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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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29.

Unter den vielen Unvollkommenheiten, womit Natur und Gewohnheit den jungen Knaut versorgt hatten, war eine, die vielleicht vielen unbedeutend und gering scheinen wird und der er doch das ganze Glück seines künftigen Lebens, die Verbesserung seines Verstandes und seines Herzens, alle seine großen Eigenschaften, seine großen Handlungen schuldig ist, kurz, ohne die sein ganzes künftige Leben nicht dasselbe gewesen sein würde, gar nicht existiert hätte, ich kein Geschichtschreiber geworden wäre und besonders die folgenden Bände meiner Erzählung nicht einmal als Embryonen aus dem Nichts hervorgezogen worden wären – kurz, ohne welche nicht eine einzige Begebenheit auf dem bekannten Erdboden erfolgt wäre, erfolgte und erfolgen würde, als es geschehen ist, geschieht und geschehen wird; und diese Unvollkommenheit war – er konnte den Hut nicht anders als mit der linken Hand abnehmen. An einem so dünnen Faden, an ein Haar, das man nicht anders als durchs feinste Mikroskop erkennt, sind die Begebenheiten der Welt gereihet! Wie eine Schnure Perlen hängen sie daWie – da. Diese sieben Worte sind wieder ein Beitrag meiner Muhme, die in ihrer moralischen und spekulativischen Laune vortreffliche Sachen sagt. ; man schneide den untersten Knoten weg oder das Haar in der Mitte, wo man will, entzwei; gleich wischen sie alle herunter; man setze eine einzige an einen andern Ort, und die ganze Schnur leidet eine Veränderung dabei.

Aber wie konnte durch diesen einzigen Umstand auf die Lebensschnure des jungen Knauts eine so wichtige Begebenheit gereihet werden? – um zur Ehre meiner Muhme in der Metapher fortzufahren – und was konnte der junge L. dabei tun? – Nicht wahr, so fragt jedermann?

Die Sache ist sehr leicht einzusehen! – Lange schon hatte ihm die Mutter, als Liebhaberin der feinen und anständigen Lebensart, harte Verweise darüber gegeben, ihm, sobald sich etwas sehen ließ, das ein Hutabnehmen verdiente, die rechte Hand auf die Hälfte des Weges nach dem Hute geführt; und wenn der Handgriff selbst gemacht werden sollte – gleich wie ein Blitz fuhr die Linke in die Höhe und nahm der Rechten den Hut weg, die alsdann langsam nach dem Mittelpunkte ihrer Schwere sich wieder zurückzog. Nichts half dawider; der Fehler des Jungen war prädestiniert, prädeterminiert, prästabiliert oder wie man's zu erklären gedenkt.

Eines Tages, gegen Abend, als der junge Herr v. L. von der ritterlichen Übung des Scheibenschießens zurückkam, saß Tobias vor der Tür des väterlichen Hauses; seine beiden Hände dienten dem Kopfe zu einem Paare Karyatiden, so wie die Knie die Traggesimse von diesen waren; tiefdenkend, ganz in sich gekehrt saß er da und hinter ihm die Mutter. Dreimal erinnerte sie ihn, sich zum Gruße gefaßt zu machen, besonders genau über beide Hände zu wachen; aber

Aus ihrem Gleichgewicht könnt Erd und Sonne wanken,
Planeten regellos sich auf Planeten türmen
Und krachend dann der aufgetürmte Haufe herniederstürzen,

übereinander her, vor der Schulwohnung hätte er niederstürzen können, und Tobias hätte nichts davon gemerkt. Viel weniger konnte er also die Erinnerungen der Mutter vernehmen, deren Stimme doch, gegen jenes Geräusch um ein merkliches schwächer war. Der Junker war daher schon mit der ganzen Vorderseite seines Leibes vorbei, und der Hut des Tobias saß noch immer auf dem Kopfe und Tobias noch immer in seiner denkenden Positur, als die Mutter hastig seine Rechte ergriff und sie nach dem Hute führte, um ihn wenigstens demjenigen Stücke von dem Junker, das noch in seinem Gesichtskreise war, die schuldige Ehrerbietung entrichten zu lassen. Hurtig fuhr die Linke in die Höhe, zog den Hut ab und setzte ihn wieder an seinen Platz.

»So nimm doch die Rechte!« rief seine Mutter. – Tobias sprang auf, ging in seine Kammer, und morgen früh um drei Uhr kann jedermann, der so früh aufstehen will, ihn aus seinem väterlichen Hause wandern sehn, und zwar mit dem nämlichen Gesichte, mit welchem Coriolan Rom verließ, den Zug der Rachsucht ausgenommen, also vielmehr mit der Miene jenes andern ehrlichen Römers, der sich für seine Republik, als er ins Exilium gehen mußte, bald ein großes Hauskreuz von den Göttern ausbat, damit er Gelegenheit bekommen könnte, durch seine erbetene Hülfe ihr großmütig zu zeigen, was er für ein Mann sei; – zwar auch das ist noch nicht die rechte Miene – omne simile claudicat – er mag also ausgesehn haben gerade wie ein Mensch, der aus einem Hause herausgeht.

Einer umständlichen Untersuchung ist es wohl wert, wie ein so liebreiches, in dem sanftesten Piano der mütterlichen Liebe ausgesprochnes: »So nimm doch die Rechte!« – einen so verzweifelten Entschluß hervorbringen konnte. Ich täte mit allem meinem bißchen Philosophie auf die Ehre dieser Untersuchung Verzicht, wenn nicht die eigne Erzählung meines Helden mich darüber belehrt hätte; – und auf so eine Krücke gestützt, kann ein philosophischer Kopf räsonieren, aus allgemeinen und besondern Gründen, über ein: warum? wie? weswegen? und dergleichen mehr!

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