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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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10.

Nichts macht die Kunst zu leben so außerordentlich schwer als die kleinen Widerwärtigkeiten, die jedes Menschenkind bei allen Schritten wie kleine schäkernde Hunde anfallen. Sie bellen nur, fassen den Rockzipfel oder drücken höchstens ihre unschädlichen Zähne, ohne zu verwunden, ins Bein. Indessen, wen sie zum ersten Male anbellen, der erschrickt doch, und jedermann hat, wenn es weiter nichts ist, wenigstens die Beschwerlichkeit davon, daß er ihr Bellen beständig anhören muß.

Ja, eine schwere Kunst wird dadurch das Leben! Aber meistenteils treibt sie derjenige am besten, der sie niemals gelernt hat, und der ausgelernteste Meister ist – ein Pfuscher.

Ein jeder lege hier die ausgebreitete Hand auf seine Brust, um zu fühlen, was sein Herz ihm auf die Frage antwortet: welche Partie er wohl in Tobias' Zustande ergriffen hätte? Ich für meinen Teil bekenne mit meiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit, daß ich so gewiß nicht weiß, was ich darinnen tun würde, so gewiß der chinesische Kaiser sterben wird, ohne ein Wort von meiner Unentschlossenheit zu erfahren. – Ja, ich weiß es nicht, ob ich schon, um es zu wissen, die staubichten Vorratskammern manches bärtigen Philosophen durchkrochen bin und Tobias in keine einzige nur einen Blick geworfen hat, und doch war er nicht einen Augenblick in Verlegenheit.

Aber die liebe Natur ist eine viel bessere Mutter als die Philosophie, die eigentlich nur eine Hofmeisterin ist, die zuweilen jener Stelle vertreten muß. Jene lehrt ihre Kinder nichts, als was ihnen nützlich ist, und lehrt sie es kurz und leicht, sobald die Umstände einen Gebrauch davon erfodern; von dieser lernen sie nichts – als einen zierlichen Knicks machen und sehr artige Komplimente herplaudern. Ein Kind, das die rechte Mutter vernachlässigt, aus Eigensinn oder unvermeidlichen Ursachen vernachlässigt – denn auch in mütterlichen Fehlern ist die Natur ganz Frauenzimmer –, ein solches Kind bleibt unter der Aufsicht der Gouvernantin, was es ist oder wird ein zweideutiges Etwas; und wenn die Mutter selbst alle nötige Sorgfalt auf ihr Kind wendet, so ist die Hofmeisterin unnütze, und wenn sie ja etwas dabei tun kann, so ist es nichts weiter, als daß sie die Lektion der Mutter mit dem Kinde noch einmal wiederholt.

Aber einen Nutzen hat doch die Philosophie für alle, den eigentümlichen Nutzen einer Gouvernantin: Sie lehrt ihre Eleven, über jede Sache ganz allerliebst plaudern. Auch unterscheiden sich ihre Lehrlinge bloß dadurch, daß sie bei den widrigen Fällen des menschlichen Lebens, ohne sie im geringsten besser als andre Leute zu ertragen, mit einem ungemeinen Flusse von Beredsamkeit sich und andern erzählen können, wie sie ertragen werden müssen.

Dem Weltweisen Sextus, dem Stoiker, zerbrach ein Sklave sein liebstes Gefäß. Dem Sklaven wurde der Rücken wund geprügelt, und der Herr sagte sich mit vieler Gravität: »Jede Sache hat zwo Handhaben: eine, an welcher sie getragen werden kann, und eine andre, an welcher sie nicht getragen werden kann. Macht deine Frau dich zum Hahnrei, so greife die Sache nicht da an, daß du zum Hahnrei geworden bist, sondern auf der andern Seite, daß sie deine Frau ist. – Dein Gefäß ist zerbrochen? – Nun gut, daß sie nicht alle zerbrochen sind! – Ja, ein Weiser wünscht und unternimmt alles mit Bedingung. Daher kann man sagen, daß ihm alles vonstatten geht und nichts wider seinen Wunsch begegnet; denn sobald etwas anders ausschlägt, als er anfangs wollte, so macht er die Sache, wie sie ausschlug, zu seinem Wunsche. – Mein Gefäß ist zerbrochen? Ich will, es soll zerbrochen sein.«

Würde Albinus, der Schlemmer, der in seinem Leben mehr Austern als Gedanken verdaut hat, etwas anders getan haben als der Philosoph? Er hätte gezürnt, den Sklaven prügeln lassen – aber ohne sich ein Wort hinterdrein zu sagen: Ja, hierinnen lag der Vorzug des Philosophen.

Wenn Plutarch mitten unter den empfindlichsten Hieben eines schreienden Sklaven spottend mit ihm über die Rechtmäßigkeit der Strafe und seine Kaltblütigkeit disputieren will, was muß man dann sein, um den unwissendsten Sterblichen nicht weit über den wilden Philosophen zu setzen?

Da Plato wegen eines Versehens seinem Sklaven die Kleider heruntergerissen und schon die Hand aufgehoben hatte, um ihn eigenhändig zu bestrafen, so sah er einen seiner Bekannten kommen. Hurtig hielt er inne und blieb mit aufgehobner Hand stehen. »Wozu das?« fragte der andre. – »Ich bestrafe mich für meinen Jachzorn.« – Das war eine von den zierlichen Grimassen, die ihn seine Gouvernantin gelehrt hatte.

Ohne jemals unter der Aufsicht dieser Lehrmeisterin gestanden zu haben, sagte neulich E++, als man ihm beim Herausgehen aus der Oper die Uhr, deren Verlust für ihn sehr wichtig war, gestohlen hatte: »Auch gut! so bin ich um eine Uhr leichter.« – Kein Philosoph als Diogenes hätte so reden und denken können.

Freilich waren alle jene Philosophen alte Philosophen, und die Methode ihrer Lehrerin, ihre ganze Person hat in den vielen hundert Jahren den Mutwillen der Mode erfahren müssen. – Sonst waren die Mütter selbst oder gesetzte, vierzigjährige deutsche Anverwandtinnen die Erzieherinnen der Töchter; itzt sind es flüchtige, fünfzehnjährige Französinnen – und ebenso ist auch die Philosophie ihrer ehmaligen Bestimmung entsetzt worden.

Itzt ist sie einem Minister gleich, der von den Geschäften entfernt worden ist und auf seinem Landgute zum Zeitvertreibe die Chymie studiert. Hat er gleich keinen Einfluß mehr in die Angelegenheiten, so lacht oder schmält er doch, nach Maßgebung seiner Laune, trefflich über jeden Fehler, der in der Regierung begangen wird; doch ohne daß es jemand hört oder hören will. – Welchen Geist hat doch das Schicksal bestimmt, sie aus ihrer Einsamkeit herauszureißen und wieder in Geschäftigkeit zu setzen?

Bei diesen Umständen muß die Natur, da sie ihre Gehülfin verloren hat, die ganze Sache allein bestreiten, und für wen sie nicht so mütterlich gesorgt hat wie für meinen Tobias, der wird sich, in einem schlammichten Teiche, ohne Kleidung, ohne Bekannte, ohne Menschen, in dem natürlichen Zustande, in welchem ihn die Wehmutter an das Licht der Welt zog, betrogen von einer Undankbaren, hungrig – in diesen höchst traurigen Umständen wird er sich nicht um den tausenden Teil so gut betragen als Tobias.

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