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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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18.

Du guter Tobias! dein Schicksal ist das Schicksal der besten menschlichen Tugenden, die in der Hütte und im Kleide der Armut getan werden! Niemand kennt die großmütige Aufführung, die du bei deinem Abschiede von dem empfindungslosen Hauptmann beobachtest! Niemand kannte sogar deinen Namen, bis ein Schriftsteller, ebenso unbekannt wie du, in einem unbekannten Winkel deine Geschichte schrieb und sie der Welt zu lesen gab, die wenigstens deinen Namen auf dem Titelblatt erfuhr, wenn sie auch gleich nicht Neubegierde genug hatte, dein merkwürdiges Leben zu erfahren. Mir hast du alles zu danken, und mir sollst du es auch zu danken haben, daß jeder, der diesen Absatz liest, die Erhabenheit deines Betragens in ihrer völligen Größe empfindet und bewundert. Alexanders, Scipios, Caesars und andrer Großmut wurde ihnen ins Gesicht gepriesen und wird durch die Denkmäler der Kunst und der Geschichte verewigt; deine hingegen wird von einem verächtlichen deutschen Autor erzählt und, ehe er noch den Mund wieder geschlossen hat, schon vergessen.

Aber warum nur das? – War denn Tobias' Großmut von schlechterem Schrot und Korn? War sie von einem schlechteren Metalle? von geringerem Werte als die berühmten Beispiele der Großmut? – Nein, alles nicht! Das Gepräge fehlte – Kann wohl etwas Unbilligers sein, als daß ein Goldstück, des innern Gehaltes ungeachtet, darum nicht gelten soll, weil es noch kein Gepräge hat?

Ich bin von jeher allemal der erste gewesen, der aus den erzählten Handlungen der Menschen das wenige Gute, das darinnen enthalten war, herauszuklauben suchte, und bin es gewesen, ohne den vorsetzlichen Willen, es zu sein – denn ich bemerkte erst diese Neigung an mir, als ich schon längst unbewußt nach ihr gehandelt hatte –, ich bin noch itzt ebenso bereit, der Sachwalter aller zweideutigen Reden und Handlungen zu sein, als willig, die offenbar guten durch keine zu eindringende Zergliederung zu entkräften; ich halte es überhaupt für eine der ersten Pflichten eines Weltbürgers, die ganze Summe des moralischen Guten auf diesem Erdenrunde so hoch zu berechnen, als es nur immer, ohne ganz falsch zu rechnen, geschehen kann; aber wenn ich bedenke, daß auf diese Rechnungsliste Tugenden gesetzt worden sind, die aus keinen bessern Ingredienzen bestunden als die mehrern ausgelaßnen, dann – ja, dann überfällt mich ein heimtückischer Eifer, jene glücklichern zu erniedrigen und diese verschmähten zu erhöhen, wenn nur Wünschen und Geschehn eins wäre.

An keinen hat in diesem Falle die Geschichte eine so stiefmütterliche Gleichgültigkeit erwiesen als an den Privattugenden, und unter diesen an keiner mehr als an der großmütigen Ertragung der Beleidigungen; diese hat sie kaum eines Seitenblickes gewürdigt. Abgerechnet, daß bei den zwei vorzüglichsten polizierten Völkern, unter denen sie uns Charaktere aufstellt, der Grundsatz, seine Ehre an jedem Beleidiger zu rächen, herrschend war und also überhaupt ein gelaßner Charakter, der ruhig das Unrecht erduldet, ein seltner Charakter sein mußte, ist noch ein andrer Grund, der das Stillschweigen der Geschichte hierüber rechtfertigt, wenigstens entschuldigt. Dieser Charakter entsteht gerade aus zwo Dispositionen des Geistes, die beide ihren Besitzer zur Entfernung von der öffentlichen Geschäftigkeit gleich geneigt machen, welche doch immer das vornehmste Kennzeichen der Merkwürdigkeit für die Geschichte gewesen ist; wer ihn besitzt, dessen Gemüt muß zu der Stille gelangt sein, die entweder aus der Überlegenheit der Vernunft über die Affekten oder aus der Untätigkeit erwächst; er muß entweder unumschränkter Herr über seine Leidenschaften sein oder gar keine haben, wenigstens schwache und in geringer Anzahl; er muß entweder ein stoischer Weise – nämlich im Sinne des Antonins! – oder ein stoischer Dummkopf sein. Menschen, die eine von diesen beiden entgegengesetzten Gemütsbeschaffenheiten hatten, wurden eben durch sie vor allen den Antrieben verschanzt, wodurch gewöhnlich die Menschen zu der öffentlichen Geschäftigkeit hingerissen werden. Jener kannte den Wert des öffentlichen Beifalls und der Ehre zu gut und dieser zu wenig, um von einer Begierde darnach fortgezogen zu werden; jenen setzte Genügsamkeit und Wirksamkeit des Geistes über die Reize des Eigennutzes und der Gewinnsucht hinweg, und dieser wurde durch die Trägheit der Seele und Anhänglichkeit an dem Gewohnten zu sehr daniedergedrückt, um jene Reize zu empfinden, die allein auf Gemüter einen Eindruck machen, welche zwischen jenen beiden äußersten Enden, mit einer unendlichen Menge von Stufenunterschieden, mitten inne liegen.

Ist es Unbekanntschaft mit der Geschichte, oder verhält sich es wirklich so? – Genug, ich besinne mich auf nicht mehr als ein paar unzweifelhafte Beispiele von der Tugend, über welche wir sprechen, aus der griechischen und römischen Geschichte – wohl gemerkt! Beispiele, wo diese Tugend um ihrer selbst willen und nicht wegen einer erzwungen genommnen Rücksicht auf die gegenwärtigen oder künftigen Umstände ausgeübt worden wäre, wo sie aus einer innerlichen Vortrefflichkeit hergeflossen und nicht durch die äußerlichen Konjunkturen ausgepreßt worden wäre.

Die stoische Philosophie verhalf ziemlich zu dieser Tugend; die meisten ihrer Anhänger waren freilich nur elende Grimassierer, die sie im Gesichte und nicht im Herzen hatten; selbst den Epiktet spreche ich von einer feinen Grimassiererei nicht gänzlich los, doch den Antonin ganz. Nur er konnte unbeleidigt sich von Avidius ein philosophisches altes MütterchenPhilosopham aniculam. M. S. überhaupt hiervon den Brief seines Regierungsgefährten und seine Antwort darauf, am Ende seiner Werke unter den lateinischen Briefen. nennen lassen und edelmütig dazu sagen: »Mögen meine Kinder alle umkommen, wenn Avidius mehr als sie geliebt zu werden verdient und es für die Republik zuträglicher ist, daß Cassius lebt als die Kinder des Marcus.« Nur er konnte, als die Treulosigkeit jenes Generals erwiesen zu sein schien, auf die Zunötigungen seiner Gemahlin antworten: »Du ermahnst mich, die Mitschuldigen des Avidius zu bestrafen; ich hingegen werde seiner Kinder, seines Schwiegersohns und seiner Frau schonen und an den Senat schreiben, daß seine Proskription nicht zu strenge und seine Bestrafung nicht zu grausam wird. – Hätte man nach meiner Meinung den Krieg beurteilt, so wäre Avidius nicht einmal umgebracht worden.« Nur er konnte an den Senat schreiben und für seinen Feind um Milderung der Strafe bitten.

Wenn aber auch eine Philosophie geschickt war, Schonung gegen seine Feinde und Geduld bei erlittnem Unrechte einzuflößen, so, dächte man, sollte es die stoische gewesen sein, und doch hat ihr oberster Grundsatz, wie gesagt, es bei ihren wenigsten Schülern wahrhaftig getan. Aber was zu verwundern? »De tout temps«, sagt Leibniz irgendwo, »le commun des hommes a mis la vertu dans les formalités; la véritable vertu, c'est-à-dire les sentimens et la pratique, n'a jamais été le partage du grand nombre.« Wenn kein Wort weiter in der ganzen Theodicee wahr ist, so ist es dieses Urteil, und es ist daher kein Wunderwerk, daß der größere Teil der Stoiker wie andre sterbliche Bewohner unsers Planeten, die stärksten Helden einzig in Formalitäten waren und die größre oder geringre Geschicklichkeit in diesen den größern oder geringern Unterschied zwischen einem Stoiker und einem Idioten ausmachte.

Indessen einen – ich habe ihn schon genennet –, göttlicher Antonin! Könntest du sehn, wie mir meine Wange glüht, wenn ich dich nenne! – Diesen einzigen setze ich über alle übrige Formalitätenkrämer seiner Sekte, selbst über ihren Stifter, hinweg. Bloß um seinetwillen sollte man sich schämen, den gemißbrauchten Namen seiner Sekte zur Verächtlichkeit zu erniedrigen und fühllos und stoisch eins sein zu lassen.

Aber außer den Grenzen des Stoizismus lasse ich in dem kleinen Zirkel der Großmütigen niemanden den Vorrang als – man kann es leicht erraten! – meinem Tobias. Gehörte zum Verdienste der Großmut nur ein Wink mehr, als was er tat? Keine Unempfindlichkeit, kein Mangel an Einsicht war es, daß er die beißenden Grobheiten des Hauptmanns ertrug, dafür stehe ich; er verstund, er fühlte sie, er urteilte sogar, daß es Grobheiten waren: demungeachtet betrug er sich wie der ausgelernteste Stoiker.

Ja, so hatte er doch alles bloß der Natur zu verdanken! – Je, wem sonst hatten es denn die größten moralischen Helden im Grunde zu verdanken als der lieben Natur? Sie schnitzte die Bildsäule, verfertigte alles daran, was sie zu der Bildsäule und zu keiner andern machte; der Künstler half nur hie und da mit dem Meißel nach, machte eine Falte im Gesichte hervorstechender oder suchte einen Fehler so zu verarbeiten, daß man es ununtersucht für keinen Fehler hielt; freilich gewann durch dergleichen Hülfen die Statue oft vieles; aber zuweilen bestund auch die ganze Hülfe des Künstlers bloß darinnen, daß er sie anstrich, und angestrichne Statuen! wer weiß nicht, welchen Wert die haben?

Hatte bei meinem Tobias noch kein Meißel nachgeholfen, war das seine Schuld? Soll er deswegen den Ruhm entbehren, den andre mit vollen Händen empfangen, andre, die wohl eine Künstlerhand verschönert hat, aber ohne daß sie eigentlich mehr dabei taten als mein Tobias? – Seine Aufführung ist aller Bewunderung würdig, dabei bleibe ich.

Die Kunst ist nur, zu wissen, was für ein geheimes Uhrwerk diese Aufführung bewirkte.

Man wird sich zu entsinnen wissen, daß schon einmal in der gefährlichsten Situation die Einbildungskraft meinen Helden ein Muster des philosophischen Betragens werden ließ; diese war auch in dem gegenwärtigen Falle das einzige Triebrad, weiter nichts!

Schon lange, ehe er noch in das Zimmer des Hauptmanns trat, arbeitete er, weil die übrigen Umstände so ziemlich in Richtigkeit waren, an einem Risse zu seinem künftigen Schnurrbarte und arbeitete noch daran, als der Herr Hauptmann seine Geduld auf die schwerste Probe stellte. Unter den witzigen Blümchen, womit ihn jener überschüttete, war eins vom Schnurrbarte; sogleich stund der gesuchte Riß in seinem Kopfe da, so ordentlich, als wenn er präformiert dort gelegen hätte. Die Freude über diesen Fund war nicht geringe und diente statt einer Menge Feuchtigkeiten, die das Gift der Beleidigungen einhüllten und unkräftig machten. Er eilte freudig fort, um an seinen Riß die letzte Hand zu legen.

Ja freilich, sobald man die Maschine entdeckt hat, wodurch menschliche Tugenden regiert werden, so geht es wie bei der Illusion des Theaters: sobald wir die Stricke und das Brett zu genau sehen, auf welchem der Gott herabgelassen wird, der so pompöse Götterbefehle um sich herumdonnert, so schwindet die Illusion, und unsre Bewundrung verwandelt sich in eine Verwundrung, daß wir den verkappten Weltrichter bewundern konnten.

Das ist eben die zu genaue Zergliederung, vor welcher ich so oft schon gewarnt habe und die nicht eher zu verstatten ist, als wenn sie den Stolz der Sterblichen demütigen soll.

Was, Beate, würde aus deinen Tugenden werden, wenn ich sie so zerlegen wollte? Was aus deiner neulichen Sanftmut gegen die harten Beleidigungen eines Vetters, den du hassest und dessen kleinste Versehen du sonst strenge ahndetest? Kein Schnurrbart war die Triebfeder, aber im Grunde nichts Bessers; die Freude über eine kurz vorher eingelaufne Schuldpost, die jedermann für verloren hielt. – Und so ins Unendliche fort, wenn jemand Lust am Zergliedern hat.

Verführen alle Lebensbeschreiber so aufrichtig mit ihren Helden oder könnten sie so aufrichtig mit ihnen verfahren wie ich mit dem meinigen, wie würden die Trophäen, die sie für unsre Bewundrung aufrichten, zerfallen, wie aufgetürmter Zunder zerfallen! Aus Erkenntlichkeit für diese Aufrichtigkeit müssen aber auch meine Leser diese lange ernsthafte Stelle durchlesen, ohne ein einzig Mal zu nicken.

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