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Lebensgeschichte Tobias Knauts

Johann Karl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleLebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt
authorJohann Karl Wezel
year1990
publisherRütten & Loening
addressBerlin
isbn3-352-00287-8
titleLebensgeschichte Tobias Knauts
pages561
created20031209
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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28.

Nach einer so langen Episode, Digression – wofür ich es halten soll, weiß ich selbst nicht – könnte ich sogleich wieder zu meinem Helden zurückeilen und die Neubegierde meiner Leser immer da sitzen und ungeduldig auf den völligen Ausgang der vorigen Geschichte warten lassen, ohne mich weiter nach ihr umzusehen; aber nein, das kann ich nicht tun. Ihnen zu gefallen, soll dem jungen L. noch ein Absatz aufgeopfert werden, aber nicht mehr! Was bliebe denn sonst meinem Knaut?

Der Graf S+ befand für dienlich, den Verdacht gegen die übrigen beiden Mitgefangenen so sehr zu vermehren, daß man in dubia causa sie lieber unter ihrem Verdienste als gar nicht bestrafen wollte. Christian mußte seine Hoffnung auf ein ruhiges und müßiges Leben noch weiter hinausschieben: Er kam auf den Bau, und seine Muhme wurde des Landes verwiesen.

Eines Tages, als Christian, nebst etlichen seiner Gefährten, einen wohlbeladenen Karren voll Steine durch die Straßen rollen mußte, um sie zur Aufbauung eines Waisenhauses herbeizuführen, das an der einen Seite des Zuchthauses angelegt wurde, weil das alte an der andern einzufallen drohte – bei dieser Gelegenheit, sage ich, bekam er einen Knaben zu sehen, der auf dem Hofplatze des Waisenhauses mit andern Waisenkindern spielte und bei dem ersten Anblicke seine Aufmerksamkeit ganz auf sich zog; warum? das weiß ich nicht zu sagen und er vielleicht selbst nicht. Er erkundigte sich in eigner Person und vermittelst seines Vorgesetzten nach der Herkunft, den ehmaligen Umständen des Knabens usw., und was er erfuhr, war für ihn völlig genugtuend. Die gegenwärtige Waisenmutter, hieß es, hätte ihn, als sie ihr Amt angetreten, auf Erlaubnis der Direktoren mitgebracht; ihr wäre er, als sie noch in – – gewohnt, von ihrer Nachbarin auf dem Totbette anvertraut worden, mit der Eröffnung, daß er zwar ihr Sohn, aber von einem vornehmen Vater sei; sie sei alsdann mit ihm, weil es ihre Umstände so verlangt hätten, in verschiedenen Städten der dasigen Gegend herumgezogen, bis sie endlich in die gegenwärtige und in das gegenwärtige Amt gekommen sei. Sie setzte außerdem hinzu, daß sie ihn wegen seines gesitteten und für sein Alter verständigen Betragens liebte, und gab dieses als eine Ursache an, warum sie, bei ihren vormaligen nicht allzu guten Umständen, sich seiner angenommen hätte. – Hieraus machte Christian den Schluß: Das ist der junge L., den ich entführt habe. Er bat, daß man diese Erkundigungen, nebst seiner eignen Aussage darüber, dem H. v. L. melden möchte, weil er vielleicht nach völliger Aufklärung der Sache sich von seiner unverschuldeten Strafe befreien und dem H. v. L. einen Sohn verschaffen könnte. Auf den ersten Umstand achtete die Menschlichkeit der Obrigkeit wenig, und er wäre ganz unkräftig geblieben, wenn der andre nicht auf ihren Eigennutz desto stärker gewirkt hätte. Der H. v. L. war ein angesehner Mann, in einem angesehnen Amte, und solche Leute verdienen, daß man ihnen einen Dienst tut – vielleicht hat man sich selbst einen zugleich getan. Der H. v. L. wurde benachrichtigt.

Beinahe wären diese Bemühungen fruchtlos gewesen, weil diese Nachrichten noch nicht den Grad der Deutlichkeit und Zuverlässigkeit dem H. v. L. zu haben schienen, um eine gerichtliche Untersuchung darauf anzufangen; wenigstens hing Christians Schluß mit den Prämissen nicht sonderlich genau zusammen. Indessen ein anderes Interesse obwaltete dabei. Der Graf S++ gab den vorigen Prozeß öffentlich für eine Wirkung einer Rachsucht, einer Mißgunst in dem H. v. L. aus und brüstete sich triumphierend mit seiner bewiesnen Unschuld. Unmöglich konnte dieser seinen Charakter so sehr in Gefahr gesetzt sehn, ohne jeden auch geringfügigen Umstand zu nützen, der nur einigermaßen seinen guten Namen zu retten versprach.

Die Gerechtigkeit nahm sich diesmal beinahe drei Jahre Zeit zur Untersuchung und zur Entscheidung, und am Ende derselben fand sie nichts gewisser, als daß vorgefundner junger Mensch der wahrhafte Sohn des H. v. L. sei. Was sie zu dieser Entscheidung bewegte? – Ja, wer kann alles das wissen? – Wer neugierig darnach ist, lese die Akten des Prozesses, und er wird gewiß nicht zum zweiten Male neugierig werden, die Gründe der Gerechtigkeit aus Akten zu erfahren. – Einer fällt mir doch ein! Unter der Verlassenschaft der verstorbnen Kindermutter, Margrete, fand sich eine schriftliche Instruktion, mit des Grafen eigner Hand geschrieben (wie ex actis, vol. 16 bis 35 zu ersehen), worinnen der ganze Plan der Entführung enthalten war. Ohne Zweifel hatte sich die gute Kindermutter dieser Waffen zu ihrer Verteidigung nicht bedient, weil sie entweder diese Schrift nicht mehr zu besitzen glaubte oder in der Betäubung nicht daran dachte oder etc.

Dadurch war die Wirklichkeit der Entführung bewiesen. – Aber daß der benannte Waisenknabe das entführte Subjekt war – das bewiesen die abgehörten Zeugen 1. 2. 3. 4. 5. 6. usw. – Am besten man sieht, wie gesagt, die Akten nach.

Der junge H. v. L. war also öffentlich für das, wozu ihn seine Geburt bestimmt hatte, erklärt; er war jung genug, um die Bildung, die ihm seine verbesserten Umstände verschafften, mit Nutzen anzunehmen, aber auch zu jung, um seine Erhebung in dem gehörigen Gesichtspunkte anzusehen und sich nun nicht für einen bessern Menschen zu halten, weil er ein vornehmerer war. Unterdessen hatte doch keines von beiden für ihn völlig gute noch schädliche Wirkungen. Er gehörte in die Klasse menschlicher Maschinen, denen die Natur eine gewisse Linie der Mittelmäßigkeit im Laster und in der Tugend vorgezeichnet zu haben scheint, über welche sie keinen Fuß ein Haarbreit heben können; die eigentlich weder gut noch böse sind, ihren Weg in der Welt in geraden, langsamen Schritten fortgehen, wenn ihnen jemand in den Weg kömmt oder an sie stößt, bedachtsam ausweichen, ohne jemanden zu stoßen, er müßte denn zu hurtig laufen, daß sie nicht zeitig genug aus dem Wege kommen könnten; die zufrieden oder vielmehr in einem gewissen mittlern Zustande zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit sind, wenn ihre tierischen Bedürfnisse hinlänglich gestillt und die kleinen Spiele ihrer Einbildungskraft in Bewegung gesetzt werden. Wie unterschieden und wie ähnlich war dieser Charakter und der Charakter seiner verstorbnen edlen Mutter! Ihre Güte war eine vom Verstande erleuchtete, tätige, empfindsame Güte, die aus zu großer Empfindlichkeit die Natur andrer Menschen nicht unter sich erniedrigen konnte; die seinige war tot, untätig, eine Folge der schwachen Verstandeskräfte und eines groben Mechanismus; ihre war schätzbar wegen der guten Handlungen, die sie hervorbrachte, die seinige untadelnswürdig wegen der bösen, zu welchen sie ihn unfähig machte – aber beide waren doch gut.

Immer ist es so in der Natur! Die zwei äußersten Enden bringen in der physischen und moralischen Natur eine Erscheinung hervor. Die höchste Kälte und die höchste Hitze brennen gleich stark; die höchste Empfindlichkeit und Unempfindlichkeit machen den Charakter gleich gut – subtractis subtrahendis. Ein Mensch, dessen trockne, unfruchtbare Einbildungskraft gar keine Bewegungsgründe zum Handeln hergibt, und ein andrer, in dem sie gleich haufenweise mit der größten Deutlichkeit und Lebhaftigkeit aufspringen, sind beide gleich unentschlossen, bleiben gleich untätig. – Und sehr oft stehen Eltern und Kinder in diesem Verhältnisse miteinander, daß zwei Extreme an ihnen ähnliche Erscheinungen des Charakters erzeugen, wie in dem gegenwärtigen Falle des jungen H. v. L. und seiner würdigen Mutter.

Weil ihn die Schwäche seiner Leidenschaften und seine ganze Natur in einen engen Wirkungskreis einschloß und besonders weil gewisse Leute von seinem Stande ihn nie um sich sehen konnten, ohne eine kleine Übelkeit zu verspüren – vermutlich weil er bis in sein zwölftes Jahr einen bürgerlichen Namen geführt hatte, sagten damals manche Leute –, und weil diese Übelkeit nach dem Tode des Vaters immer mehr zunahm und allerhand üble Folgen für die Gesundheit dieser delikaten Leute zu besorgen waren, so beschloß der Herr Major, der Patron des Kirchspiels, in welchem mein Tobias Knaut geboren ist und den meine Leser schon oben vorläufig kennengelernt haben, der Onkel und Vormund des jungen H. v. L., ihn so lange zu sich zu nehmen, bis er mündig würde, d. h. sein Geld willkürlich vertun und eine Frau nehmen könnte.

Bei diesem Aufenthalte hatte er einen so merkwürdigen Einfluß auf die Schicksale meines Helden, daß er der Urheber von einer der wichtigsten Katastrophen seines Lebens ist.

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