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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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2.

Von der Verbindung dieser zwei so liebenswürdigen Geschöpfe war Tobias Knaut die erste Frucht, ein in jeder Betrachtung merkwürdiger Mann, dessen Leben und Schicksale wir unsern Lesern zu erzählen unternommen haben. Nach dem Willen des Vaters sollte er eigentlich wegen der großen Ähnlichkeit mit ihm, besonders wegen der ungewöhnlich dicken Oberlippe, den väterlichen Namen Christian Knaut bekommen; allein die Mutter, die schon seit dem zweiten Hochzeittage ein Gelübde getan hatte, jedes ihrer Kinder, das seinem Vater ähnlich sein würde, zu ersäufen, gebot, ihn Tobias zu nennen, und alle Anwesende brummten ein demütiges Ja. Doch will man behaupten, daß bei dieser Gelegenheit der Vater die obere Lippe ein wenig in die Miene des Mißfallens verzogen und daß er sogar zu lachen geschienen habe, als nachher die Wöchnerin wegen eines heftigen Zankes mit ihrem neugebornen Tobias gefährlich krank wurde. Indessen muß ich diesem sanftmütigen Manne, der mir als Ahnherr meines Helden wichtig genug sein muß, zum Ruhme nachsagen, daß dieses die beiden stärksten Ausbrüche seiner Affekten in seinem Leben gewesen sind, und man kann daraus mutmaßen, wenn ohngefähr der dritte heftige Anfall des Affekts sich zugetragen haben wird.

 

Ich weiß nicht, ob ein Afrikaner oder ein Europäer, ein »Alter« oder ein »Neuer« die Anmerkung gemacht hat oder ob sie gar in meinem eignen Gehirne gebrütet worden ist, in welchem Falle man mir es nicht übel deuten wird, wenn ich den Beifall des Lesers als eine unausbleibliche Folge erwarte: Man hat also angemerkt, daß man, wo nicht alle, doch die meisten gegenwärtig unerklärbaren Erscheinungen, die sich an vielen Menschen zum Erstaunen des Gelehrten und Ungelehrten zeigen, sehr leicht würde erklären können, wenn jemand eine genaue und umständliche Geschichte ihrer Schicksale im Mutterleibe, von dem ersten Augenblick ihres Daseins bis nach ihrer Geburt, bekanntmachte. Freilich ist die Foderung eine Foderung des Unmöglichen, und wenn derjenige, der sie täte, gar ein Leuwenhökianer, Leibnizianer oder so etwas wäre, so könnte die Geschichte eines einzigen solchen possierlichen Dinges, das wir Seele nennen, vor seiner menschlichen Existenz, wenn sie alle Wanderungen eines Samentierchen seit seiner ersten Ausreise enthalten sollte, die Geschichte des chinesischen Reiches beschämen; allein diese Bemerkung enthält so viel Wahres, daß ich ihr meinen Beifall nicht versagen könnte, wenn ich auch gewiß wüßte, daß sie nicht in meinem Kopfe entstanden ist. Wie unvollständig und oft wie wenig pragmatisch muß daher ohne meine Schuld diese Geschichte werden! Und wieviel selbstzufriedner würde ich während meiner Erzählung zuweilen auf meine Herren Mitbrüder herabsehen können, wenn ich die mannigfaltigen Quetschungen und nachteiligen Lagen nach der Reihe herzusagen wüßte, welchen der ungeborne Knaut in seinem ersten Aufenthalte bei den gewaltsamen Erschütterungen und heftigen Bewegungen ausgesetzt war, in welche sein Wohnhaus oft durch den Zorn der Mutter geraten mußte; wenn ich die Mischung seiner Säfte zeigen könnte, wie sie stufenweise durch die öftere Ergießung der mütterlichen Galle befördert worden oder wie durch die unordentliche Aufwallung und beständige Hitze des mütterlichen Bluts an gewissen Orten die Lebensgeister ganz ausgetrocknet und andre hingegen häufig damit überschwemmt worden sind. Wirklich hatte er auch bei seinem Eintritte in die Welt schon viele Merkmale seiner erlittnen Widerwärtigkeiten an seinem Körper, denn er sahe mehr einer alten aus dem herkulanischen Schutt gegrabnen Statue, der durch die vieljährige Last der Kopf in die breitgedrückten Schultern hineingequetscht worden ist, als einem Geschöpfe ähnlich, das mit der Zeit die menschliche Figur annehmen soll. Diese abenteuerliche Bildung, deren Beschreibung wir bis zu einer andern Stelle aufheben wollen, wurde durch die väterlichen und mütterlichen Züchtigungen zu demjenigen Grade der Vollkommenheit gebracht, welche in den künftigen Zeiten seines Lebens ihm viele Bewunderungen und noch mehrere unglückliche Zufälle verursachen wird. Am meisten hatten seine Sprachwerkzeuge gelitten: Diese waren so ungelenk und so unbiegsam, daß er schon fünf Jahre lang die Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens ausgestanden hatte, als er zum erstenmal seinen Vater mit einem sehr unvernehmlichen Lallen rufen konnte, und der Name Mutter war ihm so schwer, daß er ihn in seinem ganzen Leben nicht ausgesprochen hat. Manche wollen zwar behaupten, daß dieses darum geschehen sei, weil ihm seine Mutter niemals Gelegenheit gegeben, sie bei einem so zärtlichen Namen zu nennen. Andre sagen sogar, er habe einen so starken Haß auf dieses Wort geworfen, daß er sich eine freiwillige harte Buße auferlegt, wenn er es unversehenerweise nur gedacht habe; und dieses wollen diese unbilligen Verleumder daher beweisen, daß es einer seiner Hauptgrundsätze gewesen sei, wer die Menschen eine probate Methode lehrte, ohne Mutter geboren zu werden, sei ein größrer und für das menschliche Geschlecht nützlichrer Mann, als wer sie zuerst den Samen in die Erde zu streuen und aus Körnern Brot zu bereiten gelehrt hat, größer als Solon, Lykurg und alle andre Wohltäter der Menschheit. Doch die schwärzeste Bosheit kann keine strafbarern Unwahrheiten jemals ausgesonnen haben! – So tolerant ich sonst bin, so bringt doch bei dieser Gelegenheit, wo die Ehre meines Helden bei dem schönen Geschlechte in so große Gefahr gerät, der Eifer für ihn mein Blut in eine so theologische Wallung, daß nicht viel fehlte – ich hätte mit aller polemischen Höflichkeit auf meine Gegner geschimpft.

Als ein Geschichtschreiber, der aus Quellen schreibt, könnte ich zwar dreist versichern, daß sich diese frevelhafte Meinung nirgends unter den umständlichsten und zuverlässigsten Nachrichten von seinen Grundsätzen findet, daß sie sogar etlichen widerspricht, von denen es ausgemacht ist, daß sie die seinigen gewesen sind; und, könnte ich hinzusetzen, wäre nur die geringste Spur vorhanden, daß er widersprechende Grundsätze gehabt, würde ich ihn wohl der Ehre gewürdigt haben, sein Leben zu erzählen? Da ich ihm nun diese Ehre erzeigt und ihn dadurch zugleich in meinen Schutz genommen habe, so muß es allen Lesern, die sich auf die historische Kunst verstehen, sole clarius in die Augen leuchten, daß die obgedachte Beschuldigung die schwärzeste Erdichtung ist, womit die Bosheit jemals die Geschichte verunstaltet hat. Noch mehr! Ich könnte aus geheimen und ungedruckten Tagebüchern seiner Seele unwiderleglich und unumstößlich dartun, daß seit seiner Entfernung aus dem väterlichen Hause, von der ersten Sekunde an, als er den Fuß aufhob, um herauszugehn, bis zu dem letzten Atemzuge niemals einen Augenblick der Gedanke: meine Mutter! sich unter seinen Ideen aufgehalten hat; und von einer nicht vorhandnen Idee kann nichts bejaht noch verneint werden, das ist bekannt; folglich – –

Doch weg mit den historischen Spitzfündigkeiten! Meinen kürzesten, deutlichsten, bündigsten Beweis will ich wie in allen Sachen also auch hier gebrauchen. In gehöriger Form steht er also:

  1. Mir ist es unbegreiflich.
  2. – – –
  3. – – –
  4. – – – und so ins unendliche fort.

Den will ich doch sehen, der wider diesen Beweis etwas einzuwenden weiß!

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