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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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8.

Ja, sobald der Steg aufgerichtet ist, so geht es allen Menschen wie meinem Tobias, wo ihn die Bettlerin von ohngefähr so gut getroffen und so gut aufgerichtet hatte, daß die Muskeln seines Gesichts während der ganzen Mahlzeit von ihren Reden wie eine Marionette von der Schnure regieret wurden, bald lächelten, bald lachten, bald trauerten, bald sich ängstigten; genug, seine Gesellschafterin war ihm gegenwärtig so lieb geworden, daß er sie hätte umarmen können, ohne mit einem einzigen Gedanken sich an seinen alten Haß gegen das weibliche Geschlecht zu besinnen, und daß er ihr zuversichtlich seine ganze zweite Kleidung obendrein gegeben hätte, wenn es die Anständigkeit erlaubte, außer dem Paradiese nackend zu gehen.

Itzt standen sie von ihrem Mahle auf. Zufrieden, mit selbstgefälligem Stolze sah Tobias auf der Zigeunerin Arme seine Kleider, so stolz zufrieden, als Prudentia gestern einer armen Frau einen abgenutzten Lumpen zuwarf, weil – sie vor ihr auf die Knie gefallen war. – Aber nein! so einen Selbstbetrug, mechanische Bewegungen einer Leidenschaft für Wohltaten zu halten, kann sich Prudentia spielen, doch meinem Tobias läßt er unnatürlich. Seine Zufriedenheit war im Magen, und von da aus verbreitete sich über sein ganzes Nervensystem eine solche Behaglichkeit, daß man wirklich Tobias sein mußte, um seine Eigenliebe sich es nicht für eine Folge von dem Bewußtsein einer kaum getanen guten Handlung ausgeben zu lassen. Ein kleiner Arm von Zufriedenheit ergoß sich zwar auch aus der Seele, und seine erste Quelle war eigentlich durch die häufig wiederkommenden soldatischen Vorstellungen, die die Erzählungen seiner Gefährtin in ihm hervorbrachten, wie durch die Schläge eines Zauberstabes an einen Felsen, hervorgelockt worden; auch war es nur ein kleiner Bach, der von dem größern Strome aus dem Magen bald verschlungen wurde. – Er wußte nicht, daß er Gutes getan hatte, er glaubte es nicht, er machte sich nicht den geringsten Lobspruch darüber und hätte gern, ohne es zu wissen, in dem Augenblicke ebenso viele gute Handlungen getan, als Prudentia sich in ihrem ganzen Leben getan zu haben rühmt.

O ihr sonderbaren Erdensöhne und Erdentöchter! Warum müßt ihr euch ewig selbst hintergehen? – Wenn die Uhr richtig ihre Stunden zeigt, ist es ihr Verdienst? – Aber wozu eine so finstre Moral? was das für ein saures Catogesicht war!

Ja, selbstbetrogne Sterbliche, mögt ihr euch doch hintergehen! Mögt ihr doch Tugenden für euer Werk halten, die Werke der Notwendigkeit sind! Nie schmeckt ihr an der Melone, daß ihre wohlschmeckenden Teile ursprünglich in dem Miste verborgen lagen, aus welchem sie aufwuchs. Nur vergönnt andern Sterblichen, deren Tugend im stillen blüht, ohne mit ihrem Geruche die ganze Luft zu parfümieren, neben euch tugendhaft zu sein, und glaubt nicht, daß ihr die einzigen wohlriechenden Blumen seid, die die Natur in ihren Garten pflanzte.

Glücklicher Tobias! Dein Beispiel lehrt, nicht auf Tugenden stolz sein, die man nicht getan hat!

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