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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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11.

Ohne das Beißende in dem frechen Abschiede seiner undankbaren Gesellschafterin zu empfinden; ohne sich die erstaunliche Unverschämtheit ihrer Betrügerei in ihrer ganzen Größe vorzustellen; ohne an den verhaßten Kontrast zu denken, der zwischen einem gutherzigen Wohltäter und einem unempfindlichen Unmenschen sich befindet, welcher seinen Guttäter in den trostlosesten Zustand versetzen und noch dazu dreist seiner spotten kann; ohne – tausenderlei andre Sachen zu denken und zu empfinden, die in einer müßigen Einbildungskraft, auf den Druck einer einzigen Feder, im Augenblicke alle zugleich aufgesprungen wären; mit einem Worte, nach einem flüchtigen Erstaunen über die Abwesenheit seiner Kleider, nach einer ebenso kurzen Verwundrung über die plötzliche Gegenwart der diebischen Zigeunerin stieg in seinem Kopfe bei ihrem Glückwunsche zum Flügelmanne und zur Montur ein verwirrter Haufen von Ideen auf, die alle Flügelmann und Montur auf ihn losschrien. Sobald dies Geschrei sich in ihm erhub – husch! fuhr er bis an den Hals in das Wasser, indem die Scham ihm noch den letzten Druck gab.

Aber gezürnt hat er nicht einen Augenblick! Mit den Ideen Flügelmann und Montur, aus welchen seine Einbildungskraft ein Mosaik von einer unendlichen Mannigfaltigkeit zusammensetzte, wanderte er den ganzen Teich hinunter, und nur mannichmal, wenn jene eine kleine Pause machte, wischte die Überlegung dazwischen hervor, und zwar mit dem unmaßgeblichen Rate, so lange im Teiche zu warten, bis jemand dahin kommen oder bis es Nacht sein würde, und alsdann herauszugehen und an das erste beste Bauerhaus anzuklopfen, das sich zeigte. Der Magen machte zwar eine demütige Gegenvorstellung, aber er wurde von der Einbildungskraft überstimmt.

O Einbildungskraft! du bist das göttlichste Geschenk der Natur! Zwar bist du so launisch wie ein Frauenzimmer; hängst oft, wenn dir's einfällt, hinter deine mikroskopischen Gläser düstre, melancholische Bilder oder gar ein schwarzes Tuch über die wahren Gegenstände weg; aber mag es doch! wenn dich diese tückische Laune in einem Menschenleben wöchentlich einmal überfällt – gewiß der höchste Anschlag! –, so verwette ich doch ein Königreich gegen eine Stecknadel, daß du uns stündlich, ja minutlich für diese kleine Bosheit durch nützliche Dienste so reichlich entschädigst, daß man wahrhaftig ein Türke sein müßte, wenn man noch über deine Unart mit dir zanken wollte. Du tröpfelst freilich oft auf den Pfeil einer Beleidigung, eines widrigen Zufalls ein Gift, das schärfer brennt als der giftige Pfeil des Amors; aber noch öftrer machst du uns soviel possierliche, kurzweilige Sprünge vor, daß man die Wunde schon vergißt, wenn sie kaum geschlagen ist, oder fängst wohl gar den Pfeil mit der Hand auf, daß er schadlos von uns abprallt. Du – ja, wenn ich in meinem Leben noch ein Buch schreibe, so ist es eine Lobschrift auf die Einbildungskraft.

Meinem Tobias erzeigte sie so ausnehmende Vorteile, daß er von ihr allein in den Stand gesetzt wurde, durch seine erhabne Gleichmütigkeit in solchen Umständen – constantia et gravitate würde ein Lateiner gesagt haben – sich über die moralischen Helden aller Zeiten und Länder zu erheben. Unter ihrem Schutze, wie unter dem Schirme einer Schutzgöttin, wandelte er itzt in dem seichtesten Teile des Teiches und folglich mit der Hälfte seines entblößten Leibes außer dem Wasser mutig fort, als plötzlich ein lautes Schreien vom Damme her ihn in ein solches Schrecken versetzte, daß er wie eine badende Nymphe, wenn sie ein schäkernder Satyr erschreckt, bis an den Kopf unter dem Wasser sich hurtig versteckte.

Mag er indessen ruhig versteckt bleiben, bis wir den Damm durchsucht und ausfündig gemacht haben, aus was für einem Munde dieses fürchterliche Geschrei entstund. Daß es eine weibliche Stimme war, das konnte er mitten in seinem Schrecken genau unterscheiden, und auch soviel konnte er in der Geschwindigkeit beurteilen, daß es der Ausdruck eines ebenso großen Schreckens sein mußte, als das seinige war.

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