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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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5.

»Mein lieber, schöner, junger Herr!« rief die Zigeunerin, als Tobias zum ersten Male mit blutrotem Gesichte sie anblickte. »Mein lieber, schöner, junger Herr! ich habe mich verirrt. Haben Sie doch Mitleid mit einer armen, verirrten Frau, und weisen Sie ihr den rechten Weg, mein allerliebstes, junges Herrchen! – Oder lassen Sie mich mit sich gehen, bis auf das nächste Dorf, mein liebes Herrchen! wollen Sie? – Der liebe Himmel wird Ihnen auch wieder Gutes tun, mein Engelchen.«

Tobias rieb sich die Augen.

»Der liebe Himmel wird Ihnen eine recht hübsche Frau bescheren, wenn Sie einer armen Frau Gutes tun, mein schönes Herrchen! eine recht hübsche, fromme Frau! mein liebes Herrchen! eine recht reiche! – Geben Sie mir immer etwas mit auf den Weg, wenn Sie mich nicht zurechtweisen wollen. Sein Sie so gütig, mein goldnes Herrchen! – Sie sind so ein englisches Herrchen, den der liebe Himmel gewiß recht belohnen wird! so ein gar allerliebstes Herrchen!«

Tobias rieb sich die Augen.

»Ich bin eine arme Frau, die sechs arme, unerzogne Kinder zu Hause hat. Helfen Sie mir! seit ehegestern keinen Bissen Brot! Aus dem Munde habe ich mir ehegestern abends den letzten Bissen genommen und ihn dem Kleinsten gegeben.« – Sanft flossen etliche Tränen über die Wangen auf den arbeitenden Busen herab.

Tobias gähnte. – Der Unempfindliche! Was sollte die arme Frau tun? – Alle Quellen ihrer Beredsamkeit waren erschöpft; Eigenliebe, Stolz, Liebe, Eigennutz, Mitleid, alle diese Saiten hatte sie berührt; aber keine sprach an. Sie verwunderte sich bei sich darüber, ich im geringsten nicht. Tobias' Herz war ein Instrument, wo nach einer übermäßigen Anspannung alle Saiten ganz heruntergelassen sind und der Steg umgefallen ist. Man streiche mit dem Bogen, auf welche man will; der Bogen sei noch so stark mit Kolophonium bestrichen – umsonst! keine Saite gibt einen Ton oder höchstens ein undeutliches Geschwirre. Aber laßt nur erst den Steg wieder aufgerichtet sein, so wird gleich ein Ton zum Vorschein kommen, freilich ein schwacher, unbestimmter; darauf habt ihr noch vier Wirbel aufzuziehen, und nun könnt ihr streichen, wie ihr wollt, der Ton wird niemals außenbleiben. – Aber was ist denn im menschlichen Herzen der Steg? – Das wollen wir sehen!

Die Rednerin, die von dieser ganzen schönen Spekulation nichts wußte und also völliges Recht hatte, sich über die schlechte Wirkung ihrer Beredsamkeit zu verwundern, griff in das letzte Fach ihrer Redekunst und holte ein Argument heraus, das in allen bisherigen Anfangsgründen und Systemen der Rhetorik, vom Aristoteles bis auf Weisens »Politischen Redner«, vergessen worden ist, ob es gleich unter verschiedenen Formen kein ungewöhnliches Argument bei einem Teile des schönen Geschlechts ist.

»Sehn Sie nur!« sprach sie mit einem Tone, der gerade der halbe Ton zwischen Zärtlichkeit und Kummer war, und ergriff, indem sie es sagte, Tobias' Hand. »Sehn Sie nur, was für eine arme, elende Frau ich bin! Ich habe nicht einmal genug, mich zu bedecken! Vom Kopf bis auf die Füße bin ich beinahe nackend! Sehn Sie nur!«

Tobias sah nicht. Sie führte seine Hand, die sie beständig mit der größten Zärtlichkeit gehalten hatte, zu dem Busen, um ihm ihre Nacktheit desto fühlbarer zu machen. – Er zog sie weg. – Sie ergriff sie noch einmal und legte sie auf ihre wallende Brust. – Er riß sie los und wollte eben aufstehen, um seinen Marsch von neuem anzutreten. Hurtig umfaßte sie seine Knie und hielt ihn zurück.

»Bedenken Sie nur«, rief sie, »mein Mann, ein armer Soldat, ist –«

»Ein Soldat!« rief Tobias und fiel in senkrechter Linie auf seinen alten Platz zurück. »Ein Soldat!« rief er.

»Ja, ein armer Soldat, der in der letzten Schlacht bei K++ geblieben ist. Wir hatten die ganze Nacht und den ganzen Morgen marschiert, und niemand hatte einen Bissen Brot gesehn.«

Hier tat Tobias' Magen einen lauten Seufzer.

»Nicht einen Bissen! und mußten doch gleich vor den Feind! Das war ein Feuer: Das sollten Sie gesehn haben! So hoch wie ich war nichts als Leichen übereinander. – Und mein Mann, der –«

»der wurde totgeschossen?« fragte Tobias mit halber Hitze.

»Ja, er blieb gleich bei dem ersten Angriffe. Der General S++ sagte, als die Schlacht vorbei war: ›Nu, Brüderchen, das war ein warmer Tag! aber ihr habt euch gewehrt wie rechtschaffne Kerle.‹ Da waren wir Weiber, die wir unsre Männer verloren hatten, nicht weit davon. ›Aber was hilft's uns‹, schrie eine, ›daß sich unsre Männer so gut gewehrt haben, Herr General.‹ – ›Narren‹, sagte er, ›wo wir sind, da bleibt ihr auch!‹ – Ja, er ließ uns schön hernach alle vom Regimente jagen; und ich mußte mit meinem Häufchen Kinder betteln ...« Tränen unterbrachen sie.

Tobias wischte sich die Augen.

»Wenn das mein Mann hätte erleben sollen!« fuhr sie schluchzend fort. »Der gute Mann! ich habe ihn acht Jahre gehabt, und er hat mir kein einziges Wort – nicht mit einer Miene Leides getan. Er lag im vorigen Kriege bei meinen Eltern im Quartiere, und es war so ein hübscher, junger, artiger Mensch wie Sie, mein liebes Herrchen. Da habe ich ihn zuerst kennengelernt. Er gab sich viele Mühe um mich; aber ich hatte keine Lust zu einem Soldaten –«

»Warum denn keine Lust zu einem Soldaten?« unterbrach sie Tobias mit völliger Hitze.

»Ja sehn Sie, mein liebes Herrchen! Wie leicht wird einem der Mann totgeschossen! Hernach hat man nichts und muß wohl gar noch betteln.« – Sie weinte von neuem.

Aus Tobias' Augen quollen ein paar Tränen.

»Der Lieutenant bei der Kompanie war mir sehr gut, und einmal, da ich des Abends mit ihm ging, wollte er mir unrechte Dinge zumuten. Ich hätte mich nicht wehren können; aber Krummhart, so hieß mein Mann, war uns nachgegangen. ›Herr Lieutenant‹, kam er herzugesprungen; ›Herr Lieutenant‹, sagte er, ›das ist nichts für einen braven Offizier, daß er ehrliche Mädchen verführt, und wenn mich's mein Leben kosten sollte, so laß ich nicht zu, daß Sie dem armen Mädchen etwas zuleide tun. So ein junger Offizier muß andern versuchten Korporalen nicht das ihrige wegnehmen wollen.‹ Da ging der Herr Lieutenant fort und sagte nicht einen Mucks. Es war mir wohl nicht lieb, daß er den hübschen Herrn so anfuhr; aber ich wurde ihm gleich gut und mußte ihn liebhaben, daß er sich meiner so sehr annahm. Er hat mannichmal den letzten Bissen Brot mit mir geteilt. Auf dem Marsche hat er einmal drei Tage gehungert und mir und meinen Kindern das Brot gebracht.« – Ein neuer Strom von Tränen hemmte ihre Erzählung.

Tobias weinte laut.

»Ach die armen Kinder! müssen itzo so nackt gehen, wie ich –«

Tobias sprang auf, zog seine ganze obere Kleidung ab und gab sie ihr. »Hier!« sagte er wehmütig, »mehr kann ich nicht geben! Wenn ich meine Montur habe, dann sollt Ihr den andern Rock auch bekommen.«

Tausend Segen dankten ihm mit untermischten Tränen für seine Guttätigkeit. – »Aber Ihr müßt mit mir gehen«, setzte er hinzu, »und mir den Weg nach – zeigen.«

»Herzlich gern«, war die Antwort. – »Wieweit ist es noch hin?« – »Wohl drei Stunden.« – »Das ist weit, und mich hungert!« – Sein Magen bestätigte durch ein lautes Knurren die Wahrheit dessen, was er sagte. Sie bot ihm aus Erkenntlichkeit etwas von ihrem erbettelten Vorrate an. Er willigte in den Vorschlag und hielt, neben ihr sitzend, auf ihrem Schoße eine so erquickende Mahlzeit, als er niemals an der Seite der Frau Knaut getan hatte. Sie unterhielt ihn dabei mit vielen weitläuftigen und oft sehr romantischen Erzählungen von ihren und ihres Mannes Feldzügen, von den erlittnen Beschwerlichkeiten und dem ganzen Tragischen des Krieges, und oft schluckte Tobias mit seinem Bissen eine ihm entfallne Träne hinunter.

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