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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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19.

Er eilte freudig fort, um an seinen Riß die letzte Hand zu legen, sagte ich kurz vorher – und ging zum Dorfe hinaus, hätte ich hinzusetzen können.

Diesmal hatte er, da der größte Taumel, der die Geburt eines Projektes gewöhnlich zu begleiten pflegt, vorüber war, bei seiner Abreise die Vorsicht gebraucht, sich umständlich nach seinem Wege zu erkundigen, und man hatte ihm so vollständige und deutliche Begriffe davon beigebracht, daß er ihn nicht weniger hätte verfehlen können, wenn er gleich mit Kompaß und Landkarte gereist wäre. Auch wanderte er ihn, einige kleine Umwege ausgenommen, den ganzen Nachmittag über so ziemlich richtig fort, bis endlich die Nacht sich ins Spiel mischte und ihn um Besonnenheit, Herz, Marschroute, Weg und alles brachte.

In dem ganzen Fürstentume war vielleicht kein einziger männlicher und weiblicher Kopf ein so reiches Magazin von Gespenstergeschichten, Koboldmärchen, und fürchterlichen Abenteuern, als seiner Mutter ihrer, obgleich in seinem Vaterlande nicht wenig dazu gehörte, in diesem Fache der Gelehrsamkeit der größte zu sein, da Aberglauben und Unwissenheit wie in den meisten, vielleicht allen Provinzen Deutschlands die geringe Klasse der Einwohner nicht viel gelinder als zu Kaiser Rotbarts Zeiten tyrannisierte. Dergleichen Geschichtchen waren bei Tobias' Aufenthalte im väterlichen Hause die einzige Unterhaltung in den Winterabendstunden, und oft, wenn es schrecklicher in den Erzählungen hergegangen war als in einem englischen Trauerspiele, war das ganze Auditorium in eine solche Furcht versetzt, daß keines, die Erzählerin selbst nicht, sich ins Bette wagen wollte. Sie blieben also, als wenn sie ein Kobold festgemacht hätte, unbeweglich sitzen, daß endlich eins nach dem andern einschlummerte und so lange schlief, bis es von der anfallenden Kälte erweckt und erinnert wurde, daß Federbetten eine wärmere Lagerstätte wären; die Sinnlosigkeit des Schlafs ließ die Furcht nicht wieder aufkommen, und man taumelte ins Bette. Dieser tägliche Unterricht brachte es so weit, daß Tobias im achten Jahre schon das Orakel der Dorfkinder war, auf jeden Stein sich mit ihnen setzen und Gespenstergeschichten erzählen mußte; daß er im neunten in der zahlreichsten Gesellschaft nicht ohne Entsetzen vom Lichte weg in den finstern Teil der Stube sehen und im zehnten an hellem Tage nicht anders als mit geschloßnen Augen und zitternd vor einem düstern Winkel vorübergehen konnte.

In der Hitze seines Entwurfs hatte er auf diesen Umstand keine Aufmerksamkeit wenden können; sonst würde er allein vermögend gewesen sein, sein ganzes Luftgebäude auf einmal wegzublasen. Desto mehr empfand er itzt bei der herannahenden Dämmerung, wie töricht er gewesen war, diesen höchst wichtigen Umstand nicht mit in Anschlag zu bringen. Je mehr die Dämmerung zur Nacht wurde, je mehr wurde sein Unwille über diese Torheit zur Furcht, und da die völlige Nacht kam, die sich noch dazu wegen des umwölkten Himmels und einem nahen Gewitter zeitiger einstellte, war sie so stark angewachsen, daß er schluchzend, bebend, mit fest zugemachten Augenlidern dastund und zuletzt in seinem eignen Atemholen das Gekrächze eines Kobolds fürchtete. Einige Zeit war er in dieser mitleidenswürdigen Stellung verblieben, als etwas zu rauschen anfing. Er spitzte die Ohren. – Es rauschte wieder – itzt wieder – immer näher und stärker – es keuchte – es war stille – es regte sich leise wieder – platz! fuhr ein schrecklicher Knall vor seinen Ohren vorbei. – Mit dem Knalle sprangen seine Augen auf, und seine Füße bekamen Flügel. In unaufhörlichem Galoppe lief er fort, unbesorgt, wohin er geriet, und unwissend, daß er lief. In einem Zug rennte er, bis er an ein Haus anstieß, und dann wurde er erst gewahr, daß er sich bei Menschen befand.

Ehe er noch anklopfen konnte, bloß auf das Getöse, das sein Anrennen verursachte, steckte ein altes Mütterchen zu dem engen Fenster, so weit es die kleine Öffnung verstattete, den Kopf heraus und fragte mit hohlem Tone: »Wer da?« Sein Atem war durch das Laufen zu sehr erschöpft, als daß nicht jede Bemühung, ihre Frage verständlich zu beantworten, vergeblich sein mußte. Aus seiner ganzen keuchenden Erzählung vernahm sie weiter nichts, als daß er eingelassen und diese Nacht beherbergt zu werden wünschte. Hurtig schlüpfte sie zum Fenster hinein, ebenso hurtig mit dem Lichte in der Hand zur Stube hinaus und riegelte die Haustür auf. Mit krummgebückten Rücken stund sie da und bewillkommte mit einem mütterlichen Händedrücken und einer sehr freundlichen Geschwätzigkeit ihren Gast. Tobias, der nach der Erfahrung seiner jüngern Jahre sich nicht eingebildet hatte, daß man im menschlichen Leben anders als mit anfahrendem und zankendem Tone zueinander reden könnte, wurde durch diese unerwartete Höflichkeit so verwirrt, daß er kein Wort darauf sagte. Seine Verwirrung ward zum völligen Erstaunen, als ihn seine Wirtin zu ihrem Manne führte, der in einer nicht allzu geräumigen Stube auf einem ländlichen Kanapee saß, welches aus zwo zusammengerückten hölzernen Bänken bestund, deren Härte durch einige daraufgelegte Kissen gemildert wurde. Er zog seine runde Pelzmütze ab, als Tobias sich ihm näherte, machte eine bäurische Verbeugung, reichte ihm die Hand und drückte sie mit einer so freundschaftlichen Wärme, als wenn ihre Bekanntschaft sich mit dem dritten Jahre angefangen hätte. Der Gast war nur mit dem Körper da und hatte nicht einmal Gegenwart des Geistes genug, seinen Wirt bei dem Hereintritte zu grüßen. Mann und Frau waren gleich mit der Entschuldigung fertig, daß seine Unordung von einem Schrecken herrühren möchte, wovon er auch wirklich viele Spuren im Gesichte hatte. Zu dem Ende lief die ehrliche Alte, holte ein hölzernes Gefäß mit Wasser und besprengte ihn so reichlich, als wenn er brennte und gelöscht werden sollte. Linderte diese Überschwemmung sein Schrecken wirklich? oder kam er von selbst von seinem Erstaunen wieder zurück? Ich weiß es nicht – genug, er gab verschiedene Merkmale von sich, daß er seiner mehr bewußt war als vorher. Doch waren seine Antworten auf jede freundliche Frage beständig höchst lakonisch und alles, was er von seinen Umständen erzählte, frostig und abgebrochen – eine Art der Beredsamkeit, die ihm der Ungestüm und die eigensinnige Härte seiner Mutter eigen gemacht hatte.

Der Wirt berichtete ihm, daß er vor einem Vierteljahre durch einen gefährlichen Fall von der Leiter beide Beine gebrochen habe und noch nicht kuriert sei; daß er noch auf keinen Fuß ohne die empfindlichsten Schmerzen treten könne und Tag und Nacht auf dieser Lagerstätte zubringen müsse; daß ihn aber Gott hinlänglich gesegnet habe, um bei seinem Leiden nicht zu darben, besonders da seine zween verheirateten Söhne die Sorge für seinen Feldbau über sich genommen hätten. Alle diese Nachrichten erteilte er mit einer so lebhaften Munterkeit, und Tobias hörte sie mit so verzerrtem, kaltem Gesichte, daß jener der gesunde, frische Gast, und dieser der leidende Kranke zu sein schien. Der Mann mochte ohngefähr im fünf- bis sechsundsechzigsten und nur um etliche Jahre älter als seine Frau sein.

»Ich habe noch mehr Kinder«, sagte er, als er seiner verheirateten Söhne gedachte, »einen Sohn und eine Tochter, die beide in * bei * dienen, und noch viel jüngere, als Er ist, mein lieber Kleiner. Viere sind mir gestorben; ich habe sie ungern verloren, besonders das jüngste. Das war gar ein hübscher Junge. Ja, Gott hat's getan! – Aber ich weiß nicht, wo meine Kinder heute bleiben; Er muß sie doch sehen.« – Sogleich pfiff er auf dem Finger. »Sie sind ein bißchen lustig«, fuhr er fort, »wie ihr Vater«. – Indem purzelten fünf schäkernde, dickgestopfte Kinder zur Türe herein, zween Knaben und drei Mädchen, alle von ziemlich aufeinander folgendem Alter, und das jüngste darunter konnte höchstens nicht über fünf Jahre sein.

Sie sprangen alle auf ihren Vater zu: Eins ergriff die Hand, ein andres reckte sich auf den Zehen in die Höhe, um ihm die Backen zu streicheln, ein drittes drängte sich über die kleinern hinweg, umhalste ihn und küßte mit lautem Schmatzen den rauchen Bart, das vierte riß die andre Hand zu sich und schüttelte sie mit einem mutwilligen Lachen und das kleinste hub die Decke über seinen Füßen leise auf und strich, indem es ihn mit ernster, bedauernder Miene anblickte, das Bein. Allmählich verlor sich eins nach dem andern vom Vater weg, begaffte mit offnem Munde lange den fremden Gast, kehrte sich lachend um und sprang trällernd seinem Vater zu oder zupfte, wenn es ihn lange genug besehn hatte, das danebenstehende bei dem Kleide, zischelte, wenn dieses sich umgedreht hatte, ihm ins Ohr und wies mit dem Finger dazu auf Tobias, der unbeweglich neben dem Ofen auf einem Schemel saß. Oft hatten sie diese und ähnliche Spiele wiederholt, als sie sich nach und nach dem Gaste näherten und endlich gar in seine Bekanntschaft einzuführen suchten; doch da er nicht die geringste Freude über die Gelegenheiten bezeigte, die sie dazu nahmen, und keine Willigkeit merken ließ, ihnen seinesorts auf dem halben Wege zur Freundschaft entgegenzukommen, so liefen sie fort und lachten ihn aus.

Der ehrliche Tobias! Alle diese Auftritte waren für ihn Auftritte aus einer bezauberten Welt, wovon niemals einer vor seine Augen noch viel weniger eine Idee davon in seinen Kopf gekommen war. Eine dunkle Empfindung sagte ihm, daß zwischen diesem Vater und dem seinigen ein unendlicher Unterschied sei und daß sich es in diesem Hause viel besser Sohn sein lasse als in seinem väterlichen, obgleich hier der Vater keine Parucken und die Mutter keine Tressenhauben trug. Die sämtlichen Leiden seiner ersten Jahre kamen auf einmal mit so vereinten Kräften in seine Gedanken zurück, daß er in der ersten Übereilung beinahe beschlossen hätte, sich auf immer einen Platz in diesem glücklichen Hause auszubitten, wenn sich sein erhabnes militärisches Projekt nicht widersetzt hätte. Es ging der lieben Seele wie uns allen, die wir aus einer so feuerfangenden Materie zubereitet sind, daß nur ein kleines Fünkchen darauf fliegen darf, um unsre Empfindung in helle Flammen zu bringen. Er saß unter dieser Klasse von Menschen gegenwärtig nur auf einer der mittelsten Stufen; doch widerfuhr ihm bei dieser Gelegenheit völlig das, was uns allen begegnet, wenn wir eine Beschreibung aus dem goldnen Weltalter, das Gemälde einer vollkommnen Republik, die Schilderung einer glücklichen armen Familie lesen: Wir wünschen im Augenblicke ein Einwohner, ein Mitbürger, ein Mitglied davon zu sein und wechselten gern gleich unsre galonierten Kleider mit Tierhäuten oder würfen die seidnen Strümpfe weg und ließen unsre bloßen Füße von der Sonne sengen oder von Dornen verwunden. Aber wie lange hält so ein empfindsamer Entschluß aus? Nur ein einziger Gedanke, etwa ein Lob, das uns Sophus wegen unsers Verstandes oder Spirituella wegen unsers Witzes gab, die Vorstellung eines Abends, den wir unter Reichen und Vornehmen mit Vergnügen oder Ehre zubrachten, darf wie ein Korsar unsern Kopf durchkreuzen, und ehe man sich's versieht, ist der schöne Entschluß in den Grund gebohrt – ohne uns deswegen für verloren zu achten, entschließen wir uns, wieder in seidnen Strümpfen glücklich zu sein, so lange es – die Menschen zulassen.

Unterdessen haben wir doch die glückliche Stunde gewonnen, wo uns die Vorstellung eines so seligen Standes beschäftigte, und so dürfte man sagen, daß eine lebhafte Imagination und ein empfindliches Herz innerhalb vier Wänden, in allen Zeitaltern, Reichen, Familien, Zuständen glücklich und unglücklich ist, freilich auch!

Dies war auch Tobias' ganzer Gewinn bei dem Wunsche, ein Genosse dieses glücklichen Hauses zu sein: die vergnügte Vorstellung! Der einzige Gewinn bei allen unsern Glückseligkeiten! – Und so sehr riß ihn diese Vorstellung hin, daß aus seinen Augen ein ganzes Dutzend Tränen herunterrollten, als eben

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