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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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16.

Vorausgesetzt unterdessen, daß man nicht weiß, ob ein solches Geschenk Nutzen haben würde oder nicht, könnte sich das schöne Geschlecht es um die Hälfte entbehrlicher machen, als es ihm itzo ist.

Ja, wenn ich nur nicht befürchten müßte, einen großen Teil meiner Leserinnen zu verlieren, so sagte ich gerade heraus – Aber nein, gesagt muß es sein, sollte ich auch ein Märtyrer meiner Offenherzigkeit werden müssen.

Ich möchte gern – erröten Sie nicht! – ich möchte gern einen feinen Cynicismus unter dem schönen Geschlechte einführen, oder, wenn dieses Wort zu gefährlich klingt, ich möchte gern die deutsche Etikette der Schamhaftigkeit in verschiednen Gegenden um vieles einschränken – wenn meine Wenigkeit zum Einführen und Einschränken Macht hätte.

Nu, nur Geduld! ich will mich ja näher erklären! – Ich begreife gar wohl, daß die Schamhaftigkeit, die wahre Schamhaftigkeit, die größte Schutzwehr und zugleich so gewiß die größte Zierde des andern Geschlechts ist, als dieses Geschlecht die Zierde des menschlichen Geschlechts ausmacht; ein schönes Frauenzimmer ohne Schamhaftigkeit ist eine Zitadelle ohne Geschütz, aber wohl gemerkt! ohne wahre Schamhaftigkeit, ohne Schamhaftigkeit, wirklich unzüchtige Sachen zu denken und zu tun.

Aber wie man es überhaupt unsrer Etikette und unsern Komplimenten in vielen Fällen noch anmerkt, daß unsre lieben Vorfahren einmal Tag und Nacht vom Kopf bis auf die Füße in steifen Panzern gingen, so sieht man es der Schamhaftigkeit der meisten an, daß unsre Vorfahren Zotenreißer waren und wir – zum Teil noch sind, oder wie es einer meiner Freunde in seiner moralisierenden Laune zu erklären pflegt, daß die Verderbnis unsrer Sitten so groß ist, daß viele Frauenzimmer, bei denen es sich aus mancherlei Ursachen nicht schickt, unzüchtig zu handeln, sich doch nicht enthalten können, unzüchtig zu denken, und dabei ehrbarkeitshalber Prüden werden.

Meine Meinung zu erläutern und zu beweisen, will ich eine Stelle hieher setzen, die dieser nämliche Freund bei seinem Aufenthalte in Peking aus einem kanonischen Buche der Chineser, dem Li-ki, ausgezeichnet hat und die allgemein für die Arbeit des Prinzen Tschehu-kong ausgegeben wird.Mit Erlaubnis meines Freundes! Entweder hat er mich hintergangen oder ist er hintergangen worden; entweder stund ursprünglich die Stelle im »Li-ki« oder ist sie neuerlich darein geschoben worden; entweder waren die Sitten der Chineser zu den Zeiten des Prinzen Tschehu-kong noch nicht in eine unveränderliche Form gezwungen, wie sie es itzo sind, oder war der Prinz ein verkappter Europäer: mit einem Worte, die Stelle ist europäisch und für Europäer geschrieben und gehört mit den Schwanengesängen in eine Klasse, die, wie ehrliche Leute uns berichten, sterbende chinesische Kaiser – mit chinesischer Schrift! – auf den Saum ihres Kleides geschrieben haben. Doch überlasse ich die ganze Untersuchung als rem integram den Leuten, die so manchen kritischen Misthaufen nach einem Körnchen Weisheit durchwühlt haben. Indessen mag sie auch, als eine apokryphische Stelle, ihre gewünschten Dienste tun!

»Die Blume der Schamhaftigkeit«, sagt der erhabne Verfasser, »ist eine sanftriechende Blume; sie welkt, sobald ihr, ihr Töchter der Schönheit, scharfe Essenzen und starkriechende Wasser darauf schüttet, um den sanften Geruch zu verstärken. Eine Schöne, die bei jedem unschuldigen Worte an eine Zweideutigkeit denkt und eine glühende Morgenröte auf ihren Wangen aufgehn läßt, ist eine Besatzung, die von Hunger beinahe aufgerieben ist und mit den letzten Broten auf die Belagerer wirft, um sie zu bereden, daß Überfluß in ihren Mauern herrscht. Ihr Töchter des Palastes, laßt diese Schminke nie eure Wangen entehren! Haltet euer Herz und eure Sitten rein! Zürnt nicht mit verstelltem Gesichte, wenn ein freier Scherz wie ein mutwilliger Schmetterling um eure Ohren flattert! Die Frühlingsblume bleibt unbewegt stehn, solange ein scherzendes Insekt nahe um sie herumgaukelt, und beugt sich nur dann erst unwillig nieder, wenn der Verwegne sich auf sie setzt.

Vergebt, ihr Väter der Weisheit, daß ich – – – – – Liousa, edelste der Schwestern! auch deiner will ich gedenken! Unverdächtig ist bei dir das Lob des Bruders: denn alle Tugendhafte loben dich. Dein Beispiel sei Lehre für andre! Deine Unschuld wohnt im Herzen und in den Sitten; sie ist eine reife Frucht, deren Blüte auf den Wangen längst abgefallen ist, die durch ihren reifen Geruch beweist, daß sie nicht mehr wachsen kann. Trotz dem Verwegnen, der sie unreif schilt, weil sie nicht mehr blüht!

Eine Regel laßt euch leiten, ihr Lieblinge der Schönheit! Die Unschuld eurer Wangen macht die Unschuld eures Herzens verdächtig. Ein Kind, das die Freuden der Wollust nicht kennt, hört sie, in die Hülle feiner Worte versteckt, ruhig, unerrötend an, lacht, und zürnt nicht; denn jedes Wort ist ihm eine dichte, zottichte Decke, durch die es die ungekannte Wollust nicht sieht. Seid also Kinder im Herzen und im Betragen, und alle werden euch dafür halten und keiner, sobald ihr es scheinen wollt, ohne es zu sein.

Seid munter, heiter und glaubt, daß dann der Himmel am schönsten scheint, wenn er am meisten lächelt, und am meisten reizt, wenn er sich hinter keiner Wolke verbirgt.« usw.

Und ihr, Töchter Deutschlands! möchte ich im chinesischen Tone einer moralischen Predigt fortfahren, glaubt ihr schöner zu sein, wenn ihr euer Antlitz hinter die Wolken einer affektierten Züchtigkeit verbergt?

Versucht es! Wenn ihr eine feine Obszenität – unterdessen will ich es dem Sprachgebrauche gemäß so nennen –, wenn ihr eine feine Obszenität nicht ertragen könnt, ohne euch dafür zu schämen – ach! so ist euer Herz in Gefahr! Eure Scham ist eine ahnungsvolle Scham über die Schwäche eurer Tugend. Sobald eure Keuschheit stark genug ist, eine reife Frucht ist, wie Prinz Tschehu-kong sich ausdrückt; wenn die Liebe bei euch menschliche Empfindung der Seele, nicht tierischer Kützel des Körpers und also keine Schande für euch ist; wenn eure Handlungen andre zu keinem gegründeten Argwohne wider eure Tugend geneigt gemacht haben; kurz, wenn ihr wahrhaftig keusch, wahrhaftig tugendhaft seid, so ist für euch keine feine Obszenität in der Welt, und in kurzem werdet ihr es dahinbringen, daß die groben aus allen gesittet sein wollenden Ständen völlig verbannt werden – wenn ja itzo deren noch vorhanden sind.

Den schönsten Stein in dem Ringe meiner künftigen Frau wollte ich darum geben, möchte es auch Pitts Diamant sein, wenn dieser Absatz einige Leserinnen nachzudenken veranlaßt hätte, ob nicht noch eine Menge elender Grimassiererei in unsern deutschen weiblichen Sitten von der – bis zu – herrscht. Die ganze Masse der weiblichen Moralität enthält wegen dieses unechten Zusatzes nicht einen Gran Tugend mehr, und gleichwohl wird an den meisten Orten bei vielen Gelegenheiten, die jedermann sich selbst denken kann, beinahe das ängstliche Zerimoniell der Sittsamkeit beobachtet, wodurch unsre lieben Urgroßmütter ihre schwache Keuschheit wider die Unverschämtheit ihrer geharnischten Liebhaber zu verschanzen suchten. Fast sollte das männliche Geschlecht zürnen, daß es von dem weiblichen so behandelt wird, als wenn es noch nicht aus der Barbarei wäre. – Aber, ich bin sicher, kein Mensch wird darüber zürnen, solange er nicht Autor ist.

Fräulein Kunigundens und Adelheidens Fall, der mich eigentlich in diesen moralisierenden Paroxysmus versetzt hat, war freilich etwas ernsthafter als eine Obszenität, und ich finde deswegen nicht das geringste in ihrer Aufführung zu tadeln.

Ja, zu tadeln sind sie allerdings! sagte mir – nicht etwa meine beißende Muhme – ach! die liegt seit meinem fünfzehnten Absatze an einem verzehrenden Husten, Gallenobstruktionen und noch vier andern Übeln, die einen griechischen Namen führen, hart danieder, und alle sechse zusammen werden sie vermutlich zu einer Märtyrerin der beißenden Satire und mich zum verwaisten Autor machen. Dies sei indessen ihre Parentation. ††††††††

»Ja, zu tadeln sind sie allerdings!« sagte mir die Frau ++++ ins Ohr. »Konnten sie nicht die leicht beifallende, klügere Partie nehmen und bei dem ersten Anblicke des Badenden mit gesetztem Schritte hinweggehen und ihn warten lassen, bis sie ihm Kleider hätten schicken können? Schade für die keuschen Grimassen! So sieht es nur aus, als wenn sie dageblieben wären, um ihn sechzehn Schritte hinter sich gehen zu lassen, und wären sie wohl dageblieben, wenn sie nicht – Neubegierde – – – sehen – –«

Da ein Frauenzimmer sich selbst am besten kennen und am besten über ihresgleichen urteilen muß, so würde es Torheit sein, ihr Urteil nicht mit der demütigsten Unterwürfigkeit unterschreiben zu wollen.

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