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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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34.

Die ganze Nacht durch schlief Tobias nicht. Sobald es halb drei geschlagen hatte, stieg er auf, packte seine Effekten zusammen, die in weniger als nichts bestanden, und weil er für nötig befand, zwei Kleider mitzunehmen, und doch der Transport unbequem war, so sah er kein schicklicher Mittel, als sie beide anzuziehen. Also mit doppelter Kleidung, zwei Hemde auf dem Leibe, zwei in der Tasche, eine Pelzmütze auf dem Kopfe und den schönen Sonntagshut oben drauf, mit einem Stabe in der Hand, ohne Geld, so reich und so arm als ein Kyniker, ging er den 24. Junius des Morgens mit dem Schlage drei durch die Hintertür aus dem väterlichen Hause, ohne zu wissen, wohin. Seine zuverlässige Kenntnis der Geographie endigte sich mit dem letzten Zaune des Dorfs, und auf dem Wege nach der Residenz, wohin er, wie gesagt, mit seiner Mutter vor einem Jahre gegangen war, hatte sich, wegen der vielen vorkommenden neuen Gegenstände, seine Aufmerksamkeit zu sehr teilen müssen, als daß ihm noch etwas anders als ein Klumpen verworrner Begriffe davon im Kopfe liegen konnte. Er tat daher, was in dergleichen Fällen das schicklichste scheint – er ging den geraden Weg fort, und wenn der Weg sich teilte, in welchem Falle gewöhnliche Menschen in Verlegenheit geraten wären, so ging er allemal ohne eine Minute Anstand auf den, auf welchen ihn seine Füße trugen: Kreuzwege können bekanntermaßen bei solchen Reisenden in gerader Linie keinen Zweifel verursachen.

Aber will mir denn niemand meinen Held darum bewundern, daß er bei seiner Entweichung über eine Gewohnheit, die bei einer heimlichen Flucht in Romanen und in der wirklichen Welt jedermann vor ihm beobachtet hat, sich so großmütig hinwegsetzt und nicht einen Scherf mit sich hinwegnimmt? – Nie sind noch ein paar Verliebte davongegangen, ohne daß ihr Geschichtschreiber sie nicht einen kleinen Zehrpfennig, wenigstens für etliche tausend Juwelen, etliche hundert Dukaten, mitnehmen ließ. Nie ist ein Sohn seinem Vater entlaufen, ohne daß er nicht vor seiner Entfliehung einen Teil seiner künftigen Erbschaft gehoben hätte. Nur Tobias Knaut ist eine Ausnahme. Er nahm nichts mit sich, als was ihm von dem spitzfündigsten Rechtsverdreher nicht hätte abgesprochen werden können. Freilich war ihm zu dieser Gerechtigkeit ein einziger Umstand überaus günstig – er konnte nichts mitnehmen. Die Kostbarkeiten, womit die respective Herren Romanschreiber ihre Helden und Heldinnen auf die Reise versorgen, sind in dem Hause eines Schulmeisters ungemein selten; bares Geld wurde insonderheit in dem knautischen sehr gehaßt und daher nicht eine Nacht über gelitten. Was war nun noch übrig? – der grüne und schwarze Taffetrock der Fr. Schulmeisterin oder ihre silberne Tressenhaube – wer wird sich mit denen beladen? – Meine Schuld ist es allerdings, wenn ich nicht weiß, wie ich den armen Tobias auf seinen Reisen erhalten soll; warum habe ich nicht einen Graf, einen Edelmann, einen Bürgerlichen mit dreißigtausend Talern Einkünften oder drüber zu meinen Helden gewählt? – Aber alsdenn hätte ich kein solches Muster der Tugend aus ihm machen können! Gewiß hätte er alsdenn bei seiner Flucht gestohlen; aber so bleibt er tugendhaft.

»Eine große Kunst, tugendhaft zu sein, wenn man nicht lasterhaft sein kann!« sagte Ermindus, als ich ihm diese Stelle vorlas.

»So gut als gar keine!« antwortete ich.

»Und also ist ein solcher Tugendhafter nicht sonderlich lobenswert?«

»Für einen bessern Tugendhaften gar nicht! – Eben daher lobe ich die Tugend meines Tobias; eben daher loben andre die Tugend andrer.«

»Rätselhaft!«

»Weil die Tugenden der Menschen überhaupt nicht besser sind als Tobias Knauts seine, so können sie einander –«

»Abscheulich! – Also wäre alle Tugend negativ?«Da Ermindus ein Schulgelehrter ist, so werden Leser, die es nicht sind, ihm vergeben, daß er dieses Wort gebraucht, das in der schönen Welt ganz ausländisch ist, und sie werden hoffentlich auch mir vergeben, wenn ich ihnen hier zur Erklärung desselben sage, daß eine negative Tugend eine solche ist, die bloß in der Unterlassung oder Abwesenheit des Lasters besteht. Das ist das erstemal, daß ich durch eine Note ein Mißtrauen gegen die Einsichten meiner Leser verraten habe, und gewiß auch das letztemal!

»Und für Menschen nur lobenswürdig! Für höhere Geister sind es Wasserblasen.«

»Alle Tugend nur negativ! – unausstehlich!«

»Ja, für den Stolz des Menschen, der gern ein Engel scheinen möchte.«

»Der Edle, dessen Wohltätigkeit sich in tausend Strömen über das Elend ergießt; der Patriot, der, mit Aufopferung seines Lebens, den unglücklichen Staat vom Untergange rettet; der erhabne Geist der Wahrheit und Wissenschaft ...«

»Ohne Deklamation! – Mein Held, Tobias Knaut, war gewiß der tugendhafteste Knabe im ganzen Fürstentum, und warum? – weil er nie ein Laster begangen, weder mit Gedanken, Worten noch Handlungen!«

»Das ist unmöglich!«

»Und doch ist es wirklich! Gehen Sie die strengste Moral durch, wo der Tarif der menschlichen Tugenden und Laster nach Maß und Gewicht viele Bände hindurch richtig vorgestellt wird! – Suchen Sie! und finden Sie mir ein einziges Laster, das er getan hat oder tun konnte! – oder eine einzige Tugend, die er tat oder tun konnte! – Was ist er nun? Lasterhaft doch nicht! – Also tugendhaft?«

»Gewiß nicht!«

»Aber doch eins von beiden?«

»Ein Kind ist eine Frucht – die noch nicht reif zur Tugend ist! – oder wie es heißt. – Gut! also ein andres Beispiel! – Neander, Euphrosyne, Eustratius, Eugenius – alles Leute, die Sie kennen! wer kann sie eines Lasters zeihen? Alle verleben ihre Zeit: der erste im Pferdestalle; die zweite bei dem Zwirnknaule; der dritte beim Plato und Homer; der vierte beim Spieltische. Ihr Leben ist so rein von Lastern! Euphrosyne bezahlt richtig ihren Zwirn, Eugenius richtig seinen Verlust. Weder Neander hat den Pferdehändler noch Eustratius den Buchführer betrogen. – Was sind sie? Tugendhaft oder lasterhaft?«

»– – – – – –«

»Nehmen Sie die Erfahrung aller Ihrer Freunde und andrer Beobachter zu Hülfe, und das Resultat wird gewiß sein: Entweder ist die Abwesenheit des Lasters, Tugend – oder keine Tugend bis itzt in der Welt!«

»Aber der Bestimmung des Menschen kann dies unmöglich –«

»Ach, die Bestimmung des Menschen! – Wir reden von dem, was ist, und nicht, was sein sollte. – O über das letztre wüßte ich Ihnen gar hübsche Sachen zu sagen!«

»Aber um des Himmels willen, sind denn keine gute Handlungen jemals getan worden? und werden denn itzt keine mehr getan? gibt es keine Wohltätige? keine Dienstfertige? keine Freunde des Staats? keine Verehrer Gottes?«

»Mein lieber Ermindus! eine reichhaltige Frage! – Um sie zu beantworten, müßten wir erst bestimmen: Was ist eine gute Handlung? Was für Bewegungsgründe gehören dazu? Ist jeder Vorteil, den wir unserm Mitmenschen verschaffen, oder überhaupt jede anscheinende gute Handlung tugendhaft, sie entstehe, aus welchen Bewegungsgründen sie wolle? Wieviel gehören ihrer dazu, um den Namen des Tugendhaften zu verdienen? – und tausend andre Fragen, die wir heute unmöglich auseinandersetzen, vielweniger entscheidend beantworten können. – Was denken Sie?«

»Sollte es keine Tugendhafte geben, in welchem eine so glückliche Harmonie zwischen Vernunft, Neigungen und Leidenschaften herrschet, daß sie überlegte Handlungen nie anders als um ihrer Güte willen unternehmen und ihre unüberlegten durch die Gewohnheit im Guten wie durch einen mechanischen Trieb regieret werden? – Sagen Sie zur Ehre der Menschheit, daß es ihrer nur zwei, drei, gibt!«

»Und sagen Sie mir, in welcher Zone ein solcher ätherischer Sterblicher wohnt, und müßte ich zu Fuß, halb hungernd, in dem schrecklichsten Sturme die Hälfte meines Lebens verreisen – ich eile zu ihm, und sein Anblick soll mich glücklich machen.«

»So gibt es doch Tugendhafte, die dies, wiewohl in einem geringern Grade, sind?«

»So wahr es einen Phönix, so wahr es kristallne Feenschlösser gibt!«

»Also ist es unnütze, daß unsre Moralen diese Größe der Tugend zum Ziel der moralischen Laufbahn aufstecken, wenn kein Mensch Atem genug hat, um nur den dritten Teil der Laufbahn zurückzulegen, und niemand jemals bis ans Ziel kommen wird.«

»Niemand jemals bis ans Ziel kommen wird! – Dies möcht ich nicht sagen. Daß niemand gegenwärtig dahin gekommen ist, niemand gegenwärtig dahin kommen kann und daß itzige und viele künftige Menschenalter nicht dahin kommen werden, das behaupte ich dreist; aber es auf die ganze Dauer des menschlichen Geschlechts leugnen wollen, dies wäre ebenso verwegen, als wenn jemand vor dreitausend Jahren versichert hätte, daß die Menschen nie andre Waffen als Bogen und Spieß gebrauchen würden. – Immer mögen die Moralisten das Ziel der moralischen Laufbahn weit, weit hinausstrecken, so weit, daß keine sterbliche Lunge bis dahin ausdauert; aber sie mögen auch sorgfältig bewerken, wie weit der gekommen ist, der bis hieher am weitesten kam. Jenes lehrt uns, wozu unsre Natur überhaupt bestimmt ist; dieses, wozu sie unter den gegenwärtigen Umständen bestimmt ist. – Nur lasse man denen, die am wenigsten vom Ziel entfernt sind, das Recht, auch Tugendhafte zu heißen, und so werden alle Bewohner der Erde entweder Lasterhafte oder Tugendhafte wie Tobias Knaut sein.«

»Aber was ließe sich tun, um die Menschen dem Ziele näher zu bringen?«

»Darüber läßt sich nicht Bessers vorschlagen, als – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –, und in der fortgesetzten Lebensgeschichte Tobias Knauts werde ich noch vieles darüber sagen, wie auch – – – – – –«

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