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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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13.

»– so sanftrührend, wie ...«, sagte Fräulein Kunigunde, als Tobias in den Teich stieg, ohne daß ihr Witz die Gefälligkeit hatte, ihr in der Geschwindigkeit mit einer Vergleichung auszuhelfen.

»Ja, so sanftrührend, wie ...«, so faßte Fräulein Adelheid den abgerißnen Faden der Rede auf und ließ ihn gleich wieder fallen, ohne ihn im geringsten weiter zu spinnen.

»– sanftrührend ist für ein empfindliches Herz der Anblick eines toten Geliebten, wie ...«, erwiderte Fr. Kunigunde.

»Ein toter Schmetterling!« rief ihre Einbildungskraft, und gleich fuhr aus Fräulein Kunigundens Munde heraus: »– wie ein toter Schmetterling.«

»O das arme Tier!« wimmerte Fräulein Adelheid.

Kunigunde (seufzend): »Oft mag er der Bote der geheimen Liebe gewesen sein und manchen Seufzer noch warm von den Lippen des entfernten Mädchens –«

»– ihrem Liebhaber überbracht haben!« fuhr Frau Adelheid winselnd fort.

Kunigunde: »Was für eine verwegne Hand muß ihm wohl sein junges Leben geraubt haben?«

Adelheid: »Doch wohl ein Junge aus dem Dorfe.«

Ein für allemal sei es hier gesagt, daß Fräulein Adelheidens Witz und Empfindsamkeit nicht um die Hälfte so einen hohen Schwung hatte als Fräulein Kunigundens ihrer, und wenn diese sich schon in dem untersten Wolkenraume verlor, so flatterte jene noch, wie eine halbflicke Taube, auf der Erde herum, um in den Flug zu kommen. Sie fühlte also bei der vorhabenden Gelegenheit sehr wohl das Niedrige, Prosaische, Gemeine in ihrer Antwort, wie es gegen die deklamatorische Frage ihrer Cousine abstach; aber sie konnte sich nicht anders helfen, sie hatte den rechten Schwung noch nicht.

»Doch wohl ein Junge aus dem Dorfe«, sagte sie.

Kunigunde: »Nein, ein Feind der Natur, ein Feind der Schöpfung! – Vielleicht seufzt itzt im stillen seine einsame Gattin! und flattert voller Ahndung um die Örter, wo sie einst ...«

Beide schwiegen; ein Tränchen schlich aus allen vier Augen hervor und blieb auf der Schwelle stehn, unentschlossen, ob es rückwärts oder vorwärts sich wenden sollte.

Kunigunde: »Vielleicht wartet ein treuer Freund mit zärtlicher Sehnsucht –«

Adelheid: »– wie ich auf dich des Abends im BetteBeide Fräulein schliefen zwar nicht in einem Bette, aber doch in einem Kabinette in dicht aneinander gerückten Betten.

Kunigunde: »Göttliche Freundschaft! Du bist der Knoten des menschlichen Lebens! Wie im Filet der Knoten, so knüpft sie die Herzen der Sterblichen zusammen, und, beste Adelheid, was würden wir ohne die Freundschaft sein? Sie macht, daß wir in zween Körpern nur eine Seele sind. Gegenseitige Hülfe –«

Adelheid: »O beste Kunigunde, was würde neulich, ohne dich, aus mir geworden sein, als die große Spinne mir hier in der Laube über den Schoß hinfuhr? – Ich zittre!«

Kunigunde: »Das fürchterliche Tier! Meine ganze Natur entsetzt sich, wenn ich mir es denke.«

Adelheid: »Deine Freundschaft hat mir damals das Leben gerettet. Wäre ich allein gewesen, ich wäre gestorben. – Laß dich dafür umarmen!«

Sie umarmten sich, und ein paar freundschaftliche Tränchen traten in Kunigundens Augen hervor.

Kunigunde (umarmt): »Du dankst mir für einen Dienst, den ich dir nicht geleistet habe. Du hast dir ihn selbst erwiesen; denn sind wir beide nicht eine Seele?«

Adelheid: »Ja, ein Herz und eine Seele.«

Kunigunde: »Danke mir nicht, Beste! so süß deine Umarmung für mich ist, so muß ich mich doch schämen, sie als einen Dank von dir anzunehmen. Noch vor zween Tagen hast du mir den kleinen Dienst reichlich durch einen weit wichtigern vergolten.«

Adelheid: »Und dieser war?«

Kunigunde: »Du bist sehr gütig. Du kannst Dienste besser merken, die du empfängst, als die du erzeigst. – Weißt du nicht, du Lose? – Vor zween Tagen, als die beiden Schmetterlinge hier –« wobei sie lächelnd auf ihren Busen wies, »herumflatterten.«

Adelheid (sich besinnend): »Ach ja!« – rief sie und deckte lächelnd beide Hände quer über die Augen. »Sie wählten den Tempel der Venus!« fuhr sie lachend fort.

Kunigunde: »Und du warst die Göttin selbst, die seine Mauern schützte, daß sie nicht entweiht wurden.«

Adelheid: »Ich glaube, ich habe einen umgebracht.«

Kunigunde: »Umgebracht? Das wäre doch grausam. – Vielleicht ist der arme Unschuldige –«

Adelheid: »Himmel! das wird der Arme sein, der dort liegt!«

Kunigunde: »Gewiß ist er's! – O was kann man tun, um unsre Grausamkeit wiedergutzumachen?«

Adelheid: »Wir wollen ihn begraben.«

Kunigunde: »Viel eher wollte ich mich selbst begraben lassen, als ihn mit meinen Händen berühren! – Du Grausame! den armen Schmetterling umzubringen! ihn und seine Gattin zu trennen! Mitten in dem –«

Adelheid: »Es tut mir selber leid. – Was kann ich nur tun, um ihn meine Reue empfinden zu lassen?«

Kunigunde (seufzend): »Ach! so werden auch wir einst voneinander gerissen werden! – Fürchterlicher Gedanke! ohne dich zu sein!

Adelheid: »O ich zürne auf dich, daß du eine solche Szene – eine so schreckliche Szene –«

(Hier stockte der Fluß ihres Witzes gänzlich; sie hustete; sie seufzte; sie ächzte; aber der vielversprechende Gedanke blieb unvollendet und blieb es bis an ihren Tod. Endlich setzte Fräulein Kunigunde nach einem langen Erwarten das Gespräch fort) :

»Zürne nicht! Die Vorstellung ist zu empfindsam süß bei aller ihrer Schrecklichkeit –« Sie fiel Adelheiden um den Hals und rief schluchzend: »Mich von dir zu trennen! – Ach du Beste! du Englische! – Tagelang soll meine Klage um dich ertönen! Alles, was ich sage, soll ein Klagelied auf deine Entfernung sein!«

Adelheid: »Meine Allerliebste! – – – Ich dächte, wir ehrten den unglücklichen Schmetterling durch ein Lied.«

Kunigunde: »Vortrefflicher Einfall! – Hier ist Papier! Hier Bleistift! Ich schreibe, und gemeinschaftlich machen wir das Lied. Doch ein Liedchen in unserm gewöhnlichen Silbenmaße?«

Adelheid: »Ja, so wie das neulich – die allerliebsten Rosenblätter usw.«

Kunigunde: »Ja, eben so. – Die Überschrift kann also wohl sein:

Klage
über den Tod eines Schmetterlings

Und da Fräulein Adelheid durch ein Kopfnicken ihren Beifall darüber bezeugt hatte, schrieb sie es hin.

Adelheid: »Du fängst an, meine beste Kunigunde.«

Kunigunde: »– – – – – – – – – – – O klagt, ihr Tulpen! klagt, ihr Rosen!«

Adelheid: »Schöner Anfang! – und weiter?«

Kunigunde »– – – – – den schönsten Schmetterling! – Hier fehlen noch zwo Silben.«

Adelheid: »Ich dächte – Um ihn, den schönsten Schmetterling!«

Kunigunde: »Vortrefflich! – nun ist es an dir.«

Adelheid: »Der Reim auf ›Rosen‹ ist – kosen, liebkosen, liebzukosen; und auf ›Schmetterling‹?«

Kunigunde: »Gewöhnlich ›Ding‹!«

Adelheid : »– – – – – – – – – – – – – Nicht länger wird er euch liebkosen; – – – – – – – – – Er ist – – – Nein! – – – – Tot ist das schalkheitsvolle Ding!«

»Hm!« sprach Fräulein Kunigunde mit einem bedenklichen Nasenrümpfen. »Hm! ich dächte, ein wenig matt!«

»Und ich dächte, im geringsten nicht matt!« antwortete die empfindliche Dichterin völlig mit dem nämlichen Nasenrümpfen.

Kunigunde: »Gewiß, äußerst matt!«

Adelheid: »Gewiß, äußerst unrecht getadelt!«

Kunigunde: »Wenn Sie mir erlauben, mich etwas darauf zu verstehn –«

Adelheid: »Wenn Sie mir erlauben, das Ding so gut zu wissen, als –«

Kunigunde (hitzig) : »Kurz, deine Verse sind höchst elend.«

Adelheid: »Gewiß, nicht mehr als deine.«

Kunigunde: »Die Verse sind schlecht, und wer sie verteidigt, kann nicht viel bes... –«

Adelheid: »Nicht viel...? – Himmel! welche Beleidigung! Ich zerspringe vor...«, und mit diesen Worten kehrte sie ihrer Freundin erzürnt den Rücken zu, und mit einem Strome Tränen kühlten ihre Augen die erhitzten Wangen ab.

»Ich Untier! was habe ich getan?« rief Fräulein Kunigunde nach einer kleinen Pause aus. – »Was habe ich getan? – Beste Adelheid! Dich, meine einzige Freundin, beleidigt! – Siehe, mit Tränen bitte ich dich um Verzeihung! Nur einen einzigen freundschaftlichen Blick gönne mir! Beste Adelheid!«

Und so wandte die beste Adelheid sich um und umarmte ihre reuige Freundin so brünstig und mit so trocknen Augen, als wenn ihre Quelle seit Jahrhunderten schon versiegt wäre; gerade als wenn sie nur böse geworden wäre, um sich wieder versöhnen zu können oder, sagt meine sinnreiche Muhme, um wider einige Spötter zu beweisen, daß ein Frauenzimmer ebensogern sich versöhnt als erzürnt.

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