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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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20.

– die Wirtin die Suppe auf den Tisch setzte, und sogleich wischten seine Lebensgeister aus den Augen in den Magen.

Während des letzten empfindsamen Auftrittes in Tobias' Gehirne hatte die älteste Tochter – Esther heißt sie, um aus Dankbarkeit für ihre Sorgfalt ihren Namen bis zur Nachwelt aufzubehalten, werde sie hier genennt! –, hatte, sage ich, die älteste Tochter Esther, die mit ihrer andern Schwester abwechselnd eine Woche um die andre die Tafel besorgen mußte, gedeckt, Teller, Löffel und Messer gelegt. Itzt brachte die Mutter einen großen berußten Topf voll Milch, den sie in einer Schüssel, fast von der Größe wie Salomons ehernes Meer, ausleerte.

Die Mahlzeit war nicht einmal so ländlich reich als die, womit Ovid zween Götter von Philemon und Baucis bewirten läßt, aber dafür sind jene Gäste – Götter und mein Tobias nur ein elender Sterblicher; dafür ist Ovid ein Dichter und ich nur ein Prosaist – und in der Poesie müssen von Rechts wegen ein paar Schüsseln mehr aufgetragen werden. Inzwischen war doch alles dabei, was eine Mahlzeit zu einer frohen Mahlzeit macht: Hunger, muntres Gespräch und vonseiten der Bewirter

– ante omnia vultus
Accessere boni –

o so freundliche gütige Mienen, daß man ihre Gesichter zum Muster für ein Gemälde von der Gastfreiheit hätte wählen können.

Aus dieser einzigen Schüssel bestund das ganze Hauptessen und der Nachtisch aus Butter, Brot und Käse, und alles war so sehr nach dem Geschmacke meines Tobias, daß er auch die ungemein reichlichen Portionen, die ihm die Wirtin vorlegte, mit einer solchen Begierde verschlang, als gewiß kein Prinz mit Millionen Einkünften jemals gehabt, es müßte denn Darius gewesen sein, als er auf seiner Flucht trübes Wasser aus einem Bache voller Leichen trank, oder Friedrich, da er auf dem Wege zum Siege in einer Scheune Eier aß.

Als, nach dem homerischen Ausdrucke, die Begierde zum Essen befriediget war, überreichte die älteste Tochter der Mutter einen Krug von mittlerer Größe, den sie aus einer Ecke der Stube holte und der mit Äpfelmost angefüllt war. Sie schenkte davon so viele Gläser ein, als Personen am Tische saßen; jedes ergriff sein Glas, stand auf, der ganze männliche Teil der Gesellschaft entblößte das Haupt, und der Alte rief: »Für Gottes Gaben!« Ein jedes leerte sein Glas, dessen Größe seinem Alter angemessen war, und setzte sich freudig nieder. Darauf folgte ein andres unter den nämlichen Zerimonien mit der Ausrufung: »Für unsern Fürsten!« Den Beschluß machte ein drittes, wobei alle riefen: »Für ein fröhliches Gemüte!« Kaum war es hinein, so sprang die kleine Gesellschaft des Hauses auf, liebkoste mit bäurischer Zärtlichkeit ihre Eltern und schäkerte den Schlaf unter tausend Spielen heran, zu welchen sich auch die älteste Tochter gesellte, als sie ihre häuslichen Geschäfte verrichtet hatte.

Durch die lebhafte Geschwätzigkeit des Alten, die Lustigkeit der Kinder und besonders durch die stärkende Mahlzeit und den erquickenden Most war Tobias in eine so gute Laune versetzt worden, daß weder Kummer noch Schlaf für ihn auf der Welt war. Er saß noch bei dem Lager des Alten und hörte ihn aufmerksam erzählen und mischte sogar selbst scherzhafte Einfälle mit unter, die sein roher Witz im väterlichen Hause sich gar nicht zugetraut hätte, als schon Wirtin und Kinder in tiefem Schlafe lagen. In Ermangelung eines Gastbettes hatte das gute Mütterchen sich erboten, ihr Bette ihrem Gaste einzuräumen und auf einer Streu in der Stube neben ihrem Manne zu schlafen. Doch Tobias schlug alles dieses, den dringenden Bitten ungeachtet, mit der standhaftesten Großmut aus. Man gab nach, und für ihn wurde eine Streu in der Stube bereitet.

»Er ist noch munter«, sprach der Alte zu ihm, als sie alle fort waren; »ich kann noch lange nicht schlafen; bleibe Er bei mir sitzen, und wenn Er müde ist – so kann Er sich ja legen.«

Tobias nahm den Vorschlag willig an und versicherte ihn, daß er gern ihm noch Stunden lang zuhören wollte.

»Ja, da ich noch jung war wie Er«, fuhr der Alte fort, »da war mir der Schlaf gar nichts; aber itzt kann ich ihn keine Nacht entbehren. Mach du dir« – denn er hatte sich die Erlaubnis ausgebeten, ihn wie seinen Sohn zu behandeln –, »mach du dir, lieber Sohn, deine Jugend zunutze! Sei immer fröhlichen Muts! Das müssen alle meine Kinder von mir lernen; deswegen laß ich sie auch alle Tage bei Tische sich daran erinnern; denn ich denke: je, deswegen hat dich Gott auf die Welt gesetzt, daß du fröhlich sein sollst; und wer's nicht ist, der ist nicht wert, daß ihn Gott hingesetzt hat.«

– O ihr vielen Mitleidenswürdigen, die ihr unter der Last eingebildeten Elends seufzet! Und ihr finstern Weisheitslehrer, die ihr durch steifen Ernst die Gottheit ehren wollt und lehrt, daß jede Miene, die keine Falten im Gesichte macht, das Herz entweiht! Dieser ländliche, ungebildete Weise übertrifft euch alle an Weisheit!

Tobias erzählte ihm, wie fremd für ihn dieses System war und wie wenig er es in seinem bisherigen Zustande hätte ausüben können.

»Ach, gutes Kind«, sagte der Alte, »du hast noch nicht halb so viele Drangsale ausstehen können als ich – du bist noch zu jung dazu –, aber ich bin, Gott sei Dank! immer fröhlich dabei gewesen. Viele habe ich mir selber gemacht; und da war mir's ganz recht. Wenn du wissen solltest, was ich ausgestanden habe!«

Tobias bezeigte ein großes Verlangen darnach.

»Vom zwanzigsten Jahre an«, erwiderte jener, »habe ich leiden müssen. Ich war lustig, meine itzige Frau auch; wir dienten in einem Hofe, hatten einander lieb, und ehe wir es uns versahen, war ein Kind da – mein ältester Sohn. Heiraten konnten wir einander nicht, denn wir hatten beide kein Geld. Der Pfarr im Orte, tröst ihn der liebe Gott! war mir nicht gut. Der Bauer, bei dem ich diente, meinte, es käme von meiner Mutter her, die ihm die Zinshenne etliche Jahre schuldig geblieben war; aber ich glaub's nicht. Wenn solche Leute so denken wollten, was sollte denn unsereiner tun? – Kurz, er war mir nicht gut, denn er hat mir's selber gesagt. Meine Frau mußte aus dem Dorfe. Lieber Gott! es war mitten im Winter und eine gar grimmige Kälte. Ich ging ihr nach. Was sollten wir machen? Keinen Pfennig Geld! keine Wohnung! Meine Klare, so heißt sie, war krank! auf den Tod krank! Was zu tun? Kein Dienst war offen; nach Hause durft ich nicht kommen; denn da hatte mich der Pfarr auf der Kanzel unehrlich gemacht und wollte mich gar um das bißchen Vermögen bringen, das ich noch nach meiner Mutter Tode zu fodern hatte.

Denke einmal, liebes Kind! da ich sie einhole, liegt sie mit ihrem Kinde auf dem Schoße unter einem Feldbirnbaume in tiefem Schnee. Ich kannte sie kaum. Ach, denk ich, die ist gewiß tot! Mutter und Kind ist tot! Ich rufe, ich schreie, aber da war kein Leben. Hurtig nehm ich sie auf den Rücken, das Kind unter den Arm und trage sie in das nächste Dorf. An das erste beste Haus klopf ich an – es war schon in der Dämmerung –, es wird aufgemacht; ich gehe hinein. Das war eine brave Frau, die mich einnahm. Der liebe Gott vergelt's ihr! Sie ist schon zwei Jahre tot; sie ist bei mir im Hause gestorben.«

Hier machte er eine kleine Pause, um einen Schluck dünnes Bier aus dem vor ihm stehenden Kruge zu tun. Darauf rückte er seine Pelzmütze mit der rechten Hand zum linken Ohre, graute auf demselben Wege die rechte Seite des Kopfs ein wenig und fuhr fort:

»Ich brachte sie gleich ins Bette mit dem Kinde, und es währte lange, ehe sie wieder zu sich kam. Meine Klare erzählte mir den andern Morgen, daß sie mich hatte kommen sehn und daß sie sich niedergesetzt hatte, um auf mich zu warten; da war sie eingeschlummert, und wäre ich nicht gleich gekommen, so wär sie erfroren – gewiß erfroren.

Bei der guten Marthe – so hieß die Frau, bei der wir eingekehrt waren –, die brave Marthe! bei der mußte sie acht Wochen im Bette liegen, so krank war sie. Das schlimmste dabei war, ich wußte nicht, wie ich sie erhalten sollte; aber es ging doch. Im Dorfe war kein Dienst für mich. Weit wollte ich nicht gerne von meiner Klare weggehn. Ich ging also des Tags über auf die Arbeit, wo es was zu tun gab, bald hier, bald dort, im Dorfe und auf den Dörfern in der Nachbarschaft; des Abends lief ich zu meiner Klare und brachte ihr meinen Verdienst. Manchen Tag hab ich gehungert, wenn ich nicht viel verdienen konnte, damit es nur ihr nicht fehlte. Ich hab's gern getan, sie hat mir's genug vergolten.

Endlich wurde sie wieder gesund, wir fanden Dienste, aber nicht an einem Orte, und die gute Marthe behielt unser Kind bei sich. Sie war eine arme Witwe, und ich mußte ihr wöchentlich etwas bezahlen. Kannst du dir vorstellen – Aha!« rief er, als er gewahr wurde, daß Tobias' Kopf bis auf die Hälfte der Brust herabgesunken und also seine letzte Anfoderung an dem unrechten Orte angebracht war. – »Du schläfst?« sagte er. »Geh zu Bette und schlaf wohl!«

Tobias zauderte nicht lange, seinem Rate zu folgen.

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