unsre Gewißheit hängt von der Deutlichkeit und Lebhaftigkeit unsrer Ideen ab. Was diese hindert, hindert auch jene, und harte Speisen erfodern zu ihrer Verarbeitung einen so großen Teil der Lebensgeister, daß zur Belebung der Gedanken nicht genug übrigbleibt.«

A.: – – – – – –

B.: »Ein Wort, ein Gedanke, der sich in unserm Kopfe einmal das Eigentumsrecht erworben hat, besitzt oft so eine magische Kraft, als roher Schinken kaum haben kann. – Wenn die Gewißheit des Menschen auf so schwachen Stützen ruht, die noch dazu so leicht, gleichsam durch einen kleinen Wind, aus ihrer Stelle verrückt werden können, wenn große und kleine Geister etliche tausend Jahre hindurch nach der Wahrheit im Finstern getappt haben und, sooft sie einer erwischt zu haben glaubte, zwei, drei andre mit schönen Gründen ihm bewiesen, daß er nur nach einem Schimmer gegriffen haben müsse, da sie dieselbe leibhaftig besäßen, ohne daß allgemein entschieden wurde; was meinen Sie denn von der menschlichen Gewißheit?«

A.: »Freilich kann sie da nicht allzugroß sein. Nur darf man es nicht öffentlich sagen.«

B.: »Warum?«

A.: »Es ist eine gefährliche Meinung.«

B.: »Und mich däucht, es ist eine nützliche Meinung, die man nie laut genug sagen kann. Wenn sie herrschend wäre, würden die Menschen nicht toleranter und weniger positiv sein als gegenwärtig? Man würde sich nicht verfolgen, nicht hassen, weil man verschieden denkt: Denn glauben Sie nicht, daß in unserm aufgeklärtem Jahrhunderte diese Verfolgungen aufgehört haben! Es scheint; aber sonst verfolgte man sich in offnem Kriege, itzt durch Kabale. Alles das könnte verhütet werden, wenn sich die Leute überreden ließen, daß man in dieser Welt nichts tun kann und darf als sagen, was einem dünkt, und anhören, was andern dünkt. Eine Sache, die in der Liste derjenigen obenan stehen muß, von denen uns die meiste Gewißheit verstattet ist!«

A.: »Das ist alles wohl wahr, aber das kann ich mir doch nicht überreden, daß der Mensch keine Gewißheit hat.

Hieß das nicht: Die Gründe glaube ich wohl, nur nicht das, was sie beweisen – weil ich es immer nicht geglaubt habe?«

Eben wollte ihm sein Gesellschafter antworten, als der Gastwirt, der vor einigen Minuten hinausgegangen war, mit einem Buche in der Hand wieder zurückkam und um Erlaubnis bat, das Gespräch auf einige Augenblicke zu unterbrechen. Er berichtete, daß ein Herr in einer schlechten Kleidung nachts vorher bei ihm eingekehrt sei und nicht viel vertan habe. Dieses Taschenbuch habe er nach seiner Abreise auf seiner Stube gefunden und nach der Eröffnung einen Haufen wunderlicher Papiere darinnen angetroffen. Er überreichte es zugleich dem Herrn B., der die Papiere durchsah und mit fester Überzeugung die Anwesenden versicherte, daß es einem deutschen Schriftsteller gehörte.

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