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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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3.

Vielleicht könnten einige schwergläubige Leute, denen die Wahrheit niemals Wahrheit ist, wenn sie nicht in dem nämlichen Kleide erscheint, in welchem sie sie alle Tage sehen – vielleicht könnten solche, sage ich, bei der vorhergehenden Deduktion gravitätisch sich beim Kinne fassen und mit einer verachtenden vielbedeutenden Miene denken oder sagen: »Qu'est ce que celà prouve?Dies sagte bekanntermaßen der ehrwürdige Pater Malebranche bei Erblickung eines damals berühmten Gedichts. « – O vielerlei, meine Herren! wie zum Exempel, daß Sie und alle sogenannte vernünftige Kreaturen von dem selbstzufriedensten Weisen bis zu dem kleinsten Geiste in ihren Deduktionen, Dissertationen, Argumentationen a priori und a posteriori, Orationen, Annotationen, Konversationen, und wie dergleichen Manufakturen des menschlichen Verstandes und Witzes weiter heißen mögen, keinen andern Beweis jemals gebrauchen als den meinigen und, worüber Sie vielleicht den Kopf noch befremdeter schütteln werden, keinen andern jemals gebrauchen können. Freilich läßt Sie Klugheit oder Selbstbetrug – was es ist, will ich nicht entscheiden – ihn nicht mit einer so einfältigen Aufrichtigkeit, wie ich getan habe, in seiner völligen Blöße darstellen. – Sie rüsten das hölzerne Bild mit einem Harnisch, Degen, Spieß, Helm aus, und nun ehrt es jeder Unwissende als den streitbarsten Held; nur der vorwitzige Weise geht lächelnd vor ihm vorüber, und wenn man ihn deswegen für einen feigen Bewundrer desselben hält, so kehrt er gelassen zurück und wirft mit einem leichten Stoße die Rüstung um; und – wer hätte das geglaubt? – ein hölzernes Bild steht da, das wie eine Marionette von seinem Künstler an versteckten Fäden regiert wurde.

»Sehr dunkel!« brummt ein gerunzeltes Gesicht aus einer ernsthaften Perücke hervor – Kann sein! Also etwas deutlicher! Wenn Sie, vir amplissime, doctissime etc. etc. in einem Lehnstuhle hingestreckt, auf die aufgestützte Hand den schweren Kopf legen, auf der Stirn große Gebürge von Runzeln aufwerfen, den Mund, gleich einem Volkan, öffnen und alsdenn die Auswürfe Ihres Kopfs auf ein Papier hinwerfen – Wenn Sie mit allen diesen fürchterlichen Anstalten zum Beispiel beweisen wollen, daß der Mensch – der Himmel vergeb es Ihnen! – das verdorbenste Tier unter der Sonne ist – Wenn Sie nun das Blatt mit einer ungeheuren Last witzelnder Philosophie, Argumenten und mitunter auch mit Fragmenten Ihrer Galle wie mit einer Lava überströmt haben – was ist dann zum Vorschein gekommen? – Nichts weiter als: »Die Ideen, die der Zufall durch die Sinne in meinen Kopf warf oder durch die Wirkungen meines körperlichen Systems, des Blutes, der Lebensgeister oder durch die eignen unwillkürlichen Bewegungen, unwillkürlichen Leidenschaften und Empfindnisse der Seele hervorgebracht worden sind, wollen sich auf keine Weise so untereinander vereinigen und in Ordnung stellen, daß daraus der Satz entstünde: Der Mensch ist das vollkommenste Tier auf seinem Planeten, das bei mancherlei Gebrechen viele Vollkommenheiten besitzt« – oder noch kürzer zu reden, mir ist es unbegreiflich. Wozu nun ein so großer Lärm, ein so großer Aufruhr? – Der Berg brüllte, blähte sich auf und warf – Asche aus.

Wenn die Dame – doch exempla sunt odiosa; also lieber eine allgemeine Moral – oder lieber gar keine! – Meinetwegen! Doch einen kleinen medizinischen Rat an das denkende Publikum kann ich nicht vergessen.

Ich empfehle nämlich und preise allen und jeden an: ein kräftiges Mittel wider Schwindel, fliegende Hitze, Aufwallung des Geblüts, Gallenfieber, hypochondrische Zufälle und für alle andre die Konstitution des Körpers und der Seele angreifende Übel, wie viele und welcherlei Namen sie haben mögen. – Allen nun, die mit dergleichen benannten und unbenannten Krankheiten geplagt sind oder in Gefahr stehen, über lang oder kurz damit befallen zu werden, denen rate ich, sich in allen ihren Gedanken, Reden und Schriften nie eines andern als obgedachten Beweises, wovon der Herr Autor zu Ende des vorhergehenden Absatzes eine eigenhändige Probe gegeben, zu bedienen oder, wenn ihnen etwa die daselbst vorgeschriebne Form aus mancherlei Ursachen nicht beliebte, doch bei ihren Gedanken, Reden und Schriften, sooft etwas behauptet oder verneint wird, nie etwas anders zu denken, als was der Inhalt mehr bemeldeten Beweises besagt, auch niemals zu erwarten, daß ein andrer Mensch ihre Behauptungen und Verneinungen völlig so überzeugend wie sie selbst finden, noch mit ihnen völlig gleichförmig denken wird, wenn es auch gleich so scheinen oder er sich es selbst überreden sollte und daher den Dissentienten die Erlaubnis zu geben, mit ihnen zugleich recht zu haben, und diese ganze Diät so kalt und ohne die geringste Erhitzung zu beobachten, als wenn gar keine Gewißheit in der Welt möglich wäre. Beispiele von Leuten, an welchen dieses Mittel sich als probat erwiesen hat, würden einem jeden ohne Mühe sich darstellen, wenn er die Geschichte jeder Art, die Geschichte seiner Freunde und Bekannten durchzugehn gesonnen wäre, und der Verfasser dieser Nachricht beruft sich dabei auf das Exempel des Sokrates, Plato, Demokrits, Montaigne, Locke, Search und so vieler andrer auserwählten Lieblinge der Weisheit, die andre lehrten, was sie selbst gegenwärtig glaubten, und niemals, was andre glauben sollten.

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