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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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2.

Non caret is, qui non desiderat: »Wer nichts verlangt, entbehrt nichts.« – Eine Sentenz, die eigentlich für den Magen gemacht ist und Cicero gewiß von seinem eignen abstrahiert hat; und wenn er mir nicht zuvorgekommen wäre, so hätte ich der erste sein können, der diese Beobachtung itzt an dem Magen meines Tobias machte.

Ohne gefrühstückt, ohne abends vorher gegessen zu haben, hatte er nach seiner Ausreise in beständigem kurzem Trabe einen Weg von sechs Stunden zurückgelegt. Der Tag war der heißeste im ganzen 1++8 Jahre; seine doppelte Kleidung schluckte die auffallenden Sonnenstrahlen so häufig in sich, daß sie so ziemlich die Dienste eines durchhitzten Brütofens hätte verrichten können; innerhalb seines Kopfes marschierte die ganze Leibgarde seines Landesvaters auf, schwenkte sich, schlug Wirbel auf der Trommel usw. –durch welchen innerlichen Lärm die Wärme seines Bluts nach dem geringsten Anschlage zehn Grade über die gemäßigte Hitze gestiegen sein mußte; daß also nach genauer Berechnung, die ich meinen Lesern als einen Anhang zum vierten Bande mitteilen will, wenn sie es ausdrücklich von mir verlangen; daß, sage ich, nach genauer Berechnung der Refraktionswinkel, die die Sonnenstrahlen bei ihrem vielfachen Durchgange durch seine Kleidung machten, nach genauer Berechnung – vieler andern Dinge, wozu ich gerade 23½ Bogen großes Postpapier verwendet habe, sich deutlicher als irgendeine astronomische und optische Wahrheit zeigt, daß die Hitze in der Atmosphäre um die Seele meines Tobias dem höchsten Grade gleich war, den fleißige Beobachter in der Venus an ihren Wettergläsern im Jahre 18432, nach der dort angenommnen Chronologie, bemerkt haben. Hiezu setze man noch, daß er in seiner Begeisterung unvermerkt in eine sandige Heide geraten war, wo

Die kühle Sommerluft auf dem versengten Boden
Nie eine Staud erfrischt.

Demungeachtet watete er getrost durch, fühlte nicht, daß ihm warm war, noch daß ihn hungerte. Ein so standhafter Magen, der unter solchen grausamen Beschwerlichkeiten den Hunger so mutig ausstehen kann, muß unmittelbar vom Himmel zum Dienste des Vaterlandes bestimmt sein; das ist ein patriotischer Magen, und Tobias könnte mit demselben allein sein ganzes Glück machen, dächte man.

Da die höchste Tugend doch ihre bestimmten Grenzen hat, so ließ der Patriotismus meines Tobias allmählich nach und verlor sich endlich so sehr, daß sich der Magen in dem jämmerlichsten Tone über die Liebe zum Vaterlande beschwerte. Die Füße traten auf seine Seite, und Tobias sank ermattet mitten in den Sand hin und empfand zum ersten Male in seinem Leben das rühmliche Glück, fürs Vaterland zu hungern, und zwar in seiner völligen Stärke empfand er es.

Glücklicherweise hat die Natur für solche leidende Patrioten den Schlaf erfunden, der sogleich bei der Hand war, um ihm mit seiner Hülfe beizustehn. Tobias schlief so fest und so sanft in dem Sande als keine Braut auf einem seidenen Unterbette.

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