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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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30.

Nichts ist für eine menschliche Seele so höchst empfindlich, als wenn sie auf irgendeinem Wege des Gehirns hinter einem Dinge drein läuft – es darf nur ein Stückchen Flittergold, eine Feder, ein Blatt oder so was sein, das immer weiter von der Luft fortgejagt wird, je hurtiger sie es verfolgt – und wenn nun, indem sie's zu haschen denkt, von außen herein, durch irgendeine von den bekannten fünf Öffnungen der Sinne, ein Gegenwind auf sie zudringt, der ihr Flittergold, ihr Blatt, oder was sie sonst haschen wollte, in einem Wirbel unter den Händen wegbläst. Betäubt, wie eine Bildsäule, steht die Seele dann da, betäubter als der Geizige vor dem leeren Kasten, aus dem das Geld gestohlen worden ist; aber gleich wütende Entschlüsse fassen beide, wenn die erste Betäubung vorüber ist. Er hängt sich, und sie – hinge gern alle Leute, die ihr ihren Zeitvertreib weggejagt haben.

Diese Wirkungen sind so allgemein und häufig, daß ich alle heftige Ausbrüche der Leidenschaften, alle Ungerechtigkeiten, Mißhandlungen, Zänkereien, überhaupt jede gewalttätige Handlung der Menschen gegen Menschen, dieser Ursache zuschreibe – der gemißhandelte störte die Seele des andern in einer solchen oben beschriebnen Lustbarkeit. Nichts Lesenswürdigers kann hierüber gedacht werden, als was ich im 121. Kap. meiner lateinischen Pneumatologie hierüber sagen werde.

»Tyrus«, wird es dort nach einer freien Übersetzung heißen, »hatte seinen Untergang und das Unglück so vieler seiner Einwohner bloß der Unvorsichtigkeit beizumessen, daß sie das Gedankenspiel des Kriegers störte, der kein Auge zutun konnte, ohne von allgemeinen Monarchien, Vergötterungen seiner eignen hohen Person und dergleichen Herrlichkeiten zu träumen. Eines Abends, als er in seinem Zelte auf einer von Rasen aufgeworfnen Erhöhung saß, worüber eine wollne zottichte Decke aus der Fabrik der Eumolpiden zu Heraclea gebreitet war, die Beine kreuzweise übereinander gelegt, den rechten Arm auf die Rasenerhöhung gestützt, auf welchem der Kopf ruhte, den andern Arm in die linke Seite gestemmt, so, daß die Lage des ganzen Körpers völlig diagonal war, ohne Panzer, ohne Helm, bloß in einem Kleide, wie es jeder andre sterbliche Grieche, wenn er ausruhte, zu tragen pflegte: als der große Monarch in dieser Lage kaum eine Minute dagesessen hatte, so erhub sich in seinem Gehirne, wie in der Ferne, gerade wie hinter einem mikroskopischen Glase, wenn der herumziehende Künstler etwa die Ruinen von Palmyra oder etwas Ähnliches langsam dahinter schiebt – ja, was erhub sich? – Tyrus, so gut, als es seine Einbildungskraft, bei dem damaligen Mangel der Kupferstiche, aus einer mündlichen Beschreibung malen konnte. Am erhabensten ragte über alle Gebäude der Tempel des Herkules hervor. An der Morgenseite, die sich seiner Begeisterung zur Ansicht vorstellte, wallte in kleinen gebrochnen Wellen das Meer, und auf demselben schwammen in einem langen, feierlichen Zuge lyrische Schiffe (triremes), in welchen Alexander seinen Einzug hielt. Auf dem ersten, dessen Größe und hochfliegende Wimpel dem Zuschauer ankündigten, wen es trug, saß er selbst, mit allen Emblemen eines vergötterten Siegers. Die übrigen führten seine Offiziere, etliche Truppe Soldaten und andre angesehne Personen, die aus der ganzen Gegend gekommen waren, seinen Einzug zu verherrlichen, und die Länge dieses Zugs war so außerordentlich, daß er sein Ende nicht mit abwarten konnte, sondern eilen mußte, um seine eigne Majestät ans Land steigen zu sehen. Welch Gedränge von zujauchzendem Volke! welcher Jubel! Ein Gott! ein Gott zieht in unsre Mauern ein! Mehr von der neugierigen, bewundernden Menge als von seinen Beinen getragen, kam er endlich zum Tempel des Herkules. Eine neue Szene: ›Willkommen, Bruder!‹, erschallt aus dem Innersten des Tempels hervor; ›willkommen, Gott!‹, ertönt der Mund der anbetenden Priester; ›willkommen, Gott!‹, brüllt das vor Ehrfurcht niedergefallne Volk; ›willkommen, Gott!‹, ruft Himmel, Erde, Meer zurück.

Mitten unter diesem himmlischen Schauspiele trat der Einfall hervor: ›Was für eine Miene soll ich bei diesem Aufzuge annehmen, die alle Erhabenheit und Majestät, die jemals aus menschlichen Gesichtern hervorgestrahlt hat, in sich vereinigt? die der im göttlichen Antlitz des Jupiters am nächsten kömmt, wenn er mit einem Winke des Hauptes Welten bewegt?‹ – Kaum sollte man glauben, daß diese Idee groß genug gewesen wäre, um durch ihren Vortritt jenes prächtige Spektakel ganz zu bedecken, und doch geschah's. Es war nichts als ein Stückchen leichter, brennender Dunst, und doch lief die Seele des Monarchen hinter ihm drein – und lief! und lief!, um ihn zu haschen! – Eben wollte sie zugreifen! – ›Ihre Majestät!‹, sagte Lysippus, der Gesandte, ins Zelt hereintretend, ›die Tyrier wollen den Einzug zum Tempel nicht verstatten!‹ – Pump! lag die Seele des Alexanders, die gerade im vollen Laufe war, im Moraste, und das verfolgte Irrlicht erlosch. Kaum hatte sie sich herausgearbeitet, als sie den fürchterlichsten Entschluß faßte – und in sieben Monaten war Tyrus ein Aschenhaufen und seine Bürger Leichen oder Sklaven.

Hätten die Tyrier dem Lysipp noch eine Abendmahlzeit gegeben, noch eine Nacht ihn beherbergt oder auf irgendeine Art ihn genötigt, nicht in diesem kritischen Augenblicke, sondern des Morgens darauf erst anzukommen – Tyrus stünde noch und würde itzt der Mittelpunkt von Katharinens Reiche.«

In den geschriebnen Anmerkungen, die ich bei einem Exemplare der persischen Übersetzung besitze, welche der durch Stand und Wissenschaft so erhabne Abu Ali Mohammed al Yali im Jahr 963 von dem berühmten Tarik alumam (d. h. von der Geschichte der Nationen und Könige) des grundgelehrten Abu Jaafar Mohammed Ebn Jorair Ebn Mowayyad al Tabari herausgegeben hat – in diesen Anmerkungen, die ich, beiläufig gesagt, höher schätze als jeder große Kritikus seine eignen kritischen Blumenlesen, wird ein hieher gehöriges Beispiel erzählt, welches es ganz ungezweifelt macht, daß der Verfasser dieser Anmerkungen aus einem Volke gewesen sein muß, wo man die fränkische Geschichte lernen konnte, und also wenigstens kein Araber gewesen ist, wie in der NoteDie Note lasse ich meinen Lesern zuliebe weg. umständlicher dargetan wird.

Der Fall ist folgender: »Pipin, der Vater Karls des Großen, ging an einem großen Versammlungstage des Hofes in einer Galerie spazieren und dachte sehr ernsthaft nach, wie er, ohne seinem Gewissen und seiner Ehre zu nahe zu kommen, auf das Schreiben Papst Stephans des Zweiten antworten sollte; besonders lag ihm der Titel des Papsts am Herzen, den er niemals so ausdrücken konnte, daß er Ehrerbietigkeit genug und nicht zuviel enthielte. Endlich holte er den päpstlichen Brief aus der Tasche, sahe ihn durch, und nichts fiel ihm so sehr in die Augen als das Major domus neben seinem Namen. – Major domus! – so ein Mann wie ich! – König wäre doch anständiger; im Mantel mit dem SchellensaumeDie Könige der Franken trugen einen langen Mantel, dessen unterster Saum mit Schellen besetzt war. ging ich daher; alles müßte mich ehren, auf mich warten und ich nie auf einen König; König! wie süß klingt der Name! – süßer, majestätischer als die Schellen am Königsmantel! – wie majestätisch würde mir ... Eben, da die Beratschlagung am besten angehn sollte, kamen Ihre Majestät Childerich der Dritte mit dem großen Schellengeläute an dem Saume ihres Mantels, um in den Versammlungssaal zu gehen; und – das verwünschte Geläute! wie eine Totenglocke klang es in den Ohren des Pipins; er erschrak; seine Ideen fuhren untereinander, und kurz darauf war Childerich – ein Mönch und Pipin – König.

Kurz, allemal wenn unsre Seele eine Idee verfolgt und wir werden, noch ehe wir sie ausführen können, darinnen gestört, so bekommt sie eine elastische usw.« – für diesmal genug zitiert!

Aber was für eine Freude, wenn man sich selbst zitieren kann! So weit hab ich's doch gebracht! Das schönste Blatt aus dem Lorbeerkranze meiner Unsterblichkeit gab ich nicht um diese Autorwonne.

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