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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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9.

Während der Mahlzeit war schon der Vertrag gemacht worden, daß die Arme Tobias' Begleiterin die ganze Heide hindurch sein und zur Belohnung, sobald er seine Montur bekommen haben würde, seine zweite Kleidung erhalten sollte. Um diese Belohnung erlangen zu können, war nichts natürlicher, als daß sich ihre Gefälligkeit nicht nur bis an das Ende der Heide, sondern auch bis in die Residenzstadt erstrecken mußte, wo er seine Kriegsdienste sogleich den ersten Tag seiner Ankunft anzutreten gedachte, in welcher Meinung sie ihn unablässig zu bestärken suchte. Die Frau mußte offenbar einen Plan gemacht haben, wie sie noch vor der Ankunft in die Residenzstadt zu ihrer Belohnung zu gelangen hoffte, sonst hätte sie die vierschuhichte Figur des Tobias leicht belehren können, daß sie ihren Weg gewiß umsonst tun würde, wenn ihre Bezahlung von seinem militärischen Glücke abhängen sollte.

Nach einer halben Stunde Weges kamen die beiden Reisenden an einen Teich. Je näher die Mittagsstunden heranrückten, je mehr ließ es die Sonne empfinden, daß es der heißeste Tag im 17++ Jahre war. Der Himmel schien recht für Tobias' Erfrischung gesorgt zu haben, daß er ihn hier einen so bequemen Badeort finden ließ. Gleichwohl schlug ihm sein Gefühl von Schamhaftigkeit diese Erquickung rund ab. Was war zu tun? Er legte seiner Begleiterin seine sämtlichen Zweifel, alle pro und contra vor Augen, und ehe er noch mit der Hälfte seines Vortrages fertig war, erbot sie sich schon, unterdessen, daß er sich badete, auf dem nahgelegnen adeligen Hofe ein kleines Geschäfte zu besorgen, welches in nichts geringerm bestand, als daß sie sich eine Mittagsmahlzeit zu erbetteln gedachte; ihre Zurückkunft wollte sie ihm durch ein lautes Rufen zu erkennen geben, alsdann ihr erobertes Mittagsbrot mit ihm am Rande des Teiches teilen und endlich den versprochnen Weg in seiner Gesellschaft zurücklegen.

Sie ging, und Tobias sprang in den Teich, nachdem er vorher sorgfältig seine Kleidung Stück vor Stück auf dem Damme hingelegt hatte. In der Begeistrung über das Wohlsein, das das kühle Wasser allen seinen Nerven zu empfinden gab, schweifte er eine lange Strecke des sehr seichten Teiches hindurch, bis ihm endlich sein Magen sehr einleuchtend bewies, daß seine Reisegefährtin gewiß mit dem Mittagsbrote zurückgekommen sein müßte und daß er ohne Zweifel ihr verabredetes Zeichen wegen des Geräusches in dem Wasser nicht hätte vernehmen können. Er ging also zu dem Orte zurück, wo er sich ausgekleidet hatte, suchte, fand den Ort, doch ohne Kleidung. Seine Augen blieben drei Minuten lang mit dem völligen Ausdrucke des Erstaunens auf den Ort geheftet; aber die Kleidung blieb unsichtbar.

Verschiedene mögliche Ursachen dieses Phänomens fuhren sogleich durch seinen Kopf, und unter allen schien ihm keine möglicher, als daß die Kleider gestohlen wären. Diese Vermutung verwandelte sich bald in die demonstrativeste Gewißheit, als er seine Reisegefährtin in einer Entfernung von dreißig Schritten mit seinen sämtlichen Kleidungsstücken in den Busch hineingehen sahe und von ihr einen Abschiedsgruß in dem frechsten, spöttischsten Tone und mit der possierlichsten Gebärde, nebst einem ebenso beißenden Glückwunsche zum Flügelmanne, bei ihrem Eintritte in den Busch empfing – alles, was sie ihm für eine doppelte, vollständige Kleidung zurückließ.

Die Undankbare! – Bei dieser Gelegenheit muß ich meinen Lesern hinterbringen, was vielleicht sonst niemand außer mir weiß, daß in der ganzen rührenden Erzählung dieser Boshaften nicht ein Haarbreit Wahrheit ist; daß sie das Ganze in dem Augenblicke erdichtete, als sie die Tonart wahrgenommen hatte, in welcher Tobias' Herz sein Lied zu spielen pflegte; daß sie eine verschmitzte, höchst liederliche Dirne war, die ihren Eltern entlief, um ungehindert ausschweifen zu können, und endlich von Armut und böser Gesellschaft verleitet, zum Stehlen und Betteln ihre Zuflucht nahm, wovon sie aber das letztere nie anders als in zween Fällen gebrauchte: entweder um Gelegenheit zum Stehlen zu finden oder wenn der Diebstahl wenig einträglich war. Besonders hatte sie die jungen Mannspersonen zu ihrem Fache gemacht, und niemals war ihr ein einziger ihrer Angriffe mißlungen. – O die schwachen Streiter, die Mannspersonen! Wenn sie auch gleich so tapfer sind wie ein vierteljähriger Lieutenant, sind sie doch, sobald es wider einen weiblichen Feind geht – alle Stephan Wäderhatte.

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