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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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4.

Vielleicht ist dieses medizinische Gewand, in welches ich meine Moral gehüllt habe, in unsern Tagen das schicklichste, wo unsre Weltweisen zum Teil in ihren Erklärungen von den unerklärbaren Wirkungen der Seele so medizinisch, so anatomisch geworden sind, daß wohl nur noch die übrigen Jahre dieses erleuchteten Jahrhunderts verfließen müssen, um anatomische Theater für die Seelen errichtet und in den philosophischen Hörsälen Geisterskelette vorgezeigt und zergliedert zu sehn. – Möchte das gütige Schicksal mich so lange noch sehen und hören lassen, bis meine Mitbrüder zu dieser Stufe der menschlichen Weisheit hinaufgeklettert sind! und sollte ich auch nur kraftlos unten stehen und über diese erhabnen Köpfe vor Freuden klatschen oder vor Verwundrung den Kopf schütteln müssen. – Meine Leser werden es also nicht wider die Klugheit finden, wenn ich meine Moral inskünftige öftrer dieses Modekleid tragen lasse.

Indessen – eben itzt fällt mir's ein – wen hätte ich unter die obigen Beispiele toleranter und ihrer eignen Schwäche sich bewußter Männer mit größerm Rechte setzen müssen als meinen Held, Tobias Knaut? zumal da er schon in seinen frühesten Jahren die rühmlichsten Beweise von dieser glücklichen und Menschen so anständigen und nützlichen Unparteilichkeit gegen seine und andrer Meinungen gegeben hat. Wenn jemand begierig ist, es zu wissen, so will ich ihm erzählen, wie er zu dieser höchsten Weisheit des Sokrates schon früher als dieser Weltweise gelangt ist.

Sokrates mußte erst wer weiß wie alt werden, in einer unglücklichen Schlacht eine Probe von der Geschwindigkeit seiner Beine ablegen, als Ratsherr seiner Stadt einen starken Verweis für die Unwissenheit erdulden, die er durch die schlechte Verwaltung seines Amts bewies, das er mit so vieler Gewissenhaftigkeit und Patriotismus führte, als der elendeste, unerfahrenste Kopf seiner Zeit kaum würde getan haben; er mußte endlich – was mehr als alles dieses war! – eine Frau nehmen, um die weise Gelassenheit zu lernen, die meinem Held so wenige Beschwerlichkeiten und Anstalten kostete, daß sie ihm schon, als er noch Häuser von Leimen oder ähnlichen Materialien baute, den Bänken in seines Vaters Hörsaale predigte und, mit einem Worte, kaum denken und noch nicht reden konnte, in einem größern Maße eigen war als vielleicht dem Sokrates nach einer zehnjährigen Galeerensklaverei unter der Aufsicht der Xantippe. Doch genossen beide darinnen ein gleiches Glück, daß sie von gleichen Lehrmeisterinnen und nach einer gleichen Methode in ihrer Weisheit unterrichtet wurden; denn die Natur oder das Schicksal oder wie man es nennen will, weiß geschickter als der erfindungsreichste theatralische Kopf schon in den ersten Szenen des Lebens Situationen vorzubereiten, Charaktere anzulegen und die sämtlichen Vorschriften des Aristoteles, Batteux und aller andern despotischen Kunstrichter genauer zu beobachten als kein französischer Schriftsteller und, was das wichtigste ist, eine natürlichere und mehr zusammenhängende Komödie oder Tragödie hervorzubringen als der treueste Untertan jener strengen Gesetzgeber. Schon als Embryo empfing Tobias Knaut ein reichliches Maß von dem kalten, langsam fließenden Blute seines Vaters in seine Adern und einen gleich starken Überfluß wässeriger Teile in alle seine Säfte; und weil diese glückliche Mischung in seinem Vater nicht entstanden, sondern seit seinem achten Ureltervater, in aufsteigender Zahl, die Wirkungen davon verspüret worden waren und dieser, wie alle geschickte Ärzte seiner Zeit vermuteten, sie dem häufigen Genüsse des Wassers in einem zehnjährigen Gefängnisse vornehmlich zu verdanken hatte, so kann sich gewiß keine Familie, und wenn sie auch ihre Vorfahren vom Inachus an zu berechnen wüßte, einer Familientugend mit so vielen Ahnen rühmen als die knautische. Mögen doch immer viele große Häuser die Tapferkeit, und was weiß ich mehr? so gut als Sporn und Degen unter ihre Erbschaftsstücke rechnen und vielleicht gar sich einbilden, daß ein jeder aus ihnen ein eignes Sensorium, einen sechsten Sinn oder so etwas für ihre Familientugend erb- und eigentümlich von der Natur bekommen habe: es sind doch an jeder einzelnen Person eines so tugendhaften Hauses meistenteils so viele Abweichungen und Unterschiede, daß man kaum auf die Gedanken gekommen sein würde, eine solche allgemein angeerbte Vollkommenheit zu vermuten, wenn nicht Geschichtschreiber, Dichter, Lobredner es als einen Glaubensartikel anzunehmen geböten. Bei einer jeden Person wird diese göttliche Begeistrung, dies himmlische Feuer, oder wie es sonst noch heißen mag, bei ganz verschiednen und einander oft so entgegengesetzten Gegenständen in Flammen gesetzt, daß einige Leute, die ihr Vergnügen an Einwürfen finden, sich unterstanden haben, die sukzessive Mitteilung desselben mit einer freigeisterischen Verwegenheit ganz zu leugnen, gerade als wenn ein Feuer kein Feuer bliebe, wenn es bald mit Kiefern, bald mit Tannen, bald mit Eichenholze usw. unterhalten würde. Sylvestern fahren die Lebensgeister in völligem Galopp durch Arm und Beine, wenn er einen Hasen erblickt. – Karl gerät in Konvulsion, wenn er den Spieltisch kommen sieht. – Bei Wilhelm hat das Familienfeuer seinen Sitz im rechten Arme und läßt die Rücken der Dragoner die schmerzhaftesten Beweise von seiner Wirklichkeit empfinden, die diese armen Leute doch niemals geleugnet haben. – Bei Felix lodert es in hellen Flammen aus Augen, Mund, Nase und * hervor; der gute Mensch wird gewiß noch ein Märtyrer seiner Familientugend werden, und alle diese gewaltsamen Wirkungen entstehen – bei dem Anblick eines schönen Mädchens. – In Traugott und Ehrenfrieden äußert sich es auf eine beinahe gleiche Art, nämlich bei beiden an animalibus: Jener prügelt seine Bauern lahm, und dieser reitet seine Pferde tot. – Unter den vier übrigen, die ich bloß aus Liebe zur Wahrheit, aber sehr ungern, anführe, weil sie meinen Satz zu widerlegen scheinen, ist eine völlige Gleichheit; sie scheinen die Missionaren ihres Familiengeistes zu sein, denn alle sind gleich unermüdet beschäftigt, ihn in unendlichen Strömen über das sogenannte schöne Geschlecht ausfließen zu lassen, und sie tun ihre Pflicht mit einem brünstigern Eifer als jemals ein Missionar der Jesuiten in China oder Paraguay. Alle diese Helden sind von einem Geschlechte, leibliche Brüder, von einem Geiste beseelt, und doch einander wie ungleich in den Äußerungen ihrer Familientugend!

Glückliche Familie der Knaute! Muster der Familientugend! In dir waren Vater und Sohn, Vetter und Muhmen in allen lateralen und kollateralen Linien, ascendendo und descendendo, von dem achten Ureltervater an bis auf meinen Helden von einer so völligen, ununterbrochnen Gleichheit, so gleich, ut – ovum ovo – ach, viel zu wenig! –; so gleich, daß eine Person völlig die andre war; so gleich, als wenn sie von einem Meister, in einer Form, von einem Metalle, zu einer Zeit gegossen wären; so gleich, daß ein Vater von mehrern Kindern sie brandmarken mußte, um sie unterscheiden zu können, und oft zween Brüder ihre Kinder wirklich verwechselten, ohne mehr von ihrem väterlichen Instinkte belehrt zu werden als Julius Romanus, da er die ArbeitEine Kopie eines Gemäldes vom Raphael, in dem Jul. Roman, die Draperie gemalt hatte. eines Fremden für seine ansah und diesem sein väterliches Recht geraubt hätte, wäre er von ihm nicht sichtbar überführet worden, daß das Kind seinen Namen führte; so gleich, daß der Sohn des verstorbnen Vaters nichts als der wiederaufgestandne Vater zu sein schien, der nach einem kurzen Spaziergange in das Gebiete des Todes zurückgekommen wäre, um unter einem andern Taufnamen durch dieses abenteuerliche Leben noch einmal durchzukriechen. Die ganze Familie war ein Körper, in dessen Gliedern die vollkommne Übereinstimmung herrschte, die der alte Maenius Agrippa seiner uneinigen Republik anpries; alle waren gleich untätig, gleich unempfindlich. Freilich hätte der Magen zuweilen sich beschweren können, daß Hände und Füße ihn nicht so bedienten, als er wünschte; hingegen wurde aber auch, wie vielen Familienkörpern widerfährt, der Kopf niemals schwindlicht. Viel zu verdauen hatte der Magen der Familie nicht, das ist wahr; denn Armut ist so gut der beständige Anteil der Knaute als ehemals der Kurier, der Kamiller und andrer natürlichen Philosophen, gewesen; ein unausbleibliches annexum ihrer Familientugend war es – aber, meine Leser werden sich zu entsinnen wissen, aus einem überladnen Magen steigen böse Dünste auf und machen die Atmosphäre im Kopfe so düster, so schwer, als die Seite der Welt

– quod nebulae malusque
Jupiter urget.

Aus einer solchen Schwere der Luft im Kopfe entstehen Wirbelwinde, Stürme und andre dergleichen schädliche Wirkungen. – Was für ein Lärm, Getöse und Gepolter mag das in dem armen Kopfe sein! – Und was kann endlich anders daraus erfolgen, als daß man taumelt und – fällt. So sind schon eine Menge reicher und großer Familien gestürzt und haben sich den Kopf zerschmettert; oder zuweilen ist er ihnen, ehe sie noch fallen konnten, von der Gewalt der innerlichen Stürme wie durch ein Erdbeben zerrissen und zerplatzt; und eben dadurch, daß die Familie meines Helden wegen ihrer Armut keine solche innerlichen Erschütterungen auszustehn hatte, sondern in allen ihren Köpfen die glücklichste Windstille herrschte, eben dadurch konnte sie sich von dem zwölften Jahrhunderte an in einem unaufhörlich blühenden Zustande erhalten.

Die Tugend unsers Knauts ist also eine Tugend von guter Familie, und ich bin fest überzeugt, daß nach der genealogischen und heraldischen Logik keine einzige Einwendung wider ihr Altertum und die Anzahl ihrer Ahnen gemacht werden kann.

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