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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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33.

Von diesem Gespräche hatte Tobias gerade nicht mehr und nicht weniger gehört, als nötig war, um denjenigen Teil seiner Seele in Bewegung zu setzen, der über eine besondere Art von Gedanken, die man Projekte nennt, das Direktorium führt. Er hatte wirklich bei dem erbaulichen Teile dieses Gesprächs geschlafen; allein da das Feuer des Zankes in seiner Mutter mit dem Feuer der Andacht abwechselte, so wurde er durch die dadurch verursachte Erhebung der Stimme aufgeweckt, und sein eben ausgesprochner Name weckte seine Aufmerksamkeit mit auf. Der Name Soldat hätte beinahe in seinem Kopfe unter seinen Ideen ein Komplott wider die Mutter gemacht; aber die Lebensgeister waren zu erschöpft, und der Schlaf drückte jede aufsteigende Idee nieder, ehe sie noch mit einer andern zusammenkommen konnte. Vorderhand blieb es also bei einer unbestimmten Empfindung von Wohlgefallen, das das Wort: Soldat!, den Widerstand des Schlafes ungeachtet, verstohlnerweise hervorzubringen gewußt hatte. Das Rad der Einbildungskraft war durch einen kleinen Stoß in Gang gebracht worden und lief die ganze Nacht hindurch im Kreise herum, immer schneller, immer schneller – und indem es herumlief, sprang, wie aus dem großen hölzernen Pferde vor Troja, ein Soldat nach dem andern heraus, bis endlich der ganze Kopf davon voll wurde. In diesem Zustande träumte er wachend den ganzen folgenden Tag, und gegen Abend in dem kritischen Augenblicke, als der Junker L. vorbeiging, ließ er gerade die ganze Wache mit klingendem Spiele aufziehen, völlig wie er sie vor einem Jahre bei seiner Anwesenheit mit seiner Mutter in der Residenzstadt des Fürsten gesehen hatte. Alles ging in der schönsten Ordnung, wie Drahtpuppen, alle nach einem Takte, und eben wollte er selbst einen Versuch machen, statt des dicken Koporals mit dem großen pechschwarzen Barte an die Fronte zu treten und gleich eine soldatische Kapriole zu schneiden – als der Stoß seiner Mutter ihn erinnerte, den Hut abzunehmen, als er ihn bestürzt mit der Linken abnahm, als die Mutter ihn ermahnte, die Rechte zu gebrauchen; und während dieser vielen als war die ganze Wache weg und auch nicht eine Flinte, nicht eine Stiefelette mehr da! Der gestrige Widerwille der Mutter gegen das Soldatenleben füllte das Leere aus, das durch die Verscheuchung des Wachaufzuges in seinem Kopfe entstand, und der Entschluß, heimlich zu entfliehen, kam ihm auf der Ferse nach; alles dieses, von dem ersten als an, geschah höchstens in zwei Sekunden, und gleich darauf sprang er auf, ging zu Bette, wie schon oben gesagt worden ist, so daß der ganze Vorgang bis hieher nicht mehr als eine ganze Minute erfoderte, gerade soviel, als Alexander brauchte, den Untergang von Tyrus zu beschließen.

Wichtige Minute! Reißt sie aus den übrigen Minuten seines Lebens heraus, und ihr reißt sein ganzes künftiges Glück zugleich heraus! – Wie wichtig ist jede Minute, wenn an jeder ein künftiges Glück – oder Unglück hängt!

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