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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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1.

Wie ein Reisender, der auf seinem Wege schon Höhen erstiegen, Sandfelder durchwandert, Flüsse durchschwommen hat und, von so vielen Beschwerlichkeiten abgemattet, noch durch einen großen Morast sich hindurch arbeiten mußte, mit froher Kraftlosigkeit an dem Ende des durchwateten Sumpfes sich niederwirft und ruhend den ganzen zurückgelegten Weg, nicht ohne Verwunderung und Freude, bei sich überdenkt: so – – –

Dies schrieb Livius, als er die große Romanze vom achtzehnjährigen Punischen Kriege abgesungen hatte und eben die Lippen auseinander ziehen wollte, um eine neue von dem Könige Philipp und der Stadt Rom anzufangen. Aber gleich besann er sich und setzte mit halbgeöffneten Lippen hinzu:

– wenn er dann die ungeheure Strecke sich vorstellt, die er noch durchreisen muß, um an den Ort seiner Bestimmung zu gelangen, und ihm einfällt, daß er weder Schuhe an den Füßen noch Kleider auf dem Leibe, weder Geld in der Tasche noch Kräfte in den Gliedern hat, daß seine Füße wund sind und seine Knie wanken; wie dann, vor der Fürchterlichkeit dieser Vorstellung schauernd, seine Seele zurückflieht und weder Gedanke noch Empfindung in ordentlichem Schritte fortgehen: so geht's mir, armen Livius – – –

Gerade umgekehrt muß man sich dies Gleichnis denken, wenn es auf mich, den Lebensbeschreiber Tobias Knauts, passen und etwas mehr als eine Anfangsleiste zu diesem Bande sein soll. Ich freue mich, daß ich meinen Helden aus dem Käfige des väterlichen Hauses erlöset und ins freie Feld gebracht habe, und erstaune nicht wenig, daß ich nebst ihm einen ganzen Band hindurch auf einem so engen Theater habe aushalten können. Müde Beine haben wir freilich wohl nicht wie Livius und sein Wandrer; aber es ist doch auch höchst unbequem, wenn man sich keine Handbreit rühren kann, ohne anzustoßen.

Doch itzt – wie herrlich! was für reichlicher Platz! Die ganze Welt ist unser Theater, und alle vergangne, gegenwärtige und künftige Geschlechter der Menschen in nördlicher und südlicher Breite des Erdbodens, Kaiser, Könige, Fürsten, Nobiles, Gelehrte, Schuhflicker, Küchenjungen, alle, alle sind unsre Mitspieler. – Das wird eine Komödie werden!

Wie viele wichtige Handlungen mögen meine Leser wohl seit dem vierundzwanzigsten Junius getan haben, wo sie meinen Tobias morgens mit dem Schlage drei auswandern sahen! wie viele Tricks im Whist gewonnen, wie viele Fische im Lomber verloren, wie viele Ellen Netz geknüpft, wie viele Predigten gehört, wie viele wohltätige Handlungen zu tun vergessen haben! Währenddessen Tobias nichts weiter getan hat, als daß er seinen geraden Weg mit gleichen Schritten fortgewandelt ist, und zwar in der festen Entschließung, seine ganze kleine Person dem Vaterlande zum Soldatendienst anzubieten und, so oft und so bald es der Nutzen des Staats erfordern würde, alle Tropfen seines knautischen Bluts für denselben aufzuopfern. Wenn auch gleich dieser heroische Plan nicht völlig so ausgedrückt in seinem Gehirne dalag, so würde er ihn doch gewiß so gedacht haben, wenn die Mode, fürs Vaterland zu sterben, nicht noch allzu neu gewesen wäre, um an seinem Geburtsorte schon bekannt zu sein, wo sogar die Auswüchse einer Konsideration fremde Sachen waren, wie wir im ersten Bande gesehen haben. Überhaupt hat jene Mode seit dem Untergange der römischen Republik bei uns noch keine Nachahmer gefunden, es müßte denn ein paarmal einem hypochondrischen Kopfe, der mit republikanischen Grillen angefüllt war, oder einem Abbt in seiner liebenswürdigen Schwärmerei eingefallen sein, sie einführen zu wollen; indessen hätte doch der erste, der sie durch sein Beispiel in Gang zu bringen suchte, noch immer das völlige Verdienst der Neuheit für sich. In Tobias' Vaterlande war sie nun vollends so neu, daß man darinnen seit der ersten Existenz desselben, nichts davon gehört hatte, so neu, daß der Kommendant der Hauptstadt dem Herrn Rektor der dasigen Stadt- und Landschule geradezu ins Gesicht lachte, als er ihm bei seiner Vermählung auf einem gedruckten Bogen bewies, daß er so ein großer Held als Miltiades, Themistokles, Aristides, Pausanias, Cimon usf. wäre und die Ehre verdiente, wie sie fürs Vaterland zu sterben. An einem solchen Tage einem fünfundzwanzigjährigen Bräutigame, der erst anfangen wollte, sein Dasein recht zu fühlen, dies zu wünschen, war freilich ein ziemlicher Pedantenstreich, und darauf ist ohne Zweifel ein großer Teil des Lachens zu rechnen, in welches dieser bärtige Krieger seine Heldenmiene verzerren mußte. Doch mochte er selbst ein dunkles, unbestimmtes Gefühl haben, wie wenig er die eigentliche Bestimmung seines Standes erfüllte, und da er selbst keinen Beruf empfand, fürs Vaterland zu sterben, so war er zu Ersetzung dieses Schadens schon vor der Ehe unermüdet, dem Staate wenigstens eine Kompanie Menschen ans Leben zu bringen, die es an seiner Stelle tun konnten. Wer kann es nun meinem Tobias bei einer solchen Unwissenheit, in welcher sein ganzes Vaterland lag, verargen, daß er seinen Entschluß nicht mit allen den schönen Phrasen von Ehre und Vaterlandsliebe verbrämte, womit ein ungetreuer Romanschreiber die Wahrheit dieser Geschichte gewiß ausgeschmückt haben würde, sondern daß er schlechtweg – Soldat werden wollte und schlechtweg es darum werden wollte, weil er gern zur Wache aufziehn mochte. Eine nicht ungewöhnlich wirkende Ursache bei der Entschließung zum Soldatenstande!

Übrigens erhebt sich mein Held durch diesen Entschluß und die Geschwindigkeit in der Ausführung desselben weit über gemeine Seelen. Um ihn zu fassen und unter solchen Umständen auszuführen, mußte man wenigstens eine sehr feurige Einbildungskraft, eine mutige Tätigkeit der Seele und überhaupt alle niedern Seelenkräfte in einem ausnehmenden Grade besitzen – würde der Geisterlehrer, Aberscheidius, sagen, wenn man ihn um eine Erklärung darüber ersuchte.

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